Bereits ein Jahr!

Von Johannes Paul II. zu Benedikt XVI.

Von Bernard BALAYN

=> MARIA HEUTE 425 INHALT

Nun ist es bereits ein Jahr her, dass unser geliebter Heiliger Vater Johannes Paul II. am 2. April 2005 um 21.37 Uhr in den Himmel heimgegangen ist. Die Welt war zwar schon lange darauf vorbereitet, aber sie weinte um ihn, wie seit dem heiligen Petrus noch nie um einen Papst geweint worden war. Alle hatten das Gefühl, dass ein unvergleichlicher Vater uns als Waisen zurückgelassen hatte. Aber das hieß, die Verheißung Jesu vergessen: «Ich bin bei euch alle Tage…» Nach dem Schmerz, nach der weltweiten Huldigung und nach den üblichen Begräbnisfeierlichkeiten hat uns Christus dann nach einem kurzen Konklave am Dienstag, dem 19. April einen Nachfolger mit Namen Benedikt XVI. geschenkt.
In meinem Buch habe ich versucht, den Glanz des unvergleichlichen Pontifikates von Johannes Paul II. dem Großen1 zu beschreiben, das ein Vierteljahrhundert gedauert hat und während dessen er mit der Kraft der größten Propheten unsere Erwartung erfüllt und die Kirche zu ihrem Gipfel geführt hat. Diese Nachfolge anzutreten ist sicher keine leichte Sache. Wie könnte sich Benedikt XVI. nicht von seinem Vorgänger und von dem Ausmaß der Aufgabe, die er fortzuführen hat, wie erdrückt fühlen, wenn er nicht den verheißenen Beistand des Heiligen Geistes hätte?
Wir werden versuchen deutlich zu machen, wie das Boot der Kirche von einem Ufer zum anderen gekommen ist.

Das Vermächtnis des Papstes auf großer Fahrt

Wenigstens vier Gedanken fassen ein phänomenales Pontifikat zusammen, das den Weg ins Dritte Jahrtausend und den Weg für Benedikt XVI. geebnet hat.

Ein vierfaches Erbe

Johannes Paul II. hat eine unvergleichliche allumfassende Vaterschaft ausgeübt, die auf einer christologischen, marianischen und johanneischen Auffassung der Liebe gründete. Diese Liebe hat er in der ganzen Menschheit verbreitet durch seine Seelsorgereisen (wie der heilige Paulus, dessen Namen er auch angenommen hat), durch seine Begegnungen mit Menschen aller Lebensstände und durch sein «geographisches» Gebet für diejenigen, die er nicht treffen konnte. Er hat sich über alles Elend gebeugt, er hat seinen Blick in den von Mutter Teresa getaucht, er hat für die Bedürftigen den Peterspfennig geopfert, ohne deshalb die Kirche arm zu machen. Er, der aus der Nähe von Auschwitz kam, wusste was es bedeutet zu lieben und zu vergeben. Er hat während des Konzils den Brief angeregt, in dem das polnische Episkopat seine deutschen Amtsbrüder um Vergebung bat. Und nach ihm ist ein deutscher Papst auf den Thron Petri gestiegen.
Diese Vaterschaft hat er den Kindern und den Jugendlichen, seinen Lieblingen gegenüber, in bewundernswerter Weise gelebt: So entstand das Abenteuer der Weltjugendtage… Die Jugendlichen waren von seinem Tod am meisten berührt. Er hat sie so sehr geliebt! Man muss mit ihnen und ihm die innige Gemeinschaft an Tor Vergata erlebt haben, um das mit dem Blick des Herzens zu fühlen.
Nachdem er auf den Thron Petri gestiegen war, hat er bei der Kirchenleitung einen neuen Stil eingeführt und vertieft, den das Konzil und Paul VI. angeregt hatten. Er hat sich an deren Regeln gehalten, indem er die Kollegialität ausgeweitet und zahlreiche Synoden einberufen hat, indem er überall mit dem Episkopat zusammengetroffen ist, die Kirchen besucht hat und unermüdlich seine Amtsbrüder im geweihten Priestertum angehört hat. Über die katholische Kirche hinaus hat er trotz einiger Schwierigkeiten die Ökumene und den interreligiösen Dialog gestärkt. Den Dialog pflegen war für ihn eine weitere Art zu lieben.
Doch er vertrat die Überzeugung, dass man in der Wahrheit lieben muss. Er hinterließ der Kirche und der Welt also den praktisch unerschöpflichen Schatz seiner alles umfassenden Glaubensunterweisung, deren leuchtendes Zeugnis für immer der Katechismus der Katholischen Kirche ist. Er trennte nie die Philosophie von der Theologie, nie die Ethik von der Gnade. Sein päpstliches Lehramt ist das Ungewöhnlichste der ganzen Kirchengeschichte. Sein Hirtenamt war allumfassend: Er selbst gab das Beispiel dafür und vergass nicht, dass der Papst Priester ist, noch bevor er Bischof ist: «Seit zwei Jahren bin ich Papst, seit 20 Jahren bin ich Bischof, aber das Wichtigste für mich ist immer noch die Tatsache, dass ich Priester bin!», hat er im Parc des Princes in Paris ausgerufen, wo wir uns in 20 Meter Entfernung von ihm befanden. Seine Berufung bestand darin zu dienen. Er hat (als Sohn Gottes und als Sohn eines Offiziers) bis zum letzten Blutstrophen, bis zum Schluss gedient, stets um zu lieben.
Er hat den Lauf der Dinge beeinflusst, indem er zum unermüdlichen Apostel des Friedens wurde. Mit dieser ständigen Sorge um den Frieden hat er aus dem Menschen nicht nur den «Weg der Kirche», sondern auch die Straße des Friedens gemacht. Diese unermüdliche Suche nach Eintracht hat er seinem Nachfolger vermacht, der seinen Namen und sein Programm von Benedikt XV. übernommen hat, dem ersten Papst von Fatima, dem Papst, der um Frieden flehte und dem Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz und die Königin des Friedens 1917 auf der Cova da Iria, der «Wiege des Friedens», geantwortet hat. Als Mann des Mutes in einer willenlosen Welt («Habt keine Angst!») hat Johannes Paul II. sich gegen die Ungerechtigkeit ausgesprochen, die zu Kriegen führt; er hat nein zur kommunistischen Verirrung gesagt, die Europa anachronistisch zweigeteilt hatte. Durch sein Gebet (das Kardinal Ratzinger bewunderte) und sein Leiden (das ihn beeindruckte) und seine Diplomatie hat er den Eisernen Vorhang und die Mauer der Schande niedergerissen. Er hat in vielen Konflikten vermittelt, Kriege beendet oder begrenzt, zur Freilassung von Geiseln beigetragen, seinem Mörder vergeben, die Grenzen für den Frieden und die Kultur abgesteckt, ist mit Tausenden von Staatsmännern zusammengetroffen, hat in einer beispiellosen Weise die Zahl der Nuntiaturen erhöht…

Mit einem Wort, das Vermächtnis des Papstes ist eine Verkörperung der göttlichen Barmherzigkeit, ein Lichtstrahl, ein Kuss der Liebe und des Feuers, das nie erlöschen wird. Seine unvergessliche Größe lässt sich in seiner glühenden Liebe zusammenfassen, die er in unaussprechlicher Weise verbreitet hat und die das göttliche Strafgericht über eine schwer erschütterte Welt aufgehalten hat.

Die ersten Schritte von Benedikt XVI.

Er hat sich als «demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn» vorgestellt und ist sich bewusst, welch ungeheures Erbe er antritt und was ihn erwartet. In der Tat ist er ein idealer Papst, der das Schiff der Kirche auf seine Weise in den Hafen des Triumphes führt, der in Fatima versprochen wurde.

Ein idealer Papst

Das ist er aus mehreren Gründen. Johannes Paul II. ist nicht im Entferntesten für ihn eine «Last», sondern vielmehr ein Kompass, ein Beispiel und eine Anregung. Da er lange unauffällig aber aktiv in seinem Schatten gelebt hat, beruft er sich unablässig auf seinen prophetischen Geist, auf sein Priesteramt, auf seinen Leidenschaftlichen Einsatz. Er selbst hat Polen in einem berühmten Interview anvertraut, dass er nicht so sehr Neues schaffen, sondern seine außergewöhnliche Lehre fortsetzen und in die Praxis umsetzen wolle: «Ich habe hauptsächlich und persönlich die Aufgabe, nicht viele neue Dokumente zu veröffentlichen, sondern dafür zu sorgen, dass die Dokumente von Papst Johannes Paul II. geistig aufgenommen werden, denn sie stellen einen reichen Schatz dar.»
Er hat Vorteile durch die Erfahrung, die er durch das Leben in der Nähe des heiligen Papstes gesammelt hat, das wie ein «Labor» war, in dem er gelernt hat, Papst zu sein.
Er hat Vorteile durch die Gaben und den Blick Gottes auf ihn. Die Welt braucht in unserer stürmischen Zeit nicht nur mutige Kapitäne, die die Situation klar erkennen, sondern auch umsichtige Lotsen, die das Schiff der Kirche durch die Klippen steuern können. Als demütiger und friedvoller theologischer Fachmann ist er mehr denn je der «sanfte Christus der Erde» (hl. Katharina von Siena), der die Prophetie weiterführen und der tobenden Welt das Licht der Wahrheit zeigen muss. Im Sturm ist es entscheidend, den Leuchtturm zu sehen, um sich nach ihm auszurichten. Er begreift, dass er das allein nicht kann. In demselben Dokument erklärt er, dass er in den Händen Gottes und von Johannes Paul II. ist, dessen Nähe er spürt.2 So hat er sich das Gebet von B.-H. Lévy zu eigen gemacht: «Bleib bei uns, Wojtyla.»
Die himmlischen Gaben offenbaren sich auch in einer selten anzutreffenden Einfachheit und Verfügbarkeit. Sie zeigen sich auch in seinem Willen, das Beispiel seines Vorgängers so gut wie möglich nachzuahmen und gleichzeitig die Wege einzuschlagen, welche die Göttliche Vorsehung und die Zeichen der Zeit ihm vorgeben. Und das wichtigste zeitgenössische Zeichen ist die Verwirklichung des großen Triumphs, der in Fatima versprochen wurde: Der Triumph Christi, der Sieger über alle seine Feinde ist, wie er auch der heiligen Margareta-Maria und unserer Landsmännin Marthe Robin vorhergesagt wurde.

Die Anfänge des Pontifikates

Benedikt XVI. baut auf jene, die ihn tatkräftig unterstützen und auf das Gebet der Christen, um die Nachfolge als Papst anzutreten.
Auf dem Gebiet der Treue behält er alle Institutionen und die früheren Gewohnheiten bei, die den Gläubigen lieb und teuer sind. Er verankert die Glaubenswahrheit, indem er die Kurzfassung des Katechismus und seine erste Enzyklika veröffentlicht, indem er die thematische wöchentliche Glaubensunterweisung beibehält. Er bewahrt die seelsorgerlichen Bräuche, indem er die Gemeinden Roms besucht, Kinder tauft und sich sehr für die charismatischen Gemeinschaften interessiert. Er setzt die Zusammenkünfte mit den Jugendlichen bei den Weltjugendtagen fort. Er führt die Ökumene kraftvoll weiter, indem er die Begegnung sucht und die Woche der Einheit der Christen feiert. Er pflegt den Dialog mit den anderen Religionen wie zum Beispiel durch seine wiederholten Begegnungen mit den jüdischen Instanzen. Sein Herkunftsland gibt ihm die Gnade, im Herzen der Ökumene zu stehen. Das wird ihm vielleicht erlauben, endlich die Rücckehr zur vollen Einheit zu erleben. Er stärkt die Verteidigung des Friedens, indem er die Gewalt und die Kriege verurteilt und oftmals die Grauen des Nationalsozialismus anprangert. Er kommt auf die Menschenrechte zurück, was seine große Sorge um Afrika zum Ausdruck bringt.
Auf dem Gebiet der Gesten achtet er so weit wie möglich auf die Geselligkeit bei seinen Begegnungen. Man kann also eine große Nähe, eine echte Kontinuität der Absichten von Johannes Paul II. feststellen, der ihn durch seine Texte, durch seine sehr lebendige Erinnerung und seine Gegenwart an seiner Seite leitet, wie er sagt.
Zugleich prägt er seinem Pontifikat eine neue Ausrichtung auf, die seinem Charisma eigen ist. Als zurückhaltender, unauffälliger Mann des Nachdenkens und der Innerlichkeit distanziert er sich auf anderen Gebieten etwas von seinem Vorgänger. Seine Gesundheit zwingt ihn, seine Aktivitäten zu reduzieren. So leitet er nicht selbst Seligsprechungsfeiern und hat nicht vor, durch die ganze Welt zu reisen. Abgesehen von den Weltjugendtagen in Köln, die von seinem Vorgänger geplant worden waren, hat er bisher nur drei Besuche vorgesehen: Ende Mai in Polen im September in Deutschland und Ende November in Konstantinopel. Auf dem Gebiet der marianischen Frömmigkeit, mit der Johannes Paul II. das christliche Volk begeistert hat, würde dieser sich freuen, eine tiefer empfundene Kontinuität wiederzufinden, zum Beispiel indem der Papst die Gewohnheit beibehält, mit der Christenheit den Rosenkranz des ersten Samstags im Monat zu beten. Die Bitte Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, sie am ersten Samstag im Monat besonders zu verehren, muss vom Papst noch offiziell angenommen werden. Das wäre ein machtvolles Mittel, den so sehnlich erwarteten Sieg des Unbefleckten Herzens Marias zu beschleunigen.
Alle fühlen jedoch, dass Benedikt XVI. angesichts der schwierigen Regierung der Kirche alles tut, was in seiner Macht steht, um das königliche Volk in dieser so schmerzlichen und ungewissen Phase der Geschichte gemäß dem Plan Gottes zu führen.

Und wie sieht die Zukunft aus?

Wir müssen dem neuen Papst sicher mit unserem Gebet beistehen, um das er gebeten hat. Denn die Kirche geht — wie bei einem Schiff –— alle Beteiligten an. Über die Person des Heiligen Vaters hinaus ist wirklich die Kirche das Entscheidende. Und sie durchquert die Zeit und übertrifft den Raum.
Benedikt XVI. hat das Ruder des Kirchenschiffes in einem entscheidenden Moment ihrer Geschichte übernommen. Wie es die jüngste Synode gezeigt hat, wird das Christentum in allen Teilen der Erde schwer geprüft. In Europa ist es zwischen der wachsenden Einflussnahme des Islam, dem Abnehmen des Glaubens und der zunehmenden Feindlichkeit dem Christentum gegenüber eingeengt. Ist unser Kontinent, der sich in voller historischer Widersprüchlichkeit befindet, etwa dabei, den Ast abzusägen, auf dem er «sitzt»?
Wir müssen uns sicher sein, dass die Verheißung des Triumphes der Unbefleckten Jungfrau Wirklichkeit ist, auch wenn wir «weder den Tag noch die Stunde» kennen. Die Menschheit wird bei dieser Erwartung schwer geprüft und muss sich doch um die «drei weißen Zeichen» gruppieren, um das Kommen dieses Triumphes zu beschleunigen: Um Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz, den Papst und mehr denn je die Eucharistie. Denn es ist klar, dass der Sieg, von dem Maria gesprochen hat, nur in Bezug auf ihren Sohn gelten kann, dem sie dient und vor dem sie stets in den Hintergrund tritt. Tragen wir zum Sieg der Heiligsten Eucharistie bei, indem wir auf Maria hören und zusammen mit Ihr den Stellvertreter Christi unterstützen.

Bernard BALAYN


Anmerkungen:
1. Die Zeitung des Vatikans hat diesen Titel übernommen und hat ihn bei der Beerdigung quer über die ganze Titelseite gedruckt: «Die Huldigung der ganzen Welt an Johannes Paul II. den Großen».
2. Ein Interview, das der Papst im Oktober letzten Jahres im polnischen Fernsehen gegeben hat.

Literatur:
«Johannes Paul II., der Grosse», 864 S. + 80 S. Farbbilder, 15,5x23,5 cm E 35.– CHF 54.–

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