Von Bernard BALAYNDie wichtigsten Etappen im Leben von Papst Johannes Paul II.Ein Priester: Karol Wojtyla
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Für Johannes Paul II. war die Grundlage seines Petrusdienstes das Priestertum. Er übte es seit Kriegsende in der Diözese Krakau aus (und das wird auch Thema dieses Artikels sein), während er zugleich seine wissenschaftlichen Untersuchungen fortsetzte, so dass ihm seine Oberen schon bald eine Professur erteilten, denn er schien das besondere Charisma zur Ausbildung junger Menschen zu haben. Sein Erfolg ist unleugbar, aber was war der Preis und der Einsatz dafür?
Priester! Karol Wojtyla hat sein Leben lang die Schönheit dieser Berufung gepriesen und Kraft daraus gezogen.
Für ihn bedeutete Priester zu sein, sich durch Selbstverleugnung ganz Jesus Christus und Seinen Schafen hinzugeben, das heißt: indem er ganz und gar aus seiner Weihe lebte: «Wir sind "ausgesondert", ganz und gar dem Heilswerk geweiht». So will er an seinem eigentlichen Platz stehen und durch seine empfangene und angenommene Berufung nichts anderes als die Heiligkeit suchen. Johannes Paul II. nahm sich den Pfarrer von Ars zum Vorbild und erklärte 1986: «Er bleibt für alle Länder ein unvergleichliches Beispiel priesterlicher Heiligkeit. Wir sind schlichte und arme Werkzeuge in den Händen der Gnade.» Ein anderer Heiliger, Maximilian Kolbe, der ein priesterliches Opferleben führte, lebte dies bis hin zum Martyrium.
Karol fügte den Tugenden der Armut und Demut noch zwei weitere entscheidende hinzu: Gehorsam und Frömmigkeit.
Während seines ganzen Pontifikates widmete er dem geweihten Leben und besonders dem Priestertum ganz besondere Aufmerksamkeit. Er zeigte dies in vielfältiger Weise, indem er mehrere Dokumente verfasste, wozu auch die jährlichen Briefe an die Priester zum Gründonnerstag gehörten, aber auch das Buch über seine Berufung, das er 1996 anlässlich seines goldenen Priesterjubiläums veröffentlichte. Er besuchte Priesterseminare, versammelte unzählige junge Menschen zu den Weltjugendtagen, sprach zu diesen Jugendlichen von der «erhabenen Würde des Priestertums», reiste zu den berühmten Orten priesterlicher Heiligkeit: von Auschwitz (Zelle von Maximilian Kolbe) nach Ars oder nach Saint-Laurent-sur-Sèvre (hl. L.M. Grignon de Montfort)…
In dem eben erwähnten Buch und bei seinen Predigten in Ars hat er seine innersten Vorstellungen über das Priestertum preisgegeben: «Der Priester hat eine dreifache Sendung: evangelisieren, heiligen (durch die Sakramente), Seelenhirte im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft sein». Er sagte auch: «Wir müssen bekehren, heilen, retten». Alles lässt sich in dem berühmten Zitat vom hl. Pfarrer von Ars zusammenfassen: «O, wie groß ist der Priester! Wenn er es wüsste, würde er tot umfallen!»
Aber was wären die Schriften Karol Wojtylas ohne seine Taten, ohne die Nachahmung dieser heiligen Vorbilder?
Auch als Karol bereits zum Priester geweiht worden war, arbeitete er noch nicht sofort in der Pastoral. Es blieb ihm noch eine Art Vorbereitungszeit, die dazu dienen sollte, seine theologische Ausbildung zu intensivieren: von 1946 bis 1948 arbeitete er am römischen Angelicum an seiner Doktorarbeit. Sie befasste sich mit dem «Problem des Glaubens beim hl. Johannes vom Kreuz», dem großen spanischen Mystiker. Seine hervorragenden Professoren (u.a. die Franzosen Garrigou-Lagrange, Philippe…) erteilten ihm am 14. Juni 1948 die besten Noten für seine bemerkenswerte Arbeit. Diese Doktorarbeit, die er unter dem Einfluss von Jan Tyranowski in Polen begonnen hatte, wies ihn auf die Wichtigkeit von Gebet und Kontemplation als Stützen des Glaubens und Grundlage von heiligendem Apostolat. Professor Philippe hatte eine Vorahnung und sagte: «So bereitete der Herr den Studenten Karol Wojtyla 1948 auf seine Sendung vor, die er dreißig Jahre später als Hirte der Kirche erfüllen sollte».
Der Beginn seines priesterlichen Lebens war in Rom, parallel zu seinem Studium. An manchen Sonntagen stand er früh auf, nahm den Bus, um seinen Mitbrüdern in den römischen Pfarren zu helfen, besonders in den Vororten. Er suchte sich also nicht die leichtesten Pfarren aus. Zweifelten seine späteren römischen Diözesankinder daran, dass er sie auch nach mehr als 50 Jahren noch kannte? Er blieb mit den einfachen Volksschichten in Kontakt, in Treue zu seinen eigenen Krakauer Wurzeln.
Während seiner kurzen Ferien besuchte er die großen italienischen Wallfahrtsorte (Assisi, Loretto…), kam bis San Giovanni Rotondo, wo er einer weiteren berühmten Priestergestalt begegnete, die er später seligsprechen sollte: Pater Pio.
Im Belgischen Kolleg, wo er wohnte, schätzte er die Vorträge des Gründers der christlichen Arbeiterjugend, Josef Cardijn, der selbst Belgier war. Dort vertiefte er sich in die Aufgabe des katholischen Laienapostolats in der Gesellschaft. Auch diese Erfahrung sollte für seine Ausbildung und seine spätere Sendung entscheidend sein.
So machte er in den großen Ferien 1947 auf Empfehlung von Kardinal Sapieha eine Reise nach Belgien, um mit den neuen Pastoralmethoden vertraut zu werden, die in Westeuropa entstanden. Er fuhr zum ersten Mal nach Lourdes, machte Erfahrungen in der Pastoralarbeit von Paris (es war die Zeit des berühmten Buches «Frankreich, Missionsland?» und der Bildung der französischen Mission), dann verbrachte er einige Wochen bei polnischen Bergarbeitern in der Gegend von Charleroi in Belgien. Er knüpfte herzliche Verbindungen und hinterließ tiefen Eindruck, als seine eigenen Erinnerungen als früherer Arbeiter und seine Sympathie für die verdienstvollen Familien von einst in ihm aufstiegen.
Auf dem Rückweg reiste er nach Ars, wo er lange und intensiv betete und die Hilfe des heiligen Pfarrers für sein künftiges Wirken erflehte.
Es wurde Zeit, dass sich der brillante Student ausgiebiger mit der Realität der Pastoral konfrontierte und die Erfahrung eines echten Pfarrlebens machte. Diesmal verschlug es ihn in ein ländliches Gebiet. Der Kardinal, der stets ein aufmerksames Auge auf ihn hatte, sandte ihn in den kleinen Marktflecken Niegowic südlich von Krakau, der zudem von einem besonderen Pfarrer namens Buzaka geleitet wurde. Dieser staunte über Karols Tugenden: seine Armut und seine Einfachheit. Ein Bauer berichtet von der Ankunft: «Er kam zu Fuß von Gdow. Er hatte eine Soutane und abgenutzte Schuhe und eine Tasche, für die ich mich geschämt hätte…» Seine Frömmigkeit: «Er ging weg und kniete sich in ein Oratorium, das heute noch da ist; dann brach er auf». Als er im Ort ankam, küsste er die Erde und ging nicht in den Pfarrhof, sondern besuchte zuerst Jesus in seiner Kirche. Diese Frömmigkeit, die Grundlage seines Dienstes war, wurde schnell bemerkt: die Eucharistie, die er mit Inbrunst feierte, sein Breviergebet und der tägliche Rosenkranz, der Kreuzweg, den er wenigstens jeden Freitag betete. Er verbrachte lange Stunden des Gebets in der Kirche (neben dem Gebet in seinem Zimmer). Für ihn war alles Gebet. So befruchtete er sein Apostolat in intensiver Weise. Und als untergeordneter Kaplan gefiel er seinem Pfarrer durch seine Demut, seinen Realismus, sein erleuchtetes Handeln.
Er hatte sich drei Ziele gesteckt: die Pastoral der Sakramente, der Katechese und der Kinder. Viele Stunden verbrachte er im Beichtstuhl, er traute junge Paare, taufte ihre Kinder, besuchte die Familien, die Kranken und die Sterbenden. Er half seinen Mitbrüdern in den Nachbargemeinden aus, wie es damals an Vigiltagen hoher Feste Brauch war: in winterlichen, eiskalten Kirchen verharrte er stundenlang unbeweglich, um das Sakrament der Versöhnung zu spenden; er ging zu Fuß oder fuhr mit einem Karren über Land. An seiner Soutane haftete schnell der Schnee oder das Eis… Er gab den Kindern, die überall gleich sind…, Katechismusunterricht: Manche waren aufmerksam, manche unruhig. Der geduldige und «gelehrte Priester» blieb ruhig; er lächelte und verhielt sich pädagogisch: Die Aufmerksamen lud er ein, Ministranten zu werden und die anderen forderte er zum Fußballspiel auf… So konnte ihm keiner widerstehen, vor allem nicht der Herr. Heute wissen wir das gut…
Was die Dorfbewohner vielleicht am meisten erstaunte, waren die ihm eigenen Charakteristiken: menschlich fand er die Zeit, alles zu tun, aber ohne Aktivismus; er nahm die Jugendlichen, die langsam Gefallen an ihm gefunden hatten, sogar mit ins Theater nach Krakau und zugleich nahm er an Vorlesungen der Fakultät teil, wobei er die 80 km für den Hin- und Rückweg mit dem Fahrrad zurücklegte! Da ist es gut, wenn man Sport mag… Spirituell erfüllte er seinen anstrengenden Dienst mit Wohlwollen; er war immer disponibel, offen, warmherzig: Schon damals hatte er die Gabe der Kommunikation kurzum: ein charakteristischer Grundzug zeichnet sich bei ihm ab: er evangelisierte durch Taten, durch Liebe.
Bevor er nach einem Jahr, das allen wie im Fluge verging, die Pfarrei verließ, stellte er noch sein Organisationstalent unter Beweis: Er bewirkte, dass die Pfarrangehörigen ihrem Pfarrer zu dessen Priesterjubiläum eine neue Kirche schenken (die die alte, baufällige ersetzen sollte). Pfr. Buzaka war völlig überrascht und sprachlos.
So verließ der junge Priester auf Bitten seines Erzbischofs, der ihn für eine andere Aufgabe brauchte, Niegowic mit einem soliden Ansehen, das er sich bei allen und in den verschiedensten Schichten erworben hatte, um jetzt im Stadtzentrum von Krakau, seiner Wahlheimat, zu wirken…
Bernard BALAYN
Literatur:
«Johannes Paul II., der Grosse», 864 S. + 80 S. Farbbilder, 15,5x23,5 cm E 35. CHF 54.
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