Von Philippe Madre

Warum sollte Gott heilen?

=> MARIA HEUTE 397 INHALT

Beim Parvis-Verlag kommt soeben ein ausgezeichnetes Buch heraus, das «wunderbare Heilungen» kommentiert. Der Titel lautet: Gott heilt… auch heute. Nachstehend einige Auszüge:

Ein Gott, der allerlei Heilungszeichen bewirkt, ist in gewisser Weise eine «Konkurrenz» für den wissenschaftlichen, ja sogar materialistischen Stolz oder, umfassender, für die prometheische Versuchung eines menschlichen Verstandes, der eine deutliche Neigung zur Unabhängigkeit hat. Solange Gott nicht von sich reden macht, duldet man ihn; doch wenn Er beginnt, uns Zeichen zu geben, ist das etwas anderes…
Zeichen offenbaren bereits etwas von einem göttlichen Dasein, einem Dasein, das mehr als einen von denen stört, die es schlicht und einfach ablehnen, oder — noch furchtbarer — von denen, die sich entsprechend ihrer Einbildungskraft, ihrer Ideologie oder ihrem eigenen inneren Leid «ihren Gott» zurechtgemacht haben.
Ein Gott, der die Zeichen von Heilung vervielfacht, gibt bereits etwas von seinem wahren Wesen zu erkennen, das man mit dem Wort «Die Liebe» bezeichnen kann! In diesem Zusammenhang führe ich gern den herrlichen Satz der seligen Elisabeth von der Dreifaltigkeit an: «Es gibt ein Wesen, das sich “Die Liebe” nennt und das in Gesellschaft (das heißt in Gemeinschaft) mit uns leben möchte.» Dennoch wünscht eine große Anzahl von Menschen nicht so sehr, von Gott geliebt zu werden, außer «von fern», vorausgesetzt, dass er nicht zu sehr stört…
Ein Gott, der Leiber und Herzen heilt, stößt die Ordnung der Dinge und das unsichere Gleichgewicht unserer Überlegungen oder unserer verstandesmäßigen Erkenntnisse um.

Und die Bedingungen für eine Heilung?

Viele Menschen stellen sich die entscheidende Frage: «Muss man die Heilung verdient haben?», oder anders gesagt: «Werden manche von Gott “vorgezogen”, eine Heilung zu erlangen, während andere, die mit dem gleichen Glauben beten (soweit man das beurteilen kann…), keine Erleichterung für ihr Leiden finden?» Es geht dabei in Wirklichkeit um eine falsche Fragestellung, mit der sich sehr viele innerlich quälen. Sie ist jedoch in dem Sinne wichtig, dass viele ihren Glauben an Gottes Liebe aufs Spiel setzen, wenn sie (sich) das fragen… ohne allerdings eine ihren Verstand befriedigende Antwort zu erhalten.
René, dreiundsechzig Jahre alt, wird auf Drängen seiner Frau zu einer Gebetsversammlung mitgenommen. Es waren sechshundert Menschen anwesend, von denen viele von den verschiedensten Krankheiten oder gesundheitlichen Schwierigkeiten betroffen waren. Trotz der Schmerzen, die sein rechtes Bein peinigten und ihn daran hinderten zu gehen oder einfach nur das Knie zu beugen, hatte René nicht kommen wollen. Jede Bewegung entlockte ihm einen schmerzlichen Seufzer, und die Ärzte wussten nicht mehr, was sie ihm zu seiner Erleichterung verschreiben sollten. Er war gläubig, gewiss, konnte sich einen Gott, der die Menschen so viel leiden lässt, aber nur schwer vorstellen. Seine Frau Yvonne hatte mit einem beträchtlichen Aufwand an Diplomatie erreicht, dass er schließlich einverstanden war, sich zu der Kirche fahren zu lassen, in der das Krankengebet stattfand.
An jenem Abend vollbrachte der Herr viel Schönes in den Herzen und Leibern, und am Ende des Gebets, als alle voll Freude hinausgingen, stellte Yvonne (die ich nie gesehen hatte) mir ihren Mann René vor, der normal und ohne den geringsten Schmerz gehen konnte. Ich erwartete, dass René sich über sein Befinden freute, aber zu meiner großen Überraschung wurde er mir gegenüber wütend und brachte eine erstaunliche Empörung gegen Gott zum Ausdruck.
«Ich bin außer mir durch das, was mit mir geschieht. Es stimmt, dass es mir jetzt gut geht und dass ich lange ans Bett oder den Lehnstuhl gefesselt war. Aber Sie, Sie finden das wohl normal, einen Gott, der die Leute beinah überall vor Schmerzen krepieren lässt. Und selbst wenn Er mich heute Abend geheilt hat, ist das unannehmbar wegen der anderen, die heute Abend auch da waren und mit denselben Schwierigkeiten wieder weggegangen sind!»
Schnell verfällt das Menschenherz der Versuchung, Gott der Ungerechtigkeit zu bezichtigen, statt das anzunehmen, was Er in seiner Weisheit tut…
Ich weiß nicht, was später mit René geschah. Konnte er die Gnade der Heilung friedvoll genießen und Gott schließlich danken, oder hat er sich tiefer in seine Bitterkeit eingeschlossen, auf die Gefahr hin, diese Gnade zu vergeuden?

Das Geheimnis wahrer Heilung

Tatsächlich sehen wir weiter, sobald wir entdecken, dass das Wort Heilung für den Menschen nicht dasselbe bedeutet wie für Gott, und das Geheimnis des Kreuzes Christi ist da, um uns den Sinn dafür zu öffnen.
Für uns bedeutet Heilung die Genesung von einem Symptom oder einem Bündel von Symptomen, durch die sich eine Krankheit bemerkbar macht, sei diese nun körperlich oder seelisch, funktionell oder sogar geistlich bedingt. Der Begriff Krankheit kann sogar auf andere Arten von Leiden ausgedehnt werden, die nicht unmittelbar mit der Gesundheit verknüpft sind, diese jedoch mittelbar beeinflussen: eine Behinderung, soziale Not, Schwierigkeiten in Ehe oder Familie, Abhängigkeiten, Identitätsstörungen usw.
Für den Herrn des Lebens bedeutet die Heilung eines Menschen nicht in erster Linie, ihn von einem Symptom zu befreien, selbst wenn es bei ihm recht oft vorkommt, zunächst in diesem Sinn zu wirken. Sein göttlicher «Hintergedanke» dabei ist, den ganzen Menschen zu heilen, das heißt ihn mit der tiefsten Wurzel seines wahren Übels in Verbindung zu bringen, um ihn davon zu befreien, aber durch eine Befreiung, die um unsere Freiwilligkeit nachsucht. Auf diese Weise erscheinen die — für das Denken überraschenden — Fragen, die Jesus an mehrere Kranke stellt, in einem neuen Licht, beispielsweise die an den Blinden am Eingang von Jericho: «Was willst du, das ich dir tun soll?» (Lk 18, 41)
Jesus will zeigen, dass Gottes Liebe sich zum Bettler der menschlichen Freiheit macht — selbst durch eine Heilung von Symptomen — und dass er seine Gnade nicht aufdrängt, nicht einmal um Gutes zu tun. Eine Weise, um den Menschen verstehen zu lassen, dass er eingeladen ist, sich zu so etwas wie einem Mitarbeiter bei den Werken Gottes zu machen.
Worin besteht denn aber dieses tiefe Übel, das an dem Menschen nagt und sein wahres Leben und seine Identität gefährdet? Das Übel besteht in einem Riss oder einer Vereinsamung, einer Selbstabkapselung, wodurch ein endgültiger und verzweiflungsvoller Graben zwischen dem Menschen — jedem Menschen — und der für ihn lebensnotwendigen Liebe geschaffen werden soll. Die erste für das Leben notwendige Liebe ist die Liebe Gottes und in deren Weiterführung jede wahre, und das heißt in gewisser Weise ihr ähnelnde Liebe von Seiten eines (oder mehrerer) Nächsten. Dieses Übel trägt, das wusste man ja schon, den Namen Sünde. Aber die Sünde ist nicht dessen einziger Bestandteil. Der Gegenstand ist schwer zu fassen; er schließt alles ein, was dazu beitragen könnte, den Menschen an sich selbst, an seinem Wert, der Würde seines Lebens, am Sinn seines Daseins oder seiner Berufung zweifeln zu lassen…
Wir wollen von vorn herein ausdrücklich feststellen, dass Gott kein Prüfer ist, der die Aufgabe hätte, dem einen oder dem anderen ein Zeugnis über die Befähigung zu einer Heilung auszustellen. Das gibt es nicht, dass er das Gebet von einigen hörte — und erhörte — und sich bei anderen die Ohren zuhielte…, diese, die er heilen, und jene, die er absichtlich vergessen wollte. Einen solchen Gedanken ins Herz eindringen zu lassen, ist für den Glauben gefährlich und verderblich für das Vertrauen.

Muss man glauben, um geheilt zu werden?

«Alles kann, wer glaubt», bekräftigt Jesus (Mk 9, 23). Eine fundamentalistische Auslegung dieses Satzes im Hinblick auf die Heilung führt zu vielen Irrtümern, ja bei bestimmten Arten des Gebets für die Kranken sogar zum Missbrauch. Manche wollen darin einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Glauben des Kranken und seiner Heilung erkennen, als ob Ersteres das Zweite bewirken würde. Nichts ist jedoch falscher, um eine Heilung zu erlangen, und nichts verursacht mehr Schuldgefühle in dem Leidenden, der sein Vertrauen auf Gott zu setzen versucht, ohne deswegen geheilt zu werden.
Leider gibt es auf diesem Gebiet genügend Übertreibungen, um hier und da den Gebrauch des Gebets für die Kranken oder die Ausübung eines Heilungscharismas zu verunglimpfen. Von daher die Notwendigkeit, den Zusammenhang zwischen Glauben und Heilung besser zu verstehen, denn er ist vorhanden, wenn auch schwierig zu erforschen.
Was für ein Glaube im Hinblick auf die Heilung?
Viele der in den Evangelien von Jesus vollbrachten Heilungen haben größeres Vertrauen zu ihm bewirkt. Im Übrigen ist die Forderung «erst sehen, dann glauben» sehr zweischneidig, und man muss sich sogar erinnern, dass Jesus es manchmal abgelehnt hat, ein «Zeichen vom Himmel» zu geben, wie es einige forderten (Mk 8, 11-13), und dass die Weigerung, zu glauben ohne gesehen zu haben, das Tor zum Glauben eher schließen könnte. Die an Thomas gerichtete Seligpreisung (Joh 20, 29) ist besonders bezeichnend. Und in Nazareth konnte Jesus kein einziges Wunder tun und staunte über ihren Mangel an Glauben (Mk 6, 5-6).
Welchen Stellenwert hat denn aber der Glaube an die Heilungskraft Christi?
Der Glaube findet sich in maßgebender Weise bei dem, der die Heilenung vollzieht, das heißt bei Christus selbst! Denn Christus glaubt (vertraut) seinem Vater und hat zugleich Glauben an den Menschen, an seine Fähigkeit, durch Gottes Gnade wieder aufzustehen.
Dieser Glaube Christi als Mensch ist ein Schlüssel zum Verständnis hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Glauben und Heilung. Sucht man anderswo als bei Jesus nach «Glaubensspuren», kann man sich immer nur zufälligen Folgerungen ausliefern. So bezeugen bestimmte Menschen ein unmittelbares Vertrauen zu der Macht Christi, wie der Aussätzige, der an seine Heilkraft glaubt (Lk 6, 12-14). Aber nicht alle, die in derselben Lage sind, verfügen auch über denselben Glauben.
Andere, wie der Vater des epileptischen Kindes (Mk 9, 15-27), benötigen anscheinend noch ein Wachstum im Glauben durch ein Gespräch mit Jesus, bevor die Heilung vonstatten gehen kann.
Manchmal ist es noch unbestimmter — wie bei den Aussätzigen, die dem Wort Christi einfach gehorchen und unterwegs ihre Heilung feststellen.
Manchmal erweist sich der Glaube des Vermittlers — zwischen Christus und dem Kranken — als entscheidend, wie der des Hauptmanns, der an das Wort Jesu glaubt (Lk 7, 6-9), oder der Glaube des Jairus hinsichtlich der Auferstehung seiner Tochter (Mk 5, 22-23). Aber auch hier ist keinerlei Systematik vorhanden.
Stellen wir schließlich noch fest, dass es bei recht vielen Gelegenheiten zu einer Danksagung der Zeugen kommt, durch die sich gewiss große Freude erkennen lässt, aber ebenso auch ein wachsender Glaube, der mit eben diesem Zeugnis verbunden ist.
Das erlaubt uns klipp und klar festzustellen, dass den Heilungszeichen außerhalb des Glaubens der vom Evangelium gestiftete Sinn fehlt, den Zeichen von gestern wie denen von heute. Ihre Anerkennung als Zeichen der wirksamen Gegenwart Gottes verdanken sie dem Glauben. Er ist es, der nicht nur erlaubt, dass eine Heilung zustande kommt, sondern auch, dass diese als ein Zeichen der Barmherzigkeit des Herrn angenommen wird.
Was die Frage der Kapitelüberschrift angeht, «Muss man glauben, um geheilt zu werden?», so lautet die Antwort also eher: «Nein, nicht unbedingt!» Wenigstens ist es nicht unabdingbar nötig, dass ein Geheilter geglaubt hat, wohl aber, dass ein anderer es gleichsam «für ihn» getan hat. So ist der Glaube in gewissem Sinn betroffen, wenn es darum geht, von Seiten des Herrn ein Zeichen der Heilung zu erlangen, sei sie körperlich oder seelisch.

Warum das Leid, wenn Gott allmächtig ist?

Das Leid — besonders das bleibende, das einen körperlichen, moralischen oder seelischen Schmerz (trotz einer gewissen Wirksamkeit der Medizin oder der Chirurgie) begleitet, jenes, das sich mit der Zeit unerbittlich ausweitet, das die Menschen nicht lindern können und für das es keine wirkliche Lösung gibt — dieses unglücklicherweise so häufige Leid wird von den meisten als der erste Glaubensfeind in der von Christus bewirkten Heilung betrachtet.

Mein Gott, warum?

Warum scheint der Herr einige zu heilen und andere nicht… und nicht alle (keinesfalls)?
P. Tardif, der bei so vielen Zeichen der Heilung zugegen war und im Glauben an diesen Gott, der die Menschen heilt und erlöst, sichtlich gefestigt war, überlegte: «Wenn ich einst vor Gott erscheine, dann frage ich ihn zuerst, warum er einige heilt, und andere nicht.» Jetzt hat er schon Gelegenheit gehabt, seine Frage zu stellen, aber er hat nicht die Mittel, uns die Antwort zukommen zu lassen…, vielleicht einfach deswegen, weil es keine gibt!
Das Heilungsgebet — selbst ein erhörtes — wird niemals eine Antwort auf das Geheimnis des Leidens darstellen, denn dieses geht in jeder Hinsicht weit über die Zeichen der Heilung hinaus, die durch das Gebet erlangt werden können.
Unsere moderne Welt vertauscht gern die Begriffe — und damit die Bedeutungen — von Krankheit, Schmerz und Leiden und hat Unrecht damit.
Krankheit ist das, was die Gesundheit oder das Gleichgewicht des Menschen angreift, und muss als Angreifer bekämpft werden, zunächst durch den wissenschaftlichen oder sozialen Fortschritt. Schmerz (der nicht Leiden ist) ist gewissermaßen ein Hinweis auf das Vorhandensein eines Krankheitsgeschehens. Selbst quälend, ja sogar unerträglich, macht der Schmerz auf das Dasein einer — oft unerwarteten — Krankheit aufmerksam, die schon im Begriff ist, die Gesundheit oder das Leben eines Menschen, einer Familie oder der Gesellschaft zu zerstören. Als solcher ist er aufschlussreich, da er eine Krankheit anzeigt und nach Linderung, nach einer «therapeutischen» Lösung ruft.
Das Leiden ist dagegen etwas ganz anderes, unendlich höher zu Achtendes, ganz einfach, weil es menschlich ist. Es gehört zum Leben des Leidenden dazu (unabhängig von den berechtigterweise eingesetzten Mitteln zur Schmerzlinderung und der Beseitigung der Krankheit, wenn dies möglich ist). Es ist Ausdruck eines von Krankheit befallenen Teils unseres Menschseins. Es zu achten bedeutet nicht, sich darin zu gefallen, sondern anzuerkennen, dass es als «Teil unseres Lebens» vorhanden ist, als «Teil von uns selbst», als wahrer Weg, möglicherweise eine Seite von uns selbst zu entdecken, die wir vielleicht nie hätten kennen lernen wollen. Das Leid kann zu einem Weg der Wahrheit über uns selbst werden… und der Gotteserkenntnis.
Warum lässt er Krankheit zu, warum lässt er die Krankheit bei so vielen unserer Zeitgenossen Raum gewinnen?
Warum lässt er das Leid so viele Menschen befallen?
Ich glaube, es gibt auf diese Fragen keine Antwort, weil die einzig wahre Antwort in einer Weisheit liegt, die unendlich weit über uns steht, zu der wir vielleicht hinneigen, die wir auf dieser Erde aber niemals erreichen. Und der Herr, in derselben Weisheit, möchte nicht, dass wir uns — und Ihm — Fragen stellen, die sich aufgrund unserer Unfähigkeit, sie zu beantworten, gegen uns richten.
Dr. Philippe Madre, Diakon

HOCH


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