Die Letzten Dinge (3)

Die Hölle aus Sicht der Theologen und Mystiker

=> MARIA HEUTE 402 INHALT

Wir werden in diesem Artikel darlegen, was der hl. Augustinus, der hl. Thomas von Aquin und moderne Theologen über die Hölle lehren und anschließend die Abhandlung über die Hölle, die von Franziska Romana stammt, skizzieren.

Die Theologen und die Hölle

Im Buch XXI von Die Gottesstadt hat der hl. Augustinus große Schwierigkeiten bei der Erklärung, daß die Körper der Verdammten im Feuer weiter bestehen können. Er sucht in der Natur nach Beispielen, um dies zu beweisen und endet schließlich mit der Feststellung, daß Gott Dinge ermöglichen kann, die uns unmöglich erscheinen.
Er zitiert das Evangelium (Mk 9, 43-48) und weist darauf hin, mit welchem Nachdruck Christus von der ewigen Dauer der Strafen spricht und fügt hinzu: Die ewigen Strafen scheinen den Gedanken der Menschen jedoch hart und ungerecht zu sein, denn aufgrund der Schwäche seiner Fähigkeiten, die dem Tod unterliegen, fehlt dem Menschen dieser sehr erhabene und sehr reine Sinn der Weisheit, die ihn die Schwere der Untat erahnen läßt, die er mit der ersten Untreue und Pflichtverletzung begangen hat1.
Anschließend entwickelt er eine Lehre, derzufolge die barmherzige und unverdiente Gnade viele (multi) von der Strafe befreit, während die meisten anderen (multo plures) der Strafe in aller Gerechtigkeit unterzogen werden2.
Die Erwählten sollen nicht nur getauft sein, sondern auch gekämpft haben, um ihre Leidenschaften zu bezwingen. Die anderen werden dem Strafgericht überliefert, das in einem gewissen Verhältnis zu ihren Verfehlungen steht.
Die «Barmherzigen», die auch für die Verdammten das Heil erstreben, ohne dabei so weit zu gehen wie Origines, der auch die Dämonen einschließen wollte, befinden sich im Irrtum, denn sie verdrehen Gottes klare Worte (recta Dei verba).
Er antwortet auf alle Argumente derjenigen, die eine ewige Dauer der Strafen leugnen.
Dennoch gibt es den Fall, daß Menschen, die von ihren Sünden daran gehindert werden, ins Himmelreich einzutreten, durch die Verdienste der Heiligen einen Nachlaß ihrer Sünden erhalten. Diese Frage bleibt für Augustinus ungelöst, «trotz der Mühe, die ich mir gegeben habe», fügt er hinzu.
Für die Lehre vom Fegefeuer brauchte es noch Jahrhunderte, ehe die Theologen und das kirchliche Lehramt in der Lage waren, sie zu «entschlüsseln». Man kann sagen, daß Augustinus Position hinsichtlich der ewigen Dauer der Strafen die der Kirche ist; daß die Verdammten jedoch multo plures sind, ist Meinung von Augustinus.
Was die Vorherbestimmung anbetrifft, nimmt der hl. Thomas von Aquin im Wesentlichen die Interpretation des hl. Augustinus wieder auf: «Weil also dargelegt wurde, daß manche durch göttliche Tätigkeit, von der Gnade unterstützt, auf das letzte Ziel hingelenkt werden, manche aber ohne diese Gnadenhilfe vom letzten Ziel abfallen; da aber (zugleich) alles, was Gott tut, von Ewigkeit her durch seine Weisheit vorgesehen und geordnet ist, so ist die genannte Unterscheidung der Menschen notwendig von Ewigkeit her von Gott angeordnet»3.
Das Konzil von Trient formulierte während der 6. Session (13. Januar 1547) die Lehrsätze der katholischen Interpretation von der Rechtfertigung. Dabei ließ es sich vom hl. Augustinus und vom hl. Thomas inspirieren und verwarf sowohl die Lehren des Pelagius als auch die von Luther4 und Calvin: Wer behauptet, der freie Wille des Menschen wirke, wenn er von Gott bewegt und geweckt wird, zu seiner Bereitung und Zurüstung für den Empfang der Rechtfertigungsgnade nicht mit, indem er dem weckenden und rufenden Gott zustimmt; auch könne er, selbst wenn er wolle, nicht widersprechen, sondern verhalte sich wie ein lebloses Ding vollkommen untätig und nur empfangend, der sei ausgeschlossen. (Canon 4)
Wer behauptet, die Rechtfertigungsgnade werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen Gerufenen aber würden zwar gerufen, ohne aber die Gnade zu empfangen, da sie durch göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien, der sei ausgeschlossen. (Canon 17)5
In den Quaestiones LXIII und LXIV der Summa theologiae behandelt der hl. Thomas die Dämonen, ihre Sünde und die Strafen, die sie erleiden.
Er definiert die Sünde der Engel als vom Hochmut kommend, der seinerseits Neid hervorbringt. Der gefallene Engel wollte wie Gott sein, aber nicht indem er durch Gottes Gnade vergöttlicht wird, sondern durch eigene Kraft (art. 3, resp). Er war nicht von Natur aus schlecht und er sündigte auch nicht sofort. Wahrscheinlich sündigten die ranghöheren Engel zuerst aus Hochmut und zogen die anderen nach sich. Die treuen Engel waren wahrscheinlich in der Überzahl. Nach dem Sündenfall verloren die Engel die Nächstenliebe, sie behielten jedoch manche übernatürliche, spekulative Erkenntnis und ihre natürlichen Fähigkeiten der Erkenntnis, während ihr Wille jedoch endgültig auf das Böse fixiert ist. Ihr Leiden besteht in ihrem Willen, der radikal widersprüchlich ist: sie wollen ihren Zustand nicht und können doch nicht das sein, was sie sein wollen. Vor allem aber leben sie nicht in der Glückseligkeit, nach der sie sich von Natur aus sehnen. Die Hölle ist aus Strafe der Ort, an dem die Dämonen sind, aber auch die finsteren Lüfte, wo sie die Menschen in Versuchung führen.
Der hl. Thomas konzentriert sich auf das Wesentliche und sagt oftmals, was ihm das Wahrscheinlichste zu sein scheint, wenn man von dem ausgeht, was uns die Heilige Schrift über diese geheimnisvolle Welt lehrt.
Die modernen Theologen interessieren sich weniger für die Situation der Dämonen als für das Schicksal der Menschen. Die Aussicht auf eine ewige Verdammnis ist so furchterregend, daß sie leicht Ablehnung hervorruft. Die Theologen, die sich mit dem Studium dieses Mysteriums befassen, haben keine leichte Aufgabe6. Erinnern wir uns daran, was Jesus antwortete, als er gefragt wurde, wie viele denn gerettet werden: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen7 (Lk 13, 24).
Am 28. Juli 1999 lehrte Johannes Paul II. in einer Ansprache, in der es um die Hölle als endgültige Ablehnung Gottes geht, daß dies die Situation desjenigen sei, der die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters auch noch im letzten Augenblick seines Lebens ablehnt… Die Hölle ist der Ort der definitiven Strafe, ohne daß es die Möglichkeit der Rückkehr oder der Erleichterung des Schmerzes gibt (Lk 16, 19-31). Weiter sagte er: «Die Verdammung bleibt eine reale Möglichkeit, aber ohne eine besondere göttliche Offenbarung wissen wir nicht, ob Menschen – und wenn ja, welche – davon tatsächlich betroffen sind».

Franziska Romana und der «tractatus de inferno»

Franziska Romana berichtete nur ungern und in ihrem römischen Dialekt über die Visionen vom Himmel, dem Fegefeuer und der Hölle, die sie in Ekstase empfing. Ihr Beichtvater schrieb sie in lateinischer Sprache nieder. Diese Familienmutter aus dem 15. Jahrhundert ist vielleicht eine der größten Heiligen dieses Jahrhunderts, das auch das Jahrhundert der hl. Coleta, der hl. Johanna von Orleans und des hl. Nikolaus von der Flüe ist. Ihre Visionen vom Jenseits sind eine wichtige katholische Quelle, die wir über die Welt der Engel haben. Wir haben bereits gesehen, daß sie unablässig ihren eigenen Schutzengel schaute. Es heißt, daß bei ihr eine Freiheit vorherrscht, die sie jeder Spezifizierung entkommen läßt8. Wie die Ursuline Sr. Marie von der Incarnation im 17. Jahrhundert und Anna Maria Taigi im 18. Jahrhundert, führte sie ein sehr aufreibendes, praktisches und zugleich ein ganz intensives kontemplatives Leben. Sie besaß eine lebhafte Intelligenz und ihre Kultur lassen den dominikanischen Einfluß von P. Thomas aus Regno erahnen, der sie 20 Jahre lang begleitete. Festzuhalten ist, daß sie die Reichtümer, die sie in ihren Visionen empfing, keineswegs mitteilen wollte und daß der ganze Nachdruck ihres Beichtvaters Mattiotti erforderlich war, um im Namen des Gehorsams deren Veröffentlichung zu erreichen. Sie selber hat jedoch nichts geschrieben.
Hier soll es darum gehen, was sie über die Hölle gesagt hat9.
Sie hatte die Visionen vom Himmel, vom Fegefeuer und von der Hölle, als sie in Ekstase war. Einzigartig ist bei ihr die Beschreibung der Strukturen in der Hölle, ihre Hierarchie und die sonderbare und furchterregende Strategie, die auf den Untergang der Seelen ausgerichtet ist.
Die symbolische Bildersprache, die in ihren Beschreibungen verwendet wird, ist nicht die eines Dichters, sondern eher die eines Propheten, der eine Vision, die aus einer anderen Sphäre kommt, wie Licht bricht. Die Vorstellungswelt, die mit den Bildern Franziska Romanas und denen ihrer Epoche ausgerüstet ist, tritt ebenfalls hervor, aber sie steht im Dienst eines höheren Lichtes, das von Gott kommt.
Die Hölle erscheint ihr wie ein weiter Raum, der in mehrere Regionen unterteilt ist, und wie es in der Geheimen Offenbarung steht, ist ein Drache die Personifizierung der Perversität, die an diesem Ort des Verderbens herrscht. Franziska wird vom Erzengel Raphael begleitet, der ihr während dieser Reise durch das Land des Schreckens beisteht10.
Wir erleben den furchtbaren Empfang der Verworfenen; sie werden in einer Art Prozedur vor den Herrscher des Abgrunds geführt, der ein «Urteil» spricht, dem die Torturen folgen, die je nach den begangenen Sünden unterschiedlich sind.
Die Heilige berichtet auch über die Genealogie dieser dämonischen Welt: die Prüfung11, die den Engeln auferlegt worden war, hat ein Drittel aus allen Engelchören12 zu Fall gebracht. Ein Teil von ihnen —die Übelsten — ist in der Hölle, ein anderer Teil in den Lüften13 und der dritte Teil ist mitten unter den Menschen. In Hinblick auf die beiden letzten Kategorien fügte sie hinzu, daß im Augenblick der Prüfung manche schwiegen und sich weder für Gott noch für Luzifer entschieden.
Bei Luzifer, der zum Chor der Seraphim gehörte, befinden sich drei Hauptdämonen, die über diese Welt der Verzweiflung herrschen: Asmodai aus dem Chor der Kerubim: er kümmert sich um die Laster des Fleisches; Mammon aus dem Chor der Throne: er befaßt sich mit dem Geiz und Beelzbul aus dem Chor der Herrschaften, dessen Schwerpunkt der Götzendienst ist. So sind die drei großen Begierden personalisiert. Diese Dämonen verlassen die Hölle nicht, sondern senden andere Dämonen auf die Erde, die mächtiger sind als die Dämonen der Lüfte und der Erde, die Gott [senden wird], wenn er die Menschheit bestrafen will.
Im eigentlichen Sinn befinden sich die abgefallenen Engel aus den höchsten Chören, nämlich die Seraphim, Kerubim und Throne in der Hölle. Sie sind beauftragt, die größten Sünder zu quälen. Es besteht also eine Analogie der Proportion zwischen den abgefallenen Engeln und den Verworfenen, je nach Art der Sünden, die begangen wurden.
Die Heilige sieht, mit welcher List und Tücke die Dämonen die Seelen in Versuchung führen. Sie schließt, daß jede Seele, die ihnen entrinnt, glücklich und heilig ist…
Unter den Dämonen herrscht eine Art Ordnung in ihrer Unordnung.
So gruppiert die göttliche Gerechtigkeit diejenigen zusammen, die Teil der obersten Hierarchie waren, und jene, die dem zweiten, beziehungsweise dem dritten Rang angehörten. Innerhalb dieser Gruppierungen gibt es jedoch keinerlei Ordnung14.
Die Dämonen, die in den Lüften sind, führen die Seelen nicht direkt in Versuchung, sondern wirken auf die natürlichen Elemente ein, um die Menschen zu schwächen. Die Versuchung des Hochmuts ist einer anderen Kategorie von Engeln überlassen und wenn die Versuchung erfolgreich war, können die Legionen, die Asmodai, Mammon und Beelzebul unterstehen, eingreifen.
In der Hölle herrscht Luzifer: So wie die ruhmreichen Engel in den verschiedenen Chören den göttlichen Anweisungen folgen, so folgen die bösen Geister – auch hier jeder an seinem Platz – den Vorschriften Luzifers. Unter dem Wirken der göttlichen Gerechtigkeit… würde es keiner von ihnen wagen, eine Seele ohne den Befehl Luzifers in Versuchung zu führen. Und keiner könnte die Seelen in Versuchung führen, wenn unser heiliger und allgütiger Gott nicht zustimmen und es gestatten würde. Sonst wären die Menschen zu bemitleidenswert, wenn die Dämonen diese armen Seelen, die in ihrem Leib sind, nach freiem Gutdünken versuchen könnten15.
Luzifer sieht alle Dämonen, die sich gegenseitig sehen. Sie werden nicht nur durch das Feuer gequält, sondern auch dann, wenn sie das Gute sehen, das die guten Menschen tun. Die Dämonen, die in der Welt sind, gehören zum letzten Rang des letzten Chores und kümmern sich um jede einzelne Seele, um sie ins Verderben zu führen. Wenn sie sie nicht besiegen können, greifen mächtigere Dämonen ein. Das widerfuhr übrigens auch Franziska Romana selbst: die demütige Magd Christi wurde beständig in Versuchung geführt und ihr wurde hart zugesetzt: nicht nur durch den bösen Dämon, der in sie einfuhr, sondern auch durch jene, die aus dem Chor der Seraphim abgefallen waren.
Hier muß angefügt werden, daß die Macht der Engel, die Franziska beschützten, im selben Maß zunahm. Sie beschrieb, wie ein Engel, der sie verteidigte, durch einen anderen Engel aus einem höheren Rang ersetzt wurde.
Franziska konnte erkennen, welchem Chor jener Engel angehört hatte, der sie in Versuchung führte: die Dämonen, die aus der obersten Hierarchie gefallen sind, lehren die anderen Geister, die in uns Einlaß gefunden haben, auf welche Art und Weise sie die Seelen in Versuchung führen und ihnen hart zusetzen können. Und genauso machen es die Dämonen auch untereinander – mit göttlicher Zulassung – so daß jede Seele grundsätzlich einen bösen Geist hat, der in sie eingelassen wurde, um sie in Versuchung zu führen und ihr übel mitzuspielen…, aber wenn dieser böse Geist nicht ausreicht, um die Seele mit irgendeiner Verfehlung zu Fall zu bringen, und wenn er von der Seele, die kraftvoll Widerstand leistet, besiegt wird, kommen ihm andere Dämonen, die noch durchtriebener und schlimmer sind, zu Hilfe.16
Dieser geistige Kampf wird von Gott zugelassen, damit die Menschen mit Hilfe seiner Gnade Verdienste sammeln können. Er kann auch verloren werden, und die hl. Franziska beschreibt den Triumph und die unbändige Wut der Dämonen, wenn sie gewinnen oder verlieren.
Geht man von den Visionen der hl. Franziska Romana aus, so ist die Hölle leider nicht leer und in allen sozialen Schichten und auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie wie auch bei den Laien sind alle Arten von Sünden vertreten.17
Die Schutzengel verlassen die Verdammten. Die Seelen im Fegefeuer werden in manchen Fällen einer zusätzlichen Strafe unterzogen, die darin besteht, daß sie ihren Dämon sehen, während sie an einem bestimmten Ort sind.18
Erwähnen wir auch, was Franziska Romana über den Namen Jesu sagte: wenn die Menschen auf der Welt den heiligen Namen Jesu mit Andacht aussprechen, sind alle Dämonen — sowohl die in der Hölle, als auch die in den Lüften und jene, die mitten unter uns in der Welt sind — gezwungen, niederzuknien, und zwar nicht aus freiem Willen, sondern gegen ihren Willen.19
Selbst wenn der Name Jesu von Gotteslästerern ausgesprochen wird, müssen die Dämonen Ehrerbietung zeigen, auch wenn sie sich zugleich über die begangene Sünde freuen.
Die Engel im Himmel werfen sich nieder und preisen Gott, wenn der Name Jesu angerufen wird, auch wenn böse Menschen ihn anrufen.
Schließlich erfährt die hl. Franziska Romana die Macht der Reue und des Bußsakramentes, die
die Dämonen schwächen und die Seelen stärken.

Zusammenfassung

Diese vergleichende Annäherung an die Letzten Dinge zeigt uns die Komplementarität, die zwischen dem Werk der Theologen und den Beiträgen der großen Mystiker, besonders der Frauen, besteht. Dieser Beitrag der weiblichen Mystik findet sich weder bei den Orthodoxen, noch bei den Protestanten und geht in der katholischen Kirche bis ins 12. Jahrhundert zurück, als die Scholastik ihren Aufschwung nahm und die Theologie zu einer Wissenschaft machte.20
Vor den Gefahren des Rationalismus, der bei manchen Theologen herrschte, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch den Papst und Schutzherrn der Sorbonne, Gregor IX., gewarnt. Er forderte feierlich, daß die Theologen keine Philosophen werden.21 Albert der Grosse, Thomas von Aquin, Bonaventura und Duns Scotus blieben Theologen und ihre Heiligkeit trug sehr dazu bei. Später führte der Niedergang der Scholastik dazu, daß Erasmus — übrigens zu Unrecht — Aristoteles im Namen einer Philosophie des Evangeliums verwarf. Und Luther reagierte noch radikaler, als er sagte, daß das Evangelium mit der Philosophie unvereinbar sei.
In analoger Weise konnten die Mystikerinnen bei den Theologen die Rolle einnehmen, die manche von ihnen auch bei Päpsten spielten, als diese sich von der Weisheit der Welt in Versuchung führen ließen. Es ist ein prophetisches Charisma, das im Dienst der Kirche steht und der hl. Paulus reiht die Propheten bekanntlich vor die Gelehrten, aber hinter die Apostel und deren Nachfolger.
Die Letzten Dinge sind uns durch die Offenbarung in ausreichend deutlicher Weise bekannt, um das rechte Gewissen zu leiten. Sie sind allerdings zugleich so verhüllt, daß sie Glauben erfordern und die Arbeit der Theologen und das Eingreifen des kirchlichen Lehramtes erfordern. Die Mystiker bringen hier nicht nur Licht, sondern sie berühren auch durch die Bilder und Gefühle die Sensibilität, die wiederum auf den Willen zurückwirkt, der geschaffen wurde, um das zu lieben, was die Vernunft ihm zeigt.
Die Privatoffenbarungen stehen nicht in Konkurrenz zur Theologie, die ein Werk des Verstandes im Licht des Glaubens ist. In der Praxis jedoch stellt das Zeugnis der Mystiker, auch wenn es Kirchenlehrer sind, ein Problem der Interpretation dar, das virulent genug ist, um bei den Theologen Zurückhaltung, ja sogar grundsätzliche Abwehr hervorzurufen. Wir haben bereits erwähnt, was ein gerechter Mann tat, als ihn die heiligste aller Frauen vor eine unverständliche Situation stellte.
Die Zivilisation des Todes, die sich in unserer Zeit ausbreitet, verschweigt die Toten und tut so, als würde sie sich für die Letzten Dinge, die ihr Angst einflößen, nicht interessieren. Die Bilder, die von wirklich wunderbaren Technologien vorgeführt werden, bestürmen unsere Zeitgenossen, die nur recht wenig lesen. Und hier ist nur von den privilegierten Ländern die Rede, denen die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen. Das Zeugnis der Mystiker kann die Lehre der Kirchenlehrer nicht nur vervollständigen, sondern auch Theologen hervorbringen, die fähig sind, das durch die Bilder und Gefühle Erahnte und Wachgerufene zu formulieren.

Patrick de Laubier, Priester


Anmerkungen:
1. Gottesstadt, XXI, 12.
2. Calvin zitiert in seinem Buch über die Ewige Vorherbestimmung (1552) 22 Schriften des hl. Augustinus.
3. Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles CLXIII
4. Die gemeinsame Augsburger Erklärung von Katholiken und Lutheranern über die Rechtfertigung vom 31. Oktober 1999 wurde bereits erwähnt. Diese gemeinsame Erklärung hat zwar noch nicht alle Schwierigkeiten beseitigt, aber sie stellt doch eine Ausgangsbasis dar.
5. Übersetzung: Neuner-Roos, Verlag F. Pustet, Regensburg. Die Kontroversen über die Gnade gingen noch weiter.
6. Wir wissen aber auch, dass der Gute Hirte kam, um das verlorene (apololos) Schaf zu suchen (Lk XV, 6. Die lateinische Vulgata übersetzt hier: das verloren war (perierat).
Siehe auch die sehr persönlichen Interpretationen von Hans Urs von Balthasar, Hoffen für alle, 1987; Die Hölle, eine Frage, 1988.
7. Bei Mt 7, 13 heißt es: Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele (polloi) gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige (oligoi) finden ihn. Aber der Gute Hirte ist gekommen, um zu retten, was verloren war (perierat).
8. Marie-Pascale Dickson, Jubilation dans la lumière divine, Françoise Romaine, ŒIL, 1989, S. 20
9. Wir zitieren hier nach der kritischen Edition von Alessandra Bartolomei Romagnoli, Santa Francesca Romana, Libreria Editrice Vaticana, 1994, Tractatus de inferno, S. 815-871.
10. Während des Heiligsprechungsprozesses wird die sichtbare und beständige Gegenwart eines Engels bei der Heiligen erwähnt.
11. Eine Tradition besagt, daß die Sünde der Engel durch das Wissen um die Menschwerdung hervorgerufen wurde: Er war ein Mörder (anthropoxtonos) von Anfang an (Joh 8, 44). Siehe auch M.J. Scheeben, Die Mysterien des Christentums.
12. Der hl. Thomas war, wie wir bereits gesehen haben, der Meinung, daß die Mehrheit der Engel treu geblieben ist.
13. Der hl. Thomas erwähnt ebenfalls eine zweifache Aufteilung, aber Franziska fügt noch eine dritte hinzu.
14. AaO, S. 29
15. AaO, S. 32
16. AaO. S. 34
17. Der lateinische Text umfaßt nicht weniger als 35 Seiten (S. 823 – 858 der vatikanischen Edition), um sie zu beschreiben.
18. Es ist bekannt, daß Katharina von Siena eines Tages in einer Vision einen Dämon schaute und daß sie sich nie mehr ganz von dem Schrecken erholte, den er ihr eingeflößt hatte.
19. AaO, S. 42
20. Siehe auch: M.D. Chenu, «La théologie comme science au XIIIe siècle», Vrin, 1969
21. Nec philosophos se ostentent, Gregor IX, am 7. Juli 1228 in der Charta der Universität von Paris. In: E. Gilson, «L'esprit de la philosophie médiévale», 2. Auflage, 1969, S. 392.

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