Das Maria-Hilf-Heiligtum «Locherboden» bei Mötz in Tirol

Von Hanswerner Reissner

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Frühjahr 1871: Die auf den Tod kranke Maria Kalb in Rum bei Innsbruck schöpft, obwohl sie schon vier
Jahre zuvor zum ersten Male die Sterbesakramente empfangen hat, wieder neue Hoffnung. Denn zu dieser Zeit (Ende April) wird ihr ein eigenartiges Erlebnis zuteil. Ob es eine echte Erscheinung oder nur ein Traum war, kann heute kaum festgestellt werden. Lassen wir sie daher selber erzählen:



Merkwürdige Geschichte und eine wunderbare Heilung

«Ich fühlte auf dem Arme, als ob mich jemand mit der Hand berührte, um mich aufmerksam zu machen... Diese Hand gab mir einen Brief... Auf dem Kuvert war ein wunderschöner Rosenkranz gezeichnet... Ich fragte, woher der Brief sei. Ich hörte sagen — denn gesehen habe ich niemand, obwohl im Zimmer eine Lampe brannte — ich solle den Brief aufmachen, dann werde ich sehen, woher der Brief sei. Ich machte ihn auf, und da sah ich das Bild Mariens mit offenem, freundlichem Blick, aus deren Auge Tränen über die Wangen herabperlten... Was im Brief geschrieben war, las ich nicht...» Zu deuten weiß die Schwerkranke dieses Erleben nicht, oder besser: noch nicht. Aber sie wünscht in ihrer freudigen Erschütterung, nach dem nahen Gnadenort Absam hinübergebracht zu werden. «Führt mich hinüber!» bettelt sie, «sie hilft mir ganz gewiss!» Ende Juli hat die Kranke eine weitere Erscheinung. Wiederum soll sie selbst davon erzählen: «Ich bemerkte die Gottesmutter ganz in meiner Nähe, sah sie aber nicht. Sie sprach: «Du musst mich suchen im Oberland und den Rosenkranz zu meinen Sieben Schmerzen beten.» Ich versprach ihr das... Auch bei dieser Erscheinung fühlte ich nichts von meinen gewöhnlichen Schmerzen, hatte aber eine desto größere Freude...»

Die dritte und vielleicht wichtigste Erscheinung wird Maria Kalb am 4. August 1871 zuteil. Sie berichtet darüber folgendes: «Da erblickte ich die Gottesmutter selbst. Sie war... von unvergleichlicher Schönheit. Sie trug einen roten Rock (= Kleid), der um die Mitte mit einem schmalen Gürtel zusammengebunden war... Sie winkte mir zu kommen, und wir gingen nebeneinander, mehr schwebend... schweigend hinauf an der Martinswand vorbei... ich fühlte mich nicht im Geringsten ermüdet oder leidend, als wenn ich nicht mehr auf der Welt wäre... Oben auf einem schmalen Platz mitten im Felsen blieb sie stehen und breitete die Hände nach unten aus, blickte mich an und sprach: «Dieses ist der Ort, wo du mich suchen musst!» Und bald darauf wurde der ganze Berg von einem himmlischen Strahlenglanz erleuchtet...»

Wenige Wochen später erlangt Maria Kalb die wunderbare Heilung von jahrelangem schwerem Leiden, aber nicht in ihrem Heimatdorf Rum, sondern genau an dem Ort, wo sie Maria suchen sollte, nämlich am «Locherboden», einem kleinen Berg gegenüber dem wegen seiner fast einmalig schönen Kirche weltberühmten Zisterzienserstift Stams. Es ist der 12. September 1871.


Zur Geschichte des Wallfahrtsortes

Seit dem 15. Jahrhundert gab es an etlichen Orten Tirols Grabungen nach silberhaltigen Bleierzen. Hier, gegenüber Stams und unmittelbar oberhalb von Mötz, grub um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein gewisser Thomas Kluibenschädl (aus Mötz). Nach einigen ziemlich erfolglosen Versuchen an verschiedenen Seiten des Berges trieb er einen Stollen direkt in den Berg hinein, und zwar genau unter der heutigen Wallfahrtskirche. Eines Tages versperrte ihm ein abrutschender Stein den Rückweg.

Verzweifelt rief er zu Maria um Hilfe und gelobte für den Fall seiner Errettung, ein Muttergottesbild an dieser Stelle aufzustellen. Thomas wurde tatsächlich gerettet; nur können wir nicht sicher sagen, auf welche Weise. Es gibt einige Erzählungen darüber, die jedoch recht legendär wirken. Fest steht, dass ungefähr seit 1740 am Eingang zu jener Höhlung sich ein Mariahilfbild befand; doch scheint es keine besondere Verehrung gegeben zu haben. Erst 1854 erweiterte man die Höhle und schuf einen neuen Steg zu dem Marienbild. Am Feste Mariae Himmelfahrt dieses Jahres (es ist das Jahr, in dem das Dogma der Immaculata Conceptio von Pius IX. Verkündet wurde!) brachte man in einer festlichen Prozession das Mariahilfbild an seinen alten Platz zurück; es hatte für die Bauarbeiten entfernt werden müssen. Und um das Jahr 1860 dachte man an eine Restaurierung des von Bergknappen aufgestellten Marienbildes; es hatte ja über 100 Jahre in Wind und Wetter am Eingang der berühmten Grotte gehangen.


Ein neues Gnadenbild

Der mit der Wiederherstellung des Bildes beauftragte Künstler gelangte aber wohl zu der Überzeugung, dass sich das Bild kaum noch restaurieren ließ; jedenfalls schuf er ein neues und größeres Bild Mariens, wiederum ein sog. Mariahilfbild. Es befindet sich noch heute über dem Hochaltar der Wallfahrtskirche. Das ursprüngliche Gnadenbild (so dürfen wir es wohl nennen) ist offensichtlich verlorengegangen. Bei beiden Bildern, dem alten wie dem heutigen, handelt es sich um Kopien des Innsbrucker Gnadenbildes von Lucas Cranach. (Übrigens begegnet man in Nordtirol immer wieder Kopien von diesem Gnadenbild.) So verdankt der Wallfahrtsort Locherboden seine Entstehung zwei wunderbaren Ereignissen. Es ist, als ob eine anfängliche Vergesslichkeit oder gar Undankbarkeit der Menschen dieser Gegend Gott zu einem abermaligen Eingreifen veranlasst hätte: Der wunderbaren Errettung jenes Bergmannes folgte reichlich 100 Jahre später eine dreimalige Marienerscheinung, die zur wunderbaren Heilung eines schwerkranken Menschen, und zwar der Seherin selbst, führte.


Das Leben der Seherin

Es ist durchaus nicht immer so, dass Menschen, denen Gott außerordentliche Gnadenerweise oder gar Botschaften anvertraut, Heilige sind oder werden. Maria Kalb
jedoch scheint, soweit ein Mensch das zu beurteilen vermag, der ihr zuteil gewordenen Gnade entsprochen zu haben. Seit ihrer Geburt (10.2.1842) immer ein schwächliches Kind, litt sie zuweilen an Herzkrämpfen. In der Schule war sie tüchtig. Ihr Charakter zeigte eine Mischung von Frohsinn und Ernsthaftigkeit. Bald schon wirkte sie im Kirchenchor mit, trat dem franziskanischen Dritten Orden bei und ging (was damals etwas Besonderes war!) alle 2-3 Wochen zu den Sakramenten der Buße und des Altares. Ihren Entschluss zum jungfräulichen Leben festigte sie dadurch, dass sie (anfänglich) von einem Muttergottesfest zum andern ein entsprechendes Gelübde ablegte. Als sie 15 Jahre alt war, starb ihr Vater. Später übernahm sie die wirtschaftliche Betreuung der beiden Brüder und dazu einen kleinen Laden. Im Fasching 1864 begann ihr schweres Leiden: Krämpfe, Ohnmachtsanfälle, Kopfschmerzen. Der Bezirkarzt von Solbad Hall, der neben anderen Ärzten konsultiert wurde, meinte, es sei ein Nerv verletzt; man sprach von einer Nerveneintrocknung und erklärte das Leiden für unheilbar. Nach drei Jahren, 1867, erhielt Maria Kalb die Wegzehrung. Vier Jahre danach erfolgte der Eingriff des Himmels durch Maria, die Gnadenmittlerin...

Als Maria Kalb unmittelbar nach ihrer wunderbaren Heilung von dem kleinen Berge – er war für sie ja zu einem Berg der Verklärung geworden — herunterstieg (gleichsam in die Niederungen dieser Welt!), warteten schon zahlreiche Leute auf sie. Denn der Transport der Schwerkranken war in dem Dorf Mötz natürlich aufgefallen; und die Kunde von den drei Marienerscheinungen war auch in diese Gegend gedrungen. Auf dem Wege nach Stams schauten Maria und ihr Bruder Johann, dazu die sie begleitenden Freundinnen, zurück zum Berg der Gnade. Viele Menschen sahen sie dort zum Gebet versammelt: Das war der eigentliche Beginn der bis heute anhaltenden Wallfahrten.


Das Heiligtum Locherboden

Bald legte man einen breiten Weg zum Heiligtum hinauf an, wobei für das letzte Wegstück bis zur Grotte umfangreiche Sprengungen nötig waren. An der Grotte selbst wurde ein kleiner Vorraum geschaffen, zuerst aus Holz, später aus Stein, der den Betern Schutz bei schlechter Witterung gewährt. Ein Kreuzweg, von Mötz ausgehend hinauf bis unmittelbar vor die Grotte, wurde 1876 eingeweiht. Auf dem Gipfel des kleinen Berges wurden vorerst drei Kreuze aufgestellt. Ein Plan, die Grotte derartig zu erweitern, dass am Platz der wunderbaren Heilung selbst die Kirche hätte gebaut werden können, erwies sich angesichts der dazu notwendigen Sprengungen als unrealistisch. So entschloss man sich zum Bau der Wallfahrtskirche auf dem Gipfel über der Grotte. Pläne und Durchführung vertraute man dem Baumeister Heinrich Hörmann an. Nach einer Bauzeit von 5 Jahren war die Kirche 1901, von der Innenausstattung abgesehen, fertig. Das Mariahilfbild wurde am 30. Juni in die neue Kirche übertragen, die Konsekration vollzog der Bischof von Brixen am 6. Juli. — Das Gotteshaus ist nicht groß; und es ist schlicht gehalten: Vom Altar her grüßt den Eintretenden jenes Mariahilfbild, vor dem die Seherin Maria Kalb betete und Heilung fand. Josef Bachlechner, ein Schnitzer aus Hall, schuf den Altaraufbau, der marianische Heilige zeigt. Die Glasfenster stellen u. a. Vermählung, Heimsuchung und Krönung Mariens dar. Toni Kirchmayr aus Innsbrück, der den Innenraum ausmalte, wählte sich als Thema vier Hauptfeste des Kirchenjahres. Über die Entstehung dieser Gnadenstätte unterrichten schlichte Malereien desselben Künstlers in der Vorhalle der Kirche die Wallfahrer und Besucher.


«Maria führt immer zu Christus»

Dass der Beter auf einem Spruchband gerade am Altar die Worte Mariens liest: «Das ist der Ort, wo du mich suchen musst!», ist von großer Bedeutung: Maria führt immer zu Christus, und alle Marienliebe zielt daher zum eucharistischen Altar. Isoliert von ihm wäre marianische Frömmigkeit nichtig, ja gefährlich. Maria ist an der Seite Christi, da müssen wir sie suchen. Und so wichtig und wohl jeden Wallfahrer ergreifend die Steintafel im Boden vor der Grottenkapelle ist, die jene Stelle bezeichnet, wo die Seherin die Mutter Gottes schauen durfte: der eucharistische Altar allein ist die Mittel!

Passt Locherboden in die moderne Welt, in die «nachkonziliare Landschaft?» Wir meinen: Ja! Denn es ist immer aktuell, die Großtaten Gottes zu preisen (Apg. 2,11). Zudem machen uns Stätten wie Locherboden neu bewusst, dass und wie Gottes Heilshandeln ganz konkret in unsere raumzeitliche Welt eingeht: hier stand Maria, hier half Maria! Die Stätten Mariens sind Leuchttürme der Gnade und Wahrheit in unserer dunkel gewordenen Welt; sie geben dem Volke Gottes Licht und Kraft auf dem Pilgerweg in die ewige Heimat.
H.W. Reissner

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