Der selige Papst Johannes XXIII. (1958-1963)Ein Aufruf zur WeiteVon Bernard Balayn=> MARIA HEUTE 456 INHALT |
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Nach dem Tod von Pius XII. vor fünfzig Jahren schien die Wahl seines bereits betagten Nachfolgers kaum Überraschungen bereithalten zu können. Das zu denken hieß jedoch, die Rechnung ohne den Heiligen Geist machen, der «das Angesicht der Erde erneuert», und zwar als Erstes in der Kirche. Das gilt umso mehr, als das Pontifikat kurz und intensiv war. Machen wir uns daran, die Hoffnung zu entdecken.
Der zukünftige Papst Roncalli wurde Ende 1881 in der Nähe von Bergamo in Norditalien in einer geeinten und arbeitsamen Familie mit 14 Kindern geboren. Er war der Älteste. Er wurde noch am selben Abend auf die Vornamen Angelo und Giuseppe getauft. Sein Onkel und Pate Zaverio kümmerte sich besonders um seine christliche Erziehung.
So fühlte er sich schon ganz früh vom Ordensleben angezogen und trat mit 11 Jahren in das Seminar von Bergamo ein. Er schloss sein Theologiestudium in Rom mit der Doktorarbeit im Alter von 22 Jahren ab. Er wurde am 10. August 1904 zum Priester
geweiht und feierte seine
erste Messe am nächsten Tag im Petersdom. Da er Kirchenrecht studiert hatte, wurde er von dem neuen und dynamischen Bischof von Bergamo erwählt, zehn Jahre lang bis zum Tod des Prälaten (1905-1914) sein Sekretär zu sein. Das war eine Zeit außergewöhnlichen seelsorgerlichen Engagements (verschiedener Unterricht im Seminar, Diözesanforschung, Veröffentlichungen usw.). Der Eintritt Italiens in den Krieg (1915) führte dazu, dass er bis 1918 als Militärseelsorger wirkte.
Nach der Demobilisierung wurde er Superior am Seminar von Bergamo. Papst Benedikt XV. (1914-1922) – dem er aufgefallen war – beauftragte ihn (1920), sich um das Werk der Verbreitung des Glaubens in Italien zu kümmern. Das war eine heikle und bedeutende Aufgabe, die ihn dazu brachte, sich im Dienst an der Evangelisation für die Kirche und die Welt zu öffnen.
1925 ernannte ihn der neue Papst Pius XI. (1922-1939) zum Bischof und lud ihn zu einem langen diplomatischen Dienst ein (1925-1953), wobei er ihn zunächst als Visitator nach Bulgarien entsandte (1925-1934). Das war eine fruchtbare Zeit, in der er die katholische Minderheit unterstützte, die ökumenische Perspektive mit der orthodoxen Kirche und gute Beziehungen zum Staat grundlegte. Dann wurde er als apostolischer
Legat in die Türkei (Istanbul) und nach Griechenland geschickt. Beides waren ebenfalls Staaten, die keine diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan unterhielten und auf religiöser Ebene noch heiklere Gebiete darstellten. Dort schaffte seine kluge
Diplomatie es, insbesondere mit dem Patriarchat von
Konstantinopel Wege des
Verständnisses zu eröffnen, was für die Zukunft bedeutsam war. Seine neutrale und vorsichtige Haltung während des Krieges erlaubte ihm, zahlreiche Juden zu retten.
Dieser diplomatische Erfolg führte dazu, dass Papst Pius XII. ihn 1945 für die
bedeutenden Nuntiatur von Paris ernannte, wo er Monsignore Valeri ersetzte, einen Richter, der in der vorläufigen Regierung von General de Gaulle unerwünscht war. In dieser Situation bewältigte er erfolgreich die heikle Aufgabe, den Konflikt der Bischöfe zu lösen, die sich der Regierung von Vichy zu sehr
untergeordnet hatten, und es gelang ihm, die Zahl ihrer Rücktritte (drei) zu begrenzen. Dieser Franzosenfreund erwies sich als aufmerksamer und vorsichtiger Verwalter unter der 4. Republik und gewann mit seinem Fingerspitzengefühl und seiner Güte die Sympathie der französischen Parlamentarier. Dank der Herzlichkeit seiner Seelsorge behauptete er sich in der Kirche Frankreichs, die von der Frage der Arbeiterpriester umgetrieben wurde, und besuchte zahlreiche
Diözesen.
So ernannte der Papst ihn bei seinem letzten Konsistorium (5. März 1953) zum Kardinal. Er empfing das rote Kardinalsbarett in Paris aus den Händen des Präsidenten Vincent Auriol. Von da an kehrte er zu seiner ursprünglichen Berufung zurück: Er übernahm das Patriarchat von Venedig, das er mit Eifer und Kompetenz bis zum Tod von Pius XII. verwaltete. Papst Pius XII hatte ihn kurz vor seinem Tod am 25. März 1958 als Legat nach Lourdes gesandt, um dort die unterirdische Basilika Pius X. zu weihen. Mit dem Tod des Papstes am 9. Oktober1 sollte sein Schicksal eine neue Wendung nehmen.
Trotz der geringen Anzahl von Kardinälen (51) brauchte das Konklave drei Tage, um den Nachfolger für Pius XII. zu finden, der keinen unmittelbaren «Kronprinzen» hatte. (Man dachte an Monsignore Montini, aber der hatte im Jahr 1953 die Kardinalswürde aus Demut abgelehnt.) Am 28. Oktober 1958 wurde
Kardinal Roncalli im 11. Wahlgang zum Papst gewählt. In Anbetracht seines hohen
Alters (fast 77 Jahre) dachten viele, dass er, wie man sagt, ein «Übergangspapst» würde. Er brach mit einer langen
Tradition, als er den Namen Johannes XXIII.2 annahm, und wurde am 4. November in sein Amt eingeführt. Er behielt jedoch die Tiara und die Sedia gestatoria bei… Er sollte ein Papst des Fortschritts sein.
Nach der langen Regierungszeit von Pius XII. und seiner wachsenden Zentralisierung wollte er frische Luft in die Kirche bringen, insbesondere in die Kurie. Genauso wollte er die Zahl und die Aufgaben der Kongregationen und der Kardinäle ausdehnen. Außerhalb der Kirche fühlte er in einer Zeit voller Ängste und Hoffnungen, dass die Kirche darauf angewiesen war, sich mehr auf die Welt einzustellen. In den Dienst seines Programms konnte er folgende Trümpfe stellen: seine vielfache kirchliche Erfahrung, seine Einfachheit, seine große Frömmigkeit, seinen Optimismus und seine Lebendigkeit, die die Leute in Bann zogen. Er würde vor allem ein Seelsorger sein.
Sein Wunsch nach Veränderung wurde schnell in
seiner Inspiration deutlich, ein ökumenisches Konzil einzuberufen. Diese Ankündigung wirkte wie eine Bombe. (Das letzte Konzil war das I. Vatikanische Konzil im Jahr 1870 gewesen.) Er beschloss, es unter einem anderen Blickwinkel wieder aufzunehmen und diesmal zu einem guten Ende zu führen. Daher sein Name II. Vatikanisches Konzil. Nach Besprechungen im Innern wurde es bereits am 15. Januar 1959 angekündigt und in der Enzyklika Ad
Petri cathedram (29. Juni)
begründet. Nach dreieinhalb Jahren intensiver Vorbereitung begann es am 11. Oktober 1962.
Johannes XXIII. wollte nicht umstürzen, sondern
anpassen und renovieren. Er wollte die Lehre erhalten, aber sie den Menschen auf verständlichere Weise verkünden. Man sprach damals vom aggiornamento: eine gewisse Anpassung der Kirche an die moderne Welt, damit sie in das Sein der Menschen eintauchen und damit besser missionieren kann. Unter
diesem Blickwinkel wurden Fachmänner, Beobachter und Laien eingeladen, die Debatten zu verfolgen oder anzuhören. Es wurde der Gedanke einer ökumenischen Beratung mit den «getrennten Brüdern»3 aufgebracht, und man begann sogar schon die interreligiöse Annäherung, angefangen bei den Juden. (Mit Humor sagte der Heilige Vater zu einer Delegation, die im Vatikan empfangen wurde: «Auch ich bin Joseph, euer Bruder…») Auf der Ebene der Vorgehensweise zog er die Barmherzigkeit und den
Dialog mit den Gesellschaften der Verurteilung und dem Zwang vor.
Die erste Sitzung dauerte von Oktober bis zum 8. Dezember 1962. Sie hatte ein volles Programm, das die
Bearbeitung der Liturgieschemata4, die Offenbarung, die gesellschaftlichen Kommunikationsmittel5, die Ökumene und die Kirche umfasste. Der unerwartete Tod des Papstes unterbrach das Konzil, wie der Krieg von 1870 das I. Vatikanische Konzil definitiv unterbrochen hatte.
Am Rand des Konzils reformierte Johannes XXIII., der Prophet einer neuen Zeit, die Kirche in der Tiefe und stellte freundschaftliche Verbindungen mit der internationalen Gesellschaft her.
Als echter Seelsorger nahm er zum ersten Mal seit langer Zeit seine Diözese in die Hand und zeigte, dass er in erster Linie «Bischof von Rom» war. Er nahm seine Kathedrale Sankt Johannes im Lateran feierlich in Besitz, eröffnete das Konzil in Sankt Paul vor den Mauern und begann, die römischen Gemeinden zu
besuchen. Er berief eine
Diözesansynode ein.
Er gab die von Pius IX. eingeführte Gewohnheit auf und verließ Rom, um eine Wallfahrt nach Loreto zu
unternehmen.
Vor allem wollte er das
Gesicht der Kirchenführung verändern und begann bei sich selbst. Er wünschte eine einfachere und herzlichere Kommunikation, auch wenn er nicht alles verändern
konnte.
Wenn der Prophet gesprochen und gesät hat, holt Gott ihn zu sich. Die ersten Anzeichen der Krankheit, die den Papst hinwegraffen sollte, stellten sich Ende 1962 ein. Seine Gesundheit wurde schnell schlechter und die Anfälle traten immer häufiger auf. Er litt an einem Magenkrebs und starb nach einem langen und schmerzhaften Todeskampf am Abend des Pfingstmontag, dem 3. Juni 1963.
Sein Tod rief weltweit tiefe Ergriffenheit hervor. Der «gute Papst Johannes» war nicht mehr, aber er hinterließ ein doppeltes Erbe: Die Hoffnung auf eine Kirche, die dabei war, sich zu verjüngen und sich zu öffnen, und auf mehr Frieden in der Welt. Zur größten Freude des Volkes Gottes hat Papst Johannes Paul II. seine hohen Tugenden anerkannt und ihn am 3. September 2000 selig gesprochen. Er hat ihn als einen großen Zeugen der
Liebe Gottes bezeichnet.
Bernard Balayn
Anmerkungen:
1. Was Pius XII. anlangt, so verweise ich die Leser auf die kurze
Biografie, die ich in Heft Nr. 453 veröffentlicht habe.
2. Der Vorgänger, Johannes XXII., Papst in Avignon (ein Franzose) hatte am Anfang des 14. Jahrhunderts regiert. (Trotz seiner 72 Jahre blieb er 18 Jahre lang im Amt!)
3. Mit der Schaffung eines Sekretariates für die Einheit der Christen.
4. Folglich wurden die ersten Konzilstexte über diese beiden Themen im Dezember 1963 veröffentlicht.
5. Dieselbe Bemerkung wie unter Fußnote 4.
6. Pius XII. hatte im Jahr 1957
Präsident René Coty empfangen.
> Literatur von Bernard Balayn
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