Maria Valtorta und Vladimir SolovievZwei eschatologische BerichteVon Patrick de Laubier, priester=> MARIA HEUTE 444 INHALT> Literatur von Patrick de Laubier |
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Während eines Kolloquiums zum Thema Eschatologie, das von der Genfer Vladimir-Soloviev-Gesellschaft organisiert wurde und am 14. und 15. Mai 2005 im Päpstlichen Institut in Jerusalem dem Our-Lady Center of Jerusalem stattfand, hielt Pater Patrick de Laubier einen Vortrag über Maria Valtorta und Vladimir Soloviev: Zwei eschatologische Berichte.
Die Eschatologie besitzt Aktualität, aber sie ist auch integraler Bestandteil der christlichen Botschaft. Vielleicht gibt es in der ostkirchlichen Tradition ein ausgeprägteres Gespür für diese Dimension des christlichen Mysteriums, die für alle wichtig ist, als in der lateinischen Tradition. In der lateinischen Kirche sind die Zeugnisse der Mystiker ein ganz eigener Beitrag, für die sich das Lehramt der Kirche verbürgt und die es verdienen, berücksichtigt zu werden.
Nacheinander sollen nun die eschatologischen Berichte von Maria Valtorta und von Vladimir Soloviev untersucht werden, wobei eine Privatoffenbarung, die sich an eine katholische Mystikerin richtet, den Schriften eines großen orthodoxen Denkers gegenüber gestellt werden soll. Solovievs Gedanken stützen sich zunächst auf eine Fiktion und werden dann in einem Brief an einen Freund zum Ausdruck gebracht.
Es muss daran erinnert werden, dass die Worte, die von einem Mystiker oder einer Mystikerin dem Herrn zugeschrieben werden, keineswegs beabsichtigen, an die Stelle der Heiligen Schrift zu treten, die mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen wurde. Das gilt auch dann, wenn diese Worte diktiert wurden. Die gesamte kirchliche Tradition bezeugt jedoch, dass Gottes Freunden Privatoffenbarungen zuteil werden können, die sich nicht nur der Persönlichkeit derjenigen anpassen, die sie empfangen, sondern auch der Epoche, in der sie gegeben werden. Katharina von Siena und Brigitta von Schweden drücken sich anders aus als Gertrud von Helfta oder Angela von Foligno und dasselbe gilt auch für Conchita de Armida, Maria Valtorta, Schwester Faustina und Gabrielle Bossis. Es wird Ihnen auffallen, dass diese Offenbarungen vor allem Frauen zuteil wurden und dass sie unabhängig von ihrem Stand als Nonne oder verheiratete Frau katholisch waren. Die ostkirchliche Tradition wie auch die der Protestanten kennt diese literarische Gattung der Frauenmystik1 nicht. Vielleicht muss man diese Tatsache im Kontext der sich entfaltenden Scholastik sehen, die in der lateinischen Kirche im 11. Jahrhundert einsetzte. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten mystischen Schriften, die von Frauen verfasst wurden (Hildegard von Bingen). Um den sehr vernunftmäßigen Zugang einer Theologie, die durch die Einbeziehung der aristotelischen Philosophie zur Wissenschaft geworden war, auszugleichen, war diese Weisheit und diese eher das Gefühl ansprechende Art von Offenbarung wichtig. Unter den 33 Kirchenlehrern sind drei Frauen2.
Sie ist eine große italienische Mystikerin; sie lebte zölibatär, war Laie und von 1934 bis zu ihrem Tod also 26 Jahre lang infolge eines Unfalls, der durch eine böswillige Geste ausgelöst worden war, bettlägerig. 1943 wurde sie von ihrem Seelenführer aufgefordert, ihre Autobiographie zu schreiben. Nachdem sie diese niedergeschrieben hatte, machte sie auch weiterhin Aufzeichnungen. In 4 Jahren brachte sie ein Werk von ungefähr 15.000 Seiten hervor, ohne spezielle Unterlagen zu verwenden.
Sie begnügte sich damit zu beschreiben, was sie sah.
Ihr zehnbändiges Poema dell’Uomo-Dio, das heute in die meisten europäischen Sprachen und ins Japanische übersetzt ist, bietet auf 5.000 Seiten ein wunderbares Gemälde zum Leben Jesu. Der Leser hat keine detaillierte Biographie vor Augen, sondern einen Spiegel, der ihm lebensnahe Szenen zeigt, in deren Mittelpunkt Jesus steht. Aber auch das Umfeld Jesu und der natürliche Lebensraum werden durch erstaunlich genaue «Gemälde» wiedergegeben. Im Gegensatz zu Anna Katharina Emmerich brauchte Maria Valtorta keinen Sekretär, wie es Brentano für die deutsche Mystikerin war, sondern sie schrieb unmittelbar nieder, wovon sie auf wundersame Weise Zeugin gewesen war. Neben diesen Werken füllte sie 1943, 1944 und 1945-1950 unter dem Titel «I Quaderni» Hefte mit insgesamt 2.349 Seiten. Dann folgten noch sechs Studien unter dem Titel: Lezioni sull’Epistola di Paolo ai Romani (1948-1950), die ein Buch von 311 Seiten ergaben3.
Zum zehnten Jahrestag ihres Todes erwirkte der Orden der Servitinnen Mariens, deren Tertiarin sie war, die Überführung ihrer sterblichen Überreste vom Friedhof in Viareggio in eine Kapelle im Kreuzgang der Verkündigungsbasilika von Florenz (1973).
Die Aufnahme, die diese Schriften fanden, verdient besondere Erwähnung. Zwei Theologen, die Maria Valtortas Beichtvater kontaktiert hatte, wurden am 26. Februar 1948 von Papst Pius XII. in einer Sonderaudienz empfangen. Zuvor hatte man dem Papst ein Manuskript übergeben und er sagte zu den beiden Theologen: Veröffentlichen Sie dieses Werk so wie es ist. Wer es liest, wird verstehen. 1952 verfasste der spätere Kardinal Bea, der ein herausragender Exeget und zugleich Beichtvater des Papstes war, einen sehr positiven Kommentar, in dem er auch zum Ausdruck brachte, wie sehr er von den erstaunlich genauen archäologischen und topographischen Beschreibungen beeindruckt sei und er riet zur Lektüre dieser Werke. 1959 wurden allerdings die ersten vier Bände der Poema durch ein Dekret der Glaubenskongregation, das am 6. Januar 1960 im Osservatore Romano veröffentlicht wurde, auf den Index gesetzt. Halten wir fest, dass Pater Pio, der damals selber von der Glaubenskongregation verurteilt worden war, in Hinblick auf Maria Valtorta sagte: Es wird jemand kommen, der alles tun wird. Der spätere Papst Paul VI., der damals Kardinal von Mailand war, las und schätzte das Poema so sehr, dass er das vollständige Werk für die Bibliothek seines Priesterseminars bestellte. 1962 wurde es wieder vom Index gestrichen vier Jahre bevor diese kirchenrechtliche Prozedur durch Paul VI. gänzlich abgeschafft wurde. Pisani, der italienische Herausgeber von Maria Valtorta, hatte aber bis hinein in die achtziger Jahre Schwierigkeiten mit der kirchlichen Obrigkeit, wenn es darum ging, ihre Bücher zu veröffentlichen und zu verbreiten.
In den Quaderni von 1943 gibt es besonders viele eschatologische Texte, die wir hier auf der Grundlage der deutschen Übersetzung von 2006 zitieren und in einigen Details mit leichten Modifikationen versehen.
Die entscheidenden Passagen finden sich verstreut in einem dicken Band mit 800 Seiten (italienische Ausgabe), was für den Ablauf der Ereignisse einige Probleme aufwirft. Diese Berichte geben vor allem Worte Jesu wider, die mit folgendem Hinweis gekennzeichnet sind: Dice Gesù, zusätzlich ein Datum und manchmal auch eine biblische Referenz. Weitaus seltener heißt es: Dice Maria, was bedeutet, dass hier Maria Valtorta spricht.
Um die Interpretationsmethode festzulegen, wollen wir zu Beginn einen Text aus Maria Valtortas Bericht zitieren, der besagt, dass die Geschichte der Kirche, die der mystische Leib Christi ist, eine Analogie zum irdischen Lebenslauf Jesu aufweist:
Im Leben des mystischen Leibes verläuft nämlich nichts anders, als es im Leben Christi war. Es wird das Hosanna am Vorabend der Passion geben, das Hosanna, wenn die Völker, fasziniert vom Zauber der Schönheit der Gottheit, vor dem Herrn in die Knie sinken. Darauf wird es die Passion meiner streitenden Kirche geben und schließlich die Herrlichkeit der ewigen Auferstehung im Himmel.4
Dieser Periode eines ausgedehnten, aber zeitlich begrenzten Friedens geht dem Bericht von Maria Valtorta zufolge eine furchtbare Prüfung voraus, die unter dem Zeichen des Antichrist steht. Anschließend kommt es zum letzten satanischen Kampf, der noch dreimal grausamer ist und der Wiederkunft Christi, der Parusie, unmittelbar vorausgeht.
Der Antichrist wird mit folgenden Worten beschrieben:
Er wird eine sehr hochgestellte (molto in alto) Person sein, hochgestellt wie ein Stern. Kein menschlicher Stern, der an einem menschlichen Himmel glänzt. Nein, ein Stern aus einer übernatürlichen Sphäre, der, nachdem er den Schmeicheleien des bösen Feindes erlegen ist, sich nach anfänglicher Demut dem Hochmut ergibt, nach anfänglichem Glauben dem Atheismus, nach anfänglicher Keuschheit der Ausschweifung, nach evangelischer Armut der Gier nach Gold, nach einem Leben in Verborgenheit der Ruhmsucht.5
Eine menschliche Person also, die aus dem religiösen Bereich kommt und dort einen herausragenden Platz einnahm. Ihr Glaubensabfall wird Entsetzen hervorrufen und ein letztes Eingreifen Satans am Ende der Zeiten vorbereiten. Der Apostel Judas, dessen Verrat der Passion Christi vorausging, ist das Urbild für den Antichrist der Endzeit.
Die Passion, die der mystische Leib Christi, die Kirche, erleiden wird, tritt dem Bericht von Maria Valtorta zufolge nach einer Periode des Friedens ein, die mit dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem vergleichbar ist:6
Das Evangelium wird von den Polen bis zum Äquator und von einem Ende des Globus bis zum anderen widerhallen, das göttliche Wort wird den Planeten wie eine Liebesschärpe umschließen... Und wie in einer Prozession von Millionen und Abermillionen Stämmen werden die Menschen mit ihrem Geist auf Christus zueilen und ihr Vertrauen in die einzige Körperschaft auf Erden setzen, die nicht nach Unterdrückung und Rache dürstet. Rom wird das Wort führen... Es wird das Rom Christi sein. Jenes Rom, das die Cäsaren ohne Waffen und Kämpfe, nur mit der alleinigen Macht der Liebe besiegt hat, mit einer einzigen Waffe: dem Kreuz; mit einer einzigen Redekunst: dem Gebet...
Ich werde meine Heiligen versammeln, denn wer mich liebt und mir gehorsam und treu folgt, ist heilig. Ich werde sie von den vier Enden der Erde zusammenrufen und um ihrer Liebe willen die Freveltaten der Menschen verzeihen. Die Güte der Heiligen wird die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit aufhalten; meine Liebe und die Liebe der Heiligen wird mit ihrem Feuer die Erde reinigen. Die mit sich selbst und mit Gott befriedete Erde wird wie ein großer Altar sein, und auf diesem Altar wird der göttliche Meister die Menschen in der genauen Kenntnis der Wahrheit unterweisen, auf dass die Guten nicht wanken, wenn Satan sich wutschnaubend zur letzten Schlacht losreißt, weil er sieht, dass die Menschheit Christus anbetet.7
Maria Valtorta macht sich zum Widerhall der Traurigkeit des Herrn, der versichert, dass ihn drei Viertel der Kirchenmitglieder in der letzten Stunde des äußersten Kampfes, den Satan gegen die Kirche Gottes führt, verleugnen werden.8
Die Epoche Satans wird dreimal furchtbarer als die des Antichrist sein. Sie wird jedoch kurz sein, denn die ganze in den Lichtern des Himmels triumphierende Kirche wird für diejenigen beten, die jene Stunde erleben und ebenso wird die Kirche, die im Fegefeuer in den Flammen der läuternden Liebe ist, für sie beten, wie es auch die streitende Kirche mit dem Blut ihrer letzten Märtyrer tun wird.
Gerettet werden jene, die, während die Finsternis und die Wut, die Stürme und die Blitze Satans die Welt schütteln werden, im Schatten des Tabernakels zu bleiben wissen, von dem jede Kraft ausgeht. Denn Ich bin die göttliche Kraft der Lebenden, und wer sich gläubig und liebend von mir nährt, wird eins mit meiner göttlichen Kraft. Es werden jedoch nur wenige gerettet werden, denn nach Jahrhunderten und Aberjahrhunderten meiner Liebe zum Menschen hat der Mensch nicht lieben gelernt.9
Die Berufung des jüdischen Volkes wird in einem anderen Buch beschrieben: «Lezioni sull’Epistola di Paolo ai Romani10»:
Eines der Zeichen für das letzte Kommen Gottes und das Jüngste Gericht, das auf das Ende der Welt folgt, ist die Bekehrung Israels. Die Bekehrung Israels wird die äußerste Bekehrung der Welt zu Gott sein.11
Um den seltsamen Menschen, der Vladimir Soloviev war, besser zu verstehen, zitieren wir eine Seite aus dem Buch von Maxime Herman:
So zugänglich und schlicht er zu sein schien, so sehr blieb doch ein Ich-weiß-nicht-was in ihm, das ihm den Anschein eines distanzierten und geheimnisvollen Wesens verlieh, das in dieser Welt nicht anwesend war und seinen eigenen alltäglichen Beschäftigungen und Arbeiten gegenüber fremd blieb: Er war ein an Seele, Leib und Geist Herumirrender, der wie es schien bereit war, alles zu fliehen, was ihn interessierte. Oder vielmehr schien ein anderes, verborgenes Wesen in manchen Momenten an seiner Stelle zu handeln. Velictchko fand, dass er Züge eines «Mediums» an sich hatte: Er hatte den Eindruck, dass Solovievs Worte und Taten nicht alle vollkommen freiwillig waren, und dass «sich gewisse unsichtbare Kräfte in den Tiefen seines Geistes niedergelassen hatten». Es war, als seien zwei verschiedene Menschen in ihm! Bischof Strossmayer nannte den einen «anima candida», während der «andere» ihn erahnen ließ, was an anderen Punkten von Zeit und Raum geschah, oder der in Hinblick auf das, was der «erste» sagte, hörte oder dachte, in ein beunruhigendes Lachen ausbrach12.
Vladimir Soloviev war vor allem ein christlicher Denker und M. Herman ist davon überzeugt, dass die Kirchen (die katholische und die orthodoxen) ihm ihre verständnisvollere Haltung, die sie heute haben, verdanken. Dass die Kirchen den Weg der Mäßigung und der Nächstenliebe beschritten haben, hält Herman ebenfalls für Solovievs Verdienst.13 Derzeit verbreiten viele Soloviev-Gesellschaften die ökumenische Inspiration des Autors der Kurzen Erzählung vom l’Antichrist, die sein letztes Werk war.
Dieser etwa vierzigseitige Bericht beginnt mit der Beschwörung des «Pan-Mongolentums», das Soloviev sehr beunruhigte14. Dann befasst er sich mit dem Kommen des Antichrist, der ein Asket und Menschenfreund ist und sich als neuer römischer Kaiser des vereinigten Europas aufdrängt, einen Pontifex namens Apollonius zu Hilfe nimmt, der als katholischer Bischof in partibus infidelium ein großer Magier ist und die Kirchen durch die Einberufung eines Konzils in Jerusalem zu kontrollieren versucht. Er gerät mit einer schwachen Minderheit authentischer Christen heftig aneinander, die sich um Petrus, den römischen Pontifex, um Johannes, einen orthodoxen Mönch und um Pauli, einen lutherischen Professor aus Tübingen geschart haben. Diese drei symbolisieren den kleinen Rest der echten Jünger Christi, während die Mehrheit vom Glauben abfällt. Die Juden, die nach Israel zurückgekehrt sind15, sehen in dem Antichrist zunächst den erwarteten Messias, aber schon bald sind sie desillusioniert und bekämpfen ihn. Auf dem Tempelberg stellen sie eine Armee zusammen, die sich auf einen Kampf mit der Armee des Antichrist einstellt, die dieser in Syrien aus Heiden aller Nationen rekrutiert hat. In diesem Augenblick verschlingt ein gigantisches Seebeben unter dem Toten Meer die Armee des Antichrist und die Juden flehen inständig zum Gott Israels, als sich der Himmel öffnet und Christus in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Auferstehung der Juden und der Christen, die vom Antichrist getötet worden waren, ist der Beginn eines tausendjährigen Reiches16.
Soloviev hatte drei Jahre zuvor sein großes moralphilosophisches Werk Die Rechtfertigung des Guten (1897) veröffentlicht, das sich durch die heitere Gelassenheit seiner gänzlich anderen Inspiration vom dramatischen Ton der Kurzen Erzählung vom Antichrist unterscheidet und auszeichnet. Das letzte Kapitel dieser Abhandlung trägt die Überschrift: Die moralische Struktur der Menschheit in ihrer Gesamtheit17 und bietet das Bild einer befriedeten Weltgesellschaft, in der die religiöse Aufgabe, das Wiedererwachen der Frömmigkeit in der Kirche, den ersten Platz einnehmen sollte, da sie einerseits essentiell und andererseits in gewisser Weise die einfachste Sache ist und von der menschlichen Seite aus die wenigsten Voraussetzungen erfordert. Das Band, das den Menschen mit dem absoluten Prinzip, das ihm offenbart wurde, verbindet, kann nämlich durch nichts anderes als durch dieses Prinzip selbst bestimmt werden, da nichts über ihm steht18. Er fährt fort und beschreibt die Berufung eines künftigen christlichen Staates, der nicht wie im Mittelalter intolerant ist, sondern die humanitären Werte der modernen Welt aufnimmt19. Diese neue, christlich inspirierte Erneuerung der Menschheit könnte der christlichen Periode, die der großen Prüfung vorangeht dem Hosanna des Berichtes von Maria Valtorta gegenüber gestellt werden20.
Es ist schwierig, den Bericht einer Mystikerin, die schlichte Zeugin einer sie übersteigenden Botschaft war, mit der Fiktion eines dermaßen talentierten Autors zu vergleichen. Beiden gemeinsam ist das eschatologische Thema, die Epoche der Endzeit, für die die Heilige Schrift die klassische Quelle ist, deren Auslegung jedoch schwierig bleibt.
Fassen wir den Bericht von Maria Valtorta zusammen: Der Antichrist ist ein ranghoher Mensch, der vom Glauben abfällt und viele Kleriker und Gläubige in seinen Glaubensabfall hineinzieht. Auf diese Krise folgt eine Periode21 spirituellen und sichtbaren Glanzes der Kirche, die sich mit dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem vergleichen lässt, ein Hosanna der Geschichte, das ein tausendjähriges Reich ausschließt. Diese Periode kommt zu einem Ende und dann beginnt die Passion der Kirche, die letzte, kurze und furchtbare Prüfung, die von Satan persönlich ausgelöst wird und die nur ein kleiner Rest von Gläubigen übersteht. Die Bekehrung des jüdischen Volkes zu Christus findet nach der Bekehrung anderer Völker statt und geht der glorreichen Wiederkehr Christi voraus. Das Jüngste Gericht vollendet die irdische Geschichte und leitet das ewige Leben der Auferstandenen ein.
Soloviev beschreibt die Periode des Antichrist, der seinerseits als menschenfreundlicher Asket und politischer Anführer dargestellt wird, ausführlich. Soloviev zufolge stellt diese Periode den allerletzten Kampf vor der Wiederkunft Christi dar, die das tausendjährige Reich mit einer ersten Auferstehung einleitet. Dieses tausendjährige Reich fehlt, wie bereits erwähnt, im Bericht von Maria Valtorta. Gleichwohl skizziert Soloviev in dem Buch Die Rechtfertigung des Guten ein christliches Zeitalter, das sich vom tausendjährigen Reich unterscheidet und mit dem Hosanna der Geschichte, einem kurzen Moment planetarischen, evangelischen Aufstrahlens vor der allerletzten Prüfung, verglichen werden könnte.
Man muss auch den Briefwechsel zwischen Soloviev und Eugène Tavernier berücksichtigen, insbesondere den langen Brief von Mai-Juni 1896, in dem er seinen religiösen Gedankengang zusammenfasst und mit dem Ende, das heißt, mit der Eschatologie, der seine besondere Aufmerksamkeit gilt, beginnt:
Es gibt nur drei Dinge, die durch Gottes Wort als gewiss bestätigt sind, schrieb Soloviev seinem Freund Tavernier in Hinblick auf das Ende der Zeiten:
1. Das Evangelium wird auf der ganzen Erde verkündet, das heißt, dass die Wahrheit allen Menschen oder allen Völkern angeboten wird.
2. Der Menschensohn wird nur wenig Glauben auf der Erde antreffen, das heißt, die wahren Gläubigen werden zum Schluss nur noch eine unbedeutende Minderheit sein und der größte Teil der Menschheit wird dem Antichrist folgen.
3. Trotzdem wird die Partei des Bösen nach einem kurzen und erbitterten Kampf besiegt und die Minderheit der wahren Gläubigen wird vollständig triumphieren. Von diesen drei Wahrheiten, die ebenso schlicht wie unbestreitbar sind, leite ich den gesamten Entwurf einer christlichen Politik ab.
Als Soloviev diese drei Punkte kommentiert, versichert er zu Beginn, wie wichtig die christliche Philosophie als Vorbereitung für die Verkündigung des Evangeliums ist. Der zweite Punkt führt aus Solovievs Sicht dazu, die Vorstellung von Macht und äußerer Größe als unmittelbares Ziel einer christlichen Politik aufzugeben, da die authentischen Gläubigen nur noch eine verfolgte Minderheit sein werden. Der dritte Punkt, der in der Gewissheit des endgültigen Triumphes Christi besteht, soll nicht zu einer passiven Haltung führen, denn die Mitarbeit einer Minderheit von überzeugten Gläubigen wird umso anspruchsvoller sein. Sie sollen sich in dem einzigen Zentrum legitimer und traditioneller Einheit miteinander verbinden22.
Er schließt diesen letzten Punkt mit Pessimismus ab: Man muss damit rechnen, dass 99 Prozent der Priester und Ordensleute Anhänger des Antichrist werden. Das ist ihr gutes Recht und ihre eigene Angelegenheit23.
Dieser Brief wurde drei Jahre vor der Kurzen Erzählung vom Antichrist geschrieben. Soloviev, der 190024, starb, befand sich in Schwierigkeiten mit der russisch-orthodoxen Hierarchie und von katholischer Seite hatte ihn Kritik verletzt. Er wollte Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche bleiben und zugleich auf seine Weise Katholik werden und sogar das Papsttum verteidigen, wodurch er sich viele Feinde machte. In einer Art Testament erklärte er: Ich glaube, dass es vor allem darum geht, in ausreichendem Maß vom Geist Christi durchdrungen zu sein, um mit gutem Gewissen sagen zu können, dass dieses oder jenes Tun oder Unterfangen ein positives Mitwirken mit Jesus Christus ist. Das ist das endgültige Kriterium25.
Die eschatologischen Berichte im Werk von Maria Valtorta und bei Vladimir Soloviev weisen gemeinsame Züge auf, ohne jedoch der selben literarischen Gattung anzugehören. Die Heilige Schrift, an die Soloviev in seinem Brief an Tavernier erinnert, sowie die Lehre sind die Elemente, die beiden Berichten gemeinsam sind. Die Mystikerin begnügt sich damit, das, was sie vernahm, in ihre Sprache zu übersetzen, während der Autor der Fiktion eine Geschichte erfindet, die in gewisser Weise sein Lebenswerk krönt. Nach dem Beispiel Platons, dem sich Soloviev sehr nahe fühlte, ersann er einen Mythos, um auszudrücken, was die Vernunft nicht genau bestimmen kann. Dieser Mythos nahm jedoch auf christlich kultiviertem Boden den Stil einer christlichen Legende an, das heißt, ein Zusammenwirken von Zügen oder vielmehr eine Zusammenstellung von Elementen, die rings um die offenbarten Wahrheiten, an die Soloviev zutiefst glaubte, gruppiert wurden. Waren es nicht gerade diese Wahrheiten, die den gewaltigen Arbeitseifer dieses genialen und ungestümen Mannes inspirierten, für den Christus das endgültige Kriterium ist? Auch für Maria Valtorta ist Christus das entscheidende Kriterium, aber auf eine andere Weise, auf die Weise einer Mystikerin.
Patrick de Laubier, Priester
Anmerkungen:
1. Das zeitgenössische Werk von Vassula Ryden ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. 1995 hatte die Glaubenskongregation offiziell vor den Schriften Vassulas gewarnt. Kardinal Ratzinger erklärte jedoch in einem Brief vom 10. Juli 2004, dass Vassula Ryden Klarstellungen vorgenommen habe.
2. Katharina von Siena, Teresa von Avila und Therese vom Kinde Jesus.
3. Schließlich noch ein letztes Werk, dem sie folgenden Titel gab: Messe angeliche, Direzioni (Engelsmesse, Instruktionen), das der Verleger aber unter dem Titel Libro di Azaria veröffentlichte. Es wurde in den Jahren 1946-1947 redigiert und umfasst 450 Seiten.
4. Maria Valtorta I Quaderni del 1943, Centro Editoriale Valtortiano 1985 (1. Ausgabe 1976), S. 510 (29. Oktober 1943).
5. Ibidem S. 270 (20. August 1943)
6. Die Zivilisation der Liebe, die Johannes Paul II. während seines langen Pontifikates in seinen Unterweisungen und auf seinen Reisen unermüdlich verkünde hat, könnte jenem Hosanna, jener Friedensperiode nach dem Glaubensabfall entsprechen, die der Apostel Paulus erahnte, als er vom Antichrist sprach: Lasst euch durch niemand und auf keine Weise täuschen! Denn zuerst muss der Abfall von Gott kommen und der Mensch der Gesetzwidrigkeit erscheinen, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt.(2Thess 2, 3f)
Und dann im Blick auf die allerletzte Periode Satans: Die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch zurückhält. Dann wird der gesetzwidrige Mensch allen sichtbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten. Der Gesetzwidrige aber wird, wenn er kommt, die Kraft des Satans haben. Er wird mit großer Macht auftreten und trügerische Zeichen und Wunder tun. Er wird alle, die verlorengehen, betrügen und zur Ungerechtigkeit verführen; sie gehen verloren, weil sie sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen haben, durch die sie gerettet werden sollten. (2Thess 2, 7-10)
7. Ibidem, S. 517 (12. November 1943).
8. Ibidem: che all’ultima ora tre quarti della mia Chiesa mi rinnegheranno (29. Oktober 1943).
In der Zeitschrift La Croix vom 28. März 2005 heißt es, dass laut Umfrage der katholischen Zeitschrift «Le pèlerin» vom 17. März 2005 nur noch ein Viertel der Katholiken die Sonntagsmesse besuchen!
9. Ibidem, S. 518 (12. November 1943). Beim Evangelisten Lukas lesen wir: «Einer fragte ihn: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.» (Lk 13, 23f) Paulus erinnert daran, dass Gott «will, dass alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen» (1Tim 2, 4). Siehe auch das Credo von Paul VI. (30. Juni 1968): Er ist aufgestiegen in den Himmel und wird einst wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten: Einen jeden nach seinen Verdiensten; wer auf die Liebe und das Erbarmen Gottes geantwortet hat, geht ein in das ewige Leben, wer sie aber bis zum Schluss abgelehnt hat, kommt in das nie erlöschende Feuer. Johannes Paul II. hat der Bitte einer Mystikerin Schwester Faustina entsprochen und das Fest der Barmherzigkeit auf den 2. Ostersonntag gelegt, um zu retten «was verloren war» (vgl. Lk 15, 12).
10. Centro Editoriale Valtortiano 1986 (1. Auflage 1976).
11. Ibidem, S. 272 (2. November 1950), Lektion 46
12. Maxime Herman, Vie et oeuvre de Vladimir Soloviev, Universitätsverlag, Fribourg (Schweiz) 1995, S. 153.
13.Ibidem, S. 156 (der Autor schreibt 1942-44). Hinzugefügt sei, dass Johannes Paul II. am 1. September 1996 erklärte: Die Kultur des christlichen Ostens bringt kraftvolle literarische Äußerungen hervor, die in der heutigen Zeit auf bezeichnende Weise zur Förderung des Gewissens der Menschheit beitragen. Um ein Beispiel anzuführen, das mir sehr viel bedeutet, möchte ich Vladimir Soloviev erwähnen. Für ihn liegt die Grundlage der Kultur in der Anerkennung der bedingungslosen Existenz des anderen... Das steht auch im Zusammenhang mit der Vision, der er sich als glühender und leidenschaftlicher Prophet des Ökumenismus verschrieb, indem er sich für die Wiedervereinigung von Orthodoxen und Katholiken einsetzte.
14. Das ist mit dem Machtzuwachs Chinas wieder aktuell, denn China hat 1 Milliarde 300 Millionen Einwohner gegenüber 140 Millionen Einwohnern in Russland und 450 Millionen im Europa der 25 Staaten, das zudem in einer tiefen demographischen Krise steckt.
15. Soloviev ist bei den russischen Juden sehr populär; sterbend betete er für sie.
16. Offb 20, 1-6. Dieses tausendjährige Reich, das Justin und Irenäus erwarteten, wurde von Augustinus und Thomas von Aquin in Abrede gestellt. Die Interpretation, derzufolge Christus sichtbar wiederkommen und vor dem Jüngsten Gericht auf der Erde herrschen wird, wurde vom römischen Lehramt (Heiliges Offizium 1944) formell abgelehnt.
17. Vladimir Soloviev La justification du Bien, Essai de philosophie morale, (1897), Neuauflage Slatkine 1997, S. 404.
18. Ibidem, S. 459
19. Jaques Maritain kannte Nicolas Berdiaev, der auf seine Weise ein Schüler Solovievs war, und schlug in seinem Buch Humanisme intégral (1936) vor, die sakrale Christenheit des Mittelalters von einer möglichen pluralistischen, profanen Christenheit zu unterscheiden. Als Paul VI. von der Zivilisation der Liebe sprach, nahm er in gewisser Weise die Idee Maritains und indirekt auch die Idee Solovievs wieder auf, an die Berdiaev wahrscheinlich in seinem Buch Un nouveau Moyen âge (1924) dachte, das 1985 unter dem Titel L’Âge d‘homme erschien.
20. Solovievs Werk erschien 1898 in zweiter Auflage; also ein Jahr bevor er die Trois entretiens im Frühjahr 1899 verfasste (Drei Gespräche, Bonn 1947).
21. Eine oder zwei Generationen?
22. Soloviev meint das Papsttum, zu dessen beredtem Verteidiger er sich in seinem Werk La Russie et l’Eglise universelle (1889), das er in französischer Sprache verfasste, gemacht hatte.
23. oeuvres complètes, Lettres et suppléments, Brüssel 1970, S. 199. Im Bericht von Maria Valtorta haben wir gesehen, dass nur wenige gerettet werden: «saranno pochi questi salvi», I Quaderni del 1943, S.549.
24.Sein gesundheitlicher Zustand war so schlecht, dass sich die Ärzte nicht darüber wunderten, dass er mit 48 Jahren starb, sondern dass er in diesem Zustand überhaupt noch leben konnte.
25. Ibidem, S. 2000
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