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Die Marchesa Alessandra di Rudini-Carlotti (1876-1931) war die Tochter des italienischen Ministerpräsidenten Marchese Antonio de Rudini. Er hat seit 1866 als Bürgermeister, dann als Präfekt von Palermo, dem Haus Savoyen treu ergeben, die letzten Anhänger der Bourbonen energisch unterdrückt. Ende der achtziger Jahre war er Innenminister Italiens. Als Ministerpräsident (1891-1898) hat er den Dreibund erneuert und den Abessinienkrieg 1895/96 verloren. Er musste infolge von blutig niedergeschlagenen Unruhen in Mailand seinen Abschied nehmen. Alessandras Mutter ist die Gräfin Maria von Barral (1845-1896). Ihre Vorfahren haben den französischen Königen in höchsten Stellen gedient. Alessandra litt schon als Kind unter den Konflikten und Lieblosigkeiten zwischen ihren Eltern, deren 1864 geschlossene Ehe äusserst unglücklich verlief. Alessandra wurde in ihrer zarten Mädchenseele zutiefst vergewaltigt, als ihr Vater und seine Ursprungsfamilie die Exzentrik ihrer französischen Mutter zum Anlass nahmen, sie als Geistesgestörte zu behandeln: 1887 musste die erst elfjährige Alessandra zusehen, wie man ihr die Mama wegnahm und sie zwangsweise in eine Heilanstalt für Geisteskranke einsperren liess. Die stürmische Lebendigkeit und Unruhe bei Alessandra ist wohl auch auf diese bedrückenden Erlebnisse ihrer Kindheit zurückzuführen. Alessandra fühlt nach dem Verlust ihrer geliebten Mutter eine grosse Leere in ihrem Herzen. Stets verehrte und liebte Sandra ihre tief unglückliche Mutter, leidenschaftlich verteidigte sie sie gegenüber Verwandten ihres Vaters. Zu ihrer Stiefmutter hatte sie keine gute Beziehung.
Ihr karrierebewusster Vater, zeitlich ganz von seinen beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Anspruch genommen, kompensiert sein schlechtes Gewissen, indem er seine Tochter verwöhnt. Glücklicherweise hat er seine Tochter dann der strengen Obhut der Sacré-Cur-Schwestern in Rom anvertraut, die jedoch die unbändige, herrisch-unnachgiebige Sandra auch durch Zurechtweisung und Strafe nicht in den Griff bekommen haben. Ärgerliche Streiche (langes Verstecken im Baumwipfel, dann wieder in einer Schachtel mit anschliessendem Herausspringen während des Unterrichts) führten schon nach einem Jahr zur Entlassung Sandras aus dem Internat. Mit interessanten religiösen Büchern, die ihr Herz ansprechen, hätte man sie beruhigen können. Sandras Willensstärke, geistige Wachheit, Offenheit, Mildtätigkeit, Herzensgüte, vor allem aber ihre religiöse Sehnsucht wurden in einem Internat in Florenz, wo sie 1887-1892 ihre Schulausbildung fortsetzte, zu wenig fruchtbar gemacht. Ein materialistischer Lehrer und die Lektüre von Renans «Leben Jesu» raubten schon unserer sechzehnjährigen Sandra den von ihrer Mutter vermittelten katholischen Glauben, zumal man in ihrem familiären und gesellschaftlichen Umkreis «den Katholizismus lediglich als soziales und politisches Phänomen» betrachtete. In diesem Schreiben an einen Priester hat sie 1902 bedauert, dass sie «die zehn besten Jahre ihrer Jugend
fern von Gott unwiederbringlich in eitlen Spekulationen und in noch eitleren Handlungen vergeudet hatte.» Die Tochter des Ministerpräsidenten war eine vollendete junge Dame mit blondem Haar und blauen Augen, eine geborene Königin der eleganten Welt. Dennoch liebte sie ihr Frausein nicht. Abgesehen von ihrer weiblichen Herzenszartheit weisen ihre Gedankenwelt und ihr Geschmack auch stählern-männliche Züge auf. In ihren Briefen schimmert immer wieder eine feindselige Haltung gegenüber bestimmten Männern durch. Erklärbar wird dies alles, wenn man sich den frühen Verlust der Mutter und die diesbezügliche Schuld des Vaters vor Augen hält.
Sie war eine passionierte Reiterin, die sich mitunter darin gefiel, die vornehme Gesellschaft mit ihrem Auftritt in Reiterkluft zu schockieren. Bereits mit 18 heiratete sie ihren Traummann; gute Partien, die ihr Vater wünschte, schlug sie aus. Ihr Gatte, Marchese Marcello Carlotti, war ein verträumter, musikliebender und skeptischer Gelehrter, der allerdings bald todkrank wurde. Die Zerrissenheit ihres Herzens wird deutlich in ihrem letztlich erfolgreichen Bemühen, dass ihr agnostischer Mann vermittelst eines Priesters wieder zum katholischen Glauben, und damit zum Heil findet. Einige Monate vor dem Todestag ihres Mannes (29.4.1900) nämlich schrieb sie dem Priester offen, dass sie keine «Kraft» im Glauben an Christus finden kann, «diesem langsamen und hoffnungslosen Hinsterben beizuwohnen.» Als blutjunge Witwe mit zwei Söhnen suchte sie zunächst in der Einsamkeit ihrer Einsiedelei, wie sie ihre Villa am Gardasee nannte, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Doch ihr Vater zwingt sie immer wieder, wenigstens kurzfristig Anteil am mondänen Leben zu nehmen: 1903 schreibt Sandra: «In Rom werde ich mich einige Zeit aufhalten müssen, sicher wenigstens den ganzen Mai hindurch; denn im April und Mai werden Kaiser Wilhelm und der Zar kommen, und mein Vater würde mir sehr zürnen, wenn ich nicht an den Festlichkeiten teilnehmen würde». Ihre beiden Söhne sind bereits krank. Sandra erkennt mit grossem Schmerz, dass sie den Keim der Todeskrankheit ihres Mannes in sich tragen.
Ende 1903 lernte sie auf der Hochzeit ihres Bruders Carlo den erfolgreichen Dichter Gabriele dAnnunzio kennen, der in blinder Leidenschaft zu ihr entbrannte. Sie wehrt sich zunächst gegen das aufdringliche Werben des Dichters: «Nein, Meister, ich will nicht ihre grosse Liebe sein
Ich liebe die Pferde, die Hunde, die Jagd und alles, was es mir möglich macht, den Männern zu zeigen, dass nicht alle Frauen als Beutetiere bestimmt sind». Es ist von unbeschreiblicher Tragik, dass diese bislang so edle Dame schon im Mai 1904 zum Beutetier eines Schriftstellers geworden ist, der die Frauen wie Hemden wechselte. Sie kümmerte sich nicht um den Skandal, den sie auslöste, als sie in ihrem «ungestümtesten und tiefsten menschlichen Gefühl», wie sie es Anfang 1908 ausdrückt, vier Jahre lang gefangen war in der sündhaften Tollheit einer leidenschaftlichen Intimbeziehung mit dem Schwerenöter in dessen Villa bei Florenz. Nach der Trennung Anfang 1908 gibt Sandra ungewollt zu, dass ihre scheinbar grenzenlose Leidenschaft zu DAnnunzio nicht von Dauer war: «Ich habe ihn zu tief und aufrichtig geliebt (verzeihe mir Gott alles was daran nicht rein war)». Sandra erkannte aber freilich noch nicht, dass eine Intimbeziehung ohne Ehesakrament, das unsere so schwache menschliche Liebe stets mit Funken der ewigen Gottesliebe belebt, ein plötzliches Ende finden kann.
Schwer erschüttert von der Trennung schreibt die nunmehr schwerkranke Sandra, dass sie durch ihre «äusserste und einzigartige Erfahrung von Schmerz und Enttäuschung» beim Zusammenbruch ihrer Intimbeziehung «die wunderbare Weisheit des lichtvollen Wortes des Ekklesiastes über die Eitelkeit aller menschlichen Dinge verstehen gelernt» habe. Tief ergriffen von der christlichen Vanitas-Erkenntnis entdeckt Sandra nun «die unsterbliche Hoffnung, die in mir aufgekeimt war». Diese Hoffnung, so schreibt Sandra, «ist während jener moralischen und geistigen Krise seit nunmehr fünf Jahren nicht vom Sturm der Leidenschaft erstickt worden, sondern sie hat verschwiegen und beinahe unbewusst im Tiefsten meiner Seele weitergelebt.
Die Frage Christi: «Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?» lässt sie angesichts ihrer unseligen leidvoll-leidenschaftlichen Intimbeziehung und angesichts einer sehr schweren Erkrankung nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie wendet sich endgültig ab von den positivistischen Werken letztlich nihilistischer Philosophen, studiert die klassischen Philosophen und papsttreuen Theologen ihrer Zeit und vergangener Zeiten und fasst schliesslich den heroischen Entschluss, ihrem mondänen Leben zu entsagen. Alessandra verzichtet auf ihre Villa und ihre grossen Ländereien und wagt den steilsten Weg christlicher Askese, Mystik und Vollkommenheit: In Paray-le-Monial in Frankreich tritt sie Anfang 1912 in den reformierten (strengen) Karmel ein. Sie nahm den schlichten Ordensnamen Maria von Jesus an. (123, ff.) Unerwartet starben ihre beiden Söhne. In wenigen Jahren wird sie als Novizenmeisterin und Priorin zu einer Meisterin des inneren Lebens und zur geistigen Mutter ihrer Schwestern, aber auch jeder bedrängten Seele, die sich ihr anvertraut. Der Orden der Theresa von Avila, Sandras grösstes Vorbild, nutzt ihr grosses Organisationstalent; so wird sie u.a. Gründerin des Karmels in Paris. Eine sehr schwere, qualvolle Krankheit mit grossem Blutverlust machte sie ihrem ewigem Bräutigam im Leiden und in der Heiligung ihres Lebens gleichförmig. So wurde sie in ihrem liebevoll ertragenen und für alle Seelen aufgeopferten Leiden und Sterben zur Opferseele für den Karmel und die ganze Welt.
Das Buch von Mario Nanteli, «Aufstieg zum Berg Karmel» schildert das packende Schicksal dieser faszinierenden Frau, einer Maria Magdalena des 20. Jahrhunderts.
Alle Zitate aus: Mario Nanteli, Aufstieg zum Berg Karmel. Leben der Marchesa Alessandra di Rudini-Carlotti, 198 Seiten, 10 Photos, euro 7.25 CHF 13.-, Christiana-Verlag. Erhältlich beim Parvis-Verlag.
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