Von René Lejeune

Die hl. Hildegard von Bingen

Prophetin der kommenden Zeiten (1098-1179)

=> MARIA HEUTE 405 INHALT

Auf einer ihrer Reisen, die sie im Jahr 1158 durch das Heilige Reich machte, sah Äbtissin Hildegard während einer Messe bei der Erhebung der heiligen Gestalten ein strahlendes Licht, in dem Seelen umhergingen. Bei der Kommunion sah sie, wie diese Seelen zum Altar vorgingen; die einen funkelten vor Klarheit, die anderen, mit gelblichen Leibern bekleidet — über und über von Lepra bedeckt — sind von «Finsternis erfüllt».
Das ereignete sich in einer der immer seltener werdenden Regionen, die noch dem Rat folgten, den Gregor VII. ein dreiviertel Jahrhundert zuvor gegeben hatte: «Kommuniziert häufig, ja sogar täglich, wenn es möglich ist». Der sehr fromme Ludwig IX., der heilige König Frankreichs, kommunizierte ein halbes Jahrhundert später nur sechs Mal im Jahr. Hier wie dort traten alle Gläubigen unter dem Einfluss eines avantgardistischen Klerus in jeder Messe an die Kommunionbänke. Unter diesen Gläubigen unterschied die Äbtissin vom Rupertsberg bei Bingen die Seelen im Gnadenzustand von denen, die nicht in diesem Zustand waren. Hildegard hat die Gabe des «zweiten Gesichts» und des «inneren Ohrs». Sie hat Visionen, sie hört Worte, die der Himmel für sie allein bestimmt hat.

Von Kindheit an ausgesondert

Hildegard wurde 1098 in der Adelsfamilie der Bermesheim in der Pfalz geboren. Das Kind hat eine zarte Gesundheit; Hildegard litt ihr ganzes Leben lang. Von frühester Kindheit an lebte sie in zwei Welten: in der sie umgebenden Realität und in einer Sphäre, die jenseits der Dinge und der Wesen lag. Mit drei Jahren wird sie von einem sonderbaren, unendlich sanften Licht heimgesucht; aus diesem durchdringenden Glanz gehen Stimmen hervor, die das Kind entzücken. Im Glauben, dass allen solche lieblichen inneren «Besuche» zuteil werden, spricht sie davon zu ihrer Amme und ihren Verwandten. Man versteht sie nicht. Von da an schwieg die Kleine bis zu ihrer Jugend darüber.
Mit acht Jahren wird Hildegard der Nonne Jutta, einer heiligmäßigen Frau, Tochter des Herzogs von Spanheim anvertraut, die zurückgezogen in der Abtei auf dem Disibodenberg im rheinhessischen Alzey lebt. Jutta bemerkt sofort, dass sie es mit einer Seele zu tun hat, der eine erhabene Berufung anvertraut ist. Das Kind verspürt eine tiefe Affinität zu seiner Erzieherin; es vertraut ihr das Geheimnis an. Schon sehr früh wird sie im Lesen und Schreiben unterwiesen. Damals lernten die Schüler durch das Entziffern des Psalters Lesen und Schreiben. Die Kleine ist von den vor Gold, karminrot und azurblau glänzenden, ausgemalten Initialen ganz hingerissen. Die heiligen Worte fügen sich allmählich zu einer Form und einem Sinn; die Lektüre wird von dem sanften Wiegen der zehnsaitigen Harfe, die in den Psalmen mehrmals erwähnt wird, begleitet. Neben dem Erlernen des Lesens wird das Kind auch an diesem Instrument unterrichtet. In diese Geistesdisziplinen durch das Singen des Gotteslobes eingeführt zu werden, erweitert die spirituelle Dimension in der mittelalterlichen Seele. Man sagte übrigens auch nicht: «lesen und schreiben lernen», sondern: «den Psalter lernen».
Die jugendliche Hildegard blieb ein «zerbrechliches Gefäß», sie wurde von Schmerzen heimgesucht, war oft bettlägerig und hatte häufig Visionen. Sie eröffnete sich Jutta, die mit einem frommen und klugen Mönch namens Volmar aus der benachbarten Benediktinerabtei darüber sprach. Der Mönch überlegte, betete und befragte Hildegard. Er kam zu dem Schluss, dass es sich um echte Visionen aus dem Jenseits handelte. Er wurde der Berater der jungen Visionärin und blieb dies 30 Jahre lang bis zu seinem Tod. Später wurde er auch ihr Sekretär.
Im Herzen der Heranwachsenden wuchs ein immer lebhafteres Verlangen: sie wollte ihr Leben Jesus weihen. Mit 15 Jahren empfing sie in der Abtei auf dem Disibodenberg, wo sie bereits seit sieben Jahren lebte, den Schleier. Von da an ist sie bis zu ihrem Tod Benediktinerin. Die andere, benachbarte Abtei im Nahetal ist eine Männerabtei.

Ein auf die Sonne ausgerichtetes Leben

Das Leben von Schwester Hildegard wird von nun an durch den Lauf der Sonne bestimmt. Bei ihrem Aufgang werden die Laudes gesungen, denen die Eucharistie und das Frühstück folgen. Zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr wird die Terz gebetet, anschließend wird von 9.00 bis 11.00 Uhr intellektuell oder manuell gearbeitet. Die Sext betet man zwischen 11.00 Uhr und 12.00, auf die das Mittagessen folgt. Bis zur Non, die zwischen 14.00 Uhr und 15.00 Uhr gebetet wird, gibt es eine kurze Ruhepause. Dann geht es bis zur Vesper um 18.00 Uhr wieder an die Arbeit. Es folgt das Abendessen; die Mahlzeiten sind immer einfach. An das Abendessen schließt sich eine kurze gemeinsame Rekreation an. Von Zeit zu Zeit schließt sich daran noch eine Kapitelsitzung an, die von der Äbtissin geleitet wird. Dort werden aktuelle Fragen besprochen, aber auch Fragen, wie die Regel des hl. Benedikt umgesetzt werden soll.
Diesem Lebensrhythmus folgt die hl. Sr. Hildegard unter der Führung von Jutta und mit den Ratschlägen Volmars von ihrem 15. bis zu ihrem 38. Lebensjahr. Jutta wurde einige Jahre nach der Einkleidung ihrer Schülerin Äbtissin. 1136 stirbt sie. Hildegard wird zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Die verborgene Periode ihres Lebens ist beendet — ihre prophetische Sendung beginnt.
Die Visionen begleiteten sie ihr Leben lang. Sie war 42 Jahre und sieben Monate alt, als sie eine Himmelsstimme vernahm, die ihr den Befehl erteilte, niederzuschreiben, was sie ihr jetzt diktieren werde. Sie schärft ihr ein, «weder auf deine Weise, noch auf die Weise eines Mannes, sondern nach dem Willen Dessen, der im Geheimnis seiner Mysterien alles weiß, sieht und über alles verfügt», zu schreiben.
Hildegard, die von langer Hand darauf vorbereitet worden war, ist berufen, die Sendung einer Prophetin zu leben. Sie wird im Namen Gottes sprechen und «zum Mund des Herrn» werden. Sie schrieb: im «Moment der göttlichen Erwählung wurde mein Gehirn mit einem Funkeln durchstrahlt, mit einem Feuerlicht äußerster Klarheit, das aus dem geöffneten Himmel kam; es ergoss sich auf mein ganzes Hirn, auf meinen Leib und auf meinen ganzen Brustkorb».
Die Äbtissin beschreibt die Art und Weise, wie sie die Botschaften empfängt: «Es ist weder im Schlaf, noch in einer Ekstase, weder mit meinen leiblichen Augen noch mit meinen Ohren; ich höre und sehe sie in einem Wachzustand, mit einem inneren Blick und einem inneren Hören — im Geist. Ich empfange sie nach Gottes Willen nicht an verborgenen Orten, sondern in offen zugänglichen Räumen».
Und die Stimme gibt sich zu erkennen: «Ich bin das lebendige Licht, das alles erleuchtet, was finster ist». Die Stimme, die Äbtissin Hildegard vernimmt — es ist die Stimme des Herrn — erklärt ihr in einem wundervollen Text, was Er getan hat, um zu verhindern, dass der Mensch hochmütig wird und eitlen Ruhm verfolgt: «Ich habe ihn an die Erde “gedrückt”, damit er sich nicht mit einem hocherhabenen Geist aufrichtet. Ich habe ihm alle Verwegenheit und Starrköpfigkeit entzogen, so dass er furchtsam und eingeschüchtert in seinen Leiden bleibt... Ich habe die Ruinen seines Herzens umschlossen, damit sich sein Geist nicht hochmütig erhebt.»

Die Äbtissin hat Zweifel an dieser Botschaft

«Wenngleich ich das gesehen und gehört habe», so weigert sie sich doch, dem Befehl zu gehorchen und das Geschaute und Gehörte niederzuschreiben und bekanntzumachen. Daraufhin wird sie durch «eine Geißel Gottes» auf ihr Krankenlager geworfen «und von vielen Krankheiten heimgesucht». Sie versteht die Mahnung und beschließt, das, was sie gehört und gesehen hat, treu niederzuschreiben. «Da wurde ich geheilt und ich kam wieder zu Kräften.» Die nächsten zehn Jahre widmet sie der treuen Aufzeichnung der Botschaften. Bevor sie sich an diese Arbeit machte, konsultierte sie klugerweise den Erzbischof von Mainz, der ihr riet, der Stimme zu gehorchen.
Zwischen 1141 und 1151 entstand auf diese Weise ein erstaunliches Werk. Die Äbtissin veröffentlicht es im Gehorsam. Sie gibt ihm den Titel: SCIVIAS (Wisse die Wege). Gemeint sind natürlich die Wege des Herrn: «Sci vias Domini».

Eine Zeit/Epoche der Fülle

Worin besteht denn die Sendung der demütigen Benediktinerin? Als Botin Gottes, Prophetin und Stimme des Herrn ist Äbtissin Hildegard beauftragt, eine schläfrige Christenheit zu «stimulieren». Vor allem ist sie beauftragt, das Unrecht wiedergutzumachen, das die Menschen gegen ihren Schöpfer und seine Schöpfung begangen haben. Sie ist wie ein Matrose am Ausguck des riesigen Bootes, der die Kirche durch Riffe und Stürme führt.
Wo befindet sich die Kirche in ihrem Lauf durch die Jahrhunderte? In Hildegards Geburtsjahr entstehen die ersten Zisterzen des neuen, strengen und herben Zisterzienserordens. Nach der Jahrtausendwende hat sich die Christenheit bereits im ersten der drei Jahrhunderte, die eine wunderbare Fülle aufweisen, sehr engagiert: das bezeugen die Kathedralen mit ihren herrlichen Spitzbögen, die überall in den mittelalterlichen Landstrichen gebaut werden. Angesichts dieser Bedrohung für sein Reich der Finsternis holt Satan zu furchtbaren Rundumschlägen aus, um dieses funkelnde Gebäude, das sich in diesem neuen Frühling der Kirche erhebt, zu erschüttern und zu beschädigen. Der Glaube konstituiert die Fundamente dieses Gebäudes. Der mittelalterliche Mensch betet genauso wie er atmet; er entfaltet sich im Spirituellen. Dort lauert der Widersacher und greift ihn an. Er sät Unkraut auf die Felder, auf denen schöne Ernten heranwachsen: Häresien, Aberglaube, Hexerei, Wundersüchtigkeit und Phantasie schleichen sich in einen Glauben ein, der doch nach immer größerer Verinnerlichung und Verwurzelung im Evangelium sucht.
Aber der Herr wacht. Er erweckt eine Prophetin, deren Stimme schon bald mächtig wird. Noch einige Jahrzehnte — auf Gottes Uhr sind das nur ein paar Momente — und Er lässt «Riesen» der neuen und engagierten Spiritualität auftreten: Bernhard von Clairvaux, Dominikus aus Spanien, Franziskus von Assisi; von ihnen wird das zweite Jahrtausend nach Christus geprägt sein. Der Herr der Geschichte durchkreuzt die Machenschaften jenes rebellischen Geistes und bereitet durch die Werkzeuge, die Er sich selbst auswählt, hervorragende, künftige Ernten vor. Mit Hildegard von Bingen fällt seine Wahl auf jemanden, der augenscheinlich klein und schwach ist: eine Frau, zurückgezogen in ihrer Abtei — kränklich, zerbrechlich, wehrlos. Vom zartesten Alter an hat Gott sie auf ihre Sendung vorbereitet. Nachdem sie zunächst gezögert hatte, gibt sie sich dieser Sendung ganz hin. Und nun tönt im zugleich grandiosen und bedrohten mittelalterlichen Gewissen das «Sci vias Domini», ein «Wisse die Wege des Herrn», das die Energien stärkt, das Schwache wieder aufrichtet, eroberungslustige Kräfte mobilisiert. Die Botschaft verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
Diese Botschaft des Königs der Könige will den Menschen vor allem daran erinnern, dass er das Meisterwerk der Schöpfung ist. Ein Meisterwerk, das sich in Gefahr befindet. Wie verliebt beschwört der Herr das Geschöpf, das nach seinem Abbild erschaffen wurde! «Die Seele ist im Körper wie der Saft im Baum; ihre Fähigkeiten sind wie die Zweige. Die Intelligenz ist wie das grünende Blätterwerk. Der Wille entspricht den Blüten des Baumes, der Geist ist dessen erste Frucht, die Vernunft ist die zur Reife gelangte Frucht. Damit ist natürlich der Mensch gemeint, der in seinem Leben den Willen und die Werke des Herrn vollbringt. Der Ungehorsam, die Übertretung des göttlichen Gesetzes ist es, die dieses Meisterwerk bedrohen.
Die Visionen der Äbtissin besitzen unglaublichen Reichtum und Glanz. Kein Mensch jener Epoche hätte sie sich ausdenken können. Sie sind wirklich aus dem Jenseits diktiert worden. Leider sind sie den heutigen Menschen nur schwer zugänglich, den heutigen Menschen, die eingefangen und «deformiert» sind von der säkularisierten Redeweise, in der das Unmittelbare, das Unbedeutende, das Theoretische, der die Gedanken begleitende, unterschwellige Rationalismus, vorherrschen. Für jene aber, die sich nicht scheuen, die Anstrengung auf sich zu nehmen, um diese gleichsam blendenden Seiten in den Kontext der mittelalterlichen Zivilisation zu stellen, werfen diese Werke, die der hl. Hildegard diktiert wurden, einen neuen Blick auf den Menschen. Man nimmt in ihnen eine Art neues Entzücken über die Welt wahr — mit dem Blick, mit dem Gott sie anschaut.

Vom Disibodenberg nach Bingen

Während die Äbtissin «Sci vias» schrieb, entwickelte sie noch eine andere Tätigkeit.
Der Heilige Geist hatte sie aufgefordert, das Nahetal zu verlassen und auf den Rupertsberg bei Bingen, einer kleinen Stadt am Rheinufer, zu ziehen. Hildegard kannte diese Gegend nicht. Trotz vieler Hindernisse gelang es ihr, diesen Befehl des Himmels auszuführen. Sie verließ den Disibodenberg mit ihrer Gemeinschaft, die achtzehn Nonnen zählte und erreichte Bingen, deren Namen sie später tragen sollte. Bei dem Bau der neuen Abtei wird sie von einer adeligen Frau unterstützt, deren Tochter Richardis dem Konvent beitritt. Die Äbtissin liebt Richardis so «wie Paulus Timotheus geliebt hat».
Zu Beginn dieser Neugründung verbreitet sich der Ruf von Äbtissin Hildegard im heiligen Römischen Reich aus. Nicht nur aus ganz Germanien, sondern auch aus dem dreigeteilten Gallien strömen Menschenscharen nach Bingen. Die Äbtissin liest in den Herzen wie sieben Jahrhunderte später der hl. Pfarrer von Ars. Aufdringliche Menschen hält sie von frivolen Gedanken ab; sie wendet sich den Kranken und Leidenden zu und tröstet sie, indem sie sanft und zärtlich mit ihnen redet. Sie hat die Gabe der Heilung. So kam es, dass eine Mutter eines Tages den Rhein mit einem Boot überquerte und Hildegard ihr blindes Baby zeigte. Die Äbtissin erinnerte sich an die Episode beim Teich von Schiloach und schöpfte Wasser aus dem Rhein, segnete den Kleinen und bat zugleich den Herrn, das Kind zu heilen; sie goss Wasser über die für das Licht verschlossenen Augen. Sofort konnte das Kind sehen.
In Bingen verfasste Hildegard ihr zweites Werk, das «Buch der Lebensverdienste». In apokalyptischen Visionen enthüllt sich die Heilsgeschichte vor den Augen des Lesers: die furchterregende Schlacht der Tugenden gegen die Laster, mit dem endgültigen Triumph des Herrn und seines Werkes.
1165 wird die Abtei von Bingen aufgrund des Zustroms an Berufungen zu klein. Daraufhin gründet Hildegard auf der anderen Rheinseite die Abtei von Rüdesheim. Diese zweite Gründung existiert noch heute. Dort befindet sich auch das Grab der Heiligen. Die Abteien auf dem Disibodenberg und in Bingen wurden im 17. Jahrhundert während des Dreißigjährigen Krieges von den Schweden zerstört.
(Fortsetzung folgt)
René Lejeune

Literatur:
«Das Wunder der Hildegard-Medizin», von Gottfried Hertzka, 250 Seiten, 4 Farbtafeln, Leinen. E 14.25 CHF 25.–
«So heilt Gott», Die Medizin der hl. Hildegard, von G. Hertzka, 169 S., 11x18 cm. E 12.– CHF 17.–
«Hildegard von Bingen», Prophetische Lehrerin der Kirche an der Schwelle und am Ende der Neuzeit von Eduard Gronau, 444 Seiten, 17 Farbtafeln, Leinen. E 19.– CHF 33.–
«Kleine Hildegard-Apotheke»,von G. Hertzka, 270 Seiten, 12x19,5 cm, gebunden. E 18.50 CHF 26.–
«Große Hildegard Apotheke», von G. Hertzka und W. Strehlow, 567 Seiten, 32 Farbfotos, zahlreiche Abb. E 26.– CHF 37.–

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