Begegnung mit P. Paul Préau, dem Rektor des Marienheiligtums von Montligeon

Die unsichtbare dritte Welt: die Seelen im Fegefeuer

Von Christian Parmentier

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Pfarrer Buguet, der Gründer des Sühnewerkes für die Armen Seelen, schrieb seine große Idee im Jahr 1910, acht Jahre vor seinem Tod, nieder: «Ich wollte ein zweifaches Ziel verfolgen: Messen für die Seelen im Fegefeuer lesen zu lassen und durch ihre Fürsprache den Arbeitern einen Lebensunterhalt zu verschaffen». In der Tat, er hat in Montligeon eine Druckerei aufgebaut, in der heute 180 Menschen beschäftigt sind, zusätzlich zum «Werk», das ungefähr dreißig Angestellte zählt. Davon lebt ein Teil der Bewohner dieser Gegend.

Die Verstorbenen treten für uns ein

Pfarrer Buguet sah deutlich, dass die Seelen im Fegefeuer, während sie auf unser Gebet warten, auch für uns eintreten können. Sie benötigen unser Gebet, diese Ergänzung an Liebe zur Läuterung, damit sie in den Himmel eintreten können.
Es ist bekannt, dass man für die Verstorbenen beten kann, aber nur selten wird davon gesprochen, dass die Verstorbenen in der Liebe Christi mit uns in Gemeinschaft stehen und dass sie für uns eintreten können. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es bezüglich unserer Gemeinschaft mit den Verstorbenen unter der Nummer 958: «Unser Gebet für die Verstorbenen kann nicht nur ihnen selbst helfen: wenn ihnen geholfen ist, kann auch ihre Fürbitte für uns wirksam werden».
Die eine Kirche existiert auf drei verschiedenen Ebenen: Die Menschen, die bereits in der Fülle der Liebe leben, auch wenn ihr Leib noch nicht auferstanden ist; die Menschen, die im Fegefeuer sind und in Freundschaft mit Gott leben, aber noch unvollständig geläutert sind, so dass sie noch nicht völlig mit ihm vereint sind und schließlich wir Menschen auf der Erde, die wir schon jetzt in der Liebe Gottes leben können. Wir haben Gemeinschaft mit diesem ganzen mystischen Leib der Kirche. Wir können diese Liebe verlieren, aber auch wiederfinden: durch echte Reue und die Sakramente der Kirche. Das II. Vatikanische Konzil hat in der Konstitution Lumen Gentium betont, dass zwischen allen Gliedern der Kirche echte Gemeinschaft besteht.


Das große geistliche Werk, das von Pfr. Buguet ausging

Konkret kann man heutzutage in Montligeon seine Verstorbenen, aber auch sich selbst schon zu Lebzeiten (falls man befürchtet, dass niemand nach unserem Tod für uns betet) einschreiben lassen. Man kann auch Tote anempfehlen lassen. Diese Verstorbenen werden in das tägliche Gebet der sieben Messen eingeschlossen, die auf der Welt in der Intention aller Menschen, die sich dem Werk von Montligeon anempfohlen haben, gefeiert werden. Es ist ein Werk übernatürlicher Nächstenliebe, ein Werk der geistlichen Hilfe für die Verstorbenen.
Dieses geistliche Werk gründet in unserem Glauben an die Auferstehung Jesu. Der Tod ist nicht der Endpunkt. Es stützt sich aber auch auf den Glauben an die Wirksamkeit des eucharistischen Opfers: wir sind nicht allein, es gibt nur einen Fürsprecher, Christus, der für uns eintritt. Wir sollen uns auch bewusst sein, dass Christus uns nicht ganz allein retten will, sondern dass er uns an unserem eigenen Heil, aber auch an dem unserer Brüder und Schwestern teilnehmen lassen will. Es ist eine tiefe, übernatürliche Solidarität um Christus, den einzigen Retter, den einzigen Mittler des neuen Bundes, entstanden. Hier setzt das große geistliche Werk an, das von Pfr. Buguet ausging.
Im Laufe der Zeit ist auch das entstanden, was wir in Montligeon leben: die Menschen, die Messen stiften, die Menschen, die etwas von sich selbst und damit etwas von ihrer Liebe geben. Warum lässt man Messen für seine Verstorbenen lesen, wenn nicht aus der Überzeugung, dass sie uns brauchen. Daher ist dies ein Akt der Nächstenliebe ihnen gegenüber.
Das Heiligtum von Montligeon ist aber auch ein Ort des Zuhörens und der Aufnahme für Menschen, die einen lieben Angehörigen verloren haben. Wir Lebende brauchen einen Ort, an dem wir angenommen werden und an dem uns zugehört wird, damit wir unseren Weg im Glauben fortsetzen können. Diesen Aspekt hat Pfr. Buguet nie unterschätzt. Der Beweis dafür ist das Sekretariat, das er eröffnete, um auf die Bedürfnisse der Menschen zu antworten. Es ging ihm nicht nur darum, Spenden zu sammeln und all das aufzubauen, was er vorhatte, sondern er wollte auch einen Ort des Trostes, der Stärkung und der Hoffnung für seine Zeitgenossen, die schwere Prüfungen durchleben, schaffen.


Das Fegefeuer ist das Feuer der läuternden Liebe

Die umfassende Art und Weise, diese Realität des Fegefeuers zu sehen, ist ein Wesenszug von Pfr. Buguet. Er hat sich ganz praktisch damit befasst, denn er hatte die Realität des Fegefeuers erfahren. Damals war es weniger kompliziert als heute, wo man sogar innerhalb der Kirche diese Glaubenslehre wieder ins rechte Licht stellen muss und erklären muss, dass das Fegefeuer das Feuer der läuternden Liebe ist. Es ist nicht der Ort des vergeltenden, sondern des rettenden Gottes. Das Fegefeuer ist ein rettender Akt Gottes. Daher sollte das Bild, das wir uns von der Realität des Fegefeuers machen, ein Bild der Barmherzigkeit sein, die unseren Taten Rechnung trägt. Gott macht uns für das Gute, das wir tun, verantwortlich, er macht uns aber auch für das Böse, das wir tun, verantwortlich.
Die Kraft des Gebetes für die Verstorbenen wurde weder in der katholischen Kirche, noch bei den Orthodoxen, noch bei den Anglikanern in Frage gestellt.
Der hl. Thomas von Aquin erinnert uns an zwei Aspekte beim Gebet für die Verstorbenen: Zunächst geht es um die Intention für diesen oder jenen Verstorbenen. Montligeon ist also ein Werk gegen das Vergessen. Dann geht es aber auch um eine Gemeinschaft der Nächstenliebe. Die Intention, die sich auf die Person bezieht, ist dem zweiten Prinzip — nämlich der Gemeinschaft in der Nächstenliebe — untergeordnet. Für die Verstorbenen zu beten, für die Armen Seelen zu beten, bedeutet, dass wir Lebende uns selber in einer Bewegung der Umkehr, der Spiritualität, der Infragestellung unseres Tuns, einsetzen. Ich kann nicht für die Seelen im Fegefeuer beten, wenn ich nicht für mich selber will, was ich für sie erbitte: im Licht Gottes zu leben. Wenn ich selber nur schwer vergeben, mich von Lastern und einem gewissen Materialismus befreien kann, ist mein Gebet sehr behindert. Für die verstorbenen Seelen zu beten bedeutet, in eine echte Gebetsschule, in eine Schule der Evangelisierung, in eine Schule des Lebens zu gehen. Das versuchen wir in Montligeon zu sagen und das versuchen wir zu bezeugen.


Treten Sie ein in die unsichtbare, geistliche Gemeinschaft

Aus diesem Grund ist die Erzbruderschaft des Heiligtums, die Pfarrer Buguet gründete, zu einer Bruderschaft geworden, die auf allen fünf Kontinenten besteht. Die Mitglieder kommen in Gebetsgruppen zusammen und beten für die Verstorbenen. In diesen Gruppen erhalten sie eine religiöse Unterweisung und sie versuchen, ganz konkret die Nächstenliebe gegenüber ihren Mitmenschen zu praktizieren.
Im Benin gibt es beispielsweise eine Gruppe, die Gefangene besucht, in Kamerun unterstützt eine Gruppe Seminaristen, in Vietnam kümmert sich eine Gruppe um Witwen... In Frankreich gibt es Gebetsgruppen Unserer Lieben Frau von Montligeon, die sehr aktiv in der Trauerpastoral mitarbeiten. Es geht ihnen nicht nur darum, die Trauerfamilien zu begleiten und die Begräbnisfeier sicherzustellen, sondern sie wollen die Trauernden auch weiterhin begleiten: «Wir nehmen Ihren Verstorbenen und tragen ihn in die christliche Gemeinschaft, er fällt nicht dem Vergessen anheim». Es ist nicht nur ein Werk, um gegen das Vergessen anzukämpfen, sondern auch ein Werk, das nicht will, dass irgend jemand ausgeschlossen wird. Die Seelen im Fegefeuer sind manchmal von unserem apostolischen Arbeitsfeld ausgeschlossen. Sie gehören zur Kirche, sie sind ein Teil der Menschheit, der uns braucht.
In Montligeon sind wir uns dieser Sendung, die die Kirche uns anvertraut hat, bewusst. Wir bemühen uns voller Glauben, diese Sendung mit Freude zu leben. Ich habe festgestellt, dass viele Menschen nach einem Trauerfall hierher zum Heiligtum kommen. Sie sind von einer Trauer gezeichnet, die sie sehr deprimiert sein lässt. Unser Glaube sagt, dass die Seelen im Fegefeuer gerettet sind. Sie sind es, die uns Hoffnung schenken. Eine Schwester von Montligeon sagte mir unlängst: «Man betet nicht nur für die Armen Seelen, sondern man tritt in eine geistliche, unsichtbare, aber doch wirkliche Gemeinschaft mit ihnen». Ich habe auch selber diese Erfahrung gemacht. Seit neun Jahren bin ich nun hier. Ich kam als junger Priester und glaubte, dass meine Oberen mich zur Buße nach Montligeon schickten! Ich verstand nicht, warum ich mich um Tote kümmern sollte! Ich habe Gott um Verzeihung gebeten und gebeichtet. Und inzwischen bin ich mir bewusst, dass die Armen Seelen wirklich eine geistliche Familie sind, die aus Personen mit einem Antlitz bestehen. Es sind keine nebulösen Gestalten, keine unförmigen Geister. Sie sind die dritte Welt im unsichtbaren Bereich und brauchen uns. Deshalb lade ich Sie ein, zu den Seelen im Fegefeuer großzügig zu sein.


Was die Kirche empfiehlt

Die Kirche empfiehlt zunächst, Messen feiern zu lassen. Deshalb kann man seine Verstorbenen in Montligeon einschreiben lassen. Sie sollten auch wissen, dass die Kirche diese Einschreibung mit einem vollkommenen Ablass versieht. Sodann empfiehlt uns die Kirche das Gebet, das Gebet zu Unserer Lieben Frau von Montligeon, die Litanei zu Unserer Lieben Frau von Montligeon. Es gibt auch noch andere Gebete, die von Heiligen für die Armen Seelen formuliert wurden. Schließlich erinnert uns die Kirche auch an die Bedeutung des Fastens: aus Liebe für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern auf etwas verzichten. Wer im Fegefeuer ist, hat sich auf der Erde oftmals mit unnützen Dingen vollgestopft. Durch das freiwillige Fasten lösen wir uns von unnützen Dingen, um diesen Brüdern und Schwestern, die uns brauchen, beizustehen. Die Kirche empfiehlt uns auch Almosen; das ist konkrete Nächstenliebe, Bruderliebe. Und die Kirche stellt uns Ablässe1 zur Verfügung — Christus ist der «Ablass» Gottes. Der Katechismus der Kirche befasst sich in den Nummern 1471 bis 1479 damit. Ich möchte Sie einladen, insbesondere jene Abschnitte zu lesen, die sich mit Ablässen im Zusammenhang mit der Gemeinschaft der Heiligen befassen: Nummer 1474 bis 1477.
Christian Parmantier

Anmerkung:
1. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Bulle, die das Jubiläumsjahr 2000 ankündigte, vom Ablass gesprochen.

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