Schwester Josefa MackDie mutige Ordenskandidatin von Dachau
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Josefa Mack stammte aus Möckenlohe, einem Dorf von 400 Einwohnern in der Diözese Eichstätt. Dort war sie am 10. Februar 1924 zur Welt gekommen. Nichts Außergewöhnliches ist aus ihrer Kindheit bekannt. Lediglich eine «Kleinigkeit» ist ihr aus ihren frühen Jahren im Gedächnis geblieben. Da war eine kleine Feldkapelle am Dorfrand, die das Kind wiederholt zum Gebet aufsuchte. Und der Tag ihrer Erstkommunion im Jahre 1933 blieb ihr unvergesslich. In der Dorfkirche fühlte sie sich damals «plötzlich von Gott durchdrungen und von ihm persönlich angesprochen. Dieses Erlebnis schenkte mir ein tiefes Glücksgefühl. Ich glaube, seit dieser Stunde wusste ich, dass ich mein Leben Gott schenken sollte, in welcher Form, das wurde mir später klar».
Damals hatte in Deutschland Adolf Hitler und sein Nationalsozialismus die Regierungsgewalt übernommen. Im rein katholischen Dorf Möckenlohe hatte die neue Irrlehre zwar keine Chance. Aber alle Jungen wurden ungefragt der «Hitlerjugend» eingegliedert, alle Mädchen Mitglieder des «Bundes deutscher Mädel» (BDM). Auch Josefa Mack konnte sich der Maßnahme nicht entziehen, man machte sie sogar zur BDM-Führerin; sie hat diese Rolle jedoch nie ausgeübt.
Eine ihrer Tanten lebte im Kloster der «Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau» (gegründet 1833 von der am 17. November 1985 seliggesprochenen Therese Gerhardinger) in Pfaffenhofen. Hierhin ging Josefa Mack im Dezember 1937 zur weiteren Ausbildung. Bald entschloss sie sich zum Ordenseintritt. Für die Krankenpflege fehlte ihr jedoch die Eignung, aber in der Betreuung von Kindern bewährte sie sich. Sie kam im April 1942 als Helferin ins Kinderheim Sankt Anna in Freising und hoffte auf baldigen Eintritt ins Noviziat, das jedem Klosterleben vorangeht. Daran aber war in jenen wirren Kriegsjahren nicht zu denken.
Etwa Mitte Mai 1944 schlug ihre große Stunde, weshalb man noch heute von ihr spricht, jedoch in ganz anderer Art. Etwa 30 km von Freising gab es das Konzentrationslager Dachau. Was ein K.Z. ist, wusste damals Josefa Mack noch nicht genau. Es wurden jedoch, soviel war ihr bekannt, die dortigen Häftlinge von ihrem Kloster aus unterstützt.
Eines Tages beauftragte die Klosteroberin M. Saba die Kandidatin Josefa Mack, zusammen mit einer jüngeren Lehrschwester ins K.Z. Dachau zu fahren, um Gemüse- und Blumenpflanzen einzukaufen. Am Dienstag, 16. Mai 1944, machte sie sich also auf den Weg nach Dachau kurz vor 11 Uhr kamen die beiden am Ziel an. «Wir kamen an zwei Baracken vorbei», erinnert sie sich, «vor denen ein riesiger Haufen alter Schuhe lag. Ein furchtbarer Gestank stieg uns in die Nase... Rechts von diesen Baracken waren große Felder, auf denen kleine Häftlingsgruppen beschäftigt waren. Bei jeder stand ein Aufseher... Der Anblick war für mich erschütternd: Hunderte von Männern in zebragestreiften Hosen und Jacken oder schäbigen Zivilanzügen, die Köpfe kahlgeschoren, die bleichen Gesichter schwammig aufgedunsen. Alle starrten uns an, als wären wir Wesen aus einer anderen Welt. Nie mehr kann ich diesen Anblick vergessen...».
Der Kauf der Gemüse- und Blumenpflanzen wurde in einer Baracke getätigt. Da trat plötzlich einer der Häftlinge nahe an Josefa Mack heran und bat sie im Flüstertone, beim nächsten Male einige Hostien und ein Fläschchen Wein mitzubringen, damit die polnischen Priester die hl. Messe feiern könnten (die deutschen Priester nur sie allein hatten bereits in einer abgesonderten Baracke dies Privileg). Nicht nur Hostien einmal waren es insgesamt 700 auch Lebensmittel jeder Art wurden von diesem Tag an ins K.Z. geschmuggelt, ebenso Medizin. Jede Woche fuhr Josefa Mack nun mit dem Fahrrad, beladen mit Brot und andern Nahrungsmitteln, nach Dachau, manchmal auch zweimal in der Woche. Den ersten Teil des Weges legte sie mit der Bahn zurück, von Schleißheim aus radelte sie dann bis zum K.Z., bei jedem Wetter. Bei Eis und Schnee musste sie wiederholt die ganze Strecke ihr Fahrrad schieben. Die Häftlinge nannten sie von Anfang an nur ihr «Mädi».
Höhepunkt ihrer geheimen Tätigkeit war der Dezember 1944. Ein französischer Bischof befand sich im Lager, der den Diakon Karl Leisner zum Priester weihen wollte. Durch die wiederholten Kontakte mit Josefa Mack wurde es möglich, die Erlaubnis des Heimatbischofs von Münster (von Galen) und des Ortsbischofs von München (Faulhaber) einzuholen. Alle für eine Priesterweihe erforderlichen Gegenstände wie Öle und Bücher, konnte das «Mädi» heranschaffen. Am 3. Adventssonntag, am 17. Dezember 1944 (Sonntag Gaudete) fand die Priesterweihe statt. Am 2. Weihnachtstage, am Feste des hl. Stephanus, feierte der Neupriester seine Primiz: Ein in der langen Kirchengeschicht einzigartiges Ereignis! Priesterweihe und Primiz in einem K.Z.! Allein der Wagemut einer unerfahrenen Ordenskandidatin hatte es möglich gemacht!
In der Stadt Dachau hatte Josefa Mack übrigens tatkräftige Helfer, hauptsächlich bei der Familie Steinbüchler. Die drei Kinder, Annelies (16), Willi (14) und besonders die erst zehnjährige Christl (von einigen Häftlingen «Engel von Dachau» genannt) beförderten wiederholt auf ihrem Fahrrad Lebensmittel ins K.Z. Das erst zehnjährige Kind erregte bei den Wächtern am wenigsten Argwohn.
Gott beschützte sichtbar das mutige Handeln von Josefa Mack und ihrer Helfer. Menschlich gesehen verrichteten sie «Unmögliches». Aber bei Gott ist nichts «unmöglich» (Luk. 1,37). Alle ihre Handlungen begleitete Josefa Mack mit ihrem Gebet, angefangen jeden Morgen mit der hl. Messe im Freisinger Kloster. Sie erinnert sich, wie sie «innige Gebete um Hilfe für die Dachauer Häftlinge, um Schutz für die Schwestern des Hauses und auch für mich selbst verrichtete. Auf dem Weg zum Bahnhof (Freising) kam ich dann an der Münchener Kapelle beim Vinzentinum vorbei. Von Anfang an hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, in dieses kleine Heiligtum zu gehen und der Gottesmutter meine Fahrt zu empfehlen, sie um Schutz und Hilfe anzuflehen. Von ihr nahm ich Trost und Vertrauen mit. Als ich einmal vorbeifahren wollte, weil das Fahrrad übermäßig schwer bepackt war und ich das schwierige Ab- und Aufsteigen vermeiden wollte, zog es mich wie mit unsichtbarer Macht weiter. Viel betete ich auf dem Weg zum Lager, von Herzen dankte ich jedes Mal Gott, dass ich die Fahrt gut überstanden hatte. Dieser Dank geht durch mein ganzes Leben weiter...».
Nach dem Kriege konnte Josefa Mack endlich ihr Noviziat nachholen. Ihr so lange gehegter Wunsch wurde Wirklichkeit, sie wurde eine «Arme Schulschwester Unseren Lieben Frau».
Ihr heldenhaftes Handeln in den beiden letzten Kriegsjahren wäre völlig unbekannt geblieben, wenn nicht ehemalige Dachauer Häftlinge (wie P. Otto Spies) in ihren Berichten sie und ihre Tätigkeit rühmend erwähnt hätten. Immer mahnten sie Besucher, die in ihr Kloster kamen, sie sollte ihre Erfahrungen niederschreiben. Aber sie zögerte.
Im Jahre 1986, nach einem Vortrag für etwa 35 Studenten, fasste sie endlich nachdem 40 Jahre vergangen waren einen tiefgreifenden Entschluss. Sie wird ihre «Erinnerungen an meine Fahrten zur Plantage des K.Z.-Dachau von Mai 1944 bis April 1945» niederschreiben. Im Jahre 1988 erschienen diese ihre Erinnerungen unter dem Titel «Warum ich Azaleen liebe».
Pater Paul H. Schmidt
Literatur:
«Warum ich Azaleen liebe»
Euro 7. CHF 11,80 erhältlich beim Parvis-Verlag
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