Maria erscheint in Manduria

Das Sühnegebet ist ein «Ja» zur Liebe

Von Christian Parmantier

=> MARIA HEUTE 405 INHALT

Jede Verfehlung verlangt eine Wiedergutmachung.
Der Hochmut verblendete das Herz der ersten Eltern, indem er ihr Vertrauen auf Gott zunichte machte. Diese Ursünde, die alle Generationen1 prägte und eine endlose Lawine von Verfehlungen und Missetaten hervorbrachte, verletzt Gottes Herz und ruft nach Wiedergutmachung. Jede Verfehlung gegenüber Gott und dem Nächsten fordert die Pflicht der Wiedergutmachung, der Sühne ein, auch wenn Vergebung bereits gewährt wurde.

Wer konnte nach diesem Sündenfall die Geschöpfe wieder mit ihrem Schöpfer versöhnen? Wer konnte sich vor dem allerhöchsten und allmächtigen Herrn zeigen, um den Angriff auf Seine Majestät zu «kompensieren»? Gibt es einen Menschen, der dem dreimal heiligen Gott gewachsen ist? Gibt es einen, der an der Liebe seines Vaters Wohlgefallen hat und der fähig wäre, auf sie zu antworten, sich durch grenzenlose Nächstenliebe mit ihr zu vereinen? Nein, «alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren» (Röm 3, 23). Sie sind nicht würdig, vor Ihm zu erscheinen, sie sind einer reinen Liebe unfähig und daher können sie auch keine annehmbare Wiedergutmachung leisten.
«Für die Menschen ist das unmöglich, aber für Gott ist alles möglich» (vgl. Mt 19, 26). Gott hat einen Retter verheißen (Gen 3, 15), um das nicht wiedergutzumachende Unrecht für die Menschen wiedergutzumachen.
Dieser Bruch erstreckt sich über alle Generationen und so prophezeit Jesaja im Alten Testament einen leidenden Gottesknecht: «Er [Jahwe] rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab… Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen… Mein Knecht, der Gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich… Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute… weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ… Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.» (Jes 53, 10-12)

Jesus, der einzige Sühnende

Dann kommt Jesus, das «fleischgewordene Wort» (Joh 1, 14) in den Schoß der Jungfrau Maria. Durch seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz erfüllt er die Sendung des leidenden Gottesknechtes und gibt sein Leben als Sühnopfer hin. Er, «der Heilige Gottes» — denn er ist der menschgewordene «Sohn Gottes» — er allein konnte die Sünden der Vielen tragen; er hat sie gerechtfertigt, indem er ihre Sünden auf sich nahm. Ja, Jesus ist die Wiedergutmachung gelungen, weil er als «wahrer Gott und wahrer Mensch» sein ganzes Leben lang immer in der Liebe des Vaters geblieben ist, ohne jemals eine einzige Sünde zu begehen (Hebr 9, 14), ohne jemals eine Regung des Hochmuts oder des Hasses zu haben…, trotz allem, was man ihn erdulden oder ansehen ließ. Es ist diese Liebe «bis ans Ende» (vgl. Joh 13, 1), die seinem Opfer den Wert der Erlösung und der Wiedergutmachung, der Sühne und der Genugtuung verleiht.
«Aber», so werden Sie jetzt sagen, «warum müssen wir dann auch noch Genugtuung leisten, wenn Jesus bereits alles erfüllt und “bezahlt” hat?».

Die Teilnahme des Christen durch das Geheimnis des Leibes Christi

Das Kreuz ist das einzigartige Opfer Christi, des «alleinigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen» (vgl. 1Tim 2, 5). Geheimnis des Glaubens, Geheimnis der paradoxen Liebe Gottes — hier müssen wir uns auf Gottes Weisheit einlassen: «Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft» (1Kor 1, 18). Wie kann der irdisch gesinnte und rational handelnde Mensch verstehen, dass das Geschenk, das Gott ihm machen will, darin besteht, seine Leiden mit ihm zu teilen und dass dieses Geschenk eine Gabe seiner Liebe ist? «Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.» (1Kor 2, 14). Der irdisch gesinnte Mensch kann also nicht auf die Ebene der Wiedergutmachung gelangen, dazu muss man durch den Heiligen Geist erneuert worden sein und ein geisterfüllter Mensch werden.
Weil sich Jesus in seiner menschgewordenen göttlichen Person «in gewisser Weise mit jedem Menschen vereint hat, bietet er allen Menschen die Möglichkeit an, mit dem Paschamysterium, dem Mysterium der großen Wiedergutmachung verbunden zu werden — auf eine Weise, die allein Gott kennt.
Dieses Verbundenwerden mit Christi Mysterium beginnt und vollzieht sich in der Taufe, wo Christus uns in seinen Tod und seine Auferstehung taucht. Als Glieder seines mystischen Leibes wohnt Sein Heiliger Geist in uns, der seine Bleibe in uns genommen hat (vgl. Joh 14, 23). «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.» (Gal 2, 20) Jesus, das Haupt, sehnt sich danach, seine Heilssendung in seinen Gliedern fortzusetzen. Er fordert seine Jünger auf, ihr «Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen» (Mt 16, 24), oder anders ausgedrückt: Wiedergutmachung zu leisten, «denn Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt» (1Petr 2, 21). Jesus, der Herr, will allen, die Glieder seines Leibes geworden sind, Anteil an seinem Erlösungsopfer geben. Durch seine passiven Glieder verwirklicht er es teilweise, aber er sucht für den Vater aktive, freiwillige Glieder, die zu größerer Liebe bereit sind: «Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit, denn so will der Vater angebetet werden» (Joh 4, 23).

Die Wiedergutmachung liegt im Akt der Liebe

Die größte Liebe ist die tätige Liebe, jene Liebe, die ihr «Leben hingibt» (vgl. Joh 15, 13). Diese Liebe ist die wirksamste Wiedergutmachung. Die Liebe zum Vater, die Liebe zu den Menschen verwandelt den Christen in ein freiwilliges, glückliches Opfer: «Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.» (Kol 1, 24). Jeder Akt der Wiedergutmachung wie auch jedes Gebet der Wiedergutmachung kann nur aus einem inneren Akt der Liebe — und damit aus dem «Herzen» — hervorgehen. Das ist die erforderliche und grundlegende Bedingung, um auf herrliche Weise am Mysterium der Wiedergutmachung in, durch und mit Christus teilzuhaben. Wie könnten wir außerhalb der Sphäre seiner Liebe Wiedergutmachung «durch ihn, mit ihm und in ihm» leisten? Leiden, das nicht angenommen und nicht freiwillig getragen wird, ist ein doppeltes Leid. Angenommenes Leid wird durch die Liebe gemildert; es ist eine Opfergabe der Wiedergutmachung, «ein wohlriechendes Opfer». «Schenkt durch eure Liebe der göttlichen Liebe die Opfergabe. So wird eure Seele die verborgensten Wunden pflegen2».
Die Nächstenliebe, die Agape, ist die Tür, durch die man in der Nachfolge Christi lernt, den Wert der verschiedensten Leiden zu schätzen. Diese wiedergutmachende Liebe ermöglicht durch die erlösende Kraft Christi, dem Hass und dem Krieg Einhalt zu gebieten: «Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder» (Eph 2, 14).
Eine solche Liebe sühnt die Sünden, die gegen die Liebe begangen wurden. Jede Sünde ist ein Mangel an Liebe.
Anbetende Liebe gegenüber der nicht geliebten Liebe: dem eucharistischen Herrn, um dadurch für jene Kinder Gottes Wiedergutmachung zu leisten, die den Glauben und das Vertrauen gegenüber dem verlassenen Allerheiligsten verlieren.
Die Nächstenliebe: eine Verzeihung, die mit einem inständigen Gebet für eine Versöhnung verbunden und bei der Messe aufgeopfert wird…, bewirkt Wiedergutmachung und anschließend eine innere Erneuerung, eine Verwandlung der Herzen: «Das alles erdulde ich um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen» (2Tim 2, 10).
Maria, die «Mutter der Wiedergutmachung», dieses vergöttlichte, menschliche Geschöpf, die neue Eva, denn sie wurde Ursache des Heils und der Wiedergutmachung des alten Ungehorsams, Maria fordert ihre «lieben Kinder» sanft und betrübt auf, sich Jesus ganz hinzugeben. Er wartet auf die Wiedergutmachung der Beleidigungen, die seinem himmlischen Vater, ihm selbst und seiner Mutter zugefügt wurden, um die Stunde seiner Wiederkehr zu beschleunigen.

Anmerkungen:
1. Römer 5, 14: «Dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht wie Adam durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten…».
2. Lesen Sie hierzu auch die Botschaft aus Manduria vom 23. März 1998.

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