Jacques MAGNAN

Der Frau zu Hilfe (Offb 12,16)

=> MARIA HEUTE 429 INHALT

Im Buch der Geheimen Offenbarung beschreibt der Apostel Johannes eine prächtige Vision (vgl. Offb 12, 1-17), in der er eine herrliche Frau sieht, die mit zwölf Sternen gekrönt ist. Sie ist schwanger und schreit in den Schmerzen der Geburt und bringt dann den Erlöser zur Welt. Wie wir noch entdecken werden, gibt es in diesem heiligen Text ein großes Mysterium, das die Interventionen Mariens, aber auch die Kirche, ihre Nachkommenschaft, betrifft (vgl. Offb 12, 16f). In unserer Zeit, die eine besondere Stunde der Geschichte ist, wird die Kirche aufgerufen, den Finger Gottes zu erkennen, der in verschiedenen Ereignissen und besonders in den Erscheinungen Unserer Lieben Frau am Werk ist.

Der Text der Geheimen Offenbarung

Wenn es auch stimmt, dass wir in der gekrönten Frau der Apokalypse ein symbolisches Bild der Kirche sehen können, so ist doch nicht minder wahr, dass uns dieser Text vor allem eine buchstäblich historische und prophetische Realität über die Jungfrau Maria, die Mutter des Messias Jesus Christus, die Mutter und vollkommener Archetyp der Kirche ist (vgl. Joh 19, 26f), enthüllt1. In vielen, von der Kirche anerkannten Erscheinungen bestätigt Maria die richtige Interpretation dieses Mysteriums, indem sie mit zwölf Sternen gekrönt erschien. Sie sind das Zeichen der apostolischen Universalität. In unserer Zeit, die ein Wendepunkt der Geschichte ist, erscheint die Muttergottes bereits seit einigen Jahren — und zum letzten Mal, wie sie sagt — um die ganze Welt zur Umkehr aufzurufen. Maria, die Frau (gynè, griech.) par excellence, schreit in den Geburtswehen, aber Satan, der gegen sie, gegen ihren Sohn und gegen ihre Nachkommenschaft, die Kirche, wütet, kämpft in einem letzten Angriff, denn es bleibt ihm nur noch wenig Zeit (vgl. Offb 12, 12). Der Kampf der Frau und des Drachen ist ein Kampf zwischen dem demütigsten Geschöpf, das in die höchste Höhe erhoben wurde, und einem der höchsten Geschöpfe, das durch einen furchtbaren Abfall herabgesetzt wurde. Dieser Kampf hat einen persönlichen und einen universellen Aspekt. Die Ankündigung dieses titanischen Kampfes wird bereits im Buch Genesis (vgl. Gen 3, 15) skizziert. Als Satan, die alte Schlange (vgl. Offb 12, 9), Adam und Eva zur Sünde verführte, brachte er die Sünde in die gesamte Menschheit. Der Mann und die Frau, die mit der heiligmachenden Gnade ausgestattet waren, fielen aufgrund ihres Ungehorsams gegenüber Gott in Ungnade. Aber Gott ist Liebe und voller Erbarmen. Durch die Sendung seines Sohnes Jesus Christus des Retters, der aus der makellosen Jungfrau Maria geboren wurde, hat er die gesamte Menschheit in die heilbringende Gnade zurückgeführt. Durch Maria wurde die Erlösung möglich. Sie ist die Unbefleckte, die neue Eva, weil sie die Mutter des universellen Heils ist. Daher ist sie auch die Mutter der Kirche und in mystischer Weise die Mutter aller Menschen, die zum Heil berufen sind.
Lesen wir einige Stellen aus der Geheimen Offenbarung:
Offb 12, 1.2: «Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: Eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.» Dann erscheint der Drache, Satan, der ein Drittel der Engel (Sterne, V. 3 und 4) hinwegfegt. «Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.» (V. 4-6) Dann beschreibt Johannes den großen Kampf, den Michael mit seinen Engeln gegen den Satan und seine Engel führt, die vom Himmel auf die Erde gestürzt sind (V. 7-12). «Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte.» (V. 13) Abermals findet die Frau Zuflucht in der Wüste. «Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe; sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. Da geriet der Drache in Zorn über die Frau, und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.» (V. 15-17)

Die Vision verstehen

Wie wir deutlich sehen, kann die Vision der Frau nicht genau die Kirche beschreiben, die übrigens in der Geheimen Offenbarung dargestellt wird (vgl. Offb 2-4)... Eine größere Harmonie ergibt sich jedoch, wenn man die Frau als Maria betrachtet. Hier liegt der Schlüssel für die Interpretation.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie von den Kirchenvätern, den Kirchenlehrern und der Tradition, die wir in vielen Texten des Lehramtes, in Litaneien, Gebeten und der Ikonographie finden, verteidigt
Die Frau wird als Mutter Jesu beschrieben, aber sie hat Nachkommen (V. 17). Diese Nachkommenschaft (spermatos, griech.) ist die Kirche, die im Heiligen Geist die frohe Botschaft von Gott zum Heil der Menschen verkündet. Maria ist die Mutter der Kirche, wie dies zu Recht erklärt wurde2. Überdies werden durch Maria die Gedanken vieler Menschen offenbar werden (vgl. Lk, 2, 35). Maria ist in höchstem Maße dem Heil und der Erlösung verbunden, wie der Prophet Simeon ankündigte; durch Jesus und die Schmerzen, die sie durchdringen, werden die Gedanken vieler Herzen offenbar. Jeder echte Christ, der Jesus liebt, liebt daher auch seine heilige, auserwählte, von Gott gesegnete Mutter. Maria ist in höchstem Maße mit dem Allerhöchsten und dem Heiligen Geist, durch den sie den Erlöser empfangen hat, vereint und der reine
Tabernakel der heiligsten Dreifaltigkeit, die Arche des Neuen Bundes (vgl. Offb 11, 19). Sie enthält das göttliche Wort, sie bewahrt, versteht und verkündet es. Maria schreit in den Schmerzen der Geburt. Sie richtet Botschaften an uns. Sie kommt vom Himmel, denn Gott hat sie in seinem ewigen Plan dazu bestimmt, uns immer das Heil zu schenken und uns auf den Weg zurückzuführen, wenn dies notwendig ist. Maria ist das vollkommene Vorbild der Kirche, die Jesus Christus, den einzigen Erlöser und Retter, zum göttlichen Bräutigam hat. Der Jünger Jesu, der auf Maria schaut und sie in seinem Herzen und bei sich aufnimmt (vgl. Joh 19, 27), kommt Gott näher, um sich in der Gnade mehr mit ihm zu vereinen.
Auf der anderen Seite beschreibt der Text der Geheimen Offenbarung den Kampf zwischen Satan und Maria. Da Satan jedoch nichts gegen die gebenedeite Jungfrau vermag, richtet er sich gegen ihre Kinder, gegen ihre Nachkommenschaft, die Kirche. Und, so heißt es in der Vision, «die Erde kam der Frau zu Hilfe». Hier ist in dem Wort Erde (gè, griech.) das Eingreifen ihrer auf der Erde lebenden Kinder gemeint, die sich für ihre Erscheinungen einsetzen. Die Erde symbolisiert auch den Ort der Pilgerschaft für das Volk Gottes.

Die Kirche: Apostel und Prophet

Die Kirche hat die unvergleichlich kostbare Pflicht, die göttliche Gnade überall zu verbreiten. In ihr wurden unermessliche, heilbringende Schätze hinterlegt. In ihr ist Jesus stets gegenwärtig und gibt sich hin. Die Kirche ist der sichtbare Ort, wo man auf Erden sicher sein kann, dem Herrn zu begegnen. Und das hat Auswirkungen auf die gesamte Erde. Wenn die Menschen die Gute Nachricht nicht annehmen, wenn sie sich starr der göttlichen Gnade widersetzen, die von der Kirche unermüdlich angeboten wird, wird sich das Chaos mit seinem Gefolge in Form von Finsternis, Schmerzen, Irrtümern und Katastrophen ausweiten. Das Übel in der Welt wächst proportional zum Glaubensabfall vieler Menschen und zum Irrtum, der zu falschen Göttern, zu Lüge und Hass führt. Dennoch ist Gottes Liebe ganz nah und schenkt sich durch die Kirche. Daher wach‘ auf, du heilige Kirche Gottes! Dein Salz soll nicht schal werden und dein Eifer nicht erlahmen (vgl. Mt 5, 13; Offb 2, 4; 3, 2. 15.16). Der Allerhöchste sendet uns seit mehreren Jahren Maria. Sie ist fast überall auf der Erde erschienen, um uns auf den rechten Weg zurückzuführen und uns an die Realität des Letzten Gerichts und des ewigen Lebens zu erinnern. Sie will uns an die unermesslich große Liebe Gottes, der auf seine Kinder wartet, erinnern. Viele Wunder, Zeichen und andere Prophezeiungen haben Marias vermittlung begleitet. Ich möchte hier auf die Erscheinungen Unserer Lieben Frau vom Frieden in Medjugorje hinweisen.
Die Muttergottes erscheint bereits seit fünfundzwanzig Jahren in Medjugorje und die Beweise übernatürlicher Vermittlung, aber auch Beweise dauerhafter, guter Früchte sind immer zahlreicher geworden. Es sind viele und zusammenhängende Beweise. Die Ereignisse sind für die gläubigen Seelen und die gesamte Kirche sehr fruchtbar. Die Seher haben eine bewundernswerte Übereinstimmung. Sie sind der Kirche treu, leben in der Gnade und in einer großen Demut, die das erste Zeichen für die Echtheit ihrer Visionen ist. Maria sagt, dass diese Erscheinungen die letzen auf der Erde sind. Schmerzliche Umstürze bereiten sich vor, weil die meisten Menschen für die Anrufe Gottes taub bleiben. Die Erscheinungen Unserer Lieben Frau vom Frieden dürfen keineswegs auf die leichte Schulter genommen werden. Wer sie ignoriert oder, was noch schlimmer ist, sie blindlings bekämpft, ohne sie zu kennen, begeht schwerwiegende Fehler und Verfehlungen. Ich appelliere hier an die Unterscheidungsgabe der Kirche, an ihren Geist der Prophetie, der durch viele ihrer Kinder spricht. Es ist für die Kirche und die Welt an der Zeit, die Erscheinungen von Medjugorje anzuerkennen. Man soll nicht erst reagieren und aufwachen, wenn die Katastrophe eingetreten ist. Hier hat die Kirche die historische Verantwortung, den Finger Gottes, der in seinen Erscheinungen am Werk ist, zu sehen. Johannes Paul II. glaubte an diese Erscheinungen, wie wir alle wissen. Der allmächtige Gott schickt uns Maria nicht ohne Grund. Es ist ein Zeichen der Zeit, das wir erkennen sollen. Die Zeit drängt. Die Ereignisse überstürzen sich und die Welt weiß nicht, wohin sie geht. Es ist an der Zeit, die beruhigende Stimme des Himmels ertönen zu lassen; jene Stimme, die tröstet, stärkt und die Menschen erleuchtet, damit sie sich bekehren, Gott lieben und auch einander lieben. Die Stimme der gekrönten Muttergottes ist die Stimme der Propheten und der Apostel. Sie führt uns unermüdlich zurück zum Herrn, indem sie uns sagt: «Was er euch sagt, das tut». Ja! Wer auf Maria hört, findet das wahre Glück und das Leben. Maria ruft uns auf, Zeugen ihrer Anwesenheit zu sein. Sie ruft uns in einem unaussprechlichen, mütterlichen Liebeselan auf, uns durch unsere Liebe, beharrliches Gebet, die Sakramente und regelmäßige Schriftlesung Gott zu nähern. Kommen wir ihr also zu Hilfe indem wir ihre Aufrufe, die der Seligkeit und dem Heil unserer Brüder und Schwestern dienen soll, verbreiten.
Du heilige Kirche des Herrn, komm Maria, die in den Schmerzen der Geburtswehen schreit, zu Hilfe, damit Gottes Licht in dieser Zeit noch heller auf der Erde erstrahlt.
Maria, gebenedeit unter den Frauen, beschütze die Kirche und alle, die zu dir kommen.

Jacques Magnan

Anmerkungen:
1. Die gekrönte Frau bezeichnet sowohl Maria als auch die Bundeslade. «L’Apocalypse – Le temps des Appels», S. 60-95ff, Jacques Magnan. Parvis Verlag.
2. Maria, Mutter der Kirche. Lehramtliche Aussagen der Kirche über den katholischen Glauben. Maria ist Mutter der Kirche (Konzil von Ephesus), Unbefleckte Empfängnis (Ineffabilis Deus, Pius IX), Mittlerin der Gnade, Miterlöserin (Enzyklika Ad Diem Illum, Pius X). Ihre Mutterschaft ist universell (II. Vat. Konzil, Lumen Gentium). Sie ist Mutter der Kirche (II. Vat. Konzil; Redemptoris Mater, Johannes Paul II.; Mulieris Dignitatem, Johannes Paul II.). Sie wurde mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen (Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus, Pius XII, usw. ).
«Maria ist in der Tat zur Mutter aller Glaubenden geworden. Zu ihrer mütterlichen Güte wie zu ihrer jungfräulichen Reinheit und Schönheit kommen die Menschen aller Zeiten und aller Erdteile in ihren Nöten und ihren Hoffnungen, in ihren Freuden und Leiden, in ihren Einsamkeiten wie in der Gemeinschaft» (Gott ist die Liebe, Papst Benedikt XVI., Kap. 42).
3. Die Erde bezeichnet antizipatorisch auch das Erbe der Heiligen (vgl. Ps 2, 8; 8, 10; 10, 16; 27, 13; Jes 66, 22; Hos 10, 12f; Mt 5, 4; 6, 10.25-34; 22, 2-10; Offb 21, 1f, usw.). Offb 12, 16: «Kai eboèthèsen hè gè tè gynaiki» (Und die Erde kam der Frau zu Hilfe).

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