Kloster Ettal und sein Gotteshaus

Das Maria angelobte Tal

Von Hanswerner Reissner

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Der Regensburger Alt-Bischof Dr. Rudolf Graber sagte einmal: «Der Kult ist der Vater der Kultur.» Das gilt nicht nur sprachlich, insofern «Kultur» von «Kult» herkommt. Es gilt sachlich, weil sich Kultur im Kult erst recht eigentlich vollendet; und es bestätigt sich im Laufe der Geschichte, und zwar bei allen Völkern: Wo immer wir auf Kulturen stoßen, finden wir auch Kult, in welcher Form es auch sein mag. Darum ist auch Europa nur zu verstehen von seinen christlichen Wurzeln her: Es waren die Mönche, vor allem die Benediktiner und Zisterzienser, die unseren Erdteil zu dem gemacht haben, was er heute ist. Nicht umsonst hat Bischof Graber seine Aussage im Blick auf St. Benedikt getan. Unter den monastischen Zentren auf deutschem Boden ist Kloster Ettal zwar relativ jung; es zählt aber unbestritten nicht nur zu den bekanntesten, sondern auch zu den wichtigsten Klöstern unserer Heimat. Zudem ist Ettal ein alter und noch immer viel besuchter Wallfahrtsort. Hüten die Mönche hier doch seit je ein übrigens künstlerisch sehr wertvolles Gnadenbild der Mutter Gottes: «Unser frawen e-tal», wie das Kloster samt Siedlung seit seiner Gründung genannt wird, bedeutet: «Das unserer Frau (Maria) angelobte (geweihte) Tal».

Zur Geschichte des Klosters

Ettal hat eine durchaus eigene Entstehungsgeschichte: Kaiser Ludwig der Bayer, dessen Rückkehr von seiner höchst problematischen, weil rechtlich mehr als fragwürdigen Kaiserkrönung in Rom (1328) sehr gefährdet war, hatte gelobt, ein Kloster zu stiften, falls er aus seiner Bedrängnis errettet würde. In seiner Heimat angelangt, legte er an der Südgrenze seiner Erblande am 28. April 1330 «unserm Herrn Got ze Lob und unser Frawn ze Ern» den Grundstein für eine Benediktinerabtei und ein Ritterstift. Es war eine kirchlich wie politisch recht düstere Zeit, in der Ettal entstand: Kaiser (Ludwig) und Papst (Johannes XXII. ) fochten den nunmehr vierten großen Waffengang aus, der die Harmonie der beiden Spitzen der Christenheit endgültig zerstören und beider Autorität mehr und mehr zersetzen sollte, was wiederum die spätere Glaubensspaltung erheblich erleichterte. Andrerseits zeigt gerade die Stiftung Ettals, die natürlich bald legendär verklärt wurde, daß die Kaiser des Heiligen Reiches, auch wenn sie meinten, den jeweiligen Papst bekämpfen oder gar absetzen zu müssen, niemals das Papsttum selbst bekämpften. Sie setzten nicht nur einen Gegenpapst ein, sondern wollten durchaus fromme Christen sein!
Außerdem stammt Ettals geistlicher Mittelpunkt, das Gnadenbild Mariens, von diesem Kaiser: Er hatte es aus Italien mitgebracht; und indem er es den Mönchen übergab, hat er sie nicht nur Maria anvertraut, sondern sie auch auf Maria als den exemplarischen Christen hingewiesen! Dieses Gnadenbild steht heute im «Thron» des Hochaltares. Zumal seit dem 17. Jahrhundert, in welchem das Wallfahrtswesen ja allgemein stark aufblühte, wurde die liebenswerte Statue Ziel großer Wallfahrten, und es ereigneten sich viele Gebetserhörungen. Die Ritter freilich blieben nicht lange in Ettal. Die Mönche hingegen machten im Laufe der Zeiten ihr Kloster zu einer bedeutenden Stätte klösterlichen Lebens und zu einem Zentrum eifriger Seelsorge. Die Gründung einer Ritterakademie durch Abt Placidus II. Seitz im 18. Jahrhundert kann als Höhepunkt dieser Entwicklung gelten. Denn diese Akademie, die nicht nur Adlige aus dem Reich zu ihren Zöglingen zählte, genoß internationalen Ruf.

Nöte und Prüfungen

Diese Entwicklung verlief allerdings nicht geradlinig: Wiederholt brachten Kriege dem Kloster viel Not: 1552 überfielen die Truppen des verräterischen Moritz von Sachsen Ettal, 80 Jahre später waren es die überall gefürchteten Schweden. Am schwersten litt die Abtei im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714). Daß Abt Seitz noch während dieses Krieges (1711.) die Akademie ins Leben rief, beweist seinen Mut und Unternehmungsgeist! Er ließ übrigens auch Um- und Neubauten an Kirche und Kloster durchführen. Die Pläne dazu lieferte ihm der berühmte Münchner Hofarchitekt Enrico Zucalli. Zum Glück mußte dieser rührige Abt († 1736) nicht mehr den großen Brand von 1744 erleben, der nicht nur die aus gotischer Zeit stammende charakteristische Zwölfeck-Kirche zerstörte, sondern auch Konventbau, Teile des Archivs und Bibliothek (mit 30000 Bänden)! Die Akademie wurde nun geschlossen. Jedoch die Kirche erstand in neuer Herrlichkeit in ihrer noch heute bestehenden Rokoko-Gestalt.

Die Zeit der Säkularisierung

Den härtesten Schlag erlitt Ettal 1803 im Zuge des als Säkularisation bekannten Klostersturmes der «Aufklärer»: Die Mönche wurden vertrieben, die Kirche blieb als Pfarrkirche der kleinen Dorfgemeinde (175 Einwohner) erhalten. Bücher und anderer beweglicher Besitz verfiel dem Staat.
Erst nach 97 Jahren konnten Benediktiner wieder in Ettal einziehen; es waren Mönche der Abtei Scheyern. Ermöglicht hatte dies Baron von Cramer-Klett, der dem Mönchtum sehr zugetan war. Schon 1907 erhob Rom das wiedererstandene Kloster zur Abtei: Willibald Wolfsteiner (aus der Beuroner Kongregation) wurde der erste Abt von Neu Ettal. Mit seiner tiefen Liebe zur Liturgie und zu den Grundhaltungen des Mönchtums hat Abt Willibald weit über seine Lebenszeit hinaus Ettal geprägt. Bald gab es hier auch wieder eine Lateinschule, aus der sich später das heutige humanistische Gymnasium (mit Kollegstufe) entwickelte, das von 350 Schülern (davon etwa 250 intern) besucht wird. Da eine Abtei möglichst eigenständig existieren soll, hat Ettal auch eigene Werkstätten, z. B. eine Bäckerei, einen Klosterladen, einen Buch- und Kunstverlag, Landwirtschaft sowie die berühmte Destillerie, in der die Mönche nach altem hauseigenem Rezept den Klosterlikör herstellen. Neben den 60 Mönchen sind im ganzen Bereich 160 Angestellte tätig.

Glanzvoller Neubau herrliche Ausschmückung

Durch den infolge des Brandes notwendig gewordenen Neubau der Klosterkirche Ettal wurde das bayrische Rokoko um eine seiner besten Bauten bereichert. Dem Rundbau ist eine wuchtige Barockfassade vorgesetzt, gemäß Zucallis Entwürfen. Von drei geplanten Zugängen ist nur der mittlere ausgeführt. Die Apostelfiguren in den Nischen, Arbeiten des Niederländers Agidius Verhelst, sollten eigentlich die Fassade bekrönen. Zwischen Kuppel und Südturm zwängt sich ein alter kleinerer Glockenturm; er gehörte einst zum gotischen Münster. Ein gotisches Portal mit Tympanon sehen wir noch in der Vorhalle. Im Inneren wird unser Blick bald nach oben gezogen zu dem herrlichen Kuppelfresko von Johann Jacob Zeiller aus Reutte. Es hat das Jesaias Wort (8, 18) zum Inhalt: «Siehe, ich und die Meinen!» Wir sehen da vor allem, wie Engel dem hl. Benedikt das Ettaler Gnadenbild reichen sowie einen Chor von Mönchen und Nonnen aus mehreren benediktinischen Orden. Sie alle beten die Dreieinigkeit an. Und ihnen schließen sich heilige Bischöfe und Päpste, die Bauleute des christlichen Europas, an. Die flüssige Beschwingtheit aller Linien läßt alle Erdenschwere vergessen.
Die Kanzel zwischen Apostel- und Sakramentsaltar ist eine wunderbare Arbeit von J. B. Straub, dem «Vater der bayerischen Rokokoplastik». Wir sehen da eine alpenländisch empfundene Krippendarstellung, dazu die Symbole der Evangelisten. Auf dem Schalldeckel kämpft Michael mit dem Drachen. Die traumhaft schöne Sakristei ist ebenfalls eine Besichtigung wert. Es handelt sich um eine Arbeit des Frührokoko. Ein schlankes Säulenpaar trägt des flache Gewölhe; dazu erfreuen die wundervollen Stuckarbeiten, die Fresken von Zeiller (1747) und die Schränke mit Kunstvollen Intarsienarbeiten. Bei der Rückkehr in die Kirche wird unser Auge lange festgehalten von der unglaublich schönen und zarten Orgelempore, deren Prunkgehäuse Simon Gantner aus Schwaben schuf. Das Orgelwerk selbst stammt von Meister Georg Herterich aus Dirlewang.

Das Gnadenbild

Wichtiger als alle anderen Kunstwerke ist das Gnadenbild. Es ist nicht ganz sicher, ob es, wie bislang vermutet, von Giovanni Pisano († 1328) gestaltet wurde oder von Tino di Camaino († 1337). Entscheidend jedoch ist die Gestalt des Bildwerkes und seine innigzarte Aussage. Dieses Werk aus karrarischem Marmor (33 cm hoch, 12 kg schwer) ist ein Kunstwerk von hohem Rang. Vor den Schwedeneinfällen im Dreißigjährigen Krieg hat man es nach dem nahen Mittenwald in Sicherheit gebracht und dann sogar nach Innsbruck. Während des Spanischen Erbfolgekrieges ward es in München geborgen. Ohne dieses Gnadenbild wäre Ettal nicht denkbar. Ettal wurde deshalb — ganz im Sinne des kaiserlichen Stifters — eine Stätte inniger Marienverehrung.
Der Wallfahrerstrom, der seit über sechs Jahrhunderten nicht abreißt, zeigt, wie stark das Volk sich zur «Mater Amabilis» hingezogen fühlt. Gerade an diesem Bilde empfindet der Beter, daß und wie stark Maria «liebenswerte Mutter» ist. Man erlebt diese Geborgenheit bei der Mutter besonders, wenn abends nach der Komplet der Abt Mönchen und Gemeinde mit dem Gnadenbild den Segen gibt. Bitten wir die Mutter der Kirche, die »liebenswerte» Hilfe der Christen, daß sie Ettal als Stätte der Gottesbegeg nung, als Quellort lebendigen Christseins und als «Schule des göttlichen Dienstes» (wie St. Benedikt die Klöster nennt) erhalte. Und wenn hier weiterhin junge Menschen im Geiste Benedikts erzogen werden, läßt uns das für die Zukunft hoffen.
Hanswerner Reißner

HOCH


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