Oelinghausen Heiligtum der Königin des SauerlandesVon Hanswerner Reissner=> MARIA HEUTE 397 INHALT
|
![]() |
So schön die Landschaft ist, so wenig schmeichelhaft ist ihr Name: Sauerland! Karl der Große soll auf seinen Kriegszügen seinem Mißfallen an der zuweilen düsteren und unwirtlichen Landschaft mit dieser Namensgebung Ausdruck verliehen haben. Nun damals gab es weder Landschaftspflege noch Tourismus; so traf jenes kaiserliche Urteil vielleicht zu. Heute erscheint es ungerecht. Wenn es sich hier auch nicht um eine «liebliche» Gegend handelt: der herbere Charakter nimmt dieser Landschaft nichts von ihrer Schönheit.
In den nördlichen Teilen unseres Vaterlandes hat die Reformation viele Spuren der mittelalterlich-katholischen Kultur ausgelöscht. Doch macht Westfalen da eine Ausnahme: Noch immer geben hier zahlreiche Heiligtümer Kunde von der so fruchtbaren Verschmelzung christlichen Geistes mit römischer und germanischer Wesensart. Ein solcher lebensvoller Zeuge ist auch Oelinghausen.
Wer von Neheim-Hüsten her in Richtung Iserlohn wandert, erblickt nach 1-2 Stunden einen schlichten aus einer Niederung hervorschauenden Kirchturm, der einer Klosterkirche zugehört. Hier sangen zwischen 1174 und 1804 Praemonstratenserinnen das Gotteslob und dienten mit Handarbeit, Unterricht und häuslichen Dienstleistungen den Mitmenschen. Heute wirken hier Mariannhiller Missionare. Die alten Klosterbauten hat man im 19. Jahrhundert fast alle abgerissen. Das frühgotische Gotteshaus jedoch steht noch und erstrahlt dank guter Restaurierung seit 1964 in neuem Glanz.
Ursprünglich stand hier ein Schloß. Seine kinderlos gebliebenen Besitzer wollten sich ganz dem Dienste Gottes weihen. Sie wählten dazu die noch junge Gemeinschaft des hl. Norbert, nämlich die 1121 bei Prémontré gegründeten und schon 1126 von Rom bestätigten Praemonstratenser, welche scnon 1122 nach Deutschland gekommen waren. Sigenand von Batthausen vermachte nun seinen Besitz Oelinghausen diesem jungen Orden. Die noch erhaltene Stiftungsurkunde von 1174 trägt das Siegel des Erzbischofs von Köln. In das neue Kloster trat die Frau des Stifters ein; ihr Mann fand Aufnahme bei den Praemonstratensern von Wedinghausen (Arnsberg).
Im Oelinghauser Konvent lebten vorwiegend Töchter des Adels. Drei Stunden des Tages-widmeten sie dem Chorgebet; die Handarbeit diente zum Teil auch dem Gottesdienst: man fertigte Paramente (einige Stücke sind heute noch erhalten). Die Seelsorge für Kloster und Umgebung lag in den Händen eines Propstes aus dem Orden, dem gegebenenfalls noch Kapläne zur Seite standen.
Für den Gottesdienst genügte anfangs die Schloßkapelle. Bald mußte man aber eine Kirche haben. So wurde die Kreuzkapelle gebaut, die «alte Kirche» (wie sie heute noch heißt). 1230 begann man schließlich mit dem Bau der geräumigen Klosterkirche. Graf Gottfried II. von Arnsberg finanzierte sie auf Bitten seiner Schwester, der Äbtissin. Ob die Ermordung des hl. Engelbert von Köln 1225 den Anstoß zum Kirchbau gab, ist unsicher; immerhin hat der Erzbischof die letzte Nacht seines Lebens als Gast in Oelinghausen zugebracht. Daß dieser Mord die Äbtissin Gisela aufs schwerste traf, steht außer Frage. So könnte dieses Gotteshaus zugleich eine Sühne- und Gedächtniskirche sein.
Das Oelinghauser Kloster entwickelte sich bald zu einem wichtigen kirchlichen Zentrum, das bis zur Reformation äußerlich und innerlich in Blüte stand. Erst im 16. Jahrhundert begann der Verfall. Zwar versuchten die Nonnen, dem alten Glauben treu zu bleiben. Aber sie hatten viel zu leiden, besonders auch unter den Landsknechten des abgefallenen Kölner Erzbischofs Truchseß von Waldburg, die das ganze Land unsicher machten; Plünderungen, Hunger und sogar zweimal die Pest, auch Drangsale durch die militante Sekte der Schenkianer zermürbten die klösterliche Gemeinschaft. So kam es schließlich zur Umwandlung dieses Klosters in ein Damenstift. Die treibende Kraft hierfür war die Abtissin Ottilie von Fürstenberg, eine an sich tüchtige Frau ( 1621) der aber offenbar jeglicher monastischer Geist fehlte. Es wird berichtet, daß es neben den Gottesdiensten unter ihr auch zahlreiche Jagden gab, bei denen man «über die Maßen lustig mit Zechen, Singen, Tanzen und Springen» sein konnte! Nach langem Hin und Her wurde mit Zustimmung Papst Pauls V. das Kloster aufgehoben und Ottilie zur Errichtung eines Damenstiftes übergeben. Natürlich ließ der Protest des Ordens nicht lange auf sich warten. Das Stift sah zwar noch drei Nachfolgerinnen Ottiliens, wurde dann aber doch 1640 endlich wieder zu einem regulären Kloster, allerdings nicht ohne heftigen Widerstand der «Damen», die sogar im Zorn die Chorbücher verbrannten! Der Neuanfang, an den Propst Lambert Topp sich mit 2 Kaplänen und nur vier Schwestern wagte, gestaltete sich infolge der katastrophalen Wirtschaftslage der Zeit arg schwierig; erst zu Ende des 17. Jahrhunderts ging es aufwärts. Ein neues Konventgebäude sowie die Neuausstattung der inzwischen schwer verwüsteten Kirche waren die Symbole der inneren Erneuerung! Aus dieser Zeit (1704-1732) datiert übrigens die herrliche Doppelmadonna im Chor. Die Gemeinschaft erreichte damals mit 34 Religiosen (1/3 Chorfrauen) den Höchststand der letzten 11/2 Jahrhunderte! Aber wie es so oft geht: Auch auf diesen Aufstieg folgte wieder ein Tief: Das späte 18. Jahrhundert sah die böse Welle der Säkularisierung, den Klostersturm. Das erste westfälische Opfer war 1773 das Oberwasser-Stift in Münster; es hatte der Universität zu weichen. Unerfreuliche Rechtsstreitigkeiten sowie teilweise begründete Klagen über liturgische und disziplinäre Mißstände gaben den Vorwand ab für die Aufhebung des Klosters Oelinghausen am 12. März 1804. Was hier siegte, war wie überall der geistlose Rationalismus der «Aufklärung», der keinen Sinn mehr hatte für Liturgie und Kontemplation. Priester und Nonnen wurden auf Pension gesetzt; das Klostergut kassierte die Familie von Fürstenberg-Herdringen.
Nach langer Grabesruhe schenkte Gott 1956 gleichsam die Auferstehung iin freiich anderer Form: Mariannhiller Missionare, deren Wurzeln im Benediktinertum liegen (Gründung 1882 durch den Trappistenabt Franz Pfanner in Südafrika) überbahmen Pfarrei, restliche Klostergebäude und vor allem die Wallfahrt.
Das «Herz» dieses westfälischen Heiligtums ist nämlich das altehrwürdige Gnadenbild Mariens in der romanischen Krypta, die «Königin des Sauerlandes». Wir stehen hier vor einem hochromanischen Kunstwerk, das uns Jesu Mutter als feierlich Thronende zeigt; ebenfalls herrscherlich sitzt auf ihrem Schoß das göttliche Kind. In der unseligen Reformationszeit gelang es den Nonnen, das Gnadenbild vor dem Zugriff der Schenkianer zu reten. Nach dem Klostersturm war das Bild allerdings lange verschollen; erst 1894 entdeckte man es wieder. Die Restaurierung von 1962 gab ihm stilgetreu neuen Glanz.
Das Gotteshaus selbst ist eine der ältesten, aber auch schönsten frühgotischen Kirchen des nördlichen Deutschland. Der barocke Hochaltar stammt von 1712; reiche lntarsien schmücken die Frontseite. Über dem Tabernakel begegnen wir zwischen gewundenen Säulen dem Apostelfürsten Petrus als dem Kirchenpatron, den St. Josef und St. Anna mit Hermann-Joseph und Gertrud von Altenberg geleiten. Im Aufbau finden wir Luzia, Agatha, Caecilia und Barbara. Schon kaum mehr der Erde zugehörig ragt Maria in das an den Himmel erinnernde gotische Gewölbe hinein. Über den einer Breitenwirkung dienenden Scheinportalen stehen Augustinus und Norbert als «Regelväter». Das bei der Barockisierung übermalte Christopherus-Fresko der Südwand wurde 1931 freigelegt. Lebensgroße Figuren der Zwölf an den Hauptschiffwänden ersetzen die sonst meist üblichen Apostel Leuchter; sie wurden von Meister Splithofen 1716 aus Lindenholz gefertigt. An die eigenwillige Äbtissin Ottilie erinnert ihr Grabdenkmal, ein Renaissancewerk aus Alabaster und Marmor, in der südlichen Kreuzkapelle. Ottiliens Schwester Anna hat es gestiftet. Das der knienden Äbtissin in den Mund gelegte Gebet lautet: «Göttlicher Heiland, aus dessen zerrissenem Leib sich ergießen hellklare fünf Ströme wie aus rosigem Quell, daß doch ein einziger Tropfen Deines Blutes mich wasche, hab ich Dir zu Füßen hier die Grabstätte erwählt.»
Den Nonnenchor zwei Treppen führen hinauf verdeckt neben Brüstung und Gitter vor allem die auf Säulen ruhende Orgel von 1717. Ihre eigenartige Hochstellung sollte den Nonnen den Blick zum Hochaltar freigeben. Der Psalmsänger David steht über dem ganzen Werk. Von seltener Schönheit ist die überlebensgroße Ampelmadonna, die in der Mitte des Chorgewölbes hängt. Sie ist as Eichenholz und ca. 250 Jahre alt.
An der Rückwand der Orgel steht der Altar des Nonnenchores. Sein unteres Mittelfeld zeigt eine Kreuzigung, darüber Christi Himmelfahrt. Vor diesem Bilde steht eine kleine Pieta von ca 1500. Die übrigen Figuren stellen den Täufer dar sowie die heiligen Laurentius, Thomas von Aquin, dazu St. Josef, den Stifter Sigenand und Luzia mit Agatha. Das Antependium der Mensa zeigt in wertvollen Intarsien Symbole der Mariannhiller Mission. Den Altaraufbau rahmen kleine Apostelstatuen. Das Chorgestühl weist in der ersten Reihe spätgotische Elemente auf, in der zweiten solche der Renaissance.
Die Aktualität marianischer Wallfahrten bedarf im Zeitalter Mariens, das in der Rue du Bac (1830) begann und das mit Marienfried und Syrakus keineswegs zu Ende ist, keiner langen Rechtfertigung. Das 2. Vatikanische Konzil hat dazu nicht nur in schönster Weise, sondern vor allem mit höchster Autorität gesprochen: «Die Mutter Jesu, Urbild und Anbeginn der Kirche, leuchtet als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran.» (LG 68).
Im Gnadenbild von Oelinghausen schaut Maria über uns hinweg in die Zukunft so sieht es aus. Sicher ist, daß Maria für uns sorgt, da sie seit Golgotha Mutter der ganzen Kirche und Christenheit ist (Joh. 19). Und weil sie erkennt, was auf uns zukommt, warnt sie uns immer wieder, da und dort, mahnt und tröstet uns. Ob es eine christliche Zukunft sein wird, hängt freilich auch von den Wallfahrern ab, die nach Oelinghausen kommen, und letztlich von uns allen.
Hanswerner Reissner
|
Copyright © 1999 - 2009 - Alle Rechte vorbehalten für Text und Fotos
PARVIS-VERLAG - MARIA HEUTE - CH-1648 HAUTEVILLE / SCHWEIZ. TEL.: 0041 (0)26 915 93 93 // FAX: 0041 (0)26 915 93 99 // E-MAIL buchhandlung@parvis.ch HOMEPAGE PARVIS // ZEITSCHRIFT MARIA HEUTE |