Das Heiligtum der Mater Dolorosa
im Ruhrgebiet

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Zu allen Zeiten und in allen Religionen zieht es die Menschen an Orte, an denen ihnen die Gottheit und/oder der «Himmel» näher zu sein scheint als anderswo. Daher begeben sie sich immer wieder auf den Weg zu solchen Stätten. Die Wallfahrt gibt uns allen die Möglichkeit, unser Leben neu zu orientieren, das Ziel, zu dem wir unterwegs sind, von neuem anzupeilen. So macht ja auch ein Wanderer dann und wann eine Pause, eine Rast, um seinen bisherigen und seinen künftigen Weg mit einer Karte zu überprüfen. Und wie froh ist man, wenn man erkennt, daß man auf dem richtigen Weg ist und dem Ziel allmählich näherkommt!
Im Christentum fällt auf, daß die Marienwallfahrtsstätten weitaus zahlreicher sind als z.B. diejenigen für Jesus Christus. Das hat offensichtlich zwei Gründe: Zum einen gab uns der sterbende Herr vom Kreuz herab seine Mutter als unser aller Mutter! Nicht nur Johannes «nahm sie von jener Stunde an zu sich»; seinem Beispiel folgte und folgt die Mehrheit derer, die sich Christen nennen. Zum andern sitzt in uns allen (mehr oder weniger bewußt) die Sehnsucht nach der Mutter, ist tief in unserem Inneren. Und die Marienverehrung, die Liebe zur Mutter Gottes, ergänzt das unstreitig vorwiegend männliche Gottesbild der Bibel. Zu diesen heiligen Stätten unserer Mutter gehört auch der Wallfahrtsort Bochum-Stiepel. Hier gibt es seit dem Jahre 1008 eine Kirche, die der Mutter unseres Herrn geweiht ist.
Und es kamen auch schon bald mehr und mehr Wallfahrer zu dieser «heiligen kerken to Stiepel». Das Ansehen der Wallfahrt wuchs, als Rom diese Kirche mit acht Ablaßtagen auszeichnete. Jedoch trat um 1610 Stiepel zum Protestantismus über. Seither ist die alte Stiepeler Kirche evangelische Pfarrkirche. Der Gnadenaltar wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts abgerissen und das Inventar versteigert. Das weithin verehrte Marienbild wurde 1820 entfernt. Der Rektor Heinrich Johannes Giese hat das Verdienst, das Gnadenbild durch Kauf gerettet zu haben; er stellte es in der Schloßkirche zu Lütgendortmund auf. Die zunehmende Industrialisierung brachte allmählich wieder Katholiken nach Stiepel; doch gab es noch lange Zeit keine katholische Gemeinde. Erst an Mariae Himmelfahrt 1902 trafen sich Gläubige zur ersten Eucharistiefeier nach der Glaubensspaltung (Reformation). Mutige katholische Laien erreichten es, daß am 10. Mai 1920 der Grundstein zum Bau der neuen Wallfahrtskirche gelegt wurde. Und so konnte das Gnadenbild der Schmerzensmutter 1920 in feierlicher Prozession nach Stiepel zurückkehren. Nun gibt es seitdem wieder einen Wallfahrtsort mitten im Ruhrgebiet! Es dauerte nicht lange, bis die alte Wallfahrt wieder blühte.
Das Mariengnadenbild von Bochum-Stiepel ist eine geschnitzte Pietà, ein sogenanntes Vesperbild, das in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Westfalen gefertigt wurde. Gestalt und Antlitz der Schmerzensmutter gleichen einer schlichten Frau aus dem Volk. Ihre Rechte unterfängt und stützt das Haupt des Gekreuzigten, des toten Christus. Ihr Gesichtsausdruck zeigt beherrschten Schmerz.
Neuen Aufschwung erhielt diese Ruhr-Wallfahrt durch die Gründung des Zisterzienserklosters 1988, das sich der Initiative von Kardinal Hengsbach, dem ersten Bischof von Essen verdankt. Die Gründermönche kamen aus dem österreichischen Stift Heili-genkreuz. Diese Klostergründung sollte dem Ruhrgebiet ein neues, ein junges geistliches Zentrum geben. Und so kommen nun Jahr für Jahr ca 400 Gruppen, Pfarrgemeinden, einzelne Gemeinschaften, Schulen, Vereine und nicht selten auch «nur» Neugierige zur Schmerzensmutter und zu den Söhnen St. Benedikts und St. Bernhards, um Einkehr zu halten in Gebet, Liturgie, Meditation, Beichte und/oder Vorträgen. Sie wollen den Glaubensweg der Mutter Gottes, der Mater Dolorosa, betrachten, um daraus Kraft und Licht für den eigenen Glaubensweg zu erhalten.
Eine Eigenheit Stiepels wurde die Monatswallfahrt. Das ist ein Brauch, der schon vor vielen Jahren in Maria-Roggendorf/Österreich begann. In Stiepel findet sie am 11. jeden Monats statt. Und wie in Maria-Roggendorf führen auch hier Bischöfe oder Äbte diese Monatswallfahrten. Bochum-Stiepel sah dadurch z.B. außer dem hochverdienten «Speckpater» die Bischöfe von Essen, Münster, Paderborn, Aachen sowie von Utrecht und Salzburg, ferner den Praemonstratenserabt von Duisburg-Hamborn und — last not least — Kardinal Joachim Meisner von Köln und den Apostolischen Nuntius Lajolo.
Die Ausstrahlung der Bochum-Stiepeler ist œkumenisch und sogar weltweit! Dafür zeugt u.a., dass Wallfahrt und Kloster schon vom koptischen «Papst und Patriarchen» Shenuda III. aus Aegypten besucht wurden; ferner kam hierhin der georgische Patriarch Elija II. Solche Besuche erinnern uns an das kurze œkumenische Gebet: «0 Maria, schmerzensreiche Jungfrau und Mutter aller Christen, bitte für uns!» Aber Kloster und Wallfahrt wurde sogar schon von einer Gruppe tibetanischer Mönche aufgesucht! Maria ruft alle Menschen! — Den Geist dieser von Zisterziensermönchen betreuten Marien-Wallfahrt bringt uns vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck das «Stiepeler Mariengebet»:
Heilige Maria, du Mutter des Erlösers; du Königin der Märtyrer, auf Kalvaria wurde deine Seele vom Schwert des Schmerzes durchbohrt.
Heilige Maria, du Mutter der Kirche, in der entscheidendsten Stunde der Mensch-heit hat dir dein Sohn den Jünger anvertraut. So wurdest du auch unsere Mutter, die Mutter aller Erlösten.
Heilige Maria, du Mutter der Barmherzigkeit, als deine Kinder vertrauen wir uns deinem mütterlichen Herzen an.
Wir wollen unser Leben nach der Frohen Botschaft deines Sohnes ausrichten, auf dessen Namen wir getauft sind.
Wir wollen als Boten des Friedens das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu den Menschen tragen, die von der Dunkelheit der Gottesferne, der Sinnleere und des Hasses bedrängt werden.
Heilige Jungfrau, erbitte uns den heiligen Geist, dass unsere Familien als Christliche Keimzellen Jungen Menschen die Werte des Evangeliums und die Liebe zur Kirche vermitteln.
Erflehe uns auch Priester — und Ordensberufungen — glaubwürdige Zeugen für das anbrechende Reich Gottes.
Heilige Maria, seit Jahrhunderten wirst du hier, als Schmerzhafte Mutter von Stiepel angerufen und verehrt. Erbitte allen die Gnade, sich in Kreuz und Leid mit jener Gesinnung Gott anheim zu geben, in der du selbst in schwersten Stunden deinem Sohn verbunden warst.
Vertrauensvoll blicken wir auf zu deinem Bild und sprechen:
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen

Wenn die Stiepel-Wallfahrer, ja wenn wir alle, dieses Gebet nicht nur sprechen, sondern leben, zu leben versuchen, dann gibt es auch Hoffnung für das 21, Jahrhundert.

H. Reißner

HOCH


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