Von Bernard Balayn

Die erhabene Größe einer unendlichen Liebe

=> MARIA HEUTE 422 INHALT

Als wir an unserem Tauftag in den Tod und die Auferstehung Jesu getaucht wurden, empfingen wir eine dreifache Berufung: eine prophetische, eine priesterliche und eine königliche Berufung. Während dieser heiligen Tage ist es gut, über das Königtum Jesu im Licht des Johannesevangeliums zu meditieren, um unser Verhalten neu auszurichten.

«Er begann, den Jüngern die Füße zu waschen…» (Joh 13, 5)

Als Jesus auf seine Passion zugeht, setzt er seine Apostel mit zwei Taten in Erstaunen, die für ihre menschliche Logik verwirrend sind: Er, der Gott-Mensch, wäscht ihnen die Füße und anschließend gibt er ihnen seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken!
Bevor sich Jesus zu Tisch setzt — nicht für ein Festmahl, sondern für sein «Hochzeitsbankett» mit der Menschheit — will er, dass seine Freunde vollkommen rein sind und gestärkt in die Prüfung gehen, die auch über sie hereinbrechen wird. So macht er sich also bereit, er kniet vor ihnen nieder und wäscht ihnen die Füße: demütig und liebevoll. Während er das tut, sagt er zum aufbegehrenden Petrus: «Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, doch später wirst du es begreifen». (Er weist ihn auf den zweiten wunderbaren Fischfang hin, und später auf Rom.) Und an alle gerichtet: «Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es». Und er wiederholt: «Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen».
Diese Geste ist also von großer Bedeutung: Christus ist der Diener aller und er sagt dies zu Beginn seiner Passion, um deren tiefste Tragweite anzuzeigen und zu eröffnen: das Dienen ist das Zeichen des wahren Königtums: «Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen…; Ich bin in eurer Mitte wie einer, der dient…; wer herrscht, sei wie ein Diener…; der Größte unter euch sei euer Diener». Das ist der Schlüssel des Rätsels, der Schlüssel zur Passion. Die Liebe dient, sie schenkt und gibt sich hin. Jesus, der zugleich Herr und Diener ist, zeigt, was äußerstes Dienen ist und übt damit das größte Königtum aus, umso mehr, als er der einzige Hohepriester ist; er ist zugleich Priester und Opfer, das Lamm, das geschlachtet wird.
Kurz darauf begibt er sich also zu Tisch, und das Erstaunlichste ist, dass er sich als Speise und Trank hingibt und dadurch das, was er gerade getan hat, unter Beweis stellt und es mit konkretem Inhalt füllt. Es geht nicht nur darum, den Leib zu reinigen; es geht um viel mehr und um Tieferes: nämlich darum, die Seele mit dem Abgrund der menschgewordenen Gnade, die Christus ist, zu nähren. Er ist das Manna par excellence und der Strom des Lebens (vgl. Ez 47, 9: «Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben»). Jesus macht sich zunichte und lässt sich verzehren, Er, der Unendliche, um Nahrung zu werden und sein Leben weiterzuschenken. Indem er das tut, antizipiert er den chronologischen Ablauf seines Opfers; in der ontologischen Ordnung umhüllt und transzendiert dieser Akt jedoch die gesamte Passion des Herrn. Das heilige eucharistische Opfer weiht sein Königtum, weil es dieses Königtum konstituiert, vollendet, krönt.

Die Krone und der Thron, Attribute des messianischen Königtums

Den Ausdruck dieses Königtums erkennen die Apostel, mit Ausnahme des hl. Johannes und — mit einigem Abstand — des Petrus, nicht. Sie sehen nur einen Teil.

Die Dornenkrönung

In einer der kleinen Kirchen von Aube gibt es eine sehr beeindruckende Christusdarstellung, die durch Würde und Wahrheit besticht. Christus ist sitzend, mit seiner Dornenkrone dargestellt, wie erstarrt in stummer Resignation, während er in vollkommener Bewegungslosigkeit auf seine Opferstunde wartet. Man kann ihn nicht ohne Erschütterung betrachten, ähnlich wie damals, als Jesus mit Martha und Maria Magdalena sprach, als er am Grab des Lazarus stand. Damals ging es um eine «Auferstehung», während es jetzt um seine Opferung geht.
Hier begegnen wir dem heiligen Johannes, dem treuen und mystischen Apostel. Er ist gemeinsam mit Maria Augenzeuge, wie er selber sagt. Später hat er diese Ereignisse Jahrzehnte lang allein bewahrt; wir wollen ihn zu unserem Führer nehmen. Von der Geißelung schreibt er: «… Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht.» Der hl. Johannes überspringt die Misshandlungen, die seinem geliebten Meister zugefügt werden, nicht, aber er erkennt deren Bedeutung, die über die Erlösung hinausreicht. Er sublimiert sie. Johannes sieht in den Demütigungen Christi eine Manifestation seiner Herrlichkeit, und die Krönung ist, wenngleich als Spott gedacht, doch wirklich eine Krönung. Seine Peiniger verneigen sich vor ihm, wenngleich aus Hohn. Man könnte dies die «johanneische Ironie» nennen. Es handelt sich also um eine feierliche Krönung, die wie alles andere auch, den Akteuren des Dramas entgeht, weil sie in dichter Finsternis leben und dieses Drama nur mit den Augen des Glaubens sichtbar werden kann — also für niemanden außer Maria oder aber durch eine besondere himmlische Intuition wie im Traum bei der Frau des Pilatus. Die Statue des Schmerzensmannes ist beeindruckend und sehr beredt. Sie ist bereits ein Ecce homo: durch die Vernichtung Christi zeigt sie eine mehr als tragische Größe: eine unübertroffene Größe. Sein eigentlicher «roter» Mantel ist nicht der im Evangelium erwähnte, sondern es ist der Mantel der kalten Nacht der Agonie, der Mantel, der mit Blutschweiß durchtränkt ist. Er ist mehr als nur ein Umhang: ein kaiserliches Purpur, dessen Adel und Größe aus diesem, für alle Menschen vergossenen Blut kommt. Es ist der Beginn eines neuen Reiches: das Reich der Liebe, über das noch niemand geherrscht hat oder jemals herrschen wird.
Auf dem Kreuzweg trägt er diese Dornenkrone mehr als das Kreuz selbst, denn diese Krone zeigt sein messianisches Königtum am deutlichsten an. Wenn er hinfällt, fällt sie gemeinsam mit ihm. Sie hat sich in seine Schläfen gebohrt und ist eins mit ihm geworden: durch sie ist der Erlöser nicht mehr trennbar von seinem Volk, das er mit dem Preis seines Blutes errungen hat, mit dem Blut, das wie unbezahlbare Perlen sein erlauchtes Antlitz benetzt. In den Augen des Glaubens glänzt diese Krone so wie die heiligen Wunden Christ nach der Auferstehung vor den Aposteln glänzten, oder auch später vor einer heiligen Margareta-Maria…

Der Thron

Er begleitet die Krönung ebenfalls. Über die vorhin erwähnte Kirche hinaus stellt die gesamte Ikonographie Jesus bei seiner Krönung sitzend dar, auch wenn dieser Thron ebenfalls als Hohn gedacht ist. Nicht die Materie, sondern deren Bedeutung zählt. Und je größer die Entäußerung, desto größer ist das, was sie offenbart. Je intensiver das Dienen und Leiden ist, desto mehr wächst das Königtum. Die sitzende Haltung zeigt immer dieses Königtum, die Majestät, die Autorität, die Oberherrschaft, die Macht an. Gottvater wird immer in dieser Weise dargestellt: er ist die allerhöchste Autorität.
Johannes ist der einzige, der in seiner Beschreibung noch weiter geht: Rief Pilatus den entfesselten Juden nicht zu «Euren König soll ich kreuzigen?». Ließ er später nicht auf das Holz des Kreuzes die Inschrift anbringen: «Rex Judaeorum»? Es ist deutlich, dass für Johannes das Niedersitzen Jesu die Inthronisation bedeutet. Es ist keine bewusste Inthronisation, aber in der Heilsordnung ist es eine reale Inthronisation, die vor Zeugen geschieht: nämlich vor den Untertanen Christi, den Kindern seines Vaters, die gerade erlöst werden. Es gibt keine Krönung ohne Volk. Der Thron ist immer Symbol für Macht, Herrschaft, Gewalt. Herrscher werden auf diese Weise dargestellt; auch Richter verkünden ihre Urteile sitzend. Die Muttergottes mit dem Kind wird — wie in Montserrat — als sitzende Mutter dargestellt; bisweilen lässt das Jesuskind ein königliches Kind erahnen oder Jesus wird wie bei der Pietà von Auvergne, von Avignon oder der unsterblichen Pietà von Michelangelo nach der Kreuzabnahme dargestellt. Dann hat Maria Züge einer Herrscherin, die von Freude oder von Schmerz verklärt ist.
Und dann ist da schließlich das Kreuz, das göttliche Kreuz. Als Christus auf Golgotha angekommen ist, wird er daran festgenagelt und das Kreuz wird aufgerichtet: zwischen die Menschen und seinen Vater. Wenn einstmals die Merowinger in der Erhöhung ein Zeichen der Macht sahen, so gilt das umso mehr für den Erlöser des Menschengeschlechts. Im johanneischen Gedankengang, der weit von jedem Dolorismus entfernt ist, geht es um die Vollendung des Werkes der Liebe, des Heils, der Wiedergutmachung gegenüber dem Vater. Jesus, den man erniedrigen wollte, hat bereits mit seiner Himmelfahrt begonnen, denn er erkannte gerade in der Erniedrigung seine Erhöhung in Herrlichkeit, die sich mit der Errettung aller Menschen durch seinen Tod vollendete. Und genau das hatte er vorhergesagt: «Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen».
Indem Johannes nicht wie Jesaja den Akzent auf das Leiden und die Erniedrigung Jesu setzt, preist er die Passion, die in seinem Gedankengang zum Triumph Christi wird. Und aus diesem Grund war Pilatus beunruhigt, als Jesus vor Gericht geführt wurde. Dieser Römer, dem die Hintergedanken der Juden fremd waren, und der über die Rechtsprinzipien wachte und sie durchführte, versuchte Jesus, den er als unschuldig erkannte, tatsächlich zu retten: «Dieser Mensch hat kein Unrecht begangen», wiederholt er mehrfach. «Ich werde ihn freilassen…» Man muss Pilatus, der zudem noch von seiner Frau gewarnt worden war, mit den Augen des Glaubens betrachten. Er kreist um den regungslosen und schweigenden Jesus; er betrachtet ihn und versteht, dass es in diesem Unschuldigen, in diesem Schmerzensmann, ein Mysterium gibt. Nur ganz wenig trennt ihn von einer Bekehrung, auf die er sich aus Menschenfurcht nicht einlässt. Wir wissen, dass dieses Mysterium das Mysterium einer verborgenen Herrlichkeit ist, die der menschlichen Verwaltung entgeht, das die Autorität, die durch Pilatus repräsentiert wird, erahnt (denken wir an Herodes beim Massaker der unschuldigen Kinder). Die Majestät, die Gelassenheit, die übermenschliche Noblesse Christi beeindrucken Pilatus so sehr, dass er sagt: «Wer bist du, woher stammst du?» «Daraufhin wollte er ihn freilassen.» Denn er, der einfache Statthalter, spürte eine Königswürde, die über das Gewöhnliche hinausging. Aber schließlich überwogen Skepsis, Feigheit und Angst. Christus, das Vorbild, überstieg ihn um ein Unendliches, sogar noch in der Schmach, der er durch seine armselige Menschheit ausgesetzt war.
So ist die Passion Christi nach Johannes von der Fußwaschung bis hin zum Tod am Kreuz ein Triumphzug zur Königsherrschaft. Die äußerste Erniedrigung des Verurteilten, der seinem Tod entgegengeht, ist zugleich eine Etappe auf seinem Weg zur Herrlichkeit der Erlösung und der Auferstehung. Er ist der König der Könige, denn die Krone und der Thron waren nicht nur eine armselige menschliche Zusammenstellung, die der Erbsünde entsprang, sondern zeigen die erhabene Größe einer unendlichen Liebe, die in der Selbstverleugnung wurzelt und vom Feuer der Nächstenliebe verzehrt wird: «Es gibt keine größere Liebe als wenn jemand sein Leben für seine Freunde hingibt».

Bernard BALAYN

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