Von Urs Keusch, Pfr. em.Mit lautem Schreien den Gott des Erbarmens anrufenZum Sonntag der Barmherzigkeit Gottes
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Seit dem Erscheinen der Enzyklika sind 23 Jahre vergangen. Der 11. September 2001 wird von vielen Menschen als ein apokalyptischer Posaunenstoss zu immer neuen terroristischen Plagen empfunden. Die Ängste vor globalen ökologischen «Zornesgebärden» mehren sich, die Ängste vor neuen und epidemisch sich ausbreitenden Krankheiten, vor immer neuen Kriegen und dem Kampf der Kulturen. Das gesellschaftliche und persönliche Leben erliegt zusehends größerer staatlicher und polizeilicher Kontrolle. Das Netz der persönlichen und geschöpflichen Freiheit des Einzelnen wird immer enger geknüpft. Der Mensch verspürt eine unheimliche Enge, «ein apokalyptisches Gefühl», das ihm Angst macht. Davon spricht auch der Papst in seiner Enzyklika, wenn er schreibt:
«Der Mensch fürchtet mit Recht, Opfer einer Unterdrückung zu werden, die ihn der inneren Freiheit und der Möglichkeit beraubt, die Wahrheit auszusprechen, von der er überzeugt ist; die ihm seinen Glauben nehmen möchte und die Möglichkeit, den rechten Weg zu gehen, den ihm die Stimme des Gewissens weist
»
Der Christ, der die «Zeichen der Zeit» sieht und zu deuten versteht, weiß um die tieferen Zusammenhänge zwischen dem Tun des Menschen und der Macht und der Entfeselung des Bösen in dieser Welt. Wo Menschen und Regierungen sich lossagen von ihrer Bindung an eine höhere Welt; wo im Egoismus ihrer Zeit ungeborenes menschliches Leben zu Millionen vernichtet wird, Ehe und Familie nicht mehr heilig gehalten und geschützt werden, die wahre Liebe im Sinnengenuss erstickt wird, das Schreien der Armen kaum mehr gehört wird, dort bewegt sich die Welt auf ihren Untergang hin. Und solange die moralisch so verderbliche Flut vieler Medien (TV, Video, Film, Internet etc.) ungehindert in die Lebenswelt unserer Jugend und Kinder eindringen kann, solange dürfen wir nicht damit rechnen, dass uns eine bessere Zukunft geschenkt wird.
Das alles sieht der Papst. Und um alle diese Dinge weiß er wie kein zweiter. Aber: Er weiß auch um die Macht der erbarmenden Liebe Gottes zu uns Menschen! Er sieht darum einen Ausweg aus auswegloser Situation. Er sieht ihn im göttlichen Erbarmen: im Schrei nach dem göttlichen Erbarmen! Der Papst gründet seine Hoffnung auf die Bibel: auf das Buch der göttlichen Erbarmungen seit den Anfängen der Menschheit. Er weiß, dass Gottes Erbarmen durch allen menschlichen Starrsinn, durch Sünde und Unheil hindurch immer wieder gesiegt hat und dass «Barmherzigkeit ein anderer Name für Gott ist» (Luigi Giusani). Jesus Christus am Kreuz ist das göttliche Erbarmen. Das durchbohrte Herz des Erlösers, aus dem Blut und Wasser fließen, ist das weitgeöffnete Tor für eine verlorene Welt. «Ich wünsche», sagt Jesus zur hl. Faustyna, «dass das Fest der Barmherzigkeit Zuflucht und Refugium für alle Seelen wird, besonders für die armen Sünder. An diesem Tag ist das Innere Meiner Barmherzigkeit geöffnet; Ich ergieße ein ganzes Meer von Gnaden über jene Seelen, die sich der Quelle Meiner Barmherzigkeit nähern
An diesem Tag stehen alle Schleusen Gottes offen, durch die Gnaden fließen
Die Menschheit wird keinen Frieden finden, solange sie sich nicht zur Quelle Meiner Barmherzigkeit hinwendet.»
Warum muss die Kirche gerade heute das Erbarmen Gottes so laut und eindringlich verkünden? Tut sie es nicht schon seit 2000 Jahren? Gewiss, aber nicht laut und eindringlich genug! Denn: Außerordentliche Zeiten verlangen außerordentliche Mittel! Wir stehen heute, heilsgeschichtlich gesehen, so etwas wie am Anfang, wie vor 2000 Jahren, als Paulus verkündete: «Wo die Sünde mächtig wurde, da ist Gottes Gnade (Erbarmen) übergroß geworden» (Röm 5,20). Das ist unsere Situation. Vor 130 Jahren schrieb Kardinal Newmann an einen Freund: «Es wird eine Periode weitverbreiteten Unglaubens kommen; und all die Jahre hindurch sind tatsächlich die Wasser wie eine Sintflut gestiegen. Ich sehe nach meinem Leben die Zeit kommen, wo nur noch die Spitzen der Berge, Inseln gleich, in der Wasserwüste sichtbar sein werden.»
Nun sagt uns die Bibel (Mk 13,20): «Wenn der Herr diese Zeit nicht verkürzen würde, dann würde kein Mensch gerettet». Es steht uns nicht zu, die erschütternde Ernsthaftigkeit der Botschaft Unseres Herrn zu entschärfen. Und auf dem Weg nach Jerusalem, wo der HERR sterben sollte, fragt Ihn einer: «Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Jesus sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen: denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen» (Lk 13,23-24)
Die Kirche erreicht heute verhältnismäßig nur noch wenige Menschen mit ihrer Botschaft und Liebe. Viele Menschen leben ohne das Licht der Hoffnung. Sie sind, biblisch gesprochen, im Dunkel der Sünde: tot. Sie sind in ihrem Leben dem lebendigen auferstandenen Christus nie begegnet. Darum sterben immer mehr Menschen ohne zu wissen, wohin sie sterben. Und immer mehr erkaltet in unserer Welt die Liebe: die Liebe zu Gott, zu den Kindern, zum Leben, zu den Menschen, zur Schöpfung. «Es wird Nacht und immer mehr Nacht», hat Nietzsche diesen kommenden Zustand beschrieben.
In diese verlorene Welt hinein muss das suchende Erbarmen Gottes «mit lauter Kehle» verkündet werden. So will es der Herr, so will es die Kirche. In dieser erkalteten Welt muss überall das Feuer der erbarmenden Liebe Gottes angezündet werden. Und in der Tat (jeder Priester kann es bezeugen): Es gab wahrscheinlich kaum einmal so überwältigende Bekehrungen von Menschen wie heute. Es gab kaum einmal soviel machtvolle «Auferstehung von den Toten» wie heute. Es gab kaum einmal so viel Erbarmen an Menschen, die sich in den dämonischen Abgründen der Sünde und des Bösen verstrickt hatten wie heute. «Wo die Sünde mächtig wurde, da ist Gottes Gnade übergroß geworden.» (Röm 5,20) Die Zeit der Barmherzigkeit ist angebrochen. Gott selbst will das Verlorene suchen. (Ez 34,16)
Darum muss heute die Kirche das Erbarmen Gottes in ganz besonderer Weise auch lobpreisen: sie muss Gott danken und lobpreisen, dass Er in seinem Erbarmen so unbegreiflich ist, so wunderbar, so unfassbar für den Verstand der Menschen und Engel. Darum ist der Kirche der «Sonntag der Barmherzigkeit» geschenkt, damit der ganze Erdkreis in dieses Lob, in diesen Dank und in diese Anbetung des Erbarmens Gottes einstimme. Denn ohne dieses Erbarmen Gottes kann kein Mensch gerettet werden. Jeder Mensch muss sich dessen bewusst sein. «Würdest Du, Herr, unserer Sünden gedenken, Herr, wer könnte bestehen? Doch bei Dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht Dir dient.» (Ps 130,3).
So streckt uns Gott In der Sendung der heiligen Faustyna nochmals seine erbarmende Vaterhand entgegen, damit wir sie ergreifen und keiner verloren gehe, sondern das Ewige Leben habe (Joh 3,16). Und wenn wir heute den Ernst dieser Botschaft auch noch nicht ganz verstehen können, so soll uns das nicht hindern, in das Gebet um das Erbarmen Gottes für die ganze Welt und in den Lobpreis der erbarmenden Liebe Gottes einzustimmen. Wir sollen auch nicht übersehen, dass sich die Botschaft der heiligen Faustyna als eine johanneische, als eine «apokalyptische» versteht: Sie will dem Herrn den Weg bereiten. Sie will die Welt auf Seine zweite Ankunft vorbereiten. «Du wirst die Welt auf meine endgültige Wiederkunft vorbereiten», sagt Christus zu ihr. An 12 Stellen spricht Christus ausdrücklich von seiner Wiederkunft, die jetzt, in dieser Stunde, durch die Gnade der Barmherzigkeit eingeleitet Wird. «Ehe Ich als gerechter Richter komme, öffne ich weit die Tür meiner Barmherzigkeit.» Maran atha! Komm, Herr Jesus! Hallelujah!
Urs Keusch, Pfr. Em.
Anmerkung:
Wer keine Gelegenheit hat, am 2. Sonntag der Osterzeit (18. April 2004) den Barmherzigkeitsonntag mitzufeiern, möge es privat tun, wenn möglich zusammen mit der Familie oder einer
(Gebets-) Gruppe.
Literatur:
«Tagebuch der Schwester Faustyna Kowalska» Redakteur der deutschen Ausgabe: Stanislaw Swidzinski, 598 S. + 16 Seiten Farbabb., 14,5x21 cm E 29.- CHF 44.-
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