Meine Begegnung mit dem größten
Bettler des 20. Jahrhunderts

von Peter Zimmermann

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Im August 1996 führte ich ein langes Gespräch mit Pater Werenfried van Straaten. Ich danke der göttlichen Vorsehung, daß ich mit dem schwerkranken Priester sprechen durfte, der mit seinen 83 Jahren ein unerschütterliches Gottvertrauen ausstrahlte. Pater Werenfried gehört zu den größten Wohltätern des 20. Jahrhunderts. Als ich ihn fragte, wie er die weltweiten pastoralen Projekte finanziere, antwortete er: «Wenn ich für ein wichtiges Projekt Geld brauche, vertraue ich auf Gott und Maria, sie sorgen dafür, daß das Geld kommt. Bisher konnte ich alles finanzieren, was ich den Menschen versprochen hatte, noch bevor mir das Geld zur Verfügung stand. Jährlich haben wir etwa zehntausend Bittgesuche aus aller Welt. Diese Wünsche müssen überprüft werden, dann erst verspreche ich die finanzielle Unterstützung. Zuerst kümmerten wir uns um die Vertriebenen und die Flüchtlinge. Durch sie lernten wir die Not der verfolgten Kirche im Osten kennen.
Als Papst Johannes XXIII. uns um Hilfe für Latein-Amerika bat, sorgten wir zunächst dafür, daß die Priester ein kleines Gehalt bekamen und unterstützten dort die Menschen. Wir konnten etwa 2000 Kirchen vor dem Verfall retten, indem wir das Baumaterial finanzierten. Wir haben Schwerpunkte für unsere pastoralen Projekte gesetzt. Mit allen Mitteln fördern wir den Priesternachwuchs, wir sorgen für die Erhaltung von Kirchen und für Kirchenneubauten, und wir kümmern uns um die Motorisierung der Missionare. Überall verbreiten wir religiöse Literatur, vor allem Bibeln. Eine Kinderbibel wurde in 90 Sprachen übersetzt. Viele Bibeln gelangten durch uns hinter den Eisernen Vorhang.»
Mit einem Lächeln berichtete Pater Werenfried von einer Mitarbeiterin, die ihr Auto mit Bibeln und einem Kopiergerät vollgeladen hatte und damit nach Rußland fuhr. Im Jahre 1988 war das ein schweres Vergehen in den Augen der Kommunisten. Bei der Ankunft an der Grenze wurden sämtliche Autos aus dem Westen schärfstens kontrolliert. Als die Mitarbeiterin an die Reihe kam und ein Grenzbeamter die Decke, die über den Bibeln und dem Kopiergerät ausgebreitet war, wegziehen wollte, platzte die Hosennaht des Beamten. Die Kollegen, die den peinlichen Vorfall beobachtet hatten, brachen in ein schallendes Gelächter aus. Mühsam versuchte der Kontrolleur, die geplatze Naht mit den Händen zu bedecken. Er war so irritiert und verlegen, daß er der mutigen Frau zu verstehen gab, sie möge weiterfahren. Pater Werenfried erklärte mir: «Diese Mitarbeiterin war eine treue Rosenkranzbeterin. Ihr Gebet wurde auf eine Weise erhört, die uns zeigt, daß Gott auch Humor hat.»
Ich fragte ihn, ob Gott ihm einmal in einer besonders gefährlichen Situation geholfen habe. Nach einigem Nachdenken antwortete er: «Ich glaube, es war im Jahre 1976, ich saß damals in einem kleinen, zweimotorigen Flugzeug. Sechseinhalb Stunden sollte der Non-Stop-Flug über Afrika dauern. Wir überflogen den Urwald. Plötzlich stellte der Pilot fest, daß das Radargerät nicht mehr funktionierte. Es gab keine Anweisungen mehr vom Kontrollturm. Die Sicht war durch Wolken und Nebel sehr beeinträchtigt. Wir wollten Bukavu erreichen, das am Kiwu See liegt. Immer wieder tauchte der Pilot durch die Wolken und suchte den See, aber immer vergebens. Unter uns sahen wir nur Urwald und Berge.» Darauf fragte ich ihn, was er damals empfunden habe. Er erwiderte: «Ich hatte zunächst Angst, dann siegte mein Gottvertrauen. Bald hatte ich die Gewißheit, daß ich nicht sterben würde, weil meine Mission noch nicht beendet war. Vertrauensvoll betete ich den Rosenkranz. Als wir wieder durch die Wolken abtauchten, flogen wir nur wenige Meter an einem Berg vorbei. Bei einem erneuten Versuch streiften wir fast eine Hütte. Die Eingeborenen rannten in wilder Panik davon. Nach einem langen Irrflug entdeckte der Pilot endlich den Kiwu See. Er flog am Ufer entlang und landete auf dem Flughafen von Bukavu. Wir hatten bei der Landung noch sieben Liter Kerosin im Tank.»
Damals standen den Zuhörern die Tränen in den Augen, als Pater Werenfried von der unbeschreiblichen Not hinter dem Eisernen Vorhang berichtete. Wie kein anderer verstand es Pater Werenfried, auf die große Not der Menschen hinzuweisen und ihr Herz zu rühren. Nach der Predigt ließ er seinen Hut durch die Bankreihen gehen. Die Zuhörer spendeten große Summen. Dann berichtete der Priester: «Ich hatte in der Schweiz über die Not der Menschen im Osten gepredigt, danach stellte ich mich mit meinem Hut an die Tür und bat um eine Spende. Die Kollekte ergab 75 000 Schweizer Franken, dazu bekam ich einen Scheck in Höhe von 300000 Franken.»
Dann ging mein Gesprächspartner auf ein Ereignis in der Gegenwart ein. Es handelt sich dabei um die Anschaffung des Weltkatechismus für bestimmte Personen in Rußland. Für dieses pastorale Projekt hatte Pater Werenfried die Summe von 200000 Dollar versprochen, die er bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht zur Verfügung hatte. Er vertraute weiter auf die göttliche Vorsehung. Aus bestimmten Gründen erwähnte er bei einem Treffen mit einem seiner größten Wohltäter nichts von seiner finanziellen Situation. Der wohlhabende Gönner erzählte von seinen Geldangelegenheiten und bemerkte nebenbei, daß er durch Finanzspekulationen große Gewinne erzielt habe, deshalb wolle er einen Geldbetrag spenden. Die Summe, die er spendete, war exakt der Betrag von 200000 Dollar, den Pater Werenfried für sein pastorales Projekt so dringend benötigte.
Ich wollte etwas über die Spendeneinnahmen in Erfahrung bringen, darauf erwiderte er: «Es gibt bei uns keine offiziellen Kollekten. Wir haben ca. 500000 Wohltäter. Die Spenden kommen aus 15 Ländern.»
Ich wollte in Erfahrung bringen, wieviel Geld bis heute durch seine Predigten und durch die regelmäßigen Spenden der Wohltäter aus den verschiedenen Ländern für seine pastoralen Projekte eingegangen sei. Darauf antwortete er: «Nach Schätzungen meiner Mitarbeiter wurden zwischen 2,5 Mia. und 3 Mia. Dollar gespendet.»
Nach dem Krieg kam der Hunger nach Deutschland. Viele Menschen waren unterernährt. Als Pater Werenfried diese unbeschreibliche Not sah, bettelte er in Flandern um Lebensmittel für die deutsche Bevölkerung. Bei seiner ersten Aktion konnte er 1200 Kilogramm Speck erbetteln. Bald wurden viele Tonnen Speck für die hungernden Menschen in Deutschland gespendet. Diese Aktion blieb für meinen Gesprächspartner nicht ohne Folgen, von jetzt
an nannten sie ihn liebevoll «Speckpater».
16 Millionen Menschen verloren durch den Zweiten Weltkrieg ihre Habe und ihre Heimat. Sie wurden vertrieben und mußten in Gebieten leben, wo es keine katholischen Kirchen und keine Priester gab. Gerade in dieser äußerst schwierigen Situation brauchten sie die Tröstung durch die Religion. Pater Werenfried erklärte mir, daß sie in Königstein im Taunus ein Priesterseminar gründeten, um mit diesen Priestern die Vertriebenen in der Diaspora zu betreuen.
Pater Werenfried berichtete: «Aus diesem Seminar in Königstein gingen 465 Priester hervor. Zuerst waren diese Seelsorger zu Fuß unterwegs. Sie mußten große Entfernungen zurücklegen und schwere Strapazen auf sich nehmen. Am Ende waren sie total erschöpft. Ich bettelte um Fahrzeuge für diese Priester, die wir Rucksackpriester nannten. Durch großzügige Spenden konnten wir 35 Kapellenwagen anschaffen, für viele Priester bekamen wir Motorräder und Autos.»
Wenn Kardinal Frings meinen Interviewpartner als modernen Dschingis Khan bezeichnete, so traf er den Nagel genau auf den Kopf. Pater Werenfried van Straaten predigte einmal in Essen über die unbeschreibliche Not der Menschen, vor allem über die Rucksackpriester, die unter der Last der Seelsorge am meisten litten. Sein Charisma, die Herzen der Zuhörer zu rühren, zeigte hier die gewaltigsten Früchte. Die Bewohner der Stadt Essen spendeten durch den Appell an die Nächstenliebe 40 Tonnen Lebensmittel und Liebesgaben, 190000 DM Bargeld, 4 Autos, 47 Motorräder, 12 Pfund Gold und Silberschmuck und 13 Kilogramm alte Silbermünzen für die notleidenden Menschen.
Einmal predigte er über die Not der Rucksackpriester und sammelte nach dem Gottesdienst die Spenden in seinem Millionenhut ein. Darin fand er einen Brief und einen Autoschlüssel. Ein junger Mann hatte von seinem Vater ein Auto für Vergnügungsreisen geschenkt bekommen. Nach der Predigt war der junge Zuhörer so ergriffen, daß er sein Fahrzeug Pater Werenfried überließ. Durch so große Spenden konnte Tausenden von Menschen in großer Not geholfen werden.
Am 13. Oktober 1991 geschah das Unfaßbare. 150 Fernsehanstalten und 350 Rundfunksender strahlten ein 75 minütiges Programm aus, das von fast allen Republiken der Sowjetunion übernommen wurde. Die Sendung erreichte zwischen 30 und 40 Millionen Menschen. Die Botschaft von Fatima überzog das gesamte Sowjetgebiet als ein Triumph Mariens. Die Sendung über diesen Gnadenort war für Unzählige ein Zeichen der Gottesmutter, die Gegensätze durch Gebet, Bekehrung und Buße zu überwinden. Als die berühmte Ikone der Mutter Gottes von Kasan, die sich zu dieser Zeit in Fatima befand, auf dem Bildschirm zu sehen war, sang der Chor der orthodoxen Kathedrale, um der Feier noch mehr Glanz zu verleihen. Zum Abschluß der Feierlichkeiten predigte Pater Werenfried van Straaten über die Bedeutung dieses Wallfahrtsortes.
Man stelle sich das unglaubliche und unfaßbare Ereignis vor Augen: Am Sonntag, dem 13. Oktober 1991, wurde die große Wallfahrtsfeierlichkeit von Fatima in Live Sendung in der Sowjetunion ausgestrahlt! In einem Land, das die Christen bis aufs Blut verfolgt hatte. Die Sendung wurde von Weißrußland bis Wladiwostok übertragen. Auf den Plätzen Moskaus und anderen Großstädten waren riesige Bildschirme aufgestellt worden, damit alle Menschen das Programm verfolgen konnten. Nur ganz wenige Gläubige hatten vorher etwas über den Wallfahrtsort Fatima gehört. Die landesweite Ausstrahlung erschütterte viele Menschen.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den 19. August 1991. Die Kommunisten erklärten durch einen Putsch in Moskau, daß die rechtmäßige Regierung abgesetzt sei. Rußland stand am Rande eines furchtbaren Bürgerkrieges. Als der mobile Sender ins «Weiße Haus» in Moskau eingeschmuggelt worden war, erfuhren die Offiziere, daß auf das Volk geschossen werden sollte. Diese Ankündigung, die sie aus dem Sender hörten, veranlaßte viele Offiziere, sich auf die Seite Boris Jelzins zu stellen. Der 19. August 1991 war nicht nur ein Putschversuch, sondern auch eine Entscheidung über den Weltkommunismus. Viele Jahre zuvor haben sich die Katholiken auf der ganzen Welt die Botschaften von Fatima zu Herzen genommen und sie befolgt. Besonders das Rosenkranzgebet dürfte zu der Wende beigetragen haben, denn wo intensiv gebetet wird, zeigt sich die Macht und Hilfe Gottes.
Wie sehr Gott durch diesen bescheidenen Priester wirkte, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1950. Man kann es auch als das Wunder von Vinkt bezeichnen. Pater Werenfried berichtete darüber: «Es war im Jahre 1940. Die Deutschen hatten über Belgien und Holland Elend gebracht. In der kleinen Ortschaft Vinkt erschossen die einrückenden deutschen Truppen 85 Männer. Zehn Jahre nach diesem Blutbad herrschte immer noch ein abgrundtiefer Haß auf die Deutschen. Der Pfarrer von Vinkt war verzweifelt und bat mich, in seiner Kirche von der Not der Deutschen zu berichten. Ich hatte Angst, dort zu predigen. Als die Katholiken von Vinkt von diesem Vorhaben erfuhren, waren sie empört. Sie hatten sich geschworen, nicht zu dem Vortrag zu kommen. Der Unmut der Menschen machte sich immer mehr bemerkbar, er gipfelte in der Äußerung: ‘Er hat noch Glück, daß er ein Pater ist, sonst würden wir ihn zusammenschlagen.»
Am Sonntag predigte ich in allen hl. Messen. Ich sprach von der Liebe. Es war die schwierigste Predigt meines Lebens. Als ich nach der hl. Messe meine Danksagung hielt, kam eine Frau schüchtern nach vorne und gab mir einen Briefumschlag. Bevor ich etwas sagen konnte, war sie schon wieder weg. Doch der Pfarrer, der gerade aus der Sakristei kam, erkannte sie. Er berichtete mir: ‘Sie ist eine einfache Bauernfrau. Bei dem Massaker im Jahre 1940 wurden ihr Mann, ihr Bruder und ihr Sohn getötet»’ Als ich den Briefumschlag öffnete, fand ich eine Spende für die Deutschen in Höhe von 1 000 Mark. Ich habe in Vinkt 17 Briefumschläge mit Geld bekommen. Die Bewohner überwiesen Geld für die Deutschen auf ein Hilfskonto. Sie spendeten Kleidung und Lebensmittel, und sie adoptierten einen deutschen Rucksackpriester, d. h. sie kamen für seinen Lebensunterhalt auf und beteten für ihn. So hat Gott in Vinkt gewirkt. Die Menschen warten nur auf das brennende Wort, das ihr Herz entflammt. Sie sind zu jedem Heldenmut bereit, wenn wir den Mut haben, wahre Opfer von ihnen zu verlangen und sie davon überzeugen, daß diese Opfer notwendig sind.»
Ich bin im August 1996 nicht nur dem größten Bettler des 20. Jahrhunderts begegnet, sondern ich fand auch einen Gesprächspartner, der Frieden, Versöhnung und Liebe in diese kalte Welt getragen hat. Damit ist er zu einem der größten Wohltäter der Menschheit geworden.
Peter Zimmermann

Literatur:
Peter Zimmermann hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter denen «Die Macht und Hilfe Gottes», Miriam-Verlag, woraus wir Auszüge eines Kapitels hier wiedergegeben haben. Das Buch ist beim Parvis-Verlag erhältlich: «Die Macht und Hilfe Gottes», 288 S., 14x21 cm, Euro 15.30.- CHF 24.50

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