Bernard Balayn

Die Weisen aus dem Morgenland

Aus dir, Bethlehem, wird ein Hirt hervorgehen, ein Herrscher über mein Volk Israel

=> MARIA HEUTE 465 INHALT

> Literatur von Bernard Balayn

 

An Epiphanie wird das königliche Erscheinen Christi in der Welt gefeiert, obwohl Jesus noch ein Kind ist. Der Evangelist Matthäus befasst sich hier also mit einem Mysterium, das jeder Christ ergründen sollte, um das Königtum des Erlösers besser zu verstehen und dadurch Zugang zum ewigen Leben zu erhalten. Dieser Abschnitt ist reich an Unterweisungen.


Jesus, in Bethlehem geboren, zur Zeit des Herodes...

In ihrer weisen Kürze sagt uns die Heilige Schrift das Wesentliche und gibt uns nach und nach das Mysterium Christi preis.
Nur Matthäus berichtet von der Epiphanie, denn er ist der Evangelist, der den Juden, die so ungläubig waren, dass sie Jesus töteten, sein Wirken als Messias und seine Gottheit vor Augen führen wollte. Jesus wird später einmal sagen: «Kein Prophet gilt etwas im eigenen Land». Die Haltung des Herodes macht schon im voraus seine Absichten deutlich und die Ankunft der fremden Sterndeuter wird das beweisen.
Matthäus, der früher Levi geheißen hatte und Zöllner gewesen war, ist ein gewissenhafter, nüchterner und genauer Mensch. Er beschreibt die Szene auf einen Blick. Alles ist zunächst auf Jerusalem, die Hauptstadt Palästinas, konzentriert, denn sie ist der Ort der Offenbarung und des Heils. Im Jahr 63 v. Ch. war das Land von Rom besetzt worden und dem Protektorat des finsteren Herodes (40 v. Ch. – 4 v. Ch.), der «der Große» genannt wurde, unterstellt. Jesus wurde im Dezember, fünf Jahre vor unserer Zeitrechnung zu Bethlehem geboren. So erfüllte sich die Prophezeiung Michas: «Du, Bethlehem, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll». Im Jahre 4 vor unserer Zeitrechnung sprechen die Sterndeuter vom «Neugeborenen», den sie suchen, denn sie waren durch die göttliche Vorsehung von seiner Geburt unterrichtet worden. Der Bericht verlässt für einen Augenblick Jerusalem (der Stern verschwindet), wo sie durch das falsche Königtum eines Mörders fast an die Schwelle des Todes kamen, und richtet sich nun «auf Bethlehem, so klein unter den Gauen Judas», wohin sich die echte Königsherrschaft Christi nicht ohne Grund geflüchtet hatte. Und Bethlehem nimmt nun den ersten Rang ein, denn sie ist die Stadt der königlichen Dynastie Davids, die Stadt des Friedens, der Demut, des wahren Lamm Gottes, des «lebendigen Brotes, das vom Himmel herabgekommen ist».


Wir haben im Osten den Stern des Königs der Juden gesehen...

Der Apostel lädt uns also ein, mitten in das Mysterium (und nicht in die Legende) einzutreten, das Gott uns, ausgehend von den historischen Gegebenheiten, offenbaren will. Die Geschichte ist eine Art Stütze für den Glauben, den wir mit Hilfe der Gnade (die Gaben des Heiligen Geistes) nutzen sollen.
Die «Sterndeuter» sind Menschen, die tatsächlich aus dem Osten gekommen sind und ihre Wurzeln in der Historizität ihrer jeweiligen Länder haben. Sie sind Priester oder Sterndeuter, die aus den Gegenden von Mesopotamien, Persien, Arabien gekommen sind (darauf verweisen die Geschenke, die sie mitgebracht haben). Es sind Männer, die aufgrund ihrer Abstammung, ihres Wissens, ihrer Funktionen und vor allem wegen ihrer Weisheit hohes Ansehen genießen. Israel ist ein Ort, an dem die Kontinente aufeinander stoßen und so sind diese Weisen Asiaten, die durch ihre Ursprungsländer und ihre ethnische Verschiedenheit die Universalität der Welt darstellen sollen. Sie kommen auch aus einem mythischen Orient, der Symbol für das Licht und damit für die Auferstehung ist: «Wir haben seinen Stern aufgehen sehen».
Der Orient war schon seit jeher für seine helle und leuchtende Atmosphäre bekannt und zwar sowohl in der Nacht als auch am Tag, wenn man so sagen kann. Er ist die Heimat der Sterndeuter, der Wahrsager und anderer Magier. Unter ihnen gab es jedoch auch «erleuchtete» Geister mit großer Durchdringungskraft. Es ist bezeichnend, dass mehrere, wahrscheinlich drei (eine ausreichende Zahl für Zeugnis und Symbolik), dasselbe Licht gesehen, denselben Ruf vernommen und sich auf dieselbe Suche gemacht haben, um Ihn zu erkennen, der sich selbst «das Licht der Welt» nennt. Matthäus verwendet eine vergleichende Sprache und setzt die Methode der Heiligen Schrift ein (er bezieht sich auf die Prophezeiungen), die beide geeignet sind, die schwierigen und empfindlichen Juden zu berühren. Es entspricht dem Wesen der Orientalen, die Sterne zu ergründen und daher holt Gott sie dort ab. Ausgehend von ihrer Wissenschaft will er sie – und uns mit ihnen – zu Christus führen, der «das Sein, das Leben und die Macht ist».
Die Bedeutung des Sternes liegt nicht so sehr auf der physischen, sondern mehr auf der geistlichen Ebene: Es handelt sich um ein Sternenlicht der göttlichen Vorsehung, das ihnen als göttlicher Talisman, als Weg, als Sammelpunkt dient.


Deine Söhne kommen von weit her (Jes 60,4)

Für sie ist das Erscheinen und die Majestät des Sterns und die damit verbundene Bedeutung, das Zusammentreffen der politisch-religiösen Macht (Herodes) eine grandiose Epiphanie, die jene der Hirten noch krönt. Sie bezieht sich auf das Volk Gottes und auf die der Priester (Darstellung im Tempel) und sie ist auch ein stilles Zeichen der Manifestation vor seiner künftigen Kirche.
Der Stern ist das Symbol des Lebens, der Liebe Gottes, des Sieges über den Irrtum und das Böse (im Gegensatz zum Mond). Die drei Weisen sind von diesem Stern so sehr beeindruckt, dass sie beschließen, alles zu verlassen und aufzubrechen, um diesen einzigartigen König anzubeten. Dieses Wort hat im Orient, wo es so viele Könige, Königreiche und andere sagenhafte Mächte gibt, eine starke Bedeutung. Die Sterndeuter machen sich nicht auf den Weg, um einfach nur ein Kind anzubeten, sondern die Tatsache, dass dieses Kind für eine Königswürde vorgesehen ist, hat sie neugierig gemacht. Geleitet von ihrem religiösen Empfinden möchten sie zu ihm gehen, um ihm die entsprechende Ehre zu erweisen. Es ist etwas Besonderes, sich vorzustellen, dass sie durch ihre vom Glauben erleuchtete Wissenschaft zu derselben Vorahnung kamen und unabhängig von einander beschlossen, sich auf den Weg zu machen, um den «König der Juden» anzubeten. Mit anderen Worten: Sie waren auf geheimnisvolle Weise von seinem messianischen Anspruch angespornt worden. Sie hatten darüber Kenntnis erhalten durch die prophetischen Ankündigungen, die sich auf einen «König der Könige» bezogen und im gesamten damaligen Orient verbreitet waren, lange bevor er gekommen ist (bezeugt wird das durch die mesopotamischen Fürstenhöfe, die Essener und sogar durch die Römer [Tacitus...]).
Ihre Reise verdient eine genauere Untersuchung. So lange und so beschwerlich sie auch gewesen sein mag, so war sie doch unermesslich kürzer als die Reise Christi, der den Schoß seines Vaters verließ, um auf die Erde zu kommen und uns zu retten; die Heilige Schrift erwähnt diese Distanz, die zwischen Gott und der Sünde liegt: «Seht her, der Herr [sein Name] kommt aus der Ferne» (Jes 30,27); «Deine Söhne kommen von fern» (Jes 60,4)... Berücksichtigt man diese Aussagen, ist ihre Pilgerreise mehr als nur bewegend: Sie ziehen langsam, im Rhythmus ihrer Reittiere des Weges, folgen dem Stern in der Stille der weiten Ebenen, die sie durchziehen und die sich sehr gut zur Meditation eignen. Sie trotzen unzähligen Gefahren, um Gott zu schauen. Sie treffen sich in der Gegend des Toten Meeres und in der Sprache des ihnen gemeinsamen Glaubens sprechen sie über Jerusalem. Die einzigen, anfänglichen Worte, die von ihnen berichtet werden, sind die Worte dieses Weges, den sie nicht verlassen wollen. Das Wiederfinden des Sterns löst bei ihnen Freude und Jubel aus: «Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt»: So wie Josef und Maria mit Freude erfüllt wurden, als sie später Jesus in derselben Stadt verloren und dann wieder fanden. Die Sonne und Jesus sind eins. In der Geheimen Offenbarung wird Maria beschrieben als «von der Sonne umkleidet».


Wir sind gekommen, um ihn anzubeten

Die Haltung der Sterndeuter ist der Gegenpol zu der des Herodes und seines Umfeldes. Herodes, der mit Sicherheit kein Jude ist, ist für eine begrenzte Zeit König der Juden und kennt die Prophezeiungen, die sich auf Christus beziehen, nicht (auch nicht indirekt). Die Sterndeuter, die von weither gekommen sind, wissen mehr darüber als er. Seine Reaktion ist rein politischer Art: Er beschließt, das Kind zu töten und lügt dabei scheinheilig (die nächste Etappe: Das «Massaker an den unschuldigen Kindern»), während die Weisen aus dem Morgenland dieses Kind unbedingt anbeten wollen.
Als sie in der Königsstadt angekommen sind, erkundigen sie sich nach der Unterkunft des Kindes, lassen seine heiligen Eltern warnen, kommen mit viel Feingefühl zu ihnen und bleiben während ihres ganzes Besuches verneigt: «Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm». Dann übergaben sie ihre Geschenke, die eine dreifache Bedeutung haben: «Sie holten ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar», also das Kostbarste, was es gab – vom Gefäß bis zum Inhalt. Die Gaben beziehen sich auf die Sendung, die Würde und die Bestimmung Jesu: Gold für den Messias-König, Weihrauch für den Gott-Mensch, Myrrhe für den Erlöser.
Wussten sie um diese Bedeutung ihrer Gaben? Denkt man an den Traum, den ihnen Gott sandte, damit sie nicht wieder zu Herodes zurückkehrten, ist man geneigt, diese Frage zu bejahen. Sie wussten, was sie eigentlich schenkten, auch auf die Gefahr hin, das sie der künftigen Mutter der Schmerzen Kummer bereiten würden, der ihr auch von Simeon nicht erspart blieb. Wir befinden uns hier in den hohen Sphären des Glaubens.


Er wird mein Volk Israel führen

Die Dreierbegegung Sterndeuter-Herodes-Jesuskind ist für uns eine Anregung, über die Bedeutung des Königtums und der Macht zu meditieren.
Die Sterndeuter haben durch ihren Glauben, der allen Prüfungen standhielt, durch ihre Weisheit und ihren Mut ihren Weg bis zu Ende verfolgt. Sie haben das wahre Wesen des Königtums entdeckt: die herausragende Bedeutung des Nächsten, die heilige Bedeutung des Dienens – und das alles in vollendeter Demut und vollkommenem Verzicht. Sie haben in dem Kind den selbstlosen und unschuldigen Diener von Gerechtigkeit und Frieden betrachtet.
Herodes ist der verhasste Typus eines Potentaten, der nicht dient, sondern der sich anderer bedient, um ehrgeizig und egoistisch zu herrschen; ein brutaler Verbrecher im Umgang mit seinen Untertanen, seinen Freunden, seiner eigenen Familie. Für die Macht­besessenheit unserer Zeit ist das eine echte Lektion.
Matthäus zitiert die Prophezeiung aus dem Buch Micha über den Hirten, der sein Volk Israel leiten soll: Epiphanie ist – durch die Ankunft der Mächtigen – das große Erscheinen Gottes vor der Welt. Indem sich die Sterndeuter verneigen, huldigen sie dem Messias und gehören ipso facto zu seinem Volk, dem Volk Abrahams, dem Volk der wirklich Gläubigen, die «im Geist und in der Wahrheit anbeten». Da Matthäus auch sagt, dass «sie das Kind und Maria, seine Mutter, sahen», will er auf den Erlöser und die Miterlöserin hinweisen, das heißt, auf die Heilsbringer. Dennoch vergisst er den hl. Josef nicht, der an seinem Platz steht, im Hintergrund, in der Stille, mit einer adeligen, königlichen Haltung: Auch er ist aus dem Stamme Davids.
Dann zogen die Sterndeuter «auf einem anderen Weg heim in ihr Land»: Auf ihrem Heimweg kümmern sie sich nicht um einen betrügerischen Heuchler. Sie machen sich auf den Weg, um die Wundertaten Gottes zu bezeugen, denn «an diesem Abend ist der Herr der Welt das Zentrum, die Krone».
Bernard Balayn

 

 

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