Bernard Balayn«Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen» (Lk. 12, 49)
|
![]() |
In jeder Krisenzeit wie beispielsweise beim Untergang des westlichen Römischen Reiches, bei der Reformation, angesichts der Utopie der Aufklärung oder des unausweichlichen Endes des Kommunismus und anderer, bereits untergegangener Ideologien… gilt es, der Welt wieder zu verkünden, was Raoul Follereau so formulierte: «Die einzige Wahrheit ist, einander zu lieben».
Man muss re-evangelisieren und sich dabei auf die einzige Wahrheit gründen: Gott ist Liebe. Sie kommt von Ihm und kehrt durch die Nächstenliebe aller seiner Menschenkinder zu Ihm zurück. Auf welche Weise auch evangelisiert werden mag: So wie in der Apostolischen Zeit (Bekenner und Märtyrer), wie im mittelalterlichen Glauben (monastische Orden und Bettelorden), wie in der Gegenreformation oder in der modernen Missionszeit… Es gibt nur eine Grundlage, ein Ziel, ein Gesetz: Lieben!
So gesehen zeigen die furchtbaren Lektionen der Vergangenheit den Menschen ihren Weg für die Gegenwart und nahe Zukunft auf: Sie sollen einander lieben, die Mauern des Hasses niederreißen und die Arme der Liebe erheben. Der Mangel an Liebe ist so weit verbreitet, dass man nicht nur ganz allgemein zum Wohl der Menschheit, in der Ferne und im Unbekannten lieben soll, sondern auch im Konkreten der alltäglichen Situationen, die oft genug ebenso drängen und dramatisch sind (in der sogenannten «entwickelten» Welt gibt es so viel soziales und moralisches Elend, auch in unserem eigenen Umfeld). Kurz: Wir sollen «von Herz zu Herz» lieben. Das braucht die Welt und jeder einzelne Mensch am nötigsten. Der hl. Jakobus sagt: «Wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt» (Jak 3, 5).
Johannes Paul II. sagte 2001: «Die Welt kann nicht ohne Liebe leben», das heißt, ohne sie zu empfangen und zu schenken. Damit die Liebe neu entspringt und aufflammt, muss sich der Mensch zuerst selbst als eine einzigartige und von Gott geliebte Person erkennen. Denn man kann nur geben, was man empfangen hat: Die Liebe kommt von Ihm. Mit dieser Gewissheit kann der Mensch dann auch die Menschen um sich herum lieben: Er ist mit Gott und mit sich selbst versöhnt, da er die unerlässliche Einheit durch die Liebe in sich hergestellt hat.
Wenn man die Liebe retten will, muss man sie und das soll betont werden wieder auf allen Ebenen einbringen, denn oft gibt es sie nicht mehr, oder sie ist verfälscht und nicht stark genug. Es ist daher wichtig, sie vor allem den Ehepaaren und Familien «einzuhauchen», denn sie sind die Zellen der Gesellschaft. Der verstorbene Papst sagte auch: «Die Zivilisation der Liebe beginnt in den Familien». Dazu muss man auf das göttliche Gesetz (oder, in Ermangelung, auf das Naturgesetz) zurückkommen: Auf die wahre Ehe um den Preis der Liebe in unbedingter Treue und Selbstvergessenheit, die offen für Nachkommen ist. Die Liebe ist Gabe und Opfer, nicht egoistischer Genuss, wie Benedikt XVI. unlängst aufgezeigt hat. Viele Übel unserer Menschheit werden geheilt, wenn man sich die Worte Christi zu Herzen nimmt: «Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein…?».
Wenn die Person und die Familie wieder aufgebaut sind und Johannes Paul II. hat ganz intensiv in diesem Sinn gewirkt kann man sich an den Wiederaufbau der Gesellschaft machen. Die Kinder, die von ihren Eltern gezeugt, geliebt und nach Gottes Willen erzogen werden, ohne die Missstände und die schweren Folgen zu erleben, unter denen die derzeitige Jugend leidet, werden dann ihrerseits diese Liebe weitergeben können. Warum gibt es so viele Spannungen? Weil schlecht und nicht genug geliebt wird. Die staatlichen, administrativen, ökonomischen und immer dürftiger werdenden sozialen Strukturen (wie der Papst erwähnte) dienen dem Menschen nicht in ausreichendem Maße. So breitet sich Unbehagen und Unwohlsein in den Schulen, den Hospitälern, den Altenheimen, usw. aus. Daher müssen unsere Gesellschaften neu überdacht werden. Das kann nur im umfassenden Licht des Evangeliums geschehen und mit der festen Entschlossenheit verantwortungsbewusster Christen guten Willens. Hier ist die Soziallehre der Kirche wichtig, daher auch das Interesse an der Veröffentlichung des entsprechenden Kompendiums. Was nutzen all die Erklärungen, Chartas, Codes und andere Proklamationen, wenn diese oft hohlen Texte nicht von der Flamme der evangelischen Liebe zusammengehalten und belebt werden?
Mangel an Liebe auf allen Ebenen sagten wir. Die Menschen müssen sich begegnen können, miteinander reden, ihre Dienste füreinander einsetzen wie es die Urchristen taten, anstatt zu misstrauen und sich zu verschließen.
Die Liebe wurde vom Apostel Paulus im Korintherbrief (Kapitel 13) in unvergesslicher Weise besungen. Wenn die Liebe in Gott weitergegeben und gelebt wird, befasst sie sich nicht mit sich selbst, sondern sie ist ganz Hingabe und auf den Nächsten ausgerichtet. Und darin liegt ihre ganze Fülle und Vollkommenheit.
Um wirklich zu lieben, ist es erforderlich und zugleich sehr hilfreich, Jesus im Nächsten zu sehen. «Wer seinen Bruder nicht liebt, kennt Gott nicht», sagt der hl. Johannes. Wenn die Menschen in jeder Person Christus sehen könnten, würden sie ihre Ansichten und ihre Haltungen schnell ändern. Jesus ist in den ganz Kleinen, in den leidenden Kindern und Jugendlichen, in allen Verlassenen, Hungernden, Kranken und Behinderten der Erde, in den Sterbenden, den Gefangenen, den Verurteilten, den Armen, den Verzweifelten... Ihm begegnen wir auf den Straßen und in jedem weinenden Wesen, ohne es zu wissen.
Lieben nach dem Herzen Christi
«Meine Tochter, willst du mir dein Herz schenken?» (Jesus zur hl. Margareta-Maria)
Eines Tages stöhnte und klagte der hl. Franziskus von Assisi. Als er nach dem Grunde gefragt wurde, erwiderte er: «Die Liebe wird nicht geliebt!».
Denn neben der Liebe, die dem Nächsten geschuldet wird, schulden wir unsere Liebe zuerst Gott, woran wir auch zu Beginn des Dekalogs erinnert werden: «Du sollst den Herrn allein lieben und ihn über alles lieben». Wir lieben Gott, wenn wir den Nächsten lieben, aber auch wenn wir Ihn um Seiner selbst willen lieben, wie es beispielsweise der hl. Pfarrer von Ars tat. Ein Echo des ersten Gebotes ertönt in den vertraulichen Mitteilungen, die Christus besonders bevorzugten Seelen schenkte. Die herausragendste Mitteilung bleibt jene, die an Margareta-Maria erging. Der Herr beklagte sich bei ihr über die Undankbarkeit der Menschen und forderte von ihnen in herzzerreißender Weise Liebe und Sühne. Er zeigte der Seherin seine heiligen Wunden, vor allem die seines durchbohrten Herzens, das sich danach sehnt, die Liebe, deren Quelle es ist, zu empfangen und zu schenken. Jesus will in allen Herzen herrschen, aber zuvor verlangt er, dass der Sünder den alten Menschen ablegt und den neuen Menschen anlegt, jenen Menschen, der seinen Erlöser über alles liebt. Weil der gute Schächer Jesus sein Herz vollständig öffnete, nahm ihn der Herr sofort mit ins Paradies.
Christus breitet den Mantel seiner Barmherzigkeit über die Welt aus, wie er der hl. Sr. Faustine gezeigt hat. Auf dem Bild, das Jesus so zeigt, wie er Sr. Faustine erschienen ist, sieht man die Strahlen dieser Liebe, die die ganze Menschheit entflammen will. Wie damals, als die Menschenschar, die Jesus gefolgt war, hungrig war, so will Jesus die heutigen Scharen, die von Übeln gepeinigt werden, sättigen, indem er ihnen das eucharistische Brot gibt, das nährt und rettet.
Um jedoch gerettet zu werden, muss man bereit sein, in die Nachfolge Christi einzutreten. Es braucht die Bereitschaft, aus Liebe zu Jesus mit Ihm zu leiden. So wirken wir auch am Heil der Seelen mit: «Niemand hat eine größere Liebe als wer sein Leben hingibt für seine Freunde».
Lieben bedeutet also, alles und immer zu lieben; es bedeutet, alles zu akzeptieren, was Gott uns schickt, um unsere Liebe zu prüfen und sie wachsen zu lassen, denn unsere Liebe ist nie vor Versuchung und Untergang gefeit. So ist das Leiden, wenn es in Gott verstanden wird, ein Beweis der Liebe Gottes: «Die Seelen, die von meinem Vater am meisten geliebt werden, sind jene, denen er die meisten Prüfungen schickt und die Intensität dieser Prüfungen ist das Maß seiner Liebe», vertraute Jesus der hl. Theresia von Lisieux an. Und zu Margareta-Maria sagte er: «Meine Liebe übt ihre Herrschaft im Leiden aus…»
In der Schule der Heiligen, in der Schule Mariens, der Mutter der schönen Liebe, wollen wir lieben lernen, damit die Welt wieder zu einem Garten wird. Denn «das Maß der Liebe ist lieben ohne Maß», sagte der hl. Bernhard das einzige Lösegeld für alle, die nicht lieben wollten oder konnten. Lieben und in der Liebe Fortschritte zu machen ist die einzige Sorge der Heiligen, die einzige Anforderung, die von Gott gestellt wird: «Kommt her zu mir, ihr Gesegneten meines Vaters, denn ihr habt geliebt».
Bernard Balayn
Literatur:
«Johannes Paul II., der Große, Prophet des dritten Jahrtausends» Von B. Balayn - Vorwort von Kardinal
F. Etsou, 864 S. + 80 S. Farbbilder, 15,5x23,5 cm E 35. CHF 54.
|
Copyright © 1999 - 2009 - Alle Rechte vorbehalten für Text und Fotos
PARVIS-VERLAG - MARIA HEUTE - CH-1648 HAUTEVILLE / SCHWEIZ. TEL.: 0041 (0)26 915 93 93 // FAX: 0041 (0)26 915 93 99 // E-MAIL buchhandlung@parvis.ch HOMEPAGE PARVIS // ZEITSCHRIFT MARIA HEUTE |