Léandre Lachance


Berufen, Missionare ohne Grenzen
zu werden (2. Teil)

Christian Parmantier

=> MARIA HEUTE 455 INHALT

> Literatur von Léandre Lachance

Wir setzen unser Gespräch, das wir im Mai 2007 mit Léandre Lachance in Domrémy führten, fort.

 

Léandre, haben Sie den Eindruck, dass zwischen Ihren verschiedenen Büchern Etappen sind?
Ja, auch wenn uns alle drei Bücher in eine innigere Vertrautheit mit dem Herrn führen.
Das erste Buch zeigt uns die Wichtigkeit des «Ja» auf und wie wir Seine Gegenwart in uns entdecken können.
Im zweiten Buch geht es vor allem um den gemeinschaftlichen Aspekt. Es geht darum, wie wir Gottes Liebe wohltuend in unsere Beziehungen zu den anderen einbringen können, wie Seine Liebe durch mich hindurchgehen kann, um den anderen zu erreichen und wie Seine Liebe durch den anderen hindurchgeht, um mich zu erreichen.
Im dritten Buch liegt der Akzent auf der Erfüllung der Verheißung. Mit anderen Worten: Es geht um das, was geschieht, wenn wir Ihm unser umfassendes, bedingungsloses und unwiderrufliches «Ja» geben.
Das Zentrum der Botschaft lautet: «Nimm Seine Liebe an, werde Liebe, gib die Liebe weiter», und daher könnte man sagen, dass das erste Buch dem ersten Gebot Gottes entspricht und das zweite dem zweiten Gebot.
Es gibt einen sehr wichtigen Punkt, den ich noch nicht erwähnt habe: Wenn man dem Herrn sein «Ja» gegeben hat, ist man berufen, ein Missionar ohne Grenzen zu werden. Das ist unsere Hauptaufgabe. Der Herr hat mir versichert: «Das ist wichtiger als du glaubst».

Was bedeutet das?
All das geschieht im Unsichtbaren. Wenn mir eingegeben wird, für einen Jugendlichen zu beten, der Drogenprobleme hat, bete ich für alle jungen Menschen, die Drogenprobleme haben. Wenn mir eingegeben wird, für jemanden zu beten, der an Krebs erkrankt ist, bete ich für alle Tumorkranken.
In Erfüllung meines Auftrags habe ich mehrere schöne Erfahrungen zum Thema «vertrauende Hingabe» gemacht. Ich denke da an einen Polen, der an einem Tumor erkrankt war, der aus medizinischer Sicht nicht heilbar war. Er wurde von seinem Freund, einem Arzt, begleitet. Er kam zu mir nach Deutschland und hatte eine ganz bestimmte Vorstellung. Er wollte, dass ich ihm ein Gebet beibringe, um sicher zu sein, dass er ganz bestimmt geheilt wird! Nachdem ich die Übersetzung angehört hatte, sagte ich ihm: «Es tut mir leid, ich kann nichts für Sie tun; Sie haben sich in der Tür geirrt! Sie suchen ein Mittel, damit Gott Ihren Willen tut, aber meine Aufgabe besteht darin, die Menschen dahin zu bringen, dass sie Gottes Willen tun! Wir beide haben nicht dieselbe Richtung! Aber sollten Sie durch Ihre Tumorerkrankung Gottes Willen erfüllen wollen, dann könnte ich Ihnen helfen.» Er erwiderte: «Was würden Sie mir sagen?» Ich antwortete: «Gehen Sie vor den Tabernakel und geben Sie Jesus ein dreifaches Ja: “Ja, falls du mich heilen willst (damit beginnen wir, es ist das Leichteste!). Ja, Herr, falls du willst, dass ich krank bleibe. Und ja, Herr, falls du mich durch diese Erkrankung zu dir holen willst.” Wenn Sie diese drei “Ja” aufrichtig gesagt haben, können Sie dem Herrn sagen, was Ihnen am liebsten wäre: “Wenn du meine Meinung hören willst, Herr, dann wäre es mir sehr lieb, wenn du mich heilen würdest”.» Er blieb beim Vortrag und bevor er aufbrach, kam er zu mir, um sich zu bedanken. Ich stellte fest, dass er nicht mehr derselbe Mann wie vorher war; er ging strahlend und entspannt weg.

Sie haben auch ein kleines Buch mit Geschichten für Kinder gemacht.
Das macht Spaß – so wie die Freude, Enkelkinder zu haben. Das war die schönste Aufgabe, die ich in meinem Leben hatte. Wir haben entdeckt, dass eine Geschichte das Verhalten eines Kindes von Grund auf verändern kann. Als einer unserer Enkel das erste Jahr zur Volksschule ging, sagte uns seine Mutter: «Ich weiß nicht mehr, was ich mit Eduard machen soll, er will weder lernen, noch daheim seine Hausaufgaben machen». Als er mit mir im Wochenendhaus war, rief ich ihn zu mir und wollte ihm eine kleine Geschichte erzählen. Er setzte sich vor mich hin und ich begann, ihm eine Geschichte von zwei Kindern zu erzählen, die sich morgens in der Schule treffen. Das eine Kind will lernen und seine Aufgaben machen und das andere nicht. Ich zeigte ihm auf, wie viel Schönes und Gutes es demjenigen bringt, der lernen will und wie schwierig es für den wird, der nichts tun will. Er hörte mir mit großen Augen zu.
Danach hat er nie mehr gesagt, dass er seine Aufgaben nicht machen oder seine Lektionen nicht lernen will. Er hat das Schuljahr gut abgeschlossen. Einige Monate später brachen wir auf, um eine Zeit der Erholung und des Gebetes zu verbringen. Ich sprach mit der Mutter von Eduard, die gerade ihre drei kleinen Buben zu Bett gebracht hatte. Sie sagte mir: «Könntest du dir nicht eine Geschichte für sie ausdenken, damit sie nicht mehr nach dem Prinzip “Auge um Auge, Zahn um Zahn” handeln? Ich kann sie nicht bändigen... Wenn du ihnen aber eine Geschichte erzählst, bringt das Früchte.»
«Vielleicht...»
Ich nahm mein Notizbuch mit und schrieb die Geschichte vom kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen, die in die erste Klasse gehen. Ich schrieb eine weitere Geschichte zum Thema «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Ich hatte noch eine andere Geschichte, die ich ihnen gerne erzählen wollte. Darin geht es um die Bedeutung des Gehorchens. Sie handelt von einem kleinen Hahn und einer Henne mit ihren Küken, die auf einem Bauernhof leben.
Wie gewöhnlich teile ich diese Arbeit mit meiner Frau (damit sie meine Fehler korrigiert). In den fünfzig Jahren unserer Ehe habe ich sie noch nie so jauchzen gesehen. Vielleicht war das so, weil sie ihr Leben als Erzieherin, als Lehrerin, als Mutter und Großmutter an sich vorbeiziehen sah. Sie sagte mir eindringlich: «Du solltest noch weitere Geschichten schreiben...». Ich hatte den Eindruck, dass durch sie der Herr zu mir sprach. So habe ich mich ans Werk gemacht und schließlich kamen fünfzehn Geschichten dabei heraus. Sie zeigen auf, wie wichtig es ist, nicht zu lügen, nicht zu stehlen. Sie weisen auf die Wichtigkeit der Nächstenliebe und zeigen, wie man sich gegenüber dem Nächsten verhalten soll. Jede Geschichte bezieht sich auf die schönste und wichtigste Geschichte der Welt, ohne sie beim Namen zu nennen. Am Ende gibt es eine kleine Zusammenfassung über das Leben Jesu, damit die Kinder entdecken, was die schönste Geschichte der Welt ist. Es gibt auch eine Geschichte über die Engel und eine Geschichte über die Gemeinschaft der Heiligen. Diese beiden Geschichten brauchte ich nicht zu erfinden, sondern ich brauchte nur zu erzählen, was ich mit meinen Enkelkindern erlebt habe.
Ein sehr talentierter junger Mann hat die Zeichnungen dazu gemacht. Für welches Alter die Geschichten geeignet sind? Von drei bis neunundneunzig Jahren! Eine Ordensfrau sagte mir: «Für mich sind es die Gebote Gottes, die den Kindern in Geschichten erzählt werden».

Haben Sie außer der Inspiration und Ihrer Begabung als Erzähler noch andere Charismen?
Ich habe mich nie damit aufgehalten, zu überlegen, ob ich Charismen habe. Sollte ich welche haben, so müssen die Menschen sie entdecken.
Der Herr hatte mir gesagt: «Denke nicht, dass das Schreiben deine einzige Mission ist; ich kann dich noch auf andere Weise in Dienst nehmen». Ich habe nie eine Initiative ergriffen, um einen Vortrag zu halten, sondern habe nur auf Einladungen reagiert. Jährlich halte ich ungefähr hundert Vorträge.
In meiner Karriere wollte ich im geschäftlichen Bereich und auch in den Bewegungen, in denen ich mich engagiert hatte, immer sehr gut vorbereitet sein, bevor ich mich an Zuhörer richtete, und bereitete [für Reden] eine Einleitung, sowie verschiedene inhaltliche Punkte und eine Zusammenfassung vor. Der Herr hat von mir einen großen Sprung in den Glauben gefordert als er mich aufrief, ohne Vorbereitung zu sprechen und nur seiner Eingebung zu folgen! Als man mich bat, Zeugnis abzulegen, habe ich das zum ersten Mal gemacht. Nach dem Zeugnis, das ich am Vormittag gegeben hatte, bat man mich, am Nachmittag das Wort wieder zu ergreifen. Und ich habe ohne Vorbereitung gesprochen.
Eine Woche später nahm eine Person aus der Zuhörerschaft eine zweieinhalbstündige Fahrt auf sich, um mir zu sagen, dass ich mich nicht länger vorbereiten solle, bevor ich spreche. Er hatte mir am Morgen und am Nachmittag zugehört und sagte, dass es am Nachmittag viel besser gewesen sei! Ich nahm diese Empfehlung wie eine Botschaft des Herrn an, denn ich weiß, dass der Herr durch Eingebungen, durch andere Menschen und durch Ereignisse zu uns spricht. Ich war bereit, einen einstündigen Vortrag zu halten, ohne mich darauf vorzubereiten, und es hat funktioniert.
Anschließend wurde ich gebeten, an einem Wochenende Einkehrtage mit insgesamt fünf Stunden Vorträgen zu halten. Das war für mich ein noch viel tieferer Sprung in den Glauben. Ich habe es getan und während der Unterweisungen wurde es zweimal in meinem Geist weiß, weiß, weiß: Ich wusste nichts mehr zu sagen. Ich schaute auf die Uhr und es war genau die Zeit, um zu enden! Da begriff ich, dass Er es war, der mich inspirierte.
Ein Priester, der eine Zeit der Erholung verbrachte, hatte an diesen Einkehrtagen vom Anfang bis zum Ende teilgenommen. Als ich ihm sagte, dass ich nichts vorbereitet hatte, erwiderte er, dass er den Eindruck gehabt hatte, dass alles sehr gut strukturiert und zusammenhängend gewesen sei.
Der Herr hat mich nicht im Stich gelassen: Unlängst habe ich in Saint Denis du Maine Exerzitien gehalten, wo ich vor der Gruppe insgesamt zehn Stunden sprechen musste. Innerlich hatte ich nur folgendes Gerüst:
A – Uns bewusst werden, in welcher privilegierten Zeit wir leben. Wir befinden uns in der Morgendämmerung der schönsten Geschichte der Welt. Dieses Wort, das ich im Februar 1997 geschrieben hatte, wurde von Johannes Paul II. im November 1997 bestätigt. Er forderte uns auf, keine Angst vor dem neuen Jahrtausend zu haben; eine neue Welt würde beginnen – und der Papst schloss seine Ansprache mit den Worten: Eine neue Morgendämmerung scheint sich am Himmel der Geschichte abzuzeichnen.
Wenn ich auf eine Gruppe treffe, sei es für eine Stunde, für einen Tag oder für Exerzitien, möchte ich bewirken, dass die Menschen sich bewusst werden, in welcher
besonderen Zeit wir leben. Sie sollen sich bewusst werden, dass sie die Auserwählten Jesu sind und dass sie dazu beitragen können, diese neue Welt aufzubauen, die Johannes Paul II. erwähnte.
B – Akzeptieren, dass wir die Auserwählten Jesu sind, um eine neue Welt aufzubauen.
C – Wie sollen wir auf den Anruf antworten?
D – Wie sollen wir ihn im Alltag leben?
E – Wir sollen wir ihn in der Familie leben?
F – Wie sollen wir ihn in der Kirche leben?
G – Missionare ohne Grenzen werden.
Das sind die entscheidenden Hauptpunkte, die ich im Kopf habe, wenn ich vor einer Gruppe stehe. Ich entfalte sie je nach der zur Verfügung stehenden Zeit. Christus ist es, der führt, und die Leute scheinen sich nicht allzu sehr zu langweilen.
Christian Parmantier

 

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