Pater Pio

Das Opfer der Liebe (1)

Von José Kardinal Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse

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> Literatur über Pater Pio

Ein berühmter Schriftsteller schrieb: «Wenn es heute einen Oscar der Sympathie für Heilige gäbe, würde er zweifellos Pater Pio verliehen. Selten hat man einen so beliebten und berühmten Ordensmann gesehen. Seine Berühmtheit und sein Bekanntheitsgrad ist nicht nur unter Christen ganz enorm»1.

Aus journalistischer Sicht eine faszinierende Beobachtung, die aber aus theologischer Sicht unvollkommen ist. Wenn es nämlich um die Frage der Heiligkeit geht, zählt nicht so sehr die einhellige Meinung der Menschen, sondern die Anerkennung durch Gott und in diesem Sinn kann es weder eine Hierarchie noch eine Klassifizierung geben. Alle Versuche, die eine Art Hitparade aufstellen wollen, sind letztlich lächerlich. Täglich heißt es, im Kanon der Messe, wenn die Kirche den Höhepunkt ihres eucharistischen Lebens feiert: «mit allen Heiligen, auf deren Fürsprache wir vertrauen» (Drittes Hochgebet).
Die Heiligen werden also zuerst von Gott geschätzt, bevor sie von den Menschen geschätzt werden. Dennoch können wir die Tatsache nicht außer Acht lassen, dass die Verehrung für Pater Pio immense Ausmaße angenommen hat. Millionen Menschen folgen ihm auf vielfältige Weisen, einfache Menschen, aber auch Personen aus der Welt der Kultur und der Politik,
Berufstätige, Intellektuelle, Journalisten, Diplomaten, Ärzte, Kirchenmänner, Menschen, die noch auf der Suche nach Gott sind. Eine echte «Weltklientel», wie Paul VI. betonte (Audienz vom 20. Februar 1971).
Mit Recht hat man gesagt, dass Pater Pio der «Heilige des Volkes» war und hob damit vielleicht sogar unbewusst das besondere Charisma des Kapuzinerordens hervor, den schon Gioberti «die Brüder des Volkes» nannte2.
Viele Menschen stellen sich Fragen über dieses «Phänomen», das mit Pater Pio verbunden ist. Es gibt verständlicherweise verschiedenste Deutungen dafür. Schon Bruder Masseo, ein junger Mitbruder des Poverello aus Assisi, fragte: «Franziskus, warum folgen dir alle? Du bist kein schöner Mensch, du bist nicht gelehrt, du bist nicht adelig...».
Ziel dieser Reflexion ist nicht, eine Antwort auf diese Fragen zu finden, sondern den Kern der Botschaft unseres «demütigen Kapuzinerbruders» zu finden, «der die Welt durch sein Leben in Erstaunen versetzte3», wie der Papst in seiner Predigt bei der Seligsprechung auf dem Petersplatz sagte. Es geht darum, die Dringlichkeit und Aktualität dieses Kerns hervorzuheben. Es geht zweifellos auch darum, jenen Recht zu geben, die die Anziehung, die Pater Pio auf so viele Menschen ausübt, als eine Antwort auf den «Hunger nach Transzendenz», auf die Suche nach dem Übernatürlichen erklären, das den Menschen auch noch zu Beginn des dritten Jahrtausends durch die Besonderheit einer mystischen Phänomenologie begleitet und bedrängt.

Ein Altar auf der Welt

«Wie oft hättest du mich verlassen, mein Sohn, wenn ich dich nicht gekreuzigt hätte...», hat mir Jesus gesagt (P. Pio, La Croce sempre pronta, Città Nuova, 2002, S. 3)
Pater Pio zu verstehen ist trotz der Schlichtheit seiner Person nicht leicht, denn man muss weit hinter das Augenfällige zurückgehen. Der Selige sagte selbst: «Was soll ich Ihnen von mir sagen? Ich bin mir selbst ein Geheimnis»4.
Wenn es stimmt, dass die göttliche Vorsehung jedem Menschen mit seiner Geburt eine Sendung anvertraut, die er während seines irdischen Lebens erfüllen soll – was war dann die charakteristische Sendung des stigmatisierten Heiligen vom Gargano?
Als Papst Pius XII. anlässlich des Ad limina Besuches von S. E. Andrea Cesarano, Bischof von Manfredonia, im April 1947 fragte: «Was macht Pater Pio?», antwortete dieser: «Heiligkeit, er nimmt die Sünden der Welt hinweg»5.
Eine klare und richtige Antwort, insbesondere im Licht des ganzen Kontextes von Francesco Forgiones Leben und Spiritualität. Er opferte sich stets als Liebesopfer auf dem Altar, wo er die Passion Christi durchlebte, und im Beichtstuhl, wo er das Mitleid (genau in der Bedeutung des Wortes mit-leiden) mit dem Sünder lebte. Im eucharistischen Opfer wurde er eins mit Christus und im Beichtstuhl wurde er eins mit Christus und mit dem Pönitenten, um die Seelen mit Gott zu versöhnen.
Pater Pio war ein großer Apostel des Beichtstuhls. Er übte diesen Dienst achtundfünfzig Jahre lang Tag und Nacht, Stunde um Stunde aus: Voll Hingebung für die Menschen, die zu ihm kamen, Männer und Frauen, Kranke und Gesunde, Reiche und Arme, Kirchenmänner und Laien, Menschen von nah und fern. Bei seinem Seligsprechungsprozess war das leuchtende Beispiel, das er den Priestern auf der ganzen Welt für dieses und die noch folgenden Jahrhunderte gegeben hat, sicher sein größter Ruhmestitel und Beweis seiner Heiligkeit. (ibid.)
Manchmal sagte er zu seinen Mitbrüdern in einem vertraulichen Ton: «Seelen werden nicht geschenkt, sie werden erkauft. Ihr wisst nicht, was sie Jesus kosten? Nun, man muss sie immer mit derselben Währung kaufen.» (ibid.)

Der Mann, der das Leiden kennt

Über seinen Eintritt in den Kapuzinerorden im November 1922 schrieb Pater Pio: «O Gott, [...] von Anfang an hattest du deinem Sohn eine sehr große Sendung anvertraut. Eine Sendung, die nur du und ich kennen. O Gott [...], in meinem tiefsten Innern höre ich eine Stimme, die mir mit Nachdruck sagt: heilige dich und heilige andere» (Epist. III, 1010). Sich nicht nur im moralischen Sinne heiligen, sondern auch im Sinne von sich als Opfer heiligen. «Opfere dich» für die Heiligung und das Heil der Seelen.
Er war sich also bewusst, von Gott durch die Liebe und das Kreuz zum Mitarbeiter des Erlösungswerkes Christi erwählt worden zu sein.
Mit Christus gekreuzigt lebte nicht mehr er, sondern Christus in ihm, wie es beim Apostel Paulus heißt (Gal 2,19). Pater Pio wählte das Kreuz und war überzeugt, dass sein ganzes Leben wie das seines Meisters ein «Martyrium» sein würde. Im Juni 1913 schrieb er seinem Seelenführer P. Benedetto: «Der Herr lässt mich wie in einem Spiegel mein ganzes künftiges Leben schauen, das nichts anderes als ein Martyrium ist» (Epist. I, 368).
Man muss sich aber in Erinnerung rufen, dass diese klare Vision seiner ungewissen und bedrängten Zukunft ihm weder Sorgen machte, noch ihn entmutigte. Im Gegenteil: In seiner tiefsten Seele freute er sich sehr über den Ruf, durch das Leid, das seinen Wert und seine Wirksamkeit aus der realen Teilhabe am Kreuz Jesu hat, am Heil der Seelen mitzuwirken (vgl. Epist. I, 303).
Deshalb nahm Pater Pio gerne und freudig alle Leiden an Leib und Seele, die der Herr ihm anbot, an. Mit immer größerem Nachdruck erkannte er in seinem Herzen die Stimme Gottes, die ihn zu Opfer und Hingabe für seine Brüder aufrief (vgl. Epist. I, 328f).
Die meisten Menschen kennen diesen Aspekt wohl nur kaum, denn es wird nur wenig darüber gesprochen. Der Akzent wird meistens auf andere Aspekte im Leben von Pater Pio gelegt, die leichter zu verstehen und zu akzeptieren sind. Wenn man jedoch aus dem Leben von Pater Pio und aus seiner Spiritualität die Wirklichkeit des Kreuzes entfernt, nimmt man seiner Heiligkeit ihre Substanz. Das Kreuz war nicht eine Episode, sondern eine Lebenswahl, denn sein ganzes Leben verlief im Schatten des Kreuzes, zur Ehre Gottes, zur persönlichen Heiligung und zum Heil der Brüder. Er war immer und ganz in der Schule seines Meisters Christus, der den Willen des Vaters frei und mit Liebe annahm: «Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen [...] Da sagte ich: Ja, ich komme ... um deinen Willen, Gott, zu tun» (Heb 10, 5).
Die beiden wichtigsten Biographien über Pater Pio6 - die von P. Fernando da Riese Pie X und jene von Alessandro da Ripabottoni – haben beide als Untertitel: «Der Gekreuzigte ohne Kreuz», bzw. «Der Kreuzträger aller», zwei Angaben, die den wichtigsten Aspekt seiner Spiritualität hervorheben wollen. In der Tat lebte Pater Pio von 1910 bis 1968 wie ein Gekreuzigter; er trug nach dem Vorbild Christi sein Kreuz und das der leidenden Menschheit, die zu ihm kam.
Im März 1948 schrieb Pater Pio einer unbeschuhten Karmelitin: «Eines Tages, wenn wir das Licht des Zenits sehen dürfen, werden wir erkennen, welchen Wert, welche Schätze unsere irdischen Leiden waren, durch die wir die himmlische Heimat, die kein Ende haben wird, gewonnen haben. Von hochherzigen und liebenden Seelen erwartet Gott Heroismus und Treue, damit sie nach dem Aufstieg zum Kalvarienberg am Berg Tabor ankommen.»
Diese Worte sind die Zusammenfassung einer Spiritualität, die auf das Mysterium des Leidens und des Todes Jesu ausgerichtet ist, und Pater Pio hat sie «in der Schule des Schmerzes7», «des Opfers8» und «des Kreuzes, in dem sich unsere Seelen nur heiligen können9» gelernt und gelehrt, wie er in seinen Briefen immer wiederholt.
Von dieser Kanzel aus hatte Pater Pio die Möglichkeit, seine unvergleichlichen Gaben eines authentischen Meisters des Geistes zu zeigen. Es gelang ihm, «hochherzige Seelen, die Gott lieben» zu formen, Seelen, die von der Weisheit des Kreuzes genährt waren. Durch sein Beispiel und sein Wort brachte er die Seelen, die ihm anvertraut waren, dazu, der Lehre dieser «Schule» zu folgen.
Melchiorre da Pobladura10 zufolge lässt sich dieser besondere und charakteristische Aspekt in drei Punkten zusammenfassen: Die Spiritualität des Kreuzes, die Inhalte des Kreuzes, die Methodologie, die er anwendete, um die Seelen, die sich ihm anvertrauten, zu formen und zu begleiten.

Die Spiritualität des Kreuzes

Die Lehre vom läuternden Leiden und die Theologie vom heilbringenden Schmerz sind das Grundthema der Lehre des heiligen Pater Pio bei der Seelenführung. Wir stehen hier vor einem wesentlichen Teil seiner Arbeit als geistlicher Begleiter, der aber auch sein persönliches Engagement auf dem Weg zur Heiligkeit charakterisiert. Es geht um ein gelebtes Programm, das seine Wurzeln im Evangelium hat und sich im Leben und in der Lehre Christi spiegelt.
Die äußeren Stigmata Pater Pios beeindrucken den oberflächlichen Beobachter. Gleichwohl ist dieses Phänomen aus klinischer Sicht nicht so bedeutsam. Wichtiger ist das, was damit ausgedrückt wird: Die vollständige Verklärung in den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Die sichtbaren Wunden zeigen das, was der hl. Gregor von Nyssa die «spirituellen Wunden» nannte. Es sind die Wunden einer herzzerreißenden Liebe, die sich der geliebten Person angleicht. Pater Pio hatte eine erhebende, wenn auch dramatische Erfahrung dieser geistlichen Wunden11. Das Kreuz nimmt – unabhängig vom «Namen», unter dem es auftritt und vom schmerzlichen Aspekt unter dem es sich zeigt – einen zentralen Platz im Leben des Christen ein. Der Stigmatisierte vom Gargano hat das verstanden, gelebt und gelehrt. Er hat kein wissenschaftlich ausgearbeitetes Programm vorgelegt, sondern er hatte ganz klare Vorstellungen vom Heilsplan Gottes, der im Zusammenhang mit dem Kreuz des Erlösers Christus steht. Pater Pio hat den Reichtum des Kreuzesmysteriums, das «denen, die verloren gehen, Torheit, uns aber, die gerettet werden, Gottes Kraft [ist]» (vgl. 1Kor 1, 18), tief durchdrungen und ergründet.
Es genügte ihm, das Kreuz und die Lebensweise Jesu, des menschgewordenen und gekreuzigten WORTES, zu betrachten und dadurch seine Heilsbotschaft wieder lebendig und wirksam zu machen. Leiden und Tod Jesu sind für ihn eine historische und essentielle Tatsache. Die Pflicht der Christen, die sich ernsthaft auf den Weg der Heiligung begeben haben, besteht darin, diese Botschaft anzunehmen, diese Lebensweise nachzuahmen und in ihrem Leben dem gekreuzigten Christus zu begegnen - in Schlichtheit und ohne große Reden. (Fortsetzung folgt)
José Kardinal Saraiva Martins

Anmerkungen:
1. R. Allegri in: P. Pio Immagini di santità, Mondadori 1999, S. 9
2. Il Gesuita moderno, I, 104
3. Vgl. ORLF, Nr. 18 vom 4. Mai 1999.
4. P. Gerardo di Flumeri, Epistolario, S. 800. Das Epistolario ist eine vierbändige Sammlung der Briefe von Pater Pio durch P. Gerardo di Flumeri.
5. Vgl. P. Pio Immagini di santità, Mondadori 1999, S. 74.
6. P. Fernando da Riese Pie X, Padre Pio da Pietrelcina, crocifisso senza croce, San Giovanni Rotondo, 1974; Alessandro da Ripabottoni, Padre Pio da Pietrelcina, Il cireno di tutti, San Giovanni Rotondo, 1994.
7. P. Gerardo di Flumeri, Epistolario, II, S. 453.
8. Epistolario, III, S. 106.
9. Ibid. S. 306.
10. Melchiorre da Pobladura, Alla scuola spirituale di Padre Pio da Pietrelcina, San Giovanni Rotondo, 1978.
11. Epist. 1., S 300, S. 522...

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