Vor dreißig Jahren:
die Wahl von Johannes Paul II.

Von Bernard Balayn

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Nun sind es bereits dreißig Jahre her, dass Karol Wojtyla Papst Johannes Paul II. geworden ist. «Bereits» – denn sein Pontifikat war derart aktiv und großartig, dass man den Eindruck hat, der Abend seiner Wahl zum Papst sei erst gestern gewesen...
Dabei haben die jungen Generationen, zu denen auch die der letzten WJT gehört und die in den 90er Jahren aufgetaucht sind, nur das schmerzliche Ende des Pontifikates, nicht aber die Anfangsjahre gekannt, die von der Jugendlichkeit und der Begeisterung dieses großen Papstes erfüllt waren. Nach den beiden überraschenden Todesfällen von Paul VI. und von Johannes Paul I., verlangte die Welt 1978 nach einer grundlegenden Erneuerung... Und Gott hat uns überreich beschenkt.

 

Das Jahr der drei Päpste

Um die Wahl zu verstehen, muss man – kurz – auf seine unmittelbaren Vorgänger zurückkommen.
Johannes XXIII. (1958-1963) hat das II. Vatikanische Konzil eröffnet, um die Kirche von innen heraus zu erneuern, damit sie sich für die Welt öffnen konnte, die sehr vielgestaltig geworden und einer wachsenden Komplexität ausgeliefert war.
Paul VI. (1963-1978) hat das Konzil abgeschlossen und umgesetzt, was in Anbetracht der inneren Spannungen der damaligen Zeit eine harte und verdienstvolle Aufgabe war.
Durch die Annahme eines Doppelnamens wollte Johannes Paul I. sich als Erbe seiner Meister verstehen, doch er starb bereits einen Monat nach seiner Wahl. (12. August – 29. September 1978). Wer würde die Fackel weitertragen?
Zum zweiten Mal in zwei Monaten kehrten die Kardinäle nach Rom zurück und fragten sich, was der Wille des Heiligen Geistes sei. Entsprechend der Zeitumstände befanden sich unter ihnen drei Kategorien: die Kardinäle aus der liberalen Welt, die aus der marxistischen Welt und die aus der Welt der armen Länder.


Die Vorbereitung des Konklaves

Die Tradition

Seit mehreren Jahrhunderten findet die Wahl des Papstes in der Sixtinischen Kapelle nach einem quasi unwandelbaren Ritus statt: Die Kardinäle schließen sich zum Konklave im Vatikan ein, handeln vollkommen geheim (ohne etwas bekannt zu geben) und kommen erst wieder heraus, wenn der neue Papst nach mehreren Wahlgängen pro Tag gewählt ist. Das Ergebnis der Wahlgänge wird draußen durch schwarzen oder weißen Rauch angezeigt, der aus dem jahrhundertealten Kamin der Kapelle aufsteigt. Die letzte Wahlregel wurde von Paul VI. 1975 erstellt. Sie sieht eine Dreiviertelmehrheit der Stimmen vor und schließt Kardinäle, die über 80 Jahre alt sind, von der Wahl aus.


Die «Papabili» («Favoriten») und die anderen

Anscheinend haben die Prälaten westlichen Stils wie seit fünf Jahrhunderten immer noch alle Chancen, da die Kardinäle aus den kommunistischen Regimes durch die interne Unterdrückung beeinträchtigt sind und die Kardinäle aus der Dritten Welt mit allen möglichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Während des kurzen Pontifikates von Johannes Paul I. konnten die Länder des Ostens nur zwei polnische Kardinäle stellen: Stefan Wyszynski, der alte, unumgängliche und trotzige Kämpfer gegen den Marxismus, und Karol Wojtyla, ein «junger Springer», der sehr intelligent und offen, diplomatisch und durch seine Reisen international erfahren war, was im Osten selten ist und sehr gelegen kommt. In jenem September 1978 war er mit einer polnischen Delegation zu einer einmaligen Reise in der Bundesrepublik Deutschland, um die Versöhnung zu besiegeln, die beim Konzil eingeleitet worden war. Für die armen Nationen dachte man an die Kardinäle aus Lateinamerika, vor allem an den Erzbischof von Sao Paolo, Kardinal Arns... Würden die italienischen Kardinäle, die unter den Europäern in erster Linie standen, immer noch «den Ton angeben»? Denn sie waren gespalten zwischen den «Neuerern» mit Kardinal Benelli aus Florenz, und den «Konservativen» mit Kardinal Siri aus Genua.


Was auf dem Spiel stand

Es stand vieles auf dem Spiel. Auf weltlicher Ebene: Wie konnte man den «Kalten Krieg» beenden und der antichristlichen Verfolgung ein Ende setzen? Wie konnte man den Nord-Süd-Skandal zwischen den Reichen und den Armen auflösen, der so viel Elend hervorbringt? Auf religiöser Ebene: Wie konnte man die Spaltung zwischen den Christen verringern und die Ökumene vorantreiben? Wie konnte man das Evangelium in den armen Nationen oder in den Nationen glaubwürdig machen, die von der Illusion des Marxismus angesteckt worden waren? Wie konnte man Kapital aus der Hoffnung der Jugendlichen schlagen, die der Stoßtrupp des 3. Jahrtausends sind?


«Habemus papam! ... Karolum cardinalis Wojtyla!»

Die Zeichen, die diese Wahl ankündigten

In den Taten und Reaktionen, die dem zweiten Konklave vorausgingen, konnte man bereits im März 1978 verschiedene Zeichen wahrnehmen. Nach dem Tod von Johannes Paul I. nahmen sie an Intensität noch zu. Das erste Zeichen war, dass der Name Karol Wojtyla immer häufiger genannt wurde, und zwar wegen seiner Fähigkeiten und seiner Erfahrungen mit dem Konzil und innerhalb der
Kirche. Das zweite war die Tatsache, dass der Wille Pauls VI., das Heilige Kollegium internationaler zu gestalten, indem er den ausländischen Prälaten den Platz zuwies, den sie verdienten, die italienische Zwangsjacke gerade sprengte. Das dritte – ohne von den anderen zu sprechen1 –, war die jüngste polnisch-deutsche Versöhnung. Unter dem Einfluss von Kardinal Koenig aus Wien tendierten die deutschsprachigen Kardinäle dazu, sich für den fähigsten und am besten platzierten Kandidaten aus dem Osten zu entscheiden, denn er hatte bereits im ersten Konklave Stimmen erhalten: Kardinal Wojtyla.


Der Ablauf des Konklaves

Zu gegebener Zeit wurde also am Samstagabend, dem 14. Oktober, das 53. Konklave mit den 111 Kardinälen eröffnet, die unter 80 Jahre alt waren. Von da an rang jeder von ihnen mehr denn je mit seinem tiefsten Gewissen und stand in direkter Verbindung mit dem Heiligen Geist, der alles leitet.
Der Ablauf der Wahlgänge ist einfach: zwei pro halbem Tag, wobei sie vom Gebet und den Mahlzeiten unterbrochen werden. Keinerlei Kontakt mit der Außenwelt ist erlaubt. Alles ist auf die einzige Frage bezogen: Wer ist der Kandidat Gottes? Die vier Wahlgänge vom Sonntag, die von der Entscheidung zwischen Benelli und Siri gezeichnet waren, führten zu keinem Ergebnis. Eine Hoffnung keimte an diesem ersten Abend auf: Der Erwählte würde kein Italiener sein. Die beiden Wahlgänge vom Montagmorgen, 16. Oktober, dem Fest der heiligen Margareta-Maria und der heiligen Hedwig (Herzogin und Zisterzienserin, Gründerin des Klosters Trebnitz in Schlesien, jetzt Polen), brachten dem Namen Karol Wojtyla weiteren Zuspruch. Um die Mittagszeit waren die Kardinäle endlich von Hoffnung und Heiterkeit erfüllt: Der Geist hatte den Weg eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt ermutigte Kardinal Wyszynski als «älterer Bruder» Karol mit jenem berühmten prophetischen Satz, den der zukünftige Papst oft zitiert hat: «Ich flehe dich an, wenn sie dich wählen, lehne es nicht ab! Du musst die Kirche an die Schwelle des dritten Jahrtausends führen.» Das war eine Erinnerung an den Auftrag von Moses. Kardinal von Fürstenberg, ein Freund, sagte zu ihm: «Der Meister ist da und ruft dich.»
Am Nachmittag kam die Entscheidung. Der siebte Wahlgang erbrachte noch schwarzen Rauch. Das Volk, das sich auf dem Petersplatz versammelt hatte, wusste nichts. Doch im Innern hatte Karol fast die Zweidrittelmehrheit erlangt. Es brauchte noch einen Wahlgang, um den göttlichen Willen eindeutig aufzuzeigen. Um 16.30 Uhr war den Kardinälen klar, dass sie sich zum letzten Mal versammelten: Man kann keine Sperre gegen den Heiligen Geist errichten, der weht, wo er will. Gegen 17.30 Uhr wurden die 75 nötigen Stimmen erlangt: Der Name Kardinal Wojtylas kam aus dem Kelch hervor.
Zeugen konnten folgendes sagen: Den Kopf zwischen den Händen versank Karol daraufhin im Gebet, so sehr umfing ihn die Verblüffung und die Verantwortung, die ihm diese Entscheidung übertrug. Kardinal Wyszynski spürte, dass der Erwählte Zuspruch brauchte und unterstützte ihn. Karol hörte zu, Tränen rannen aus seinen Augen, wie seine Nachbarn später sagten.
Wie konnte er eine solche Last annehmen, die er in keiner Weise angestrebt hatte?
Der Kardinalkämmerer, der Franzose Jean Villot, ging dem Ritus entsprechend zu ihm und fragte ihn: «Nimmst Du deine Wahl an?» Alle Väter des Konklave warteten auf seine Antwort.
Endlich sprach der Erwählte mit klarer, ernster Stimme: «Um meines Christus willen, um der Heiligen Jungfrau, meiner Mutter willen, aus Achtung vor der apostolischen Konstitution von Paul VI. nehme ich sie an.»
Glücklich und erleichtert applaudierten die Kardinäle herzlich.
Auf die Aufforderung des Primas von Polen hin, nahm der neue Papst aus einsichtigen Gründen wieder den Doppelnamen Johannes Paul an.
Dann ging er und zog die weiße Soutane an, die in der «Kammer der Tränen» (der Sakristei der Sixtinischen Kapelle) auf ihn wartete...


Die Vorstellung vor der Kirche und vor der Welt

Nachdem er in die Kapelle zurückgekehrt war, empfing er stehend vor dem päpstlichen Thron die Obödienz der anderen Kardinäle und hatte für jeden von ihnen einfühlsame und liebevolle Worte. Zum Beispiel bei Kardinal Philippe, seinem Doktorvater: «Ich danke Ihnen für den Unterricht, den Sie mir erteilt haben.»
Karol Wojtyla war der 265. Papst, der erste Nicht-Italiener seit 450 Jahren, der erste slawische Papst, der erste Pole.
Draußen ließen die Menschenscharen (200 000 Personen) ihrer Freude freien Lauf, als sie die fumata bianca erblickten! Journalisten und Kameramänner drängten sich unter den Kolonnaden, die sich über dem Platz wölben. Die Projektoren waren auf die berühmte Loggia gerichtet. Plötzlich gegen 19 Uhr wurde es dort lebendig, Kardinal Felici kam heraus und erklärte inmitten einer beeindruckenden Stille: Annuntio vobis gaudium magnum: habemus papam! ... Ein riesiges Freudengeschrei war die Antwort... Karolum Romanae Ecclesiae cardinalem Wojtyla... alle fragten sich jedoch, wer das sei... qui sibi nomen imposuit Joannis Paul...
Auf der Esplanade war man sich noch nicht so ganz sicher, so lange man den Erwählten nicht gesehen hatte, der den Menschen meist unbekannt war.
Schließlich kam um 19.21 Uhr das Kreuz hervor und ein weißes Käppchen erschien. Eine klare Gestalt nahm den Raum auf dem Balkon ein: bewegt, lächelnd, mit offenen Armen. Und nach einer kurzen Stille, die einem Gebet glich, fand er die richtigen Worte: «Wir sind alle traurig über den Tod unseres geliebten Papstes Johannes Paul I. Und nun haben die ehrwürdigen Kardinäle einen neuen Bischof von Rom aus einem weit entfernten Land gerufen, das aber durch die Gemeinschaft im Glauben ganz nahe ist... Ich habe die Wahl im Geist des Gehorsams Christus gegenüber und des vollkommenen Vertrauens zu seiner Mutter, der Heiligsten Jungfrau angenommen. Ich stelle mich euch vor, um unseren gemeinsamen Glauben zu bekennen...»
Diese doppelte Anspielung auf Jesus und Maria bezieht sich unausgesprochen auf seinen Wahlspruch «Totus Tuus». Es ist angebracht, in diesem Jahr des 20. Jubiläums des Marianischen Jahres 1987-1988 daran zu erinnern.
Hochrufe begleiteten diese demütigen, herzlichen, beruhigenden Worte. Am Ende stieg eine begeisterte Ovation zu ihm auf, ein Vorspiel zum Jubel der riesigen Menschenscharen, die er später auf allen Straßen der Welt in seinen Bann ziehen sollte.
In Polen und in Krakau stockte seinen Landsleuten das Blut in den Adern. Überall stimmten die Glocken ein feierliches Geläut an, Messen wurden gefeiert, Gebetsabende wurden spontan organisiert, Blumen wurden haufenweise vor dem Haus des Erzbischofs niedergelegt. Es herrschte ausgelassene Freude.
Nach der Vorstellung schickte der neue Papst in Rom nach seinem treuen Sekretär Stanislas, der sich unter den Menschen auf dem Petersplatz befand. Dieser kam glücklich, stolz und überrascht zu seinem nunmehr weiß gekleideten Kardinal, der ihn umarmte und ihn unausgesprochen in seinem Amt bestätigte.
Nach dem Abendessen schloss sich der neue Papst in seinem Zimmer ein und schrieb auf Latein seine erste Rede für den nächsten Tag, die den Kardinälen vorbehalten war.
Am Sonntag, dem 22. Oktober, begann unter einem strahlenden Himmel vor 300.000 Pilgern die Feier der Einsetzung. Dabei erklang mit der Macht eines Sturmes jener Satz, jenes Leitmotiv, in dem das ganze Handeln des Papstes zusammengefasst war: «Non abbiate paura! Habt keine Angst! Öffnet, öffnet weit die Türen für Christus!»
Eines der längsten und komplexesten Pontifikate der Kirchengeschichte hatte begonnen...
Bernard Balayn

 

 

Bemerkung:
1. Diese können in so einem kurzen Rahmen nicht dargelegt werden. Sie können dies jedoch in meinem Buch «Johannes Paul II. der Große» nachlesen.

Literatur:
«Johannes Paul II. der Große», Prophet des dritten Jahrtausends» (Von der französischen Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften preisgekrönt.). Parvis-Verlag.

 

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