«Ich habe der Muttergottes den Weg anvertraut»

(Papst Benedikt an der Mariensäule in München)

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Orientierungslos und ziellos verläuft das Leben nicht weniger Menschen. Sie wissen nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen und wozu sie auf Erden sind. Wer gibt ihnen Richtung und Sinn?
Jesus ist der Weg. Wenn wir auf ihm wandeln, leben wir sinnvoll und zielsicher. Seine Apostel und Jünger sollen die Menschen auf diesen Weg führen, sollen sie bis zum Ende geleiten. Besonders ist es Marias Sendung, Weggeleiterin zu sein, bis wir die ewige Bestimmung erreicht haben. Auf der Hochzeit zu Kana erfüllte sie diese ihre Aufgabe, als sie den Dienern das richtungsgebende Wort sprach: «Tut alles, was er euch sagt» (Joh. 2,5). Menschenführerin ist ihre vornehmste bleibende Bestimmung. Vom sterbenden Erlöser wurde sie seinem Lieblingsjünger Johannes zur Mutter gegeben (Joh. 19,26). Mit Johannes war die gesamte Menschheit gemeint. Johannes stand stellvertretend für alle, für die ganze Kirche aller Zeiten: Unter der Führung Mariens gelangen die Auserwählten ans Ziel. (Maria duce: Unter der Führung Mariens).
Als Lehrerin, Ermahnerin, Wegweiserin und Mutter erweist sich Maria bei allen ihren Erscheinungen, in alter wie in jüngster Zeit. In Fatima stand sie erhöht auf einer Steineiche und mahnte (am 13. Oktober 1917): «Die Menschen haben zuviel gesündigt und sollen von ihren Sünden ablassen!» Sie wies hin auf die Schäden, welche von der Sünde herrühren und nannte die Heilmittel.
Schon bei ihrer allerersten Erscheinung in grauer Vorzeit, von der die legendäre Tradition weiß, im Jahre 39, noch zu ihren Lebzeiten, als sie dem Apostel Jakobus am Ebrostrand in Spanien erschien, der dort mit seinen Gefährten ziemlich erfolglos missionierte, stand sie auf einer symbolischen Säule, von der aus sie den Apostel tröstete und ihm richtungsweisende Worte hinterließ. Bis heute wird sie deshalb in der Ebrostadt Saragossa unter dem sinnvollen Titel «Unsere Liebe Frau von der Säule» angerufen. Es ist das älteste und berühmteste Marienheiligtum Spaniens und der ganzen spanisch-sprechenden Welt.
Auch der Petersdom in Rom, Hauptkirche der katholischen Christenheit und Sitz des Papstes, hat ein Gnadenbild unter dem Titel «Maria von der Säule». Erhöht auf der Säule überschaut Maria die Welt, in ihrer Gnadenfülle erleuchtet sie die Dunkelheit, ist Leuchte und Stern auf dem Weg zu Christus.
In unsern Tagen trat eine andere Säule für einige Tage ins Rampenlicht der Scheinwerfer und ins Bewusstsein der Christen: Die Mariensäule in München, von der aus beginnend in Bayern alle Entfernungen gemessen werden. Papst Benedikt XVI. begann seinen Heimatbesuch bei dieser Säule der Muttergottes, bei der «Patronia Bavariae», mit der er sich schon seit vielen Jahren eng verbunden fühlt. Hier, an der Mariensäule, hat er seinen Dienst als Erzbischof von München begonnen. Das war 1977. Bei der Mariensäule verabschiedete er sich von der Heimat, als er 1982 als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom berufen ward, um als oberster Hüter über die Reinheit des Glaubens und der Lehre zu wachen.
Am 9. September 2006 kehrte Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. nach München zurück, um seine bayrische Heimat «im Glauben zu stärken» (vgl. Luk 22,32).
Gleich bei der Ankunft auf dem Münchener Flughafen wies er hin auf die Mariensäule, die ein beredtes Zeugnis für die Treue Bayerns zum katholischen Glauben und zum Hl. Stuhl ist. Und dann auf dem Marienplatz angelangt, im Herzen Münchens vor der Säule: «Hier haben mich vor dreißig Jahren die Gläubigen mit großer Herzlichkeit aufgenommen (als neuen Bischof) und ich habe der Gottesmutter den Weg anvertraut, den ich nun zu gehen hatte, denn dieser Sprung vom Professorenstuhl zum Amt des Erzbischofs von München und Freising war gewaltig, und nur unter einem solchen Schutz und mit der spürbaren Liebe der Münchener und der Bayern konnte ich es wagen, diesen Dienst in der Nachfolge von Kardinal Döpfner zu übernehmen. Dann war es wieder so 1982. Hier habe ich Abschied genommen. ...»
Hier sein inhaltsreiches Gebet an der Münchener Mariensäule an jenem 9. September:
«Heilige Mutter des Herrn! Unsere Vorfahren haben in bedrängter Zeit dein Bild hier im Herzen der Stadt München aufgestellt, um dir Stadt und Land anzuvertrauen.
Dir wollten sie auf den Wegen des Alltags immer wieder begegnen und von dir das rechte Menschsein lernen, wie wir Gott finden und wie wir so zueinander kommen können.
Sie haben dir Krone und Zepter, die damaligen Symbole der Herrschaft über das Land, gegeben, weil sie wussten, dass dann die Macht und die Herrschaft in rechten Händen sind, in den Händen der Mutter.
Der Sohn hat seinen Jüngern kurz vor der Stunde des Abschieds gesagt: Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch der erste sein möchte, der sei aller Knecht. Du hast in der entscheidenden Stunde deines Lebens gesagt: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, und du hast dein ganzes Leben als Dienst gelebt. Du tust es weiter die Jahrhunderte der Geschichte hindurch. Wie du einst für die Brautleute in Kana leise diskret eingetreten bist, so tust du es immer: Alle Sorgen der Menschen nimmst du auf dich, und trägst sie vor den Herrn, deinen Sohn. Deine Macht ist die Güte. Deine Macht ist das Dienen. Lehre uns, die Großen und die Kleinen, die Herrschenden und die Dienenden, auf solche Weise unsere Verantwortung zu leben. Hilf uns, die Kraft des Versöhnens und das Vergeben zu finden. Hilf uns, geduldig und demütig zu werden, aber auch frei und mutig, wie du es in der Stunde des Kreuzes gewesen bist. Du trägst Jesus auf deinen Armen, das gebenedeite Kind, das doch der Herr der Welt ist. So bist du, den Segnenden tragend, selbst zum Segen geworden. Segne uns und diese Stadt und dieses Land. Zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.»
Am darauf folgenden Tag, am 10. September, bevor er mit den Gläubigen gemeinsam den «Angelus» betete, wies der Papst nochmals auf seine Verbundenheit mit der Münchener Mariensäule hin. Er erinnerte an die «Hunderte von Kirchen und Wallfahrtsorte», die der Muttergottes in Bayern geweiht sind, um dann fortzufahren: «Hier, in München, erhebt sich im Zentrum der Stadt die Mariensäule, an der vor genau 390 Jahren das Land Bayern feierlich dem Schutz der Gottesmutter anvertraut wurde, und wo ich gestern erneut den Segen der Patrona Bavariae für Stadt und Land erfleht habe».
Mit großem Vertrauen schaut das bayrische Volk auf seine Mariensäule in München, in Stadt und Land singt man mit großer Inbrunst das 1616 entstandene und im Jahre 1637 zum ersten Male gedruckte Lied:
O himmlische Frau Königin, Der ganzen Welt ein’ Herrscherin, Maria, bitt’ für uns! Du Herzogin von Bayern bist, Das Bayernland Dein
eigen ist. Auf hoher Säule ragt dein Bild, Du Schutzfrau
Bayerns wundermild... Dich München gar im Herzen hat:
Dein Dom steht mitten in der Stadt...
(«Gotteslob», Eigenteil München, Nr. 855). Ja, die Mariensäule in Bayerns Hauptstadt hat einen tiefen Sinn: Bayern ist Marienland. In den Wirren des dreißigjährigen Krieges hat sie Bayerns Herzog und Kurfürst Maximilian I. versprochen, als die Schweden München zu erobern drohten; das war am 12. Dezember 1637. Am 8. November 1638 wurde die auf dem Schrannenplatz (heute Marienplatz) errichtete Säule eingeweiht. Sie gilt als der heimliche Mittelpunkt des Landes. Die Mariensäule hat in der Geschichte Bayerns eine wichtige Rolle gespielt.
Auf dem Höhepunkt eines anderen Krieges, den man den «Ersten Weltkrieg» nennt, hat Papst Benedikt XV. dem Bayrischen Volk das ungewöhnliche Privileg erteilt, die Muttergottes durch ein eigenes Fest unter dem Titel «Patrona Bavariae» anzurufen. Am 14. Mai 1917 wurde das Fest zum ersten Male begangen. Es war genau ein Tag nach der 1. Erscheinung der Muttergottes von Fatima. Im damaligen Bayern aber wusste zu der Zeit niemand von dieser Tatsache. Und im fernen Rom erhielt am gleichen Tage, am 13. Mai 1917, ein Eugenio Pacelli die Bischofsweihe. Er ist als Papst Pius XII. in die Geschichte eingegangen. Damals, im Mai 1917, war er als Nuntius für Bayern vorgesehen (später für ganz Deutschland). Auch er ahnte nichts von dieser geschichtlichen Gleichzeitigkeit.
München und der Wallfahrtsort Altötting, beide haben eine große Bedeutung im Leben und Wirken dieser beiden Päpste. Benedikt XVI. besuchte Altötting, mit dem er seit seiner frühesten Kindheit verbunden ist, am 11. September 2006. Als äußeres Zeichen seiner Dankbarkeit vermachte Benedikt XVI. dem dortigen Gnadenbild seinen Kardinalsring.
Mariensäulen gibt es nicht nur in München und in Bayern, es gibt sie überall in der Welt. Sie sind Zeugen eines lebendigen Glaubens, eines Glaubens, «der Berge versetzt» (Mt. 21,21). Maria besaß diesen Glauben in höchstem Maße. Deswegen wurde sie von ihrer Verwandten Elisabeth erleuchtet vom Hl. Geist, gelobt und seliggepriesen (Luk. 1,45), während die Apostel, selbst Petrus, wegen ihres «Kleinglaubens» mehrfach getadelt wurden (vgl. Mt. 8,26).
Die ganze Kirche, deren Urbild Maria ist, wird in der Hl. Schrift «Säule und Grundfeste der Wahrheit» genannt. (1. Tim. 3,15). Die drei ranghöchsten Apostel, Petrus, Johannes und Jakobus, nannte die Urkirche «Säulenapostel» (Gal. 2,9). In Bildern und Visionen sehen die Mystiker bis in unsere Zeit die symbolische Säule als Rettungszeichen in allen Bedrängnissen und Nöten, so auch die hl. Hildegard von Bingen.
Dem hl. Johannes Don Bosco wurde in einer Visionen gezeigt, wie in kommenden Zeiten alle feindlichen Schiffe an zwei großen Säulen zerschellen werden: Auf der einen, der kleineren Säule, thront die Statue der Unbefleckten Jungfrau, und auf der andern eine Hostie. Der hl. Don Bosco gibt selber die Erläuterung zu dieser Vision: «Äußerst schwierige Zeiten stehen der Kirche bevor... . Nur zwei Mittel bleiben, um sich in dieser stürmischen Zeit zu retten: die Andacht zur seligsten Jungfrau Maria und der häufige Empfang der heiligen Kommunion».
Zeichen der Gegenwart Gottes, Garantie der sicheren Rettung war schon eine geheimnisvolle Säule im Alten Testament, beim Durchzug durch die Wüste. 40 Jahre war Gott seinem Volk nahe, bei Tage in der Wolkensäule bei Nacht in der Feuersäule. «Die Wolkensäule wich nicht bei Tag und die Feuersäule nicht bei Nacht von der Spitze des Volkes» (Ex. 13,22). In dieser geheimnisvollen Säule sahen einige Kirchenväter ein Symbol und Vorbild für Maria. So schreibt der hl. Ambrosius: «Jene Wolkensäule ging zwar durch ihren Schein den Söhnen Israels voran, geheimnisvoll aber bezeichnete sie den Herrn Jesus, in einer lichten Wolke kommend, das heißt in der Jungfrau Maria». Und der hl. Hieronymus: «Er führte sie durch eine Lichtwolke; zweifellos müssen wir in dieser Wolke die hl. Maria erkennen.» Auch neuere Heilige und moderne Bewegungen erkennen in der Säule ein Symbol für die Muttergottes, wie der hl. Alphons: «Diese Wundersäule, die bald als Feuer, bald als Wolke erschien, war ein Sinnbild Mariens und der mannigfachen Aufgaben, die sie für uns erfüllt.»
Eine moderne Laienbewegung, die Legio Mariae, heute eine eindrucksvolle Apostolatgruppe auf der ganzen Welt, vor allem in den Ländern Asiens und Afrikas, verehrt die Muttergottes unter diesem inhaltsreichen Bild. Im «Handbuch der Legion» heißt es: «Jene Feuersäule ist Maria, die durch ihren Glauben die Welt gerettet hat. Nun führt sie, die sie selig preisen, unfehlbar durch die Dunkelheit, bis der ewige Glanz Gottes sie umfängt».
Bei ihren wöchentlichen Zusammenkünften beten die Legionäre Mariens nicht nur den Rosenkranz, sondern verrichten noch verschiedene andere Gebete, wie sie in der «Tessera» stehen. Auf der Vorderseite dieser «Tessera» ist «die Gottesmutter als die biblische Feuersäule dargestellt, leuchtend und brennend von Licht und Feuer des Heiligen Geistes» (Handbuch XXIX). Jede Zusammenkunft wird abgeschlossen mit dem Gebet: «Verleih, o Herr, uns allen, die wir unter dem Banner Mariens dienen, eine solche Fülle des Glaubens an dich und des Vertrauens auf die Gottesmutter, dass wir dadurch die Welt erobern … einen Glauben, der gleich einer Feuersäule unsere Legion einig und geschlossen vorwärts führt, überall den Brand der Gottesliebe zu entzünden, Lichtbringer zu sein in Dunkel und Todesschatten, zu entflammen die Lauen und neu zu beleben, die im Tode der Sünde erstarrt sind ...»
Der Glaube Mariens nützt und entflammt nicht nur den einzelnen, sondern erleuchtet die ganze Christenheit: Daran wurden wir wieder nachdrücklichst erinnert, als Papst Benedikt XVI. seinen Weg zur Säule der Muttergottes auf dem Münchener Marienplatz nahm, dort betete und eine kurze Ansprache hielt. Maria ist erhoben über alle Menschen. Sie ist nach Jesus die «Gnadenvollste», ist «gebenedeit unter allen Frauen» (Luk. 1,42). Sie selber aber wollte auf Erden die Niedrigste sein (Luk. 1,48), die «Magd des Herrn» (Luk. 1,38). Wie für alle Menschen gilt auch für sie das Wort: «Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden» (Luk. 14,11).
Bei niemand anderem auf der Welt hat dieses Wort je sichtbarere Gestalt angenommen als bei Maria. Das Symbol der Säule deutet ihre Erdenverbundenheit an, sie ist ganz eine von uns, in diese Welt verwurzelt. Auf der Säule aber erscheint sie nicht nur als emporgehobene Königin, sondern noch mehr als wegweisende Mutter und Führerin aller Brüder und Schwestern Jesu, die sich noch auf dem beschwerlichen Weg dieser Zeit befinden, die das Ziel noch nicht erreicht haben. Sie ist uns allen nahe, eine von uns und doch über alle andern Menschen erhaben.
P. Paul H. Schmidt

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