Von Marcel Farine

Wir sind Kinder Gottes (1. Teil)

Von Geburt an bis zum Tod und darüber hinaus

=> MARIA HEUTE 434 INHALT

Um das Mysterium der Entstehung des Menschen zu verstehen, müssen wir zunächst auf die Genesis zurückkommen, auf das Buch von den Ursprüngen, wie es auch heißt. Es ist kein eigentliches Geschichtswerk im neuzeitlichen Sinn und auch keine naturgeschichtliche Abhandlung. Um es verständlicher zu machen, ist es mit packenden Bildern und Symbolen illustriert, und selbst der heilige Augustinus (354-430) empfahl den Christen, es nicht wortwörtlich zu nehmen. Ähnlich wird später Christus beim Darlegen seiner Lehre vorgehen, indem er sie in lebendige Gleichnisse kleidet, in volkstümliche Geschichten und Vergleiche.
Die unbekannten Verfasser der Genesis wurden durch den Heiligen Geist inspiriert, denn ihre Hauptaufgabe war, die Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen zu schildern und den Völkern von damals wie auch uns heute die religiösen Lehren zu übermitteln, die den Weg der Menschheit zu Gott lenken. Wir müssen deshalb diese biblische Erzählung sehr ernst nehmen und uns in unserem Alltagsleben von ihr inspirieren lassen.
Gott erscheint darin als jener, der Mann und Frau «nach seinem Bild, ihm ähnlich» erschaffen hat. Er war was die Qualität anbelangt, nicht knauserig, denn es wurde ein Meisterwerk, das aus einem Leib und einer Seele besteht, mit Intelligenz ausgestattet ist und sich vollständiger Freiheit erfreut. Er liebte die beiden ersten Menschen so sehr, dass er sie in seine Familie aufnehmen, zu seinen Kindern machen wollte. Als väterliches Geschenk übergab er ihnen das irdische Paradies und gleichzeitig die sogenannte heiligmachende Gnade, das heißt eine Teilhabe an seiner göttlichen Natur, seine Gegenwart in ihnen, die sie gewissermaßen «vergöttlichte». Sie hätten problemlos vom irdischen Leben in das himmlische Leben übergehen sollen.
Wie einzelne Engel im himmlischen Paradies haben sich leider auch seine Kinder gegen ihn aufgelehnt; sie missbrauchten die Freiheit, die sie erhalten hatten, weil es ohne sie keine Liebe, sondern nur Zwang gibt. Im Johannesprolog liest man: «Das Wort kam zu den Seinigen, doch die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Allen aber, die Ihn aufnahmen, verlieh er die Macht, Kinder Gottes zu werden.» Es verhält sich dabei ähnlich wie mit unsern Kindern: Wir sollen sie dazu anhalten, die Gebote zu respektieren, ihnen aber auch eine gewisse Freiheit gewähren. Die bildlich als Folge der Versuchung durch die Schlange dargestellte Ursünde, nämlich die Auflehnung gegen Gott oder, so man will, der Verlust des Gleichgewichts zwischen der materiellen und der geistigen Welt im Menschen, hat dem schönen Traum unseres himmlischen Vaters ein Ende gemacht. Auch das erleben wir an unseren Kindern, die uns zwar lieben, aber versucht werden durch die Reize der oft gottlosen irdischen Gesellschaft, welche die Menschen zu autonomen kleinen Göttern machen will.
Um die Ursünde zu tilgen und das Böse zu bekämpfen, das in ihrem Gefolge das Menschengeschlecht befiel, bedurfte es eines Heilmittels, des Sakraments der Taufe. Selbst Jesus wollte sich taufen lassen und gab uns so das Beispiel dafür. In dieser Symbolhandlung befreit Gott der Vater uns von der Erbsünde, von der wir von Geburt an betroffen sind, und versetzt uns erneut in den Stand, seine Kinder zu sein.
Als Getaufte können wir mit Gott reden wie mit einem Vater und gehören voll und ganz der Kirche, dem Gottesvolk an. Wir stehen im Glauben und sind, wenn wir das Siegel, mit dem der Heilige Geist uns gekennzeichnet hat, nicht brechen, des ewigen Lebens sicher. In seinem Brief an die Kolosser erklärt ihnen der heilige Paulus, wie sie schon auf Erden an der Würde teilhaben können, Christus anzugehören: «Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat... Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt» (Kol 2,12 und 3,1).
In ökumenischer Sicht ist es tröstlich, dass auch die in anderen christlichen Kirchen Getauften von der katholischen Kirche als Kinder Gottes anerkannt werden, die so die Freundschaft mit Gott und seine unendliche Barmherzigkeit erfahren. Wie der Katechismus der katholischen Kirche (in Nr. 1271) sagt, bildet die Taufe «die Grundlage der Gemeinschaft aller Christen».
Uns Getauften steht noch ein weiteres Sakrament zur Verfügung, damit wir ganz dem mystischen Leib Christi angehören: die heilige Eucharistie. In seiner übergroßen Liebe wollte Jesus darin sich uns ganz schenken. Wie das II. Vatikanische Konzil in seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche (Nr. 11) sagt, ist darum die Eucharistie «Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens». Das geschah am Vorabend seines Todes in einem Saal, den ein Bewohner von Jerusalem Christus und seinen Jüngern zur Verfügung gestellt hatte. Am Ende des Mahles, bei dem sie der jüdischen Paschafeier entsprechend zum letzten Mal miteinander ein makelloses Lamm gegessen hatten, nahm Jesus Brot, brach es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten: «Nehmt und esst; das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird». Dann nahm er einen Becher Wein und reichte ihn den Jüngern, und sprach: «Trinkt alle daraus, denn das ist mein Blut, das Blut des neuen Bundes, das für die Menge der Menschen vergossen wird zur Vergebung der Sünden».
Schlussendlich forderte er sie auf, diese seine Handlungen im Laufe der Zeit weiterzuführen: «Tut das zu meinem Gedächtnis!». Noch heute wiederholt deshalb der Priester in der Messe jeweils die gleichen Handlungen und Worte und feiert so zusammen mit den Anwesenden dieses Gedächtnis des Todes und der Auferstehung unseres Herrn. Welches Glück und welche Gnade für uns Christen! Wir können in Christus Gott empfangen, so oft wir es wollen. Gandhi, der so gottnahe große hinduistische Asket, vermisste diese reale, direkte Kommunion mit Gott, welche die Eucharistie uns bringt, denn er schrieb: «Für mich ist es eine beständige Qual, fern von Dem zu sein, Der jeden Hauch meines Lebens lenkt und Dessen Kind ich bin».
Doch obwohl wir durch die Taufe Kind Gottes geworden sind und die Eucharistie und die anderen Sakramente haben, um Jesus in uns aufzunehmen und seiner Weisung entsprechend zu leben, bleiben wir natürlich den Angriffen des bösen Feindes ausgesetzt, der seine Beute nicht ohne weiteres loslässt. Das Leben und der Geist der Zeit bringen Versuchungen mit sich. Durch die Sünde entfernen wir uns von Gott und verweigern die Gotteskindschaft, doch gibt er uns in seinem Erbarmen im Bußsakrament Gelegenheit, zu ihm zurückzukehren. Dafür bürgt das ergreifende Gleichnis vom verlorenen Sohn und gütigen Vater, das Christus der ihn begleitenden Menge erzählte: Ein Vater verteilt sein Vermögen an seine beiden Söhne. Sein jüngerer Sohn verprasst in der Fremde sein ganzes Erbe in schlechter Gesellschaft. Doch als er heimkehrt und ausruft: «Mein Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, als dein Sohn zu gelten», verzeiht ihm der Vater, schließt ihn in seine Arme und lässt zu seinen Ehren das Mastkalb schlachten. Und er sagt zu seinem älteren Sohn, der in Gehorsam daheim geblieben war und sich über die Ver­söhnungsgeste verwundert: «Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir doch ein Fest feiern, denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden» (Lk 15,11-32).
Um uns zu zeigen, wie unerhört gross — also für Zeit und Ewigkeit — die Liebe ist, die der himmlische Vater seinen Kindern über den Tod hinaus entgegenbringt, sagt Jesus in seiner Antwort auf eine Frage der Sadduzäer: «Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind» (Lk 20, 34-36). Dieses Wort veranschaulicht das künftige ewige Leben und geht über unser menschliches Verständnis hinaus. Es offenbart aber zugleich, dass wir dann in einem Zustand der Glückseligkeit und einer Vertrautheit mit unserem himmlischen Vater sein werden, der uns endlos entzücken wird. Dass wir seine Kinder sein dürfen, ist lauter Freude. (Fortsetzung folgt).
Marcel Farine

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