Die Letzten Dinge (2)Das Fegefeuer aus Sicht der Theologen und Mystiker=> MARIA HEUTE 401 INHALT
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Das Nachdenken über das Fegefeuer hat erst vor relativ kurzer Zeit begonnen und die vier Konzilien, die das Fegefeuer erwähnen, fanden erst nach dem Tod von Thomas von Aquin statt (1).
In seinem Sentenzenkommentar erklärt der hl. Thomas, Gottes Gerechtigkeit verlange, daß eine vergebene Sünde, für die vor dem Tod keine entsprechende Genugtuung geleistet worden ist, einer Läuterung bedarf. Diese Vorstellung von der «Kompensation» einer Unordnung findet sich in der Ablaßlehre wieder, die sich mit den Seelen im Fegefeuer befaßt. Diese Frage war besonders im 14. und 15. Jahrhundert Gegenstand vieler Interventionen durch das kirchliche Lehramt, als die große Pest, die ein Drittel der europäischen Bevölkerung (1348) wegraffte und die Kriege, insbesondere der Hundertjährige Krieg, den Tod in den Gedanken der Menschen allgegenwärtig hielt. Die Jubiläumsjahre, die 1300 eingeführt wurden, waren eine Gelegenheit, besondere Ablässe zu gewinnen.
Der hl. Thomas sagt, daß uns weder die Heilige Schrift, noch die menschliche Vernunft ermöglichen, etwas über den Ort des Fegefeuers zu wissen. Die Lehre der Heiligen und die Offenbarungen lassen jedoch annehmen, daß es zwei Orte gibt: der eine ist nach allgemeiner Übereinstimmung ein Ort, der an die Hölle angrenzt, mit einer Strafe, die dem Feuer ähnelt, jedoch zeitlich begrenzt ist. Ein anderer Ort existiere auch, an dem sich ausnahmsweise Seelen aufhalten, um die Lebenden zu unterweisen und die Fürbitte der Kirche zu erlangen.
Was die Strafen anbetrifft, unterscheidet Thomas zwischen der Verdammnis, die eine Spanne vor der glückseligen Schau umfaßt und der Strafe der Sinne. Er fügt hinzu, daß die kleinste Pein im Fegefeuer alle Pein auf Erden übersteigt. Die Sehnsucht nach Gott ist bei den Seelen im Fegefeuer nämlich äußerst intensiv, daher auch ihr Schmerz. Der Schmerz der Sinne berührt auch die Seele, die am Ursprung des Empfindungsvermögens steht und daher ist der Schmerz viel größer als die Schmerzen, die man auf Erden empfinden kann.
Diese Schmerzen werden freiwillig angenommen, wobei sich die Freiwilligkeit nicht auf die Schmerzen selber, sondern auf deren Ziel richtet. Und auch hier muß man zwischen dem Märtyrer unterscheiden, der freiwillig für Christus leidet und dem natürlichen Tod, der mit freiem Willen angenommen, aber nicht gesucht wird. Die Schmerzen des Fegefeuers gehören zur zweiten Kategorie.
Das Wirken der guten Engel und der Dämonen im Fegefeuer wird kurz erwähnt, um anzuführen, daß weder die einen noch die anderen in unmittelbarer Weise an der Verhängung der Strafe beteiligt sind. Die Engel können jedoch die Seelen, die unter ihrer Obhut stehen, begleiten, während die Dämonen anwesend sind, um ihren Haß zu stillen. In Artikel 6 stellt Thomas die Frage, ob der Schmerz des Fegefeuers läßliche Sünden, die auf der Erde nicht ausdrücklich vergeben wurden, sühnen kann. Seine Antwort lautet dahingehend, daß alle Verfehlungen, die in der Seele den Stand der Gnade erhalten was bei den läßlichen Sünden der Fall ist gesühnt werden können. In Artikel 7 sagt Thomas, daß dieses Feuer des Läuterungsortes wirklich von der Verfehlung befreit, aber daß manche Seelen es länger erleiden müssen als andere. (Art. 8)
Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin, dessen nicht vollendete Summa theologiae beim Konzil von Trient gemeinsam mit der Bibel auf den Altar gelegt wurde, begnügt sich damit, das Wesentliche der katholischen Lehre über das Fegefeuer darzulegen. Festzuhalten ist, daß spätere Konzilserklärungen (2) das Fegefeuer im Zusammenhang mit dem Bittgebet der Gläubigen, die noch auf der Erde leben, erwähnen, denn deren Fürbitte mildert die Pein der Verstorbenen. Die Konzilsaussagen behandeln keine Details der Strafen und Schmerzen. Das ist die Aufgabe der Mystiker und in besonderer Weise von Katharina von Genua, deren berühmte Abhandlung wir nun vorstellen wollen.
Katharina Fieshi wurde im Alter von 16 Jahren mit einem brutalen Mann vermählt. Zunächst führte sie fünf Jahre lang ein frommes und zurückgezogenes Leben und anschließend war sie fünf Jahre lang der Welt sehr zugewandt. Am 22. März 1473 erfuhr sie durch eine blitzartige Bekehrung eine Wandlungs: sie kommunizierte daraufhin täglich, enthielt sich 23 Jahre lang während der Advents- und Fastenzeit jeglicher Nahrung. Nach dem Tod ihres Gatten (1497) durchlitt sie eine geheimnisvolle Prüfung; ihr «Fegefeuer» endete mit ihrem Tod im Jahr 1510. Ihr Beichtvater, der auch ihr wichtigster Biograph war und einige ihr nahestehende Menschen, zu denen auch ihre Sekretärinnen gehörten (denn sie schrieb nicht selbst), gaben 12 Jahre nach ihrem Tod einen ersten Band heraus, der 1551 mit einer 542-seitigen Ausgabe vervollständigt wurde. Der endgültige Text erschien 1568 in Florenz.
Diese heilige Seele, die noch im Leib lebte, fand sich in Fegefeuer der brennenden Liebe zu Gott. Diese Liebe versengte sie ganz und läuterte sie von allem, was noch zu läutern war, so daß sie am Ende ihres Lebens vor Gottes Antlitz, vor ihren süßen Geliebten, treten konnte. Durch diese brennende Liebe verstand sie innerlich, in welchem Zustand sich die Seelen der Gläubigen im Fegefeuer befinden, um alle Art von «Rost» und Flecken der Sünde auslöschen zu lassen, die während des irdischen Lebens noch nicht geläutert worden waren.
Katharina von Genua spricht als authentische Zeugin vom Fegefeuer und legt in 18 Paragraphen eine wunderbare Lehre dar, die sie selber intensiv durchlebte. Zuerst erwähnt sie, daß die Seelen im Fegefeuer in keiner Weise auf sich selbst bezogen sind: Sie sind im Gegenteil so zufrieden mit den Bedingungen, unter denen Gott sie leben läßt und sie wollen, daß Gott alles nach seinem Willen in ihnen wirkt, daß sie weder an sich selbst denken, noch eine Zunahme des Schmerzes spüren können. (Par. 1)
Die Seelen sind sich außer ein einziges Mal bei ihrem Tod nicht einmal bewußt, daß sie wegen ihrer Sünden im Fegefeuer sind. Sie leben in der Nächstenliebe und nichts kann sie daraus vertreiben. Sie können weder sündigen, noch Verdienste erwerben: Ich glaube, man kann keine größere Zufriedenheit finden als die Zufriedenheit einer Seele im Fegefeuer, es sei denn die Zufriedenheit der Heiligen im Paradies. (Par. 2)
Die Leiden der Läuterung stehen im Verhältnis zu ihrer Erwartung. Die Pein, die sie erleiden, ist so stark, daß weder irgendeine Zunge davon künden, noch irgendein Verstand den geringsten Funken davon verstehen kann, wenn Gott es nicht durch eine ganz besondere Gnade erfassen lassen würde. (Par. 3)
Je mehr die Seele geläutert wird, desto mehr leidet sie darunter, von ihrem letzten Ziel getrennt zu sein und ihre Qualen sind äußerst stark. Dieses Feuer gleicht dem der Hölle, aber für die Seelen im Fegefeuer gibt es keine Sünden mehr, während diejenigen, die in der Hölle sind, die Schuld und Strafe mit sich herumtragen. Während die Schuld unendlich ist, fällt die Strafe nicht so schwer aus, wie sie verdient wäre, aber sie tragen sie auf ewig.
Wenn die Seele das irdische Leben verläßt und noch nicht geläutert ist, geht sie von selbst ins Fegefeuer oder in die Hölle, wenn sie in ihrer Sünde stirbt: Von Gott her steht das Paradies offen; wer will, kann dort eintreten. Gott ist ganz Barmherzigkeit, er bleibt uns mit offenen Armen zugewandt, um uns in seine Herrlichkeit aufzunehmen. Andererseits sehe ich, wie dieses göttliche Wesen von einer solchen Reinheit und Klarheit ist wie man sie sich nicht vorstellen kann, so daß die Seele, die eine Unvollkommenheit in sich hat, sei sie auch so leicht wie ein winziges Hälmchen, sich lieber in tausend Höllen stürzen würde, als mit einer Befleckung in der Gegenwart der göttlichen Majestät zu sein. (Par. 9)
Katharina von Genua kommt auf die Wichtigkeit des Fegefeuers zu sprechen; die Qualen gleichen dort denen der Hölle und die größte Qual besteht darin, etwas in sich zu entdecken, was Gott mißfällt.
Das verwandelnde Wirken Gottes an der Seele ist ihre Marter und ihre Freude: Es geht so weit, daß die Seele, wenn sie ein anderes, stärkeres Fegefeuer finden würde, sich sofort dort hineinstürzen würde, um schneller von diesen Hindernissen befreit zu werden, weil der Wunsch nach Übereinstimmung zwischen Gott und der Seele so machtvoll ist.
Die Vollkommenheit des Menschen besteht darin, Gott die Erstursache unserer Handlungen sein zu lassen. Die Seelen im Fegefeuer können keine Verdienste mehr sammeln und was die Gläubigen auf der Erde für sie tun, ruft bei ihnen keine Selbstbespiegelung hervor: Sie überlassen alles der ausgeglichenen Waage des göttlichen Willens.
Es gibt den vollkommenen Ablaß, aber die Bedingungen, die dafür zu erfüllen sind, sind schwierig.
Katharina beendet ihre Abhandlung mit der Beschreibung ihres eigenen Zustandes: Der Schmerz könnte nie so heftig werden, daß sie sich wünschen würde, sich von Gottes Willen hinsichtlich ihrer Person zu befreien. Sie verläßt ihr Gefängnis nicht, sie versucht nicht, auszubrechen, bis daß Gott alles Erforderliche in ihr gewirkt hat. Ich freue mich daran, daß Gott Genugtuung erfährt. Es gäbe für mich keinen schlimmeren Schmerz als mich den Plänen zu widersetzen, die Gott für mich hat, denn ich sehe in diesen Plänen so viel Gerechtigkeit und Erbarmen. (Par. 19)
Auch wenn die große Mystikerin eingesteht, daß sie das, was sie geschaut hat, nicht ausdrücken kann, vermittelt uns ihre Abhandlung über das Fegefeuer doch eine Kenntnis, die uns kein Theologe geben könnte. Die knappe Lehre des hl. Thomas im Sentenzenkommentar wird durch das Zeugnis der hl. Katharina jedoch bestärkt und bereichert und er selbst zitiert die Offenbarungen als Erkenntnisquelle für den Theologen (3).
Patrick de Laubier, Priester
Anmerkungen:
1. Lyon (1274), Florenz (1439), Trient (Session XXV, 1563) und Vatikanum II., Lumen Gentium 50-51, siehe auch Gilles Emery, «La doctrine catholique du purgatoire», Nova et Vetera, Juli - September 1999, S. 43-49.
Der hl. Thomas behandelt die «Frage über das Fegefeuer» in seinem Sentenzenkommentar IV, 21, 1.
2. Die Konstitution Lumen Gentium 50-51 spricht von der himmlischen Kirche und begnügt sich damit, die Entscheidungen, die von den Konzilien in Florenz und Trient hinsichtlich des Fegefeuers getroffen wurden, nur ganz kurz zu erwähnen.
3. Kardinal Journet zitiert in seiner Studie über den Ablaß (Nova et Vetera, April - Juni 1966) Katharina von Genua. Seine Ekklesiologie verdankt auch manches der hl. Katharina von Siena, noch bevor sie Kirchenlehrerin wurde. Er selbst erzählt, daß er, als er Seminarist war, eines Tages eine Vorschrift mißachtete, die das Lesen der Mystiker verbot. Dabei entdeckte er auch den Dialog der hl. Katharina von Siena!
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