Elisabeth von der hl. Dreifaltigkeit auf der Suche nach dem Glück

Von René Lejeune

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Elisabeth Catez wurde am 18. Juli 1880 im Militärlager von Avor in der Nähe von Bourges geboren. Es war Sonntagmorgen, als sie das Licht der Welt erblickte. Sie war die Tochter von Hauptmann Catez. Am 22. Juli, dem Fest der hl. Maria Magdalena, die später ihr Vorbild für das kontemplative Leben wurde, fand ihre Taufe statt.

Das kleine Mädchen war lebhaft und aufbrausend. Eines Tages ging man mit ihr zu einer Kindersegnung. Als sie sah, dass man ihre Puppe zur Darstellung des Jesuskindes genommen hatte, schrie sie, sobald sie die Puppe in der Krippe entdeckt hatte, mit wütendem Blick: «Böser Pfarrer! Geben Sie mir meine Jeanette (so hatte sie ihre Puppe genannt) zurück!» Es brach allgemeine Heiterkeit aus, und man musste mit ihr die Kirche verlassen.
Als kleines Mädchen betete sie gerne und brachte die Gebete auch ihrer Puppe bei, die sie hinkniete.


Familie Catez in Dijon

1882 wird ihr Vater, Hauptmann Catez, nach Dijon versetzt. Die Familie freut sich darüber und führt in Dijon ein ruhiges Leben. Eine zweite Tochter namens Marguerite wird geboren, die jedoch zärtlich «Guite» genannt wird. So lebhaft und aufbrausend Elisabeth ist, so sanft und zurückhaltend ist Guite.
Auf zwei unbeschwerte Jahre folgt ein ganz dunkles Jahr. Am Sonntag, den 2. Oktober 1887, stirbt Joseph Catez in den Armen der kleinen Elisabeth an einem Herzinfarkt. Dieser tiefe Schmerz der Familie, aber auch ihr eigener Schmerz, setzte sich unauslöschlich in Elisabeth fest. Zehn Jahre später schrieb sie ein Gedicht, in dem sie ihren Schmerz beschreibt: «O Vater, zehn Jahre ist es her, dass du so grausam starbst; du hast deine untröstliche Witwe zurückgelassen und deine Kinder, die noch so klein waren...»
Den so sehr geliebten Vater im Alter von sieben Jahren zu verlieren, ist eine furchtbare Wunde für das ganze Leben.
Kurze Zeit nach dieser schmerzlichen Trennung zieht Frau Catez mit ihren beiden Töchtern in die 2. Etage eines Hauses in der rue Prieur de la Côte d’Or. Von ihrem Zimmer im 2. Stock sieht Elisabeth ein geheimnisvolles Gebäude, das ihre Neugierde weckt: Es ist der Karmel von Dijon, der eines Tages «ihr» Haus sein wird.
Finanziell geht es der Familie gut und sie unternimmt jährlich Reisen nach Südfrankreich und Lothringen. Elisabeth wird von einer Hauslehrerin, Fräulein Grémaux, umfassend ausgebildet. Später erinnerte sich die Lehrerin an den «eisernen Willen» des Kindes, aber auch an dessen tiefe Sammlung in der Kirche. Da die Kleine sehr musikalisch ist, verbringt sie viel Zeit am Klavier, worunter das Lernen leidet, was man an ihrer Rechtschreibung erkennen kann.
So normalisierte sich das Leben bei den Catez wieder. Die Zornesausbrüche der älteren Tochter blieben jedoch heftig: «Sie war sehr lebhaft, ja aufbrausend! Ihr Jähzorn war manchmal so heftig, dass man ihr drohte, sie ins benachbarte Erziehungsheim zum “Guten Hirten” zu stecken.» Während der Gemeindemission 1899 notierte Elisabeth in ihr Tagebuch: «In der Predigt ging es heute Abend um die Erziehung der Kinder. O, ich habe Gott aus ganzem Herzen gedankt, dass er mir eine Mutter wie die meinige gegeben hat; eine Mutter, die zugleich sanft und streng war und die meinen furchtbaren Charakter besiegen konnte.»


Die «Bekehrung»

1887 war ihre erste Beichte, die sie «ihre Bekehrung», ihr «Erwachen für das Göttliche» nannte. Es ist für sie die Gelegenheit, mit neuer Energie gegen ihre hervorstechenden Fehler zu kämpfen. Die einzige, wirkliche Auflehnung ist der Freiheitsinstinkt der Kinder Gottes. Er konzentriert sich auf die einzige Beschäftigung, die die Welt beherrscht: Die Sünde, die der Feind der Liebe in unserm Herzen ist. In dem Brief, den Elisabeth ihrer Mutter zum Neuen Jahr schreibt, steht: «Liebes Mütterchen, ich möchte Dir ein gutes Neues Jahr wünschen und Dir versprechen, dass ich brav und gehorsam sein werde.»
Aber auch diese guten Vorsätze machen aus ihr kein ruhiges Kind. Während einer Katechismusstunde war sie so zerstreut, dass der Priester sie bestrafen musste. Er rief: «Elisabeth wird mit ihrem Temperament entweder ein Engel oder ein Teufel. Es hängt davon ab, welcher Seite sich ihr Herz zuneigt!» Elisabeth bekräftigte indes: «Ich betete sehr gerne und liebte Gott so sehr, dass ich schon vor meiner Erstkommunion nicht verstand, wie man sein Herz jemand anderem schenken kann, und von da an war ich fest entschlossen, nur Ihn zu lieben und nur für Ihn zu leben.» So etwas nennt man «Gott ernst nehmen», und hier entscheidet sich die Heiligkeit eines Lebens.


Nur für Ihn leben

Als sie 1888 die Ferien in Südfrankreich verbrachten, vertraute Elisabeth eines Abends ihr Geheimnis dem Kanoniker Angles an: «Ich will nur für Ihn leben.» So übergab das siebenjährige Kind seine Berufung der Kirche. Der Kanoniker zeichnete folgendes Bild von Elisabeth: «Sie hatte eine lebhafte, aufbrausende, leidenschaftliche Natur... Sprach sie von der Liebe Gottes — sie nannte Ihn immer mit einer himmlischen Betonung “Ihn” — spiegelten ihre schönen großen Augen den Himmel.


Ganz gesegnet – das Schönste in meinem Leben!

Am 19. April 1891 feiert Elisabeth ihre Erstkommunion. Es ist eine unendlich intensive Begegnung, die in einem Gedicht erkennbar wird, das sie sieben Jahre später schreibt:
«Am Jahrestag des Tages, an dem Jesus in mir seine Wohnung nahm, an dem Gott von meinem Herzen Besitz ergriff ... sehne ich mich nur noch danach, dem Geliebten der Eucharistie mein Leben hinzugeben.»
«Dieser große Tag, an dem wir uns einander ganz schenkten», schrieb sie später in ihrem Karmel.
Zwei Monate später empfängt Elisabeth das Sakrament der Firmung. Von da an achtet sie noch mehr als vorher darauf, sich zu beherrschen und nicht mehr so dominant zu sein. Das Herzensgebet wurde noch mehr als zuvor zur Quelle ihres Handelns.
Mit elf Jahren beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Langsam entwächst sie ihrer von Prüfungen durchzogenen Kindheit und erreicht das
Ufer einer blühenden, frohen Jugend. Das Schlüsselerlebnis ihrer Erstkommunion bleibt auch zwischen diesen beiden Phasen im Zentrum ihres Lebens. Damals «war ihre Seele ergriffen worden und nichts konnte sie von ihrem Christus ablenken».


Der Mensch, das Maß aller Dinge?

Elisabeth wuchs am Ende eines Jahrhunderts auf, wo es den Anschein hatte, dass der damals vorherrschende Laizismus irreversibel war. Der Mensch wurde zum alleinigen Maß aller Dinge, und er würde seine Zukunft frei gestalten können. Der Glaube an den Fortschritt ersetzte den religiösen Glauben. In diesem Kontext ist Elisabeth für ihre, aber auch für unsere Zeit, ein Zeichen der Vorsehung. Zerbrechlich, aufgewühlt, ungestüm wie so viele Menschen in unserer Zeit, aber auch voll Leidenschaft für das Leben, offen für andere, auf der Suche nach Abenteuer, nach Tiefe und Unendlichkeit wie es auch heute so viele Menschen sind. Was sie ist und was sie geworden ist, weckt in uns die Lust, an diesen Gott der Liebe zu glauben, «der dem Leben einen neuen Horizont und dadurch seine entscheidende Orientierung gibt» (vgl. Benedikt XVI., Enzyklika: Gott ist Liebe).
Elisabeth ist für unsere Zeit eine glaubwürdige Zeugin. Ihr ganzes Leben zeigt, dass wir es nicht mit einer «retuschierten und korrigierten» Heiligen zu tun haben, wie es bei den Heiligenbiographien ihrer Zeit oft üblich war. Damals schienen die Heiligen eine Art Übermenschen zu sein, die das menschliche Dasein höchstens flüchtig streiften. Elisabeth tritt dagegen mit einer so starken Menschlichkeit ins Leben, dass nur wenige auf ihre künftige Heiligkeit eine Wette abgeschlossen hätten. In einem Brief schrieb sie: «Glaube immer an die Liebe und singe stets ein “Dankeschön”.»


Eine erstklassige Pianistin

Seit ihrem achten Lebensjahr war Elisabeth auf dem Konservatorium und übte täglich mehrere Stunden am Klavier. Ihre Mutter ermutigte sie, und in den Augen ihres Professors war sie eine «ausgezeichnete Schülerin». Für ihr Klavierspiel gewinnt sie den ersten Preis. Sie ist eine ausgezeichnete Pianistin mit einem exzellenten Fingersatz. Ihr Spiel hat einen schönen Klang, und sie ist ein echtes Musiktalent. Und sie hat eine starke Präsenz. Man hört ihr zu, ja man betrachtet sie und ist von ihrer Gnade berührt. Ihr wurde eine glänzende Zukunft vorausgesagt, denn sie ist eine hochbegabte Künstlerin. Aber Elisabeth lässt nicht zu, dass der künstlerische Taumel ihr Herz mit sich reißt. In ihr lebt ein Geheimnis: «Ich fühle mich unwiderstehlich gedrängt, Jesus als einzigen Bräutigam zu erwählen. Ich werde mich unverzüglich durch das Gelübde der Jungfräulichkeit an Ihn binden.»
Die entscheidenden Ereignisse ihres Lebens sind von der Eucharistie «durchsetzt». Eines Tages spürte sie in ihrem Herzen nach dem Empfang der heiligen Kommunion das Wort «Karmel». Und sie sah sich schon «hinter den Gittern begraben». Sie musste aber noch sechs Jahre warten; diese Zeitspanne schien ihr unendlich lang zu sein, und ihr Gebet wurde immer inständiger. Weihnachten 1894 schrieb sie ein Gedicht:
«Demütiger Jesus, du mein Vorbild,
ich werde ein getreues Schaf sein,
dir folgen und mein Kreuz tragen
und immer nur auf deine Stimme hören.»
«Gott lieben und dazu beitragen, dass er geliebt wird, war ihr ganzes Leben», sagte später ihre Schwester Guite.
Sie vertraut der Muttergottes ihren brennenden Wunsch an, in den Karmel einzutreten. Eines Abends steht sie auf ihrem Balkon, als die Glocken zum Gebet läuten. Da fließen ihre Tränen: «O mächtige Himmelskönigin, führe mich schnell in den Karmel», schreibt sie in einem Gedicht.
Inzwischen ist sie siebzehn Jahre alt. Sie steht nun an der Schwelle ihrer Neugeburt. Der Karmel übt weiterhin eine starke Anziehung auf sie aus, aber sie ist jetzt gelassener. Die Ungeteiltheit ihres Herzens ist gestärkt und sie übereignet sich mit «einem wonnevollen Vertrauen» ganz Jesus. Die geheimnisvolle Gegenwart Gottes, die sie umgibt, ist das Zentrum und der beständige Bezugspunkt ihres Lebens. Nichts ist anziehender als das Antlitz des Bräutigams, der «so bezaubernd, so schön» ist.
Mit 18 Jahren reist sie nach Lourdes, «dieser Himmelsecke», wo sie drei wundervolle Tage verbringt. Mit einem kontemplativen Blick entdeckt sie in allem den Abglanz des Schöpfers und in jedem Menschen sein lebendiges Bild.


«Meine Glückseligkeit wird jeden Tag größer»

Man hat den Eindruck, dass ihr Herz strahlend und ruhig ist; «jede Minute wird sie tiefer in das Mysterium hineingezogen». Sie ist von einer Glückseligkeit erfüllt, die der des Himmels ähnelt.
Natürlich bleibt das Kreuzesgeheimnis im Zentrum. Elisabeth hat dessen tiefe Realität entdeckt. Während «dieser schmerzlichen Stunden» und «dieser furchtbaren Leere» höhlt Gott in der Seele größere Fähigkeiten aus, die gewissermaßen unendlich sind wie Er selber, damit sie Ihn noch mehr empfangen kann. Sie ist so glücklich, dass sie ihre Glückseligkeit ein wenig «aussäen» möchte. Die Worte «Glück» und «glücklich» tauchen häufig in ihren Schriften auf und zeigen, wie sehr sie sich freut zu leben, zu lieben und zu teilen. «Ich glaube, das Geheimnis des Glücks liegt darin, sich selbst zu vergessen, sich nicht mehr um sich selbst zu sorgen.»


Mein Herz fließt über, so sehr ist es ergriffen worden!

Im Spätsommer 1898 setzt Elisabeth ihre Reisen fort. Ihr Herz ist mehr denn je von der unendlichen Gegenwart erfüllt, die sie in allem erkennt und die in ihr alles zum Vibrieren bringt. Sie reist nach Marseille und macht eine Wallfahrt nach Notre-Dame-de-la-Garde.
Dann fährt die Familie nach Isère, wo sie von der Großen Kartause begeistert ist, die für sie «der schönste Ort unter dem Himmel» ist. Dann geht es nach Grenoble und Annecy am schönen Genfer See.
Die beiden Höhepunkte ihrer Reisen im Jahr 1898 sind die drei Tage in Lourdes und der Tag bei der großen Kartause, «einer Einsamkeit, wie man sie sich nicht tiefer erträumen kann». Zugleich befindet sie sich aber auch auf einer inneren Reise, wo sie der Heilige Geist «in jene Regionen führt, die voller Frieden, Licht und Liebe sind, in jene Regionen, wo man in Kontemplation vor Gott ist».
Am 30. Januar 1899 beginnt sie ihr Tagebuch mit einem Geständnis: Ihr Hang zu Zornesausbrüchen ist noch immer ausgeprägt vorhanden. Elisabeth schreibt: «Heute hatte ich die Freude, meinem Jesus mehrere Opfer bezüglich meines Hauptfehlers zu machen, aber wie schwer ist mir das gefallen! Daran erkenne ich meine Schwäche... Aber Jesus war mit mir; ich vernahm seine Stimme in der Tiefe meines Herzens, da war ich bereit, alles aus Liebe zu Ihm zu ertragen.»
Anfang Februar 1899 betont sie, dass ihre Beziehung zu Maria immer stärker geworden ist: «An jedem Marienfest erneuere ich meine Weihe an diese gute Mutter. Heute habe ich mich in ihre Arme geworfen. Ich habe ihr meine Zukunft, meine Berufung anempfohlen.» Sie schreibt in ihr Tagebuch: «O Maria, dich bittet man nie vergeblich».
Am 4. März beginnt eine große, einmonatige Volksmission in Dijon, die Elisabeth mit einer positiven Bilanz beschließt. Am 26. März 1899 schreibt Elisabeth Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe die Wende ihrer Mutter zu, die von der Berufung der Tochter nichts hatte wissen wollen. Elisabeth hatte mit einer Novene begonnen, damit ihre Mutter ihre Einstellung zu einem Klostereintritt ändern möge. Und noch bevor die Novene beendet war, hatte sich ihre Einstellung geändert.
Trotzdem hoffte sie noch, dass sich ihre Tochter in der Frage der Berufung anders entscheiden würde. Als sie aber merkte, dass sich die Vorstellungen ihrer Tochter nicht änderten, vergoss sie viele Tränen und sagte ihr, dass sie mit 21 Jahren selber über ihre Zukunft entscheiden dürfe.
Unterdessen sagten Bekannte zu Frau Catez, dass Elisabeth heiraten und eine hervorragende Partie machen könne. Die Mutter ging zum Pfarrer und fragte ihn, was sie tun solle. Er riet ihr, mit der Tochter über die Vorteile einer solchen Heirat zu sprechen. Elisabeth blieb jedoch unbewegt. «O mein Herz ist nicht mehr frei, ich habe es dem König der Könige geschenkt, ich kann nicht mehr darüber verfügen.» Mehr als je zuvor ist sie «die kleine Braut» Jesu.
Ende Juni 1899 ist Elisabeth zum ersten Mal im Sprechzimmer des Karmel, «wo alles nach dem Himmel duftet». Die Absolutheit des Karmel macht ihrer Mutter jedoch Angst. Sie träumt für ihre Tochter vom Glück der Ehe und nicht von der Absolutheit des Karmel.
Am 23. Januar 1900 beginnt Elisabeth mit Exerzitien. Sie schreibt: «Mein Leben soll ein beständiges Gebet, ein langer Akt der Liebe sein... O mein Meister, ich würde so gerne mit dir in der Stille leben. Aber mehr als alles möchte ich deinen Willen tun, und weil du mich noch in der Welt haben willst, bin ich aus Liebe zu dir von ganzem Herzen damit einverstanden. Ich schenke dir die Zelle meines Herzens; sie soll dein kleines Bethanien sein. Komm, und ruhe dich dort aus, ich liebe dich so sehr.»
Während sie auf ihren Eintritt in den Karmel wartet, spürt man, wie sie sich langsam mit der immer deutlicher werdenden Möglichkeit vertraut macht, eine Karmelitin in der Welt zu sein: «Nichts soll mich von Ihm abhalten. Ich möchte so in der Welt leben, dass ich nicht von der Welt bin: Innerlich darf ich Karmelitin sein, und ich will es sein. O mein Geliebter, lass mich diese Zeit, die ich noch in der Welt zu leben habe, heiligmäßig leben...»


Der Karmel im tiefsten Herzen

Ende Dezember 1900 schreibt Elisabeth ihrem geliebten Kanoniker Angles: «...Es scheint mir, dass einen nichts von Ihm ablenken kann, wenn man alles nur für Ihn tut, immer in seiner heiligen Gegenwart ist, unter diesem göttlichen Blick, der einem bis ins Innerste der Seele dringt. Auch mitten in der Welt kann man Ihn in der Stille seines Herzens hören, das nur für Ihn dasein will.»
Das ist eine tiefe und realis­tische Synthese des kontemplativen Gebetes. Zu Beginn des Jahres bittet Elisabeth den Herrn: «Gestalte in mir die Karmelitin, denn innerlich kann und will ich es sein.» Ende des Jahres zeigt dieser Text, dass Gott sein Werk gewirkt hat: Elisabeth ist noch reifer geworden, in ihrer Art und Weise mitten in der Welt aus der Gegenwart Gottes zu leben.
Später sagte die junge Karmelitin: «Es scheint, dass ich meinen Himmel auf der Erde gefunden habe, denn der Himmel ist Gott, und Gott ist in meiner Seele. An dem Tag, an dem ich das verstanden habe, wurde in mir alles hell, und ich möchte dieses Geheimnis so gerne allen, die ich liebe, ganz leise zuflüstern.»
Das Jahr 1900 ist für Elisabeth wie ein Jahr voller Licht: Licht der Exerzitien im Januar zum Thema «im Herzen Karmelitin sein», theologische Erkenntnisse nach ihrer ersten Begegnung mit P. Vallée, inneres Licht durch die Gespräche mit Mutter Marie von Jesus und vor allem das Licht ihrer täglichen Erfahrung der Gegenwart Gottes mitten in der Welt: Deshalb ist der wunderbare Abschnitt eines Briefes zugleich Wendepunkt und Erfüllung: «Diese Zeit hat mich sehr mitgenommen, sehr ergriffen...» Die Klangfarbe ist da. Elisabeth stellt die Erfahrung der Gegenwart Gottes mitten in eine intensive Aktivität. Wenn das jedoch wahr ist, geht es nicht mehr in erster Linie darum «innerlich eine Karmelitin zu sein», sondern «mitten in der Welt in Seiner heiligen Gegenwart» zu leben.
In ihren letzten Ferien Anfang Juli 1900 unternimmt sie ihre letzte große Reise, eine Rundfahrt durch Frankreich. Es ist, als würde sich Elisabeth schon jetzt von der Welt verabschieden. Diese Art des Abschieds zeigt sich symbolisch Anfang Oktober bei der Weltausstellung in Paris:
«Wir verbrachten zwei Tage in Paris bei einer guten Freundin. Wir haben uns über das Wiedersehen gefreut. Ich hatte das Glück, nach Montmartre und zu Notre-Dame-des-Victoires zu gehen. Wir waren zweimal auf der Ausstellung, es ist sehr schön, aber ich verabscheue diesen Lärm und diese Menschenmassen...»
In weniger als zehn Monaten wird Elisabeth in den Karmel von Dijon eintreten. «Ich bin nie allein, mein Christus ist immer da, er betet für mich, und ich bete mit Ihm». «Mein Herz fließt über, so sehr ist es ergriffen worden! Es ist so gut, Ihm zu gehören!»


«Das beste Land der Welt»

Am Freitag, den 2. August 1901, tritt Elisabeth in das Land des Karmels, «das beste Land der Welt» ein. «Hier gibt es nur noch Ihn, mein Glück ist übergroß.» «Der Horizont des Karmels ist die Unendlichkeit!» Die Karmelitin ist eine ergriffene, «gepackte» Seele.
Im Dezember 1901 schreibt Elisabeth: «Ich bin überglücklich, euch meine unermessliche Seligkeit mitzuteilen. Am 8. Dezember, an diesem schönen Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, werde ich mit meiner geliebten Karmeltracht bekleidet werden. Ich werde mich durch dreitägige Exerzitien auf diesen Tag der Verlobung vorbereiten. Oh, wenn ich daran denke, habe ich nicht mehr das Gefühl, auf der Erde zu sein! Betet viel für eure kleine Karmelitin. Möge sie das Herz ihres Meisters erfreuen, denn ich liebe meinen Christus so sehr!»
Am 8. Dezember wird Elisabeth mit dem Habit aus grobem, braunen Wollstoff, dem großen, braunen Skapulier Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, dem Novizenschleier und dem wundervollen weißen Mantel bekleidet. Sie strahlt vor Glück, denn in ihrem Innersten weiß sie, dass sie für diesen Augenblick geboren wurde, wie es in einem Gedicht aus dem Jahr 1898 heißt.
Nach ihrer strahlenden Einkleidung beginnt für sie eine innere Nacht, die das ganze Noviziatsjahr andauert. Es ist eine geistliche Läuterung.


Der LIEBE entgegen

Am 16. Juli 1906, dem Festtag Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, schreibt Elisabeth ihrer Schwester einen langen Brief, ein richtiges Testament, das unmittelbar aus ihrem Herzen kommt. Wie eine innere Wunde fließt die unendliche Liebe über.
Alles scheint sich zu beschleunigen, die Ewigkeit kommt mit großen Schritten näher: «Findest du nicht, dass das Leid einen mit stärkeren Banden mit Ihm vereint?... Hilf mir, meine Ewigkeit vorzubereiten.»
Elisabeth leidet an der furchtbaren Addison-Krankheit, die damals noch kaum erforscht war, so dass ihr die Ärzte nicht mehr helfen konnten. Sie leidet schrecklich unter diesem «Zerstörungswerk». Am 30. Oktober 1906 verschlimmert sich ihr Zustand, und an Allerheiligen kommuniziert sie zum letzten Mal. Die Gemeinschaft versammelt sich bei ihr und betet inständig. Elisabeth bittet jede einzelne Schwester voll Sanftmut um Verzeihung. Alle sind sehr bewegt. Man bittet sie um ein letztes Wort, und sie antwortet mit schwacher Stimme: «Alles vergeht! Am Abend des Lebens bleibt nur die Liebe; man muss sich unablässig selbst vergessen: der liebe Gott mag es so sehr, wenn man sich vergisst. Oh, wenn ich das doch immer getan hätte!»
Vom 2 bis 6. November ist sie noch bei Bewusstsein. Sie hat große Schmerzen und lebt in tiefem Schweigen. Die Mitschwestern fangen ein letztes gehauchtes Wort auf: «Ich gehe zum Licht, zur Liebe, zum Leben», murmelt sie.
Nach einer Nacht furchtbarer Leiden, zu denen noch Erstickungsnot hinzukommt, beruhigt sich bei Tagesanbruch alles. Die Gemeinschaft hat sich um die Sterbende versammelt. Elisabeths Augen sind jetzt weit geöffnet und erstaunlich leuchtend. In der Morgendämmerung hört sie ganz sanft auf zu atmen. Ihre Seele, ihre wundervolle Seele, hat sich aufgemacht zum Licht, zur Liebe und zum Leben. Nun ist sie in der Seligkeit des Unendlichen, für ewig eingetaucht in eine unaussprechliche Glückseligkeit.
René Lejeune

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