Von Bernard Balayn
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Mit diesem Artikel schließen wir unsere Erinnerung an den ersten Lebensabschnitt von Karol Wojtyla (1920-1978) ab. Es ist eine sehr zusammengefaßte Erinnerung anhand meines Buches: «Johannes Paul II. - der Große, Prophet des dritten Jahrtausends». Es ging darum, zu zeigen, wie die göttliche Vorsehung Karol auf seine Berufung zum obersten Pontifex, die ihm dann 1978 zuteil wurde, vorbereitete.
Als Johannes Paul I. gewählt wurde, ließ sich vom künftigen Schicksal des Krakauer Kardinals noch nichts erahnen. Schnell wurde klar, daß dieses Blitz-Pontifikat nur eine Etappe, ein Zeichen, das «Vorwort» der vom Heiligen Geist gewollten Wahl war, denn der Heilige Geist, der Bräutigam Marias, haucht immer zweimal. Und Johannes Paul II. ist der Papst des Heiligen Geistes und der Muttergottes.
Inzwischen konnte Johannes Paul II. schon das 25-jährige Jubiläum seiner Wahl begehen. Daher ist es wichtig zu erkenne, wie es zu dieser feierlichen Begegnung zwischen seinem Schicksal und dem göttlichen Willen kam.
Nach einem dichten Pontifikat und einem schwierigen Ende stirbt Paul VI. am 6. August 1978 im Alter von 81 Jahren.
Kurze Zeit später, am 26. August, wählt das Konklave seinen Nachfolger, den letzten Italiener im ausgehenden Jahrtausend: Kardinal Albino Luciani. Er ist ein guter Mann und voller guten Willens, ohne jedoch bereits die Größe von Paul VI. zu haben. Außerdem hat er keine stabile Gesundheit, obwohl er erst 66 Jahre alt ist. Nach einem Pontifikat, das nur einen Monat dauert, wird er am Morgen des 29. September auf geheimnisvolle Weise tot aufgefunden. In der ganzen Welt herrscht Fassungslosigkeit.
Das Kardinalskollegium ist besonders ratlos, denn es versteht, daß «Gottes Wege nicht seine eigenen waren»: es ist klar, daß der Herr jemand anderen will, aber wen?
Nach den Trauerfeierlichkeiten wurde ein zweites Konklave für Samstag, den 14. Oktober, vorbereitet und festgesetzt. In der Zwischenzeit nahm die Presse ihren gewohnten Gang und die Kardinäle, die nach dem Ableben von Johannes Paul I. vorsichtiger und maßvoller waren als jemals zuvor, studierten die Akten ihrer Kollegen mit dem Willen, der göttlichen Vorsehung zu entsprechen. Es gab zwei augenscheinlich einfache Lösungen: einen Italiener zu wählen (aber diese waren untereinander nicht einig), oder aber einen Außenseiter. Es kursierten Namen ausländischer «papabili» aus der Dritten Welt (wie Kardinal Arns aus Sao Paulo), was in dieser Situation das Verständlichste gewesen wäre, oder aus dem Osten (ein gewisser Karol Wojtyla aus Krakau der berühmte Kardinal Stefan Wyszynski wurde für zu starr und vor allem für zu alt gehalten)…
Die Kirche war also mit sich selbst konfrontiert. Mehr denn je kam ihre «Stunde der Wahrheit». Aus der Tiefe ihrer gegenwärtigen Notlage oder ihrer Entäußerung soll sie davon überzeugt sein, daß Gott sie, getreu seiner Verheißung, nicht verlassen wird, vor allem dann nicht, wenn sie ihn am meisten braucht. Zugleich verstand sie, wie der Herr sie führt und wie sehr sie seine Zeichen ergründen und vor seiner Weisheit und seinem Willen demütig und folgsam werden soll. Das war auch der Fall, als Jesus, der Gründer der Kirche, gestorben war: die Apostel hatten damals verstanden, daß sie auf den Heiligen Geist, der «zur Kirche spricht», hören und ihm folgen sollen. Aus dem Tod soll Leben entspringen, aus «neuen Schläuchen neuer Wein».
Es ist sicher, daß die pastorale Wirksamkeit des Krakauer Kardinals, der im Sommer 1978 auf einen Schlag 45 Priester weihte und mit Erfolg Kollegialität praktizierte, sowie das Konzil virtuos umsetzte, im Ausland bemerkt wurde. Seine internationalen Reisen, sein Sinn für Kommunikation, sein Geist der Offenheit, seine bemerkenswerte Ausgeglichenheit und sein junges Alter verbunden mit einer guten Gesundheit, machen ihn zu einem idealen Kardinal.
Paul VI. hatte diesen Bischof, der aktiv am Konzil teilgenommen hatte, und der, obwohl er aus dem Osten kam, keine Angst hatte, bereits bemerkt. Er hatte von dem brillanten Beitrag erfahren, den der Kardinal und Wissenschaftler beim berühmten Thomistenkongress 1974 in Italien beigesteuert hatte. Die Scharfsinnigsten hatten ihn damals zum ersten Mal für «papabile» gehalten. Paul VI. lud ihn 1976 ein, die Fastenexerzitien im Vatikan zu halten, denn er schätzte die Tiefe seines theologischen Blickes. Erahnte er in ihm bereits einen Nachfolger?
Andere Zeichen wurden noch konkreter.
Es gab nur einige Tage vor dem Tod von Johannes Paul I. den berühmten Besuch einer Delegation hochrangiger Vertreter aus Polen, zu denen auch die beiden Metropolitankardinäle gehörten, bei der Kirche in Deutschland. Diese Reise führte zu einem Tauwetter in den gegenseitigen Beziehungen, die seit dem Krieg blockiert waren. Es herrschte wieder Eintracht. Karols «Diplomatie» trug viel dazu bei (umso mehr als ihm 1977 die Ehrendoktorwürde der Universität Mainz verliehen worden war); er hatte eine Bitte um Vergebung geschrieben. Beim Konklave, vor allem beim zweiten, erinnerten sich die fünf deutschen Kardinäle daran (sie hatten außerdem Freunde wie z.B. Kardinal König) und führten wohl die Entscheidung herbei.
Die tragische Geschichte Polens von den ersten Teilungen an, über die nationalsozialistische Unterdrückung und die finstere Erinnerung an Auschwitz, bis hin zum Untergang des Kommunismus zeigt besonders deutlich die Treue einer stets gläubigen Nation zu Christus, der Kirche und Maria. Die Erneuerung der Weihe an die Muttergottes bei der neunjährigen Novene, die in Krakau nicht weit entfernt vom Nationalheiligtum Tschenstochau triumphal beendet wurde, und diese ungebrochene Treue im Glauben und in der Hoffnung, riefen nach einer außerordentlichen Belohnung.
Durch das Gebet der Muttergottes scheint das polnische Kardinalskollegium auf einmal am besten geeignet, um den marxistischen Atheismus vom Osten her aufzulösen und die Ära nach Breschnev zu eröffnen. Der mutige Bau der Kirche von Nowa Huta gehörtdazu. Zur damaligen Zeit war es Gottes Geheimnis und sein heimliches Zeichen, das am 13. Mai 1981 offenkundig werden wird… Bereits beim ersten Konklave hatte Karol Wojtyla einige Stimme erhalten. Es waren die Stimmen, die von den nationalen prophetischen Dichtern wie Slowacki und Galczynski «gehört» worden waren…
Am 14. Juli, drei Wochen, bevor Paul VI. starb, wurde Karol zur Feier des zehnten Jahrestages von Humanae vitae eingeladen. Seine Ausführungen frappierten Beobachter und Journalisten…
Am 24. August, also kurz vor dem ersten Konklave, konzelebrierte M. Malinski, der Freund aus schweren Stunden, mit Karol und betete offen darum, daß er zum Papst gewählt wird. Nach einer langen Stille erwiderte Karol äußerst konzentriert auf dieses Gebet und sprach: «Herr, wenn man einen sündigen Menschen zum Stellvertreter deines Sohnes erwählt und er diese Aufgabe annimmt, dann schenke ihm genügend Kraft, damit er dieses Kreuz tragen kann…»
Die Wahl von Johannes Paul I. am 26. August fiel auf das Fest Unserer Lieben Frau von Jasna Gora…
Am 8. Oktober unternahm Karol mit einem anderen Freund, Kardinal Deskur, einen Ausflug in die Umgebung von Rom. Auf dem Rückweg besuchten sie die Kirche von La Storta, wo Gott einstmals dem hl. Ignatius von Loyola seine Hilfe für die Gründung des Ordens und die Werke der Jesuiten im Dienst der Kirche und der Päpste versprochen hatte. Als sie die Kirche verließen, erzählte Kardinal Deskur auf Karols Bitte diese Geschichte. Daraufhin kehrte er in die Kapelle zurück und betete wieder. Nur Kardinal Deskur war Zeuge davon; er berichtete, daß Karol «gestärkt und glücklich» wieder aus der Kapelle trat.
Dann waren «die Würfel gefallen». Am Samstag, dem 14. Oktober, begannen die 111 wahlberechtigten Kardinäle das Konklave. Als sich der lange Zug in die Sixtinische Kapelle begab, sagte der Botschafter der Elfenbeinküste, Amichia, der ebenfalls ein Freund Karols war, zu seiner Frau: «Schau, der dort, wäre ein sehr guter Papst, aber leider hat er keine Chance…»
Das Konklave dauerte 2 Tage. Vormittags und nachmittags fanden jeweils 2 Wahlgänge statt. Um zum Papst gewählt zu werden, sind zwei Drittel der Stimmen plus eine erforderlich, also 75 Stimmen. Am Sonntag, den 15. Oktober, gaben die Kardinäle nach der in Konzelebration gefeierten Messe und der Anrufung des Heiligen Geistes ihre Stimmen ab. Die vier Wahlgänge dieses Tages ergaben nichts. Aber es zeichneten sich zwei entscheidende Dinge ab: den Italienern war es nicht gelungen, sich untereinander zu verständigen und Kardinal Benelli hatte die erforderlichen Stimmen (knapp) verfehlt. Daher öffnete sich die Tür für einen ausländischen Papst. Die Stimmen, die für Karol Wojtyla abgegeben wurden, mehrten sich.
Montag, der 16., war zugleich der Festtag der hl. Margareta-Maria und der heiligen Hedwig, die eine der Patrone Polens ist. Die Wahlgänge wurden wieder aufgenommen. Einige wenige vertrauliche Hinweise und daraus resultierende Vergleiche erläutern, in welcher Weise sich die Dinge entwickelten. Nach dem ersten angespannten und «blockierten» Tag führten die beiden Wahlgänge vom Montagvormittag dazu, daß die Italiener ausschieden und Karols Stern aufging. Auch wenn der Rauch zu Mittag noch schwarz war, wurde die Situation klarer und gelassene Heiterkeit machte sich breit: die Wege des Heiligen Geistes wurden wahrnehmbar. Die beiden letzten Wahlgänge am Abend würden entscheidend sein…
Und nun wird das Wort der offiziellen Geschichtsschreibung übergeben. Am Nachmittag hat sich wieder eine große Menschenschar versammelt; die Journalisten berechnen die Chancen der «papabili», wobei Karols Chancen nicht sehr hoch zu sein scheinen; er steht am Ende von 20 möglichen Kandidaten. Um 18.17 Uhr, der Abend bricht an, erfüllt ein Frohlocken die auf dem Platz wartenden Menschen: «la fumata è bianca!» («der Rauch ist weiß!») Jubel ergreift die Herzen. «Aber WER ist es?» Das ist die Frage, die für die Römer mit einer gewissen Bangigkeit: «wird es ein Italiener sein?» und für die Ausländer mit Zweifel verbunden ist: «wird es wieder ein Italiener sein?».
Um 19.00 Uhr sind die Augen der Welt durch Fernsehkameras auf die Loggia des Hauptbalkons am Petersdom gerichtet, dessen rote Vorhänge beiseite gezogen werden. «Wer wird es sein?»
Kardinal Pericle Felici, der um seine Wirkung weiß, beginnt mit fester und deutlicher Stimme in die atemlose Stille zu sprechen: «Annuntio vobis gaudium magnum: habemus papam!…» Applaus ertönt, aber … man wartet auf mehr. «Seine Eminenz, der hochwürdige Kardinal der heiligen römischen Kirche, Karol Wojtyla!…» Eine unmerkliche Stille durchzieht die versammelte Menschenschar. Äußerste Überraschung und Hilflosigkeit: «Wer kann das sein? Ein Schwarzer?» Die Journalisten (die von Kirchenspezialisten unterstützt werden) haben verstanden: in aller Eile holen sie das Blatt mit dem Kardinal von Krakau hervor. «… Qui sibi nomen imposuit Ioannis Paulus Secundus…» («der sich den Namen Johannes Paul II. beigelegt hat). Das Volk ist halbwegs beruhigt. Aber es will sehen, um zu glauben.
Um 19.20 Uhr erscheint mit dem Kreuz an der Spitze ein Gefolge auf dem Balkon. Die Kardinäle entfernen sich und lassen die neue weiße Silhouette hervortreten, die mit dem roten Pontifikalumhang bekleidet ist. Der Neugewählte tritt lächelnd näher, seine beiden Arme sind zum Zeichen der Vorstellung und der Offenheit weit geöffnet. Er betrachtet die Menschenschar und läßt seinen Gefühlen freien Lauf. Er bricht kraftvoll und mit Emotionen alles Eis und berührt die Herzen, als er in hervorragendem italienisch sagt: «Wir sind noch voller Trauer über den Tod unseres geliebten Papstes Johannes Paul I. (Starker Beifall). Und nun haben die Kardinäle einen neuen Bischof von Rom ernannt (Freudenrufe). Sie haben ihn aus einem fernen Land gerufen…, aber es ist durch die Gemeinschaft im Glauben sehr nah… Ich hatte Angst, als diese Wahl auf mich fiel, aber ich habe sie im Geist des Gehorsams gegenüber Christus und im Vertrauen auf seine Mutter, die allzeit reine Jungfrau Maria angenommen…» Anschließend erteilte er seinen ersten apostolischen Segen. Dieses feinfühlige und kluge erste Auftreten bewirkte spontane Begeisterung und Zustimmung: der neue Papst hatte den Urbi erobert, nun galt es noch, den Orbi zu erobern.
Anmerkung:
1. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann im Buch von Bernard Balayn: «Johannes Paul II. der Große, Prophet des dritten Jahrtausends» nachlesen. Dieses Buch wird ständig aktualisiert. Es wurde vom Institut de France preisgekrönt und von der päpstlichen Kurie sehr gelobt.
Das eigentliche Ziel dieses Buches ist es, Seiner Heiligkeit bei der Neuevangelisierung zu helfen, für die er alle seine Kräfte um den Preis großer Leiden, die für alle Welt sichtbar sind, einsetzt. Daher bitten wir unsere Leser, bei seiner Verbreitung zu helfen und es Menschen in Ihrem Bekanntenkreis zu empfehlen.
Wir danken unseren Lesern und Leserinnen, daß sie diesem ersten Artikel über das Leben des Heiligen Vaters so aufmerksam gefolgt sind.
Literatur:
«Johannes Paul II., der Große», 864 S. + 80 S. Farbbilder, 15,5x23,5 cm
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