Von Bernard BALAYN

Die wichtigsten Etappen im Leben von Papst Johannes Paul II.

Ein Priester: Karol Wojtyla
(1946-1957) (2)

Erfahrungen in der Stadt: Krakau (1949-1951)
Professor: Krakau – Lublin (1951-1957…)

=> MARIA HEUTE 421 INHALT

Nachdem Karol in Rom eingeführt worden war und zuerst in Belgien, dann aber auch in seiner Heimat Niegowic, einem ländlichen Gebiet, Erfahrungen gesammelt hatte, fehlte ihm noch die Erfahrung städtischer Seelsorge. Als ihn sein Erzbischof im August 1949 nach Krakau rief und ihn zum Kaplan der großen Pfarre St. Florian (nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof) ernannte, war er unverzüglich dazu bereit. Seine Hauptaufgabe bestand in der Studentenseelsorge.
Seine pastorale Arbeit richtete sich also besonders auf junge Erwachsene. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen «Heldengeschichte»…
Zugleich legt er aber auch die Feder nicht aus der Hand. Sie war eine lebhafte intellektuelle und spirituelle Flamme, untrennbar von seiner Arbeit vor Ort.

Krakau: unermüdliche Aktivität

In dieser neuen Pfarre zeigte er seinen ganzen pastoralen Einsatz. Er blieb dort doppelt so lange wie in Niegowic (1949-51) und leistete wirklich eine beachtliche Arbeit, die um zwei Pole kreiste: die Ausbildung der jungen Menschen und das journalistische Apostolat.
Er übte seine Funktionen als Kaplan bei allen aus, wobei er zusätzlich noch mit der Krankenpastoral beauftragt war, wodurch er mit der Welt des Leidens in intensivere Berührung kam und enge Kontakte mit dem einfachen Volk knüpfte. Er war unterwegs, forschte, hörte zu, war ein gesuchter Mann, so dass er nur noch sehr wenig Zeit für sich selbst hatte. Sie reichte gerade noch aus, damit er immer wieder an seine Quelle gehen konnte. Er wusste, dass man nur das geben kann, was man von Gott empfängt. Das Beispiel des hl. Pfarrers von Ars und von Pater Pio hatte sich ihm so tief eingeprägt, dass er regelmässig stundenlang Beichte hörte. Ein willkommenes «Ventil» waren für ihn die ihm vertrauten Frömmigkeitsübungen, aber er begeisterte sich auch immer mehr für die Berge, wo er im Andenken an seinen Vater wieder mit Exkursionen begann, die seine unermüdliche Energie (nicht nur die körperliche!) freisetzten und zugleich erhielten.
Wieder in der Stadt, schrieb er seine Reflexionen als Priester und Wissenschaftler in Zeitungsartikeln nieder, die ein Vorspiel seiner späteren Bücher waren. So begann seine lange und fruchtbringende Mitarbeit bei einer großen katholischen Zeitschrift in Krakau: «Die ganze Woche». 1949 verfasste er einen Artikel, der großes Echo auslöste: «Mission in Frankreich». Er berichtete darin über Pastoralmethoden des Pariser Klerus in den Vororten der Stadt, die sich auf die polnischen Arbeitermilieus übertragen ließen (Krakau lag im Zentrum eines großen Bergbaugebietes und der eisenverarbeitenden Industrie. Nowa Huta war eine große Vorstadt Krakaus.) Er schrieb über seine Lieblingsthemen aus dem Bereich der Philosophie und der Ethik, die viele junge Menschen interessierten. Zur Entspannung verfasste er unter dem Pseudonym Andreas Jawien auch Gedichte. Zugleich war er auch Mitarbeiter einer christlichen Monatszeitschrift: «Znak» («Zeichen»).

Geistlicher

Für die Studierenden: bereits ein Vater

Karols eigentliche Begabung war aber sein außergewöhnlicher Kontakt zu den jungen Menschen, insbesondere zu den Studenten. Sie wurde im Laufe der Jahrzehnte zu seinem besonderen Charisma.
Entscheidend war, dass er von Anfang an wie Christus handelte und Sein Gleichnis vom reichen Jüngling — das viele seiner späteren Begegnungen mit den jungen Menschen inspirierte — konkret umsetzte: «Er blickte ihn an und liebte ihn». In der Tat: er war nie genervt, müde oder in Eile, sondern nahm sich die Zeit, um mit ihnen zusammen zu sein, ihnen zuzuhören, ihre Sorgen und Hoffnungen zu teilen, ihnen zu antworten. Die jungen Leute vertrauen ihm und suchen ihn auf, um mit ihm zu reden, ihn um Rat und Hilfe zu bitten, bei ihm zu beichten. Er stellt für sie eine Choralschola auf, gibt Katechese bei Oberschülern und Studenten benachbarter Fakultäten, hält Vorträge «intra et extra muros», wie beispielsweise im Rahmen des Katholischen Jugendverbandes und führt sie ins Theater oder ins Konzert. Kurzum: Ob es um pastorale Begegnungen oder verschiedene informelle Kontakte geht — er hat immer das pädagogische Anliegen einer großen menschlichen Nähe, die an ihm auch sehr geschätzt wird.
Man sieht, dass er sich ganz hingibt, ohne in irgendeiner Weise auf die harten Bedingungen zu achten, unter denen er lebt. Er teilte das Leben der jungen Menschen, insbesondere wenn er in den Ferien mit ihnen zu Exkursionen in die südlichen Berge aufbrach. Begonnen hatte es damit, dass Schwestern eines Mädchenpensionates ihn hoch genug schätzten, um ihm eine Mädchengruppe für eine Skitour anzuvertrauen. Aus Vorsicht reiste er in Zivil und ließ sich «Wujek», «Onkel» nennen. Er blieb immer «der Onkel» Karol. Von nun an teilte er seine Zeit zwischen den Mauern seines Pfarrhauses, der Universität, dem Beichtstuhl und der verschneiten oder bewaldeten Weite, die sich für die Entfaltung einer umfassenden Katechese besonders eignete. Er nahm Jungen und Mädchen gemeinsam mit und war Initiator dieser gemischten Ausflüge, vor denen er keine Angst hatte, sondern die von ihm gut durchdacht waren. Einer dieser Jungen, Karol Tranowski, der später ein bedeutender christlicher Journalist wurde, fasste das Entscheidende seiner Tätigkeit mit Klugheit und Dankbarkeit zusammen: «Kaplan Wojtyla war ein ausgezeichneter Beichtvater. Er hörte uns mit unglaublicher Geduld zu. Er brachte sich auch körperlich ganz ein und machte mit uns Touren, bei denen er Rücksäcke von 25 kg Gewicht trug, er machte Skiabfahrten mit uns, fuhr Kajak und schwamm kraftvoll…
Er war ein Naturbursche und hatte Humor, aber er sprach mit größtem Ernst mit uns über die Liebe. Das war es, worüber er am besten mit uns sprach: über die Dinge des Lebens und über Gott. Wir liebten ihn und achteten ihn sehr. Er richtete sich an uns, die künftigen Verlobten, die künftigen Eheleute. Das war seine Schule: sein Ziel war es, die Familien zu formen, zu erziehen, damit sie zu gegebener Zeit stabil und verantwortungsvoll sind. Deshalb machten wir diese gemeinsamen Abenteuer; er dachte, dass man sich der physischen Natur stellen solle, um stark zu werden und unsere Charaktere konfrontieren zu lassen, damit wir lernen, das Leben so anzugehen, wie es dann in der Familie gelebt werden soll. Der Mensch ist ein Ganzes und man muss ihn in seiner Ganzheit formen. Übrigens war es jene Zeit, wo er aufgrund dieser Erfahrungen sein berühmtes Buch “Liebe und Verantwortung” niederschrieb. “Wujek” war für uns ein echter Vater. Ist es ein Zufall, dass er genau in jener Zeit ein Stück mit dem Titel “Geheimnis der Vaterschaft” schrieb?
Abends saßen wir dann am Lagerfeuer und er hörte uns wieder zu, sang mit uns, stärkte uns. Er schöpfte seine Lehre aus [den Schriften] des hl. Paulus; es gab nichts Frustriertes oder Frustrierendes in ihm», berichtete sein Freund.
Was seine Freunde anbetrifft, so hat er seine alten Freundschaften immer aufrecht erhalten. Er begegnete ihnen, gab und empfing. Zu seinen alten Freunden gehörte auch die Familie Kotlarczik; der Familienvater hatte sein Theater von Wadowice nach Krakau transferiert. Karol ließ sich aber auch auf neue Freundschaften ein, beispielsweise mit Stefan Swiezawski, einem Professor für Philosophiegeschichte, dem er sich immer tiefer verbunden fühlte. Karols Horizonte entzogen sich jeder Endlichkeit. Wie weit sollte das gehen?

Rückkehr zu den Studien: Die Professur (1951-1957)

Die Kaplansstelle von St. Florian ließ ihm – wenngleich sie aus pastoraler Sicht sehr wertvoll war – keine Musse für das Studium. Karol hatte als promovierter Theologe in Rom auch mit neuen philosophischen Studien begonnen. Genauer gesagt: es war die Ethik, die ihn beschäftigte. Im Sommer 1951 stellte ihn sein Erzbischof von seinen pfarrlichen Aufgaben frei, damit er sein Philosophiestudium abschließen konnte. Für seine Doktorarbeit wählte er ein Thema zu Gedanken eines zeitgenössischen deutschen Ethikers: «Ist das phänomenologische System Max Schelers mit der Elaboration einer christlichen Ethik vereinbar?» Karol bejaht diese Frage. Für ihn ist es möglich, sein auf Gott gerichtetes fundamentales Wissen, das er sich mit dem Thomismus angeeignet hatte, mit der Phänomenologie wie Scheler sie sieht, nämlich als System moralischer Tugenden, die sich auf den Menschen richten, zu vereinen.
Unterdessen stirbt der hoch verehrte Kardinal-Primas Adam Stefan Sapieha am 23. Juli 1951. Karol ist davon tief bewegt und nimmt ganz diskret an den quasi nationalen Trauerfeierlichkeiten teil. Der Kardinal-Primas hatte einen klaren Blick für sein Leben gehabt, er hatte ihm Orientierung für seine Spiritualität und für sein Engagement in der Kirche gegeben. Er war für Karol wie ein Freund gewesen und hätte ihm noch helfen können. Nie vergass der junge Priester das Beispiel dieses Hirten und seinen legendären Mut. Sein Nachfolger Erzbischof Eugeniusz Baziak unterstützte Karol; am 3. Dezember 1953 habilitierte er sich mit Auszeichnung, und damit war ihm der Weg für eine UniversitätsLaufbahn geöffnet.
Von da an ging alles schnell: am 1. Oktober wurde er zum Professor für Moraltheologie und soziale Ethik am Metropolitanseminar von Krakau berufen (nur bis 1954, denn dann ließ Stalin die theologischen Fakultäten in Polen schließen). 1954 wurde er Professor für christliche Philosophie an der berühmten katholischen Universität von Lublin; 1956 übertrug man ihm den Lehrstuhl; 1957 war er bereit, Vorlesungen an der Jagellonen-Universität zu halten, an der er selber nach dem Kriege studiert hatte. Diese vielsseitige Mitarbeit dauerte bis 1978.
Karol ließ sich jedoch nicht von den Titeln blenden; er blieb sich immer und überall treu. Von seinen Kollegen wird er bewundert, noch mehr aber von den Studenten, die sich in den Hörsälen drängen, um dem «gelehrten Professor» zuzuhören. Die jungen Menschen wurden von seiner anziehenden Persönlichkeit und von seinem Wissen unwiderstehlich in Bann gezogen. Sie spüren das Wesentliche: ein Priester, bei dem Sein und Handeln übereinstimmen. Sie bemerken beispielsweise seine große Armut, die mit seinem großen Wissen einhergeht: seine Ärmel und seine Schuhe sind abgewetzt, aber er gibt die Hälfte seines Lohns armen Studenten, bevor er 1957 sein ganzes Gehalt weggibt… Er ist immer bereit, die Vorlesungen auf den Korridoren fortzusetzen. Man weiß, wo er zu finden ist, wenn man beichten will: in der Kapelle, in die er sich zum Gebet zurückgezogen hat… Eines Tages veranstalteten die Studenten von Lublin eine Ratsversammlung, um festzustellen, wer von den Professoren intelligent oder heilig ist. Angesichts dieser Alternative entschied sich eine überwältigende Mehrheit zugunsten von Karol: nur einer galt als intelligent und heilig: er!
Wie sollte eine solche Ausstrahlung nicht auch an oberster Stelle bemerkt werden? Unterdessen ging Karol von einer Universität zur anderen, schrieb unablässig viele Bücher, Artikel und Gedichte, widmete seine wohlverdienten Ferien den jungen Menschen, die nicht von ihm abließen. So machte er im Sommer 1957 mit ihnen Ferienlager in der masurischen Wald- und Seeneinsamkeit. Er glaubte sich «allein» und wusste nicht, dass dort eine Begegnung stattfinden würde, denn seitdem ein gewisser Kardinal Stefan Wyszynski Erzbischof von Warschau geworden war, hatte er Karol nicht mehr aus den Augen gelassen. Sein Schicksal war noch längst nicht besiegelt…

(Fortsetzung folgt)

Bernard Balayn

Literatur:
«Johannes Paul II., der Grosse», 864 S. + 80 S. Farbbilder, 15,5x23,5 cm E 35.– CHF 54.–

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