Meditation und ihre großartigen AuswirkungenVon René Lejeune=> MARIA HEUTE 403 INHALT
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Meditieren kommt vom lateinischen Wort «meditor» und bedeutet «nachdenken über, sich besinnlich in Gedanken vertiefen, sich versenken». Im Zusammenhang mit der Bibel hat das Wort eine Entwicklung durchgemacht und neue Bedeutungsnuancen hinzugewonnen: die Heilige Schrift zu meditieren bedeutet, sie zu studieren, um aus ihr zu leben. Deshalb prägt man sie auch dem Gedächtnis ein. Dieses Wort übersetzt das Hebräische «aga», was so viel bedeutet wie: «das Gesetz und die Worte der Weisen auswendig lernen». Wir sprechen die heiligen Wort der Bibel, wir lernen sie auswendig, wir wiederholen sie unablässig und verkosten sie wie eine köstliche Speise.
Die Heiligen Schriften zu meditieren ist sowohl eine Übung für das Gedächtnis, das Herz, den Mund und den Verstand. Die christliche Meditation hat sich ursprünglich von der rabbinischen Tradition inspirieren lassen: in dieser Tradition ist der ganze Mensch an der Meditation beteiligt: der Mund, die Stimme, die Bewegung des Körpers, der Verstand, das Gedächtnis und der Wille, der das Wort in die Tat umsetzt. «Mit meinen Lippen verkünde ich alle Urteile deines Mundes», heißt es in Psalm 119, 13, der wie kein anderer Psalm ein Lobgesang auf die Meditation, auf das Wort Gottes ist. Die Lippen sind auf dem Weg der Verinnerlichung beteiligt. Mit lauter Stimme zu lesen und den Text auf sich wirken zu lassen, erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit und eine Vorbereitung des Herzens. Das Wort dringt geradezu physisch in die Seelenspitze ein, verankert sich dort und wird Teil von uns selbst.
Die Mönche haben diese Art der Verinnerlichung des Wortes Gottes die zweite Stufe der Kontemplation genannt. Die erste Stufe ist die der «lectio divina», in der Gott uns durch das geschriebene Wort der Heiligen Schrift die Größe, die Schönheit, die Güte Gottes, seine unerschöpfliche Barmherzigkeit, seine Pläne mit den Menschen, die seine geliebten Geschöpfe sind, kundtut. Dieses Wort ist Licht und Leben. Die Heilige Schrift vernimmt die Stimme Gottes; die lectio divina ermöglicht es uns, ihm in aller Freiheit zuzuhören. Die lectio divina, die uns im Geist des Gebetes und der Kontemplation unterweist, ist der natürliche Weg zur Meditation. So lernen wir die Heilige Schrift kennen, um von ihr durch die Gotteserkenntnis, die wir in ihr schöpfen, verwandelt zu werden. Die Heilige Schrift macht die Seele damit vertraut, Gottes Stimme in den Umständen und den Ereignissen des realen Lebens zu erkennen. Insgesamt bereitet sie uns auf den letzten Anruf vor, wenn der göttliche Bräutigam uns am Ende unseres irdischen Lebens in den Hochzeitssaal einlädt…
Ziel der methodischen Meditation ist es, dem Gebet, der Erhebung der Seele zu Gott eine Struktur, einen Rahmen zu geben, innerhalb dessen sie sich entfalten kann. Sie stellt die Geistesaktivität in den Dienst des Gebetes und ermöglicht, die Aufmerksamkeit wirksamer in eine bestimmte Richtung zu lenken: auf Gott und die göttlichen Dinge hin. Sie stellt die intellektuellen Fähigkeiten in den Dienst der Glaubenswahrheiten, um in der Seele Hoffnung und Nächstenliebe anzuregen. Während sie den Geist auf ein bestimmtes Objekt richtet, entleert ihn sie von allem übrigen, von allem, was nutzlos, schädlich oder sogar gefährlich ist. Der Verstand wird von einem Licht erleuchtet, das ihm Gottes Wahrheit ein wenig mehr entdecken lässt. So wird er dem erahnten Gut entgegengeführt.
Man kann allerdings auch mit den Glaubenswahrheiten vertraut werden, ohne lange und oft über sie zu meditieren. Und wenn das Studium und das Lesen der Heiligen Schrift dazu beiträgt, so verwandelt die Meditation alles in Gebet.
Um mit der Meditation zu beginnen, sollte man ein Thema wählen, das die Einbildungskraft in Bann zieht und den Geist beschäftigt; auch ein schriftliches Schema kann nützlich sein. Es geht nicht um eine Studie oder eine intellektuelle Forschung, sondern um eine Aktivität, die sich unter Gottes Augen, in seiner Gegenwart abspielt, eine Aktivität, die ganz von Gebet durchdrungen ist. Gedächtnis, Vernunft und Willen werden auf ihre Weise aktiv. Die Zeit, die wir so verbringen, ist für die Seele von Nutzen; sie geht daraus gestärkt hervor und will Gott noch entschiedener angehören und bei allen Gelegenheiten zu ihm zurückkehren. Hier gibt es keine Vernünfteleien. Sobald sich das Herz zu Gott aufgeschwungen hat, sollen wir es ziehen lassen und erst dann wieder zum Thema der Meditation zurückkehren, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt und unser Herz sich von Gott entfernt. Die Meditation ist kein Hindernis für die Spontaneität der Seele. Wir sollen uns vielmehr eine gewisse Freiheit des Geistes bewahren. Das Wesentliche ist das Beten, das Sich-Versenken in die Liebe Gottes.
1. Einen ruhigen Ort suchen, den Raum verdunkeln und alles, was die Zerstreuung fördert, entfernen.
2. Die Augen schließen, die äußere Welt zurücklassen, mit dem Ziel, alles, was über die Sinne an uns herangetragen wird, nicht mehr unablässig aufzunehmen und zu «kommentieren».
3. Ein Wort das «Mantra» unermüdlich wiederholen, oder Worte, die eine Eigenbedeutung haben. Das kann für einen marianischen Menschen beispielsweise der Doppelname «Jesus, Maria» sein noch besser in ihrem biblischen Original: «Jeschua, Myriam». Durch die unermüdliche Wiederholung beruhigt und befriedet es uns.
4. Die Atmung verlangsamen und das Wort bei jedem Atemzug wiederholen. Die damit einhergehende Monotonie hilft, sich auf das Thema der Meditation zu konzentrieren.
Seit den siebziger Jahren befasst sich die Wissenschaft mit den Auswirkungen der Meditation auf den Organismus, insbesondere auf das Gehirn. Es gibt Untersuchungen aus dem religiösen, aber auch aus dem wissenschaftlichen und kulturellen Bereich.
Seitdem man mit Hilfe der medizinischen Bildgebungsverfahren die Wirkungen, die die Meditation auf Gehirn, Blutzirkulation, Streß, Krankheiten wie Krebs und Immunschwäche hat, unmittelbar sehen kann, stellen die Wissenschaftler erstaunlich positive Dinge fest. So hat beispielsweise das klinische Forschungszentrum in Essen fünf Jahre lang 3000 Patienten begleitet, die an gastro-intestinalen Beschwerden, cardio-vaskulären Problemen und an Krebs litten. Nachdem diese Patienten in die Kunst der Meditation eingeführt worden waren, erlebten alle eine signifikante Verbesserung ihres Zustandes.
Wendy Wiesel, Tochter zweier Überlebender des Holocaust, litt an Angst, die sie mit Medikamenten behandelte. Vor zwei Jahren begann sie mit Meditation: «Es ist ein erstaunlicher Unterschied», sagt sie. «Ich brauche nun keine Medikamente mehr gegen Depression oder Anspannung. Zum ersten Mal in meinem Leben brauche ich sie nicht mehr, seitdem es durch die Meditation mit mir aufwärts geht.»
Dr. Dean Ornish von der Cambridge Universität behandelt seine Patienten, die unter Koronararteriosklerose und sogar an Prostatakrebs erkrankt sind, mit Meditation. Das sind nur einige Beispiele von vielen, bei denen Meditation eine positive Wirkung auf Krankheiten ausgeübt hat.
Unter den Christen in der Urkirche haben die Wüstenväter im 2. Jahrhundert die Meditation als Methode eingesetzt, um Gott näher zu kommen. Seitdem hat die Meditation im Laufe von zweitausend Jahren eine entscheidende Rolle als Nahrung des Glaubens gespielt. Die Klöster werden immer mehr zu Zentren, in denen die Praxis der Meditationskunst an Ausstrahlung gewinnt. Meditation ist nämlich eine Kunst, die man erlernen kann und die jedem offensteht, der nach Gott dürstet und den vielen Zerstreuungen und Sensationen entkommen will, die die Welt bietet, wenn sie sich auf die Schwerkraft des Fleisches im Menschen stützt.
Im 16. Jahrhundert tritt mit Teresa von Avila die große Pädagogin der christlichen Meditation auf.
Für sie geschieht alles unter der Sonne der Liebe. «Die Liebe ist niemals müßig», sagte sie zu ihren Mitschwestern im Karmel. Charles de Foucauld, der Eremit von Tamanrasset, dessen Spiritualität in der Mitte des 20. Jahrhunderts sehr einflussreich war, sagte von der hl. Teresa von Avila, dass sie «eine der Autoren sei, deren Werke zu seinem täglichen Brot gehören».
In dem kleinen Kloster, in dem die Heilige von 1562 1567 ihre friedlichsten Jahre in großer Armut und strenger Klausur verbrachte, war das ganze Leben auf das kontemplative Gebet hingeordnet. Täglich waren zwei Stunden für die Betrachtung vorgesehen. Teresa forderte ihre geistlichen Töchter auf, für die Anliegen der Kirche zu beten, denn «das kontemplative Leben ist untrennbar mit seiner apostolischen Dimension verbunden».
1577 verfasste sie innerhalb von fünf Monaten «Die innere Burg». Darin beschreibt sie ihren geistlichen Weg, die zunehmende Vertrautheit mit Gott durch die Meditation. «Die innere Burg» ist ein Meisterwerk des kontemplativen Lebens. Obwohl die Heilige keineswegs die Absicht hatte, eine Theorie der Meditation darzulegen, stellt sie ihre Erfahrung als Lehre zur Verfügung. Ihr Weg, auf dem Askese und eine beständige Bezugnahme auf das Lehramt der Kirche unverlässlich sind, beginnt mit dem Gebet der Sammlung. In diesem Gebet werden die Kräfte der Seele aufgerufen, ihre Aktivitäten nicht aufzugeben, sondern sie auf die Person Jesu zu konzentrieren, um die Begegnungen, die der Herr mit Petrus, Johannes, Maria Magdalena hatte, neu zu erleben. Der Dialog wird zu einer Freundschaftsbeziehung zwischen dem Menschen und seinem Gott. Wer betet, empfängt nicht immer mystische Gnaden. Sie sind ein ungeschuldetes Geschenk und können durch keine Anstrengung erworben werden. Für den betenden Menschen genügt es, wenn er sich bereit macht, Gott zu lieben und sich seinem Willen gleichförmig zu machen.
Auf das «Gebet der Sammlung» folgt das «Gebet der Ruhe»: hier werden die Vorstellungskraft, der Wille und das Gedächtnis vom himmlischen Vater, der sich als «Objekt» der Erkenntnis und der Liebe schenkt, ergriffen. Dieser Einbruch Gottes, diese innige Begegnung zwischen Schöpfer und Geschöpf im mystischen Leben sind so intensiv, dass es auch zu körperlichen Phänomenen wie Ekstase, Entrückung, leibliche Elevation kommen kann, die von Teresa durchlebt und beschrieben wurden. Solche Phänomene sind in gewisser Weise die Antwort des Leibes, der nicht völlig am geistlichen Leben teilnehmen kann und der zugleich doch nicht mehr ganz den Regeln des fleischlichen Lebens unterliegt. Was die Visionen anbetrifft, die eine außerordentliche Form der Erkenntnis sind, handelt es sich teils um Bilder, teils um Ideen, teils um innere Worte, die Gott schickt, um den Eifer zu unterstützen. Teresa von Avila hat mit den Augen ihrer Seele die lebendige Gegenwart Christi an ihrer Seite geschaut; sie sah sein Antlitz, seine Hände. Sie hatte auch eine geistige Vision des Mysteriums der Heiligen Dreifaltigkeit und sie tauchte in dieses Geheimnis der Geheimnisse ein «wie ein Schwamm sich füllt, wenn er in Wasser getaucht wird». Gleichwohl hat die Heilige diesen ungeschuldeten Gunsterweisen, die den Weg zur Vollkommenheit erleichtern, keine außerordentliche Bedeutung beigemessen.
Der Gipfelpunkt des mystischen Aufstiegs der hl. Teresa von Avila war die geistliche Vermählung. Sie geschah am 16. November 1572 während der Kommunion bei der heiligen Messe. Der hl. Johannes vom Kreuz, der mystische Reformator des Karmels, feierte diese Eucharistie. Um die Priorin abzutöten, reichte er ihr nur eine halbe Hostie. Daraufhin erschien ihr Jesus in einer Vision, gab ihr seine rechte Hand und sagte: «Schau diesen Nagel, er ist ein Zeichen dafür, dass du heute meine Braut wirst». Dieses Ereignis war eine so vollständige Vereinigung mit Gott, dass die Momente der Abwesenheit und der Verlassenheit für sie zu einer Tortur wurden. Wenn die Seele die göttliche Transzendenz geschaut hat, möchte sie nur noch sterben, um nicht länger von Gott getrennt zu sein. «Ich sterbe, weil ich nicht sterbe», schrieb die hl. Teresa von Avila in einem ihrer herrlichen Gedichte. Der hl. Johannes vom Kreuz nahm dieses Thema wieder auf. «Von Gott getrennt zu sein», schrieb Teresa, «ist für mich so schmerzhaft, dass mein größtes Opfer für ihn darin besteht, einzuwilligen, für ihn zu leben.»
In ihrer Todesstunde am 3. Oktober 1582 waren ihre letzten Worte: «Mein Herr, mein Bräutigam, jetzt kommt die so sehr ersehnte Stunde», dann folgte ein letztes Glaubensbekenntnis: «Und, Herr, ich bin eine Tochter der Kirche».
Diese große Lehrerin des kontemplativen Lebens hat Paul VI. 1970 als erste Frau gemeinsam mit Katharina von Siena zur Kirchenlehrerin erhoben. Bossuet hatte Teresa bereits mit den größten Kirchenlehrern in eine Reihe gestellt.
Der hl. Johannes vom Kreuz war nicht nur ein strahlendes Genie, sondern auch ein Inbegriff der Heiligkeit. Er war der mystische Heilige schlechthin. Maritain sagte von ihm: «Wir halten ihn für den größten Kirchenlehrer für dieses höchste, nicht mehr mitteilbare Wissen, so wie wir den hl. Thomas von Aquin für den größten Kirchenlehrer des mitteilbaren Wissens halten, während die hl. Theresia von Lisieux vor allem die “Heilige der Liebe” war.»
Auch heute noch ist dieser mystische Kirchenlehrer durch die Schönheit seiner Gedichte bekannt, selbst unter Nichtkatholiken. Kann die Kontemplation, die höhere Form der Meditation, besser ausgedrückt werden als durch Poesie, die jenseits des Sichtbaren ist?
Das Werk des hl. Johannes vom Kreuz wird von der biblischen Inspiration genährt nicht als literarische Quelle unter anderen und auch nicht als Lehre, sondern als eine Erfahrung, die es von innen her zu erleben gilt.
Die Meditation zielt auf die Begegnung mit Gott: «um Gott zu verkosten, sollt ihr nichts ersehnen». In seinem «Geistlichen Gesang», der größtenteils im Kerker des Klosters von Toledo, wo Johannes gequält wurde, entstand, hat er das Empfinden, von Gott verlassen zu sein. Eingeschlossen, gebrochen, völlig ausgeliefert hat Johannes nur noch eine einzige Zuflucht: er gibt sich blind in Gottes Hand. Und dann kommt es zum befreienden geistlichen Gesang:
«Im tiefsten Keller
meines Geliebten habe ich getrunken
und als ich ins Freie hinaustrat,
wusste ich nichts mehr.
Ich habe die Herde verloren,
der ich einst folgte.»
Wer Gott begegnen will und das ist das Ziel der Meditation der muß sein Kreuz auf sich nehmen und alle Anhänglichkeiten ablegen. Das heißt jedoch nicht, dass er die Natur vernichten und die Welt verdammen soll, sondern er soll sein «Terrain» reinigen, damit Gottes Wirken keine Hindernisse im Weg stehen. Dieses Wirken zeigt sich manchmal in äußerst kostbaren Gnaden, wie z.B. die Ekstase. So wurden Teresa und Johannes am Fest der heiligsten Dreifaltigkeit von Schwester Beatrix von Jesus überrascht, als sie alle beide in Ekstase über dem Boden schwebten…
Die Meditation lässt sich vergleichen mit einem Aufstieg in Gottes Herz, um dort jenen Dialog der Liebe zu beginnen, der allein der unendlichen Zärtlichkeit unseres liebenden und erbarmenden Gottes würdig ist. Aus diesem Grund ist die Meditation die wertvollste Beschäftigung der Seele. Es sollte kein einziger Tag vergehen, ohne dass man sich auf dieses unaussprechliche «Eintauchen» einläßt, in dem sich das innige «Herz an Herz» des Geschöpfes mit seinem Schöpfer vollzieht. Dann versteht man, dass die hl. Teresa von Avila ihre Schwestern anleitete, täglich zwei Stunden ihre Seele in diesem Wonnegarten lustwandeln zu lassen; denn er schenkt einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit, zu der Gott uns berufen hat.
René Lejeune
Litteratur:
«Die innere Burg», 224 Seiten,
E 9.90 CHF 16.90
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