Pater Pio

Das Opfer der Liebe (2)

Von José Kardinal Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse

=> MARIA HEUTE 431 INHALT

> Literatur über Pater Pio

Der Inhalt der Kreuzesspiritualität

In der Gnaden- und Heilsökonomie ist das Kreuz das einzige von Gott auserwählte Mittel, um die Menschheit mit Gottvater zu versöhnen. Das ist Gottes Plan.
Das Kreuz ist nicht nur eine schlichte Episode im irdischen Leben des menschgewordenen Wortes, sondern integraler Bestandteil des Mysteriums der Menschwerdung. Das Kreuz, das den Gläubigen von Christus vorgestellt und auferlegt wird, ist nicht einfach eine Bedingung der «Sequela Christi», (Nachfolge Christi) sondern der realste und echteste Ausdruck der Zugehörigkeit zu seinem Reich. Man ist nur in dem Maß wirklich Christ, als man bereit ist, das auferlegte Kreuz anzunehmen: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.» (Mt 16,24)
Wer sein Kreuz trägt, wird zu einem Heilszeugen unter seinen Brüdern und Schwestern und bewirkt, dass sie Anteil haben an diesem Heil, dessen Objekt und zugleich Subjekt er ist. Durch diese freie und hochherzige Entscheidung wird der Christ zum Mittler und Miterlöser für seinen Nächsten, natürlich unter dem Einfluss und
in Abhängigkeit gegenüber Christus, der immer der einzige Mittler und Erlöser der Menschheit sein wird: «Einer [ist] Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus» (vgl. 1Tim 2, 5).
Jesus hat als höchsten Beweis und unwiderlegbares Argument seiner Liebe zu den Menschen sein Leben freiwillig für alle hingeopfert. Das Leben ist das wertvollste, was der Mensch besitzt. Seit dieser Hingabe Jesu verstehen und ergründen die Menschen, die zutiefst und aufrichtig christlich sind, unter dem Einfluss des Heiligen Geistes und durch die Betrachtung des Kreuzes, was die göttliche Liebe für sie bedeutet. Auf dieses Prinzip und auf diese Realität gründen sie dann ihr gesamtes geistliches Leben. Das Kreuz ist zu einem Anziehungspunkt und zu einem Zentrum der Ausstrahlung geworden. In der Schule des Schmerzes haben sie gelernt, dass im Kreuz das Mysterium der Liebe enthalten ist. Das lernen sie auch weiterhin. Es geht nicht um menschliche Wissenschaft, sondern um eine Gabe des Allerhöchsten.
«Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben.» (1Joh 3, 16) Pater Pio hat zweifellos auf diese Einladung geantwortet, indem er sie bis zur letzten Konsequenz annahm und Apostel und Meister dieser Botschaft der gekreuzigten Liebe wurde.
Seinem Freund P. Agostino vertraute er an: «Wenn Jesus mich verstehen lassen will, dass er mich liebt, lässt er mich die Dornenwunden und die Ängste seiner Passion erleben... Wenn er mir Freude machen will, erfüllt er mein Herz mit diesem Geist, der ganz aus Feuer ist, er spricht mir von seinen Wonnen... Jesus, der Schmerzensmann, möchte, dass alle Christen ihn nachahmen... Mein armes Leiden ist nichts wert, aber Jesus freut sich darüber, weil er es auf Erden so sehr liebte»1... Es stimmt, dass die Menschen heutzutage nicht mehr verstehen können, warum ein Gott, der sich gütiger Vater nennt, so viel Leid zulässt, selbst bei Unschuldigen. Wir können überall feststellen, dass das spirituelle Gespür fehlt und so verstehen wir, dass es notwendig ist, das Böse zu sühnen und zu erlösen.
Im Leben des Christen hat das Mysterium des Kreuzes, genauso wie im Leben Christi, eine entscheidende, transzendente und unersetzliche Bedeutung. Der Jünger kann keinen anderen Weg einschlagen als den des Meisters. Er kann kein anderes Lebensgebot annehmen als das vom Herrn selbst verkündete. Christus, der Herr, wusste genau, dass sein Gebot nicht leicht ist und dass er keine Begeisterung hervorrufen würde.
Dennoch verkündete er kategorisch und fest: «Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach» (Mt 16,24).

Beweggründe, um das Kreuz in seinem Leben anzunehmen und annehmen zu lehren

Der Weg des Kreuzes ist vor allem der einzige Weg, dem alle folgen müssen, die Gott in der Nachfolge Christi aufrichtig suchen wollen. Es gibt keinen anderen Weg, um Heiligung und Heil zu erlangen. Das Kreuz wird der «Personalausweis» des Christen, das Siegel seiner Echtheit und die «Uniform»2 der Jünger des Herrn, der das menschgewordene Wort Gottes ist, wie der neue Heilige in einem Brief schrieb.
Das Kreuz ist der einzige Heilsweg für die Menschen – und all jene, die ihn bis zum Ende gehen sollen, sind zu einer besonders innigen und vollkommenen Verwirklichung der Geheimnisse Christi berufen. So lautet die evangelische Lehre des Heiligen von Pietrelcina: «Das Weizenkorn bringt keine Frucht, wenn es nicht durch seinen Zerfall leidet. Genauso brauchen die Seelen die Prüfung des Schmerzes, um geläutert aus ihr hervorzugehen»3. «Damit wir unser letztes Ziel erreichen, müssen wir dem göttlichen Führer folgen, und er will die auserwählte Seele keinen anderen Weg führen als er selbst gegangen ist: den Weg der Verleugnung und des Kreuzes»4.
Es gibt einen zweiten Grund, warum man das Kreuz umarmen soll: Christus ging seinen Weg immer unter dem Gewicht des Kreuzes, und jeder wird Seiner nur in dem Maße würdig sein, als er Ihm nachfolgt und an seinen Schmerzen Anteil hat. Mit Christus am Kreuz zu leben ist das erhabenste Ideal jedes Christen. Niemand kann das alleine, Christus geht uns immer voraus und trägt dabei sein und unser Kreuz. Er leitet unsere Schritte, die oft unsicher und schwankend sind. Jesus verlässt niemanden, der aus Liebe zu ihm seinen Weg mit dem Kreuz geht, und wenn eine Seele verstört ist, soll sie Jesus niemals vergessen, im Gegenteil: sie wird aus diesem tröstlichen Gedanken immer mehr Kraft zum Durchhalten schöpfen.
Pater Pio schrieb: «Jesus ist immer bei Ihnen, auch wenn Sie den Eindruck haben, ihn nicht zu hören. Er ist aber auch bei Ihnen, wenn er Sie in Ihren geistlichen Kämpfen begleitet. Er ist immer da, an Ihrer Seite und ermutigt Sie, den Kampf mutig zu führen; er ist da, um die Schläge des bösen Feindes zu verhindern, damit Sie nicht verletzt werden»5. «Sagen Sie nicht, Sie würden allein auf den Kalvarienberg steigen oder dass Sie alleine kämpfen und weinen, denn Jesus ist bei Ihnen und verlässt Sie nie»6.
Es muss auch noch betont werden, dass in der asketischen Sprache «Opfer sein» bedeutet, sich völlig hinzugeben, um aus Liebe zum Herrn geopfert zu werden. Das setzt den vollständigen und endgültigen Verzicht auf alles, das in irgendeiner Weise ein Hindernis für den göttlichen Willen sein kann, voraus, um in jedem Augenblick wiederholen zu können: «Ich tue immer alles, was ihm gefällt»7.
Das ist Pater Pios Erfahrung: «Wisse, meine Tochter, dass ich auf dem Lager meiner Schmerzen ausgestreckt bin, dass ich auf den Altar des Ganzopfers gestiegen bin und dass ich auf das Feuer warte, das von oben herabkommt, damit es sein Opfer verzehrt. Bestehe durch deine Gebete darauf, dass dieses verzehrende Feuer schnell herabkommen möge».8
Es ist der Wille Christi selbst, sich als Opfer für das Heil der Seelen darzubringen, nicht weil er der Geschöpfe bedarf, sondern weil er sich in seinen ewigen Plänen der Glieder seines mystischen Leibes bedienen wollte, um den Erlösungsplan zu verwirklichen. «Das kommt wirklich nicht aus Notwendigkeit oder Schwäche, sondern weil er es so verfügt hat, um seiner furchtlosen Braut Ehre zu erweisen»9, sagte Pius XII.
Der heilige Pater Pio ermutigte die Seelen, dieses Mysterium zu leben und dadurch für die Kirche zu ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlte.10 Und abermals: «Unter dem Kreuz lernt man zu lieben und ich gebe es nicht allen, sondern nur jenen Seelen, die mir die liebsten sind» (La croce sempre pronta, P. Pio, Città Nuova 2002, S. 3).

Der Weg des Kreuzes, Weg der privilegierten Seelen

Diese Gnade wird jenen gewährt, die zu einer innigeren Verwirklichung des Ideals der Vollkommenheit berufen sind. Die Seelen, die auf diesen Weg gerufen werden, sollen überzeugt sein, dass Gott sie mit Liebe auserwählt hat, um einen menschlich gesehen notvollen Weg zu gehen, der keine Anziehungskraft ausübt, wie Pater Pio immer wiederholte.
In seinen Unterweisungen verbarg oder unterschätzte der stigmatisierte Kapuziner die Schwierigkeiten des eingeschlagenen Weges nicht. Er kannte die Stürme, die endlosen Stunden eines Kampfes, der mit einer möglichen Niederlage enden konnte, nur zu gut. Deshalb war es ihm ein beständiges Anliegen, die Früchte angenommener und mit Christus geteilter Leiden bewusst zu machen, indem er die Mahnung des Apostels Paulus beherzigte: «Leide mit mir als guter Soldat Christi» (2Tim 2, 3).
Er fand unmittelbare und aufrichtige Formulierungen, die allen zugänglich sind, überzeugende Töne, um den schwierigen Weg auf den Kalvarienberg bis hin zur ewigen Vereinigung mit Christus in der Herrlichkeit des Tabors zu unterstützen.
Pater Pio wusste und bekräftigte, dass Schmerz in sich selbst nicht erstrebenswert ist und dass die menschliche Natur ihn instinktiv meidet, da er das Gegenteil von Glück ist. Der Christ stellt sich dem Schmerz aus theologischen und übernatürlichen Gründen. Er bemüht sich, dies allen bedrängten Seelen begreifbar zu machen.
Einer anonymen Pönitentin riet er: «Ich bin nicht dagegen, dass du in deinen Leiden klagst, aber ich möchte, dass du es mit dem Herrn tust, in einem kindlichen Geist, so wie es ein Kind mit seiner Mutter tun würde. Wenn man mit Liebe klagt, ist es nicht schlecht, um Erleichterung zu bitten. Tue es also mit Liebe und Ergebung und wirf dich in die Arme des göttlichen Willens.»11
Oft bezog sich unser Heiliger auf das Bild des Simon von Zyrene, der das Kreuz Jesu trug. Er spornte die Seelen an und ermunterte sie, auf dem schmerzlichen Weg der Läuterungen und Prüfungen beharrlich zu bleiben und opferte sich selber als ihr Simon von Zyrene auf, um das Kreuz mit ihnen zu tragen und es sogar für sie zu tragen, indem er den Schmerz auf sich nahm und ihnen alle Verdienste überließ. In der Tat, sein Leben als Gekreuzigter lehrte ihn, der Simon von Zyrene aller Gekreuzigten zu werden.
In seinen Briefen an die «Cerase» stoßen wir auf folgende Passagen: «Was mich betrifft, so kann ich nur gerne den Schmerz, der Sie niederdrückt, mit Ihnen teilen, inständig für Sie zum lieben Gott beten und Ihnen vom sanftesten Jesus die psychische und physische Kraft wünschen, um diese letzte Prüfung seiner väterlichen Liebe zu Ihnen zu bestehen. [...] Wie gerne wäre ich Ihnen in diesen Momenten nahe, um den Schmerz, der Sie niederdrückt, etwas erleichtern zu können! Aber ich werde Ihnen in Gedanken nahe sein; ich mache mir alle Ihre Schmerzen zu eigen und werde sie alle als Ganzopfer für Sie beim Herrn aufopfern»12.
In der Spiritualität von Forgione ist Schmerz keine Bestrafung, sondern eine ganz feinfühlige Liebe Gottes. Normalerweise wird die Intensität des seelischen Schmerzes noch durch eine subtile Versuchung gesteigert, die den Menschen glauben lässt, dass seine Schmerzen eine von Gott auferlegte Strafe für seine Untreuen sind. Daher hält er sie für etwas, das ihm den schlechten Zustand seines Gewissens und seiner Entfernung vom rechten Weg des Heils und der Heiligung vorwerfen soll. Die Aufgabe des geistlichen Begleiters besteht in solchen Fällen darin, ihm verständlich zu machen, dass der Zustand, den er durchlebt, weder Strafe für seine Verfehlungen oder Untreuen, noch Sühne für seine unbekannten Sünden, noch Vergeltung der göttlichen Gerechtigkeit ist. Im Gegenteil: Es handelt sich um einen Beweis der besonderen Liebe für privilegierte Seelen, die auserwählt wurden, um an den schmerzhaften Geheimnissen des Erlösers teilzunehmen.
1918 machte Pater Pio folgende Bemerkung zu Erminia Gargani: «Beruhige dich und sei gewiss, dass diese Schatten und deine Leiden keine Strafe im Ausmaß deiner Schlechtigkeit sind. Du bist weder eine grausame, noch eine von Bosheit geblendete Person, sondern eine dieser vielen auserwählten Seelen, die sich wie das Gold mit dem Feuer messen. Das ist die Wahrheit und wenn ich etwas anderes sagen würde, wäre ich nicht aufrichtig und würde die Wahrheit nicht respektieren»13.
In ähnlicher Weise ermahnte er auch Assunta di Tommaso: «Dieser Zustand ist keine Strafe, sondern eine Liebe, eine ganz besonders feinfühlige Liebe. Preise daher den Herrn und ergib dich, um den Kelch von Gethsemani zu trinken»14.
Bewegend ist auch, wie Pater Pio Maria Gargani ermutigte: «Hab keine Angst, denn Er, der dich ausgespannt auf dem Kreuz hält, liebt dich und haucht dir Kraft ein, um das unerträgliche Martyrium zu ertragen; Er haucht dir Liebe ein, um die Liebe bitter zu lieben»15. «Vertraue ganz und gar auf seine Barmherzigkeit und Güte, er wird dich nie verlassen. Höre aber dennoch nicht auf, sein heiliges Kreuz zu umarmen»16.
Das bisher Gesagte kann uns Pater Pio als Mann des Kreuzes näher bringen. Die große Botschaft des heiligen Pater Pio, die dringlicher als je zuvor ist, führt genau auf diesen Grat: Auf den Grat einer Kreuzestheologie, die vom Glanz der Auferstehung, ohne die der Kern des Christentums wirklich fehlen würde, erleuchtet ist. Die Heiligsprechung von Pater Pio ermutigt uns sicher, unsere Wurzeln als Jünger des gekreuzigten und auferstandenen Herrn tiefer zu verankern. Zum Schluss möchte ich ein Zitat anführen, das Vittorio Messori als Leitwort für die Biographie eines anderen Seligen wählte, das aber auch auf Pater Pio passt. Es stammt von Evagrius Pontikus und lautet: «Man kann auf eine Theorie mit einer anderen Theorie antworten. Aber wer könnte jemals ein Leben widerlegen?»
Seit dem 25. Mai 1887, dem Geburtstag des Francesco Forgione in Pietrelcina, sind fast 120 Jahre verstrichen. Damals war dort, wie auch im restlichen Königreich Italien, durch das Cripsi-Gesetz verfügt worden, dass alle Kreuze aus öffentlichen Gebäuden — auch aus den Schulen — entfernt werden mussten. Der kleine, zukünftige Pater Pio, der genau in jenem Jahr geboren wurde, sollte eines Tages ein an Leib und Knochen Gekreuzigter werdenxvii. Als Heiliger gestattete er noch weniger, dass das Kreuz nicht nur nicht von den Mauern, sondern auch nicht aus den Herzen entfernt wurde, in die es eingesenkt worden war, um das Heil zu bringen und sogar zu einer Verherrlichung zu werden: «Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen» (Gal 6,14).
José Kardinal Saraiva Martins

Anmerkungen:
1. Epist. I, S. 335-336.
2. Epist. II, S. 175
3. Epist. II, S. 442
4. Epist. II, S. 155
5. Epist. II, S. 156
6. Epist. II, S. 463
7. vgl. Joh 8, 29
8. Epist. III, S. 738
9. Pius XII. AAS 35 (1943), S. 213
10. vgl. Kol 1, 24
11. Epist. III, S. 920
12. Epist. II, S. 510
13. Epist. III, S. 716
14. Epist. III, S. 441
15. Epist. III, S. 333
16. Epist. III, S. 935

> Literatur über Pater Pio

Copyright © 1999 - 2009 - Alle Rechte vorbehalten für Text und Fotos
PARVIS-VERLAG - MARIA HEUTE - CH-1648 HAUTEVILLE / SCHWEIZ.
TEL.: 0041 (0)26 915 93 93 // FAX: 0041 (0)26 915 93 99 // E-MAIL buchhandlung@parvis.ch
HOMEPAGE PARVIS // ZEITSCHRIFT MARIA HEUTE