Papst seit einem Vierteljahrhundert

Johannes Paul II.
Prophet des dritten Jahrtausends

Von Bernard Balayn

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16. Oktober 1978 – 16. Oktober 2003: Gewissermaßen eine Ewigkeit im Hinblick auf die komplexen Ereignisse in der Weltkirche, deren Oberhaupt der Papst ist. Zugleich aber sind diese Jahre in einem unglaublichen Tempo vergangen angesichts der zunehmenden Schnelllebigkeit unserer Zeit. Es geht um mehr als um die Rekorde, die Johannes Paul II. aufgestellt hat1 und um die Anekdoten: Es gilt, eine Art provisorische Bilanz zu ziehen, d.h. den unvergänglichen Kern seines prophetischen Wirkens zu ergründen.

Denn genau darum geht es. Wie am Anfang unseres Buches «Johannes Paul II. – der Große2» zu lesen ist, haben wir es hier mit einem wirklich prophetischen Pontifikat zu tun, weil Karol Wojtyla eine außergewöhnliche Persönlichkeit in der nicht weniger außergewöhnlichen Zeit des Übergangs ins dritte Jahrtausend ist. Diese Verbindung ist von der Göttlichen Vorsehung gewollt, um der Welt zu geben, was sie am meisten braucht: Ein Leben in Heiligkeit, ein Vorbild der Liebe, einen Horizont der Hoffnung.
«Prophet des dritten Jahrtausends» auch deshalb, weil es bei jeder Gründung und in jeder Epoche einen Vater braucht, den die Söhne nachahmen und an dem die Genereationen Maß nehmen können. Das war von einem prophetischen Mitbrüder seiner Heimat, den Kardinal-Primas Stephan Wyszynski, vorausgesagt worden, der beim Konklave über seinen Weg die Erleuchtung hatte: «Der Herr hat dich berufen, damit du die Kirche ins dritte Jahrtausend führst!»
Ist es Johannes Paul II. gelungen, jene Verkündigung mit ihrem so dringlichen, anspruchsvollen und komplexen Programm zu verwirklichen, das Kardinal Joseph Ratzinger am 18. Mai dieses Jahres so treffend in zwei Worte fasste: glauben und lieben?
Diese kurze Zusammenfassung möchte einige Ansatzpunkte für eine Antwort geben.

Der Gläubige

Gott ins Herz des Menschen bringen

Der grundlegende Auftrag des Papstes ist es, Hüter und Verkünder der Wahrheit zu sein, die das unvergängliche Erbe der Heiligen Schrift und der Kirche ist. Sie bewahren heißt sie auslegen; sie verkünden heißt evangelisieren, um Heilige heranzubilden.
Dieses Erbe hat er in seiner Familie und in der Kirche empfangen und sich zu eigen gemacht. Sie haben ihn im Schoß des polnischen und hauptsächlich des Krakauer Landes in jenem Glauben erzogen, der so tief in der Treue zu Christus und zu Rom verwurzelt ist und durch das jahrhundertealte Leiden dieser Nation schwer geprüft wurde. Eindeutig wurde nachgewiesen, dass die einzelnen Stufen des geistlichen Lebens von Karol Wojtyla – das Priestertum, das Bischofs- und Kardinalsamt, seine universitäre und literarische Ausbildung sowie seine menschlichen Fähigkeiten (z. B. sein Charisma für die Jugendlichen) – Elemente sind, die ihn auf sein Pontifikat vorbereitet haben.
Als er zum Papst gewählt wurde, war er also vorbereitet.
Als Nachfolger von Paul VI. und Johannes XXIII. fiel es ihm leicht, sein Programm festzulegen, das im geistigen Bereich auf zwei Forderungen unserer Zeit beruht, die er vor den Kardinälen dargelegt hat: Auf der Treue zum überlieferten heiligen Glaubensgut, aber auch auf Aufgeschlossenheit. Er wollte das Werk des Konzils weiterführen und den Ökumenismus ausweiten (bis hin zum interreligiösen Dialog).
Was seinen Humanismus anlangt, so erklärt er vor den Diplomaten ohne falsche Scham, dass er «der Zeuge der allumfassenden Liebe» sein werde, ein Mann der Gerechtigkeit, des Friedens und der Brüderlichkeit, vor allem für die ärmsten Gesellschaften der Dritten Welt. Er ist also ein entschiedener Apostel der «Zivilisation der Liebe».
Dafür setzt er alle geistigen, ethischen und verwaltungstechnischen Mittel der Kirche ein, die er ständig anwendet, sowie seine ganze seelsorgerliche und internationale Erfahrung, alle Gaben, die Gott ihm für diese Aufgabe verliehen hat, seine ganze Fähigkeit, ungeheuer viel zu arbeiten und überall vertreten zu sein.

Der Lehrer des Glaubens

Ein Papst sorgt sich in erster Linie darum, dass die Allgemeingültigkeit der Botschaft des Evangeliums auch alle Gläubigen erreicht, anders gesagt, dass sich die «qualitative Katholizität» (Kardinal Scheffczyk) verwirklicht.
Selbst Päpste mit längeren Pontifikaten haben noch nie so viel geschrieben und Reden gehalten wie er. Damit sind seine 14 Enzykliken gemeint sowie das unglaubliche Korpus seiner Konstitutionen, Hirtenbriefe, Apostolischen Schreiben und päpstlichen Erlässe – ohne von den zahlreichen anderen Dokumenten zu sprechen von seinen Predigten bis hin zu seinen Büchern sowie jenen der römischen Kurie. Alles, was er darin zu lehren, zu erklären, zu erläutern, zu entwickeln hatte – oft in Bezug auf das heilige Konzil (wie kann man hier umhin, die zwei bekannten Enzykliken Veritatis Splendor und Fides et Ratio zu erwähnen, die besonders die Lehre der Kirche betreffen) – ist eine Zusammenfassung des kirchlichen Lehramtes in einem Werk, das in seiner Art einmalig ist: dem Katechismus der Katholischen Kirche, dem unvergleichlichen und wichtigsten Werk seines Pontifikates.
Als Theologe und vor allem als Philosoph und Ethiklehrer «zeigt er auf, dass Gott der Herr der Welt ist» (Julius Slowacky). Er will durch das Geheimnis Christi das Geheimnis des Menschen erleuchten. In dieser Hinsicht ist in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis im Keim seine ganze «unvergleichliche Lehrautorität» (G. Galassi) enthalten. Er hat sich das Wort des Pfarrers von Ars zu eigen gemacht, das dieser zu einem kleinen Hirtenjungen sagte: «…Ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen.»
Sein Weg entspricht dem, den die Kirche vorgibt und den er voll und ganz mit all seinen Anforderungen annimmt: der Weg der sakramentalen Seelsorge. Er ist der erste Papst, der selbst die sieben Sakramente spendet und voll und ganz in persona Christi handelt. Das hat er im «Parc des Princes» (Paris) wunderbar zum Ausdruck gebracht: «Seit zwei Jahren bin ich Papst, seit 20 Jahren bin ich Bischof, doch das Wichtigste für mich bleibt stets die Tatsache, Priester zu sein!»

Sein Ziel: Die Heiligung seiner Brüder

Seine Berufung besteht darin, das Beispiel Christi zu geben, um die Menschen zu heiligen und immer wieder zu sagen: «Am dringendsten braucht die Welt Heilige!» Er hat sich ihr Zeugnis zu eigen gemacht, wie das des hl. Stanislaus: «Mein Wort hat dich nicht bekehrt, doch mein Blut wird dich bekehren.» Oder das des hl. Pfarrers von Ars: «Wo Heilige vorbeikommen, dort kommt auch Gott vorbei.» Diese Sorge um die Heiligkeit zeigt sich in den Selig- und Heiligsprechungen, die er in noch nie dagewesenem Maß vorgenommen hat: fast 1800! Sie machen deutlich, dass die Heiligkeit das Ziel ist, das für jeden Christen erreichbar ist.
Es liegt auf der Hand, dass der Heilige Vater diese Heiligkeit selbst lebt, da er mit solcher Überzeugunskraft darüber sprechen kann. Er ist ein heiliger Vater: Wer ihm nahesteht und ihn zu beobachten versteht, sieht und begreift das. Sein Landsmann und Prophet Slowacki hat es vorausgesagt: «… Seht, er kommt, dieser Spender neuer Kräfte für die Welt. Bei seinen Worten strömt das göttliche Licht in unser Blut. Dieser slawische Papst, der Bruder aller, wird Balsam in unsere Herzen gießen. Legionen von Engeln werden mit Besen aus Blumen allen Staub von seinem Thron kehren…» Das Zeugnis seiner Heiligkeit ist und bleibt das bezeichnendste Merkmal seines Lebens auf Erden. Er hat verstanden und verwirklicht, was sein Rang verlangt: Diese hohe Erwählung verlangt äußerste Vollkommenheit in der Nachfolge Jesu, des Heiligen. Die Kirche kann sich noch nicht äußern, es liegt jedoch auf der Hand, dass Johannes Paul II. seinem Meister aus größter Nähe nachfolgt. Die riesigen Menschenmengen, die zu ihm strömen, wie es in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesen ist, sowie die vertrautesten Begegnungen beweisen diese außergewöhnliche Ausstrahlung, die von ihm ausgeht und ihm mit Recht den Namen «Seine Heiligkeit» verleihen.

Der Missionar: Ein neuer hl. Paulus

Das Konzil verwirklichen

Als erst 58-jähriger Papst wollte er die Kirche verjüngen und lebendig machen. Und sei es nur, um sie in den Augen der Flut von Jugendlichen glaubwürdiger zu machen. Auf dem Hintergrund der allgemeinen Glaubens- und Sittenkrise ist diese Heiligung der Kirche unverzichtbar, die von ihrem sichtbaren Haupt vorgelebt werden muss. Der Heilige Geist — die Weisheit der Vorsehung — ist in diesem Bereich durch das Konzil am Werk, das Johannes Paul II. wesentlich mitgeprägt hat.
Der Heilige Vater erhöhte zunächst die Zahl der Gemeinschaftsgremien, die von den Konzilsreformen geschaffen worden waren, um die Kirche besser regieren zu können, wie verschiedene Synoden, außerordentliche Konsistorien und Bischofskonferenzen. Er stellte das alte Prinzip der Kollegialität wieder her, das er während seiner Bischofszeit mit Erfolg erprobt hatte. Es erlaubt ihm, die Fähigkeiten der Einzelnen in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung aufzuwerten. Die Überarbeitung des Kirchenrechts zeugt von diesem Vormarsch.
Sodann weitete er die Gremien der Teilhabe aus, indem er mehr Laien in die Leitung und vor allem in das Leben der Kirche einbezog. (Z. B. den Päpstlichen Rat für die Laien, die verschiedenen Päpstlichen Akademien.) Ihr «Grundgesetz» ist das Apostolische Mahnschreiben Christifideles Laici.
Und schließlich brachte er die Einheit mit den Schwesterreligionen voran: Die Ökumene liegt ihm sehr am Herzen sowie der Dialog mit den anderen, vor allem monotheistischen Religionen, der sogenannte «interreligiöse Dialog». Einige Höhepunkte haben sich in die Geschichte eingraviert, wie die Öffnung der heiligen Pforte in «Sankt Paul vor den Mauern» anlässlich des Jubiläumsjahres 2000, die der ehemalige Erzbischof Carey von Canterbury so eindrücklich in Erinnerung gerufen hat: «Mir wurde bewusst, dass die große Pforte nur von einem einzigen von uns geöffnet werden kann. Wir sind keine Fremden mehr, sondern Pilger, die gemeinsam unterwegs sind…» In diesem Zusammenhang erinnert man sich auch an das Treffen in Assisi, an den Besuch des Papstes in der Synagoge von Rom und in der Moschee in Damaskus. Noch nie hatte ein Papst in der Kirche so machtvoll Initiativen und Hoffnung geweckt, ohne auf den Irrweg des Synkretismus (Vermischung der Religionen) zu geraten. Denn der Heilige Geist steht ihr immerdar bei.

Die Neuevangelisierung

Das Konzil hat (mit seinem Dekret Ad Gentes) eine neue Dimension und Dynamik für die Evangelisation erschlossen, wie die dritte Synode von Papst Paul VI. mit dem Schreiben Evangelii Nuntiandi deutlich gemacht hat, das von Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Redemptoris Missio wiederaufgenommen wurde.
Bemerkenswert ist, dass der Papst im Einklang mit seinem Namen seine Schritte wieder in die Fußstapfen der Apostel Petrus und Paulus gesetzt hat und letzteren mit seinem persönlichem Beispiel bei weitem übertroffen hat.
Mit seinem Pilgerstab und mit der Bibel unter dem Arm ist er als größter Missionar aller Zeiten von Rom aus in die ganze Welt gereist. Es ist unmöglich, seine Messen, Predigten, verschiedenen Audienzen im Vatikan, in den über 300 Gemeinden der Stadt Rom, in seiner Diözese und in Italien aufzuzählen, dessen Patriarch er ist!
Seine internationalen Reisen, die echte Marathonläufe waren, haben ihn zum «Athleten Gottes» auf allen Straßen der Erde gemacht. Er hat die Wahrheit an alle Grenzen und bis an den Enden der Erde getragen. Diesbezüglich müssen doch ein paar Zahlen genannt werden: Über 100 Reisen hat er unternommen, 134 Länder (von 192) besucht, 1.200.000 km zurückgelegt und fast 2 Jahre außerhalb von Rom verbracht… Der tiefe Einfluss dieser Reisen auf die vielen Tausend Gläubigen aller Kontinente ist das Geheimnis ihrer Herzen.
In diesem Zusammenhang hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Kulturen zu evangelisieren und das Evangelium zu inkulturieren. Letzteres bedeutet, den Glauben in die verschiedenen Kulturen einzufügen und Christus in ihnen lebendig zu machen gemäß der Art und Fähigkeit dieser Kulturen, den Glauben anzunehmen. Diese Inkulturierung ist die notwendige Bedingung für die Evangelisierung in unserer Zeit.

Stifter von Liebe

Liebe in die Herzen der Menschen bringen

Das gegenwärtige Pontifikat steht unter dem Zeichen des Glaubens und der Hoffnung. Die größte göttliche Tugend ist nach dem hl. Paulus die Liebe. Deshalb hat er als ersten den Namen des Apostels der Liebe gewählt: «Johannes». Johannes Paul II. erfüllt die Hoffnung mit Glauben und Liebe.
Aber man kann nur das ausströmen, was man selbst empfangen hat. Karol hat viel empfangen, um viel geben zu können.
Wie bei seinem Glauben haben seine Familie, seine Freunde, seine Lehrer, seine Priester bis hin zu Kardinal Sapieha, seine Vorbilder hier auf Erden und im Himmel seine scientia amoris geformt, wie er über die heilige Theresia sagte. Sehr viel verdankt er seinem Vater und den Seelsorgern seiner Jugendzeit, die es verstanden haben, Zeit für ihn zu «verlieren». Später hat er es ihnen in reichem Maß vergolten… Zwei bekannte Beispiele – unbeschadet jener, die verborgen bleiben – bezeugen dies vor allen Menschen: Seine Nachahmung des seligen F. Ozanam und seine Hilfe für seine verfolgten jüdischen Brüder in Krakau während des 2. Weltkrieges.
Diese Liebe konnte er geben, weil er die grundlegende Bedingung dafür besaß: die Selbstvergessenheit. Karol hat in der Schule der Heiligen gelernt, sich für andere aufzuopfern. Daraus ist seine Priesterberufung entstanden, die gleich nach dem Martyrium der höchste Ausdruck der Selbsthingabe ist. So erklärt sich auch sein Wahlspruch als Bischof: «Totus Tuus».
Wenn man bedenkt, zu welcher Liebe Johannes Paul II. fähig war, wird einem klarer, dass jede Heiligkeit auf der Liebe beruht, die sich verschenkt bis zur Hingabe des eigenen Lebens für den Nächsten.

Seine Hingabe für die Kirche

Das vielleicht ausdrucksstärkste Symbol dieses Lebens in Hingabe an die Kirche ist das eindrucksvolle Symbol des Gründonnerstags, wenn Johannes Paul II. vor den Priestern niederkniet, ihnen die Füße wäscht und ihnen dann in seinem Jahresbrief die tiefsten Gedanken seines Herzens anvertraut. Über dieses sichtbare Zeichen hinaus lebt er in seinem Priestertum unablässig das Wort Christi: «Ich bin nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.»
Das hat er bei seinem Priesterjubiläum 1996 deutlich gemacht, als er sein Buch «Meine Berufung: Geschenk und Geheimnis» veröffentlichte. Er versteht sich nicht als Vormund der Priester sondern als ihr Bruder. Das hat er ihnen bereits 1980 in Notre-Dame-de-Paris gesagt. Johannes Paul II. hat sich mit der Kirche «vermählt», in derselben Weise wie Maria voll und ganz ihre Funktion der Redemptoris Mater und der Mater Ecclesiae erfüllt. Pater Malinski, sein erster Biograph, und nach ihm Kardinal Macharski haben immer auf diese bezeichnende Ungeteiltheit hingewiesen, von der die treue Hingabe des Papstes an alles, was er tut, geprägt ist.

Seine leidenschaftliche Liebe zum Menschen

Im Mittelpunkt seines Weges der Liebe in der Nachfolge Christi steht der Mensch, den er gemäß dem Geist des Konzils stets an die erste Stelle setzt. Kardinal Ratzinger stellt fest, dass Johannes Paul II. ihm drei (die sogenannten «anthropologischen») Enzykliken widmete. Sie drehen sich um die Frage nach dem Menschen innerhalb des Geheimnisses Christi, des menschgewordenen Gottes. «Der Mensch ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, dieser Weg aber ist von Jesus vorgezeichnet und führt unvermeidlich durch die Geheimnisse der Fleischwerdung und der Erlösung», erläutert der Präfekt der Glaubenslehre. Er fügt hinzu: «Anthropologie und Christologie sind für den Papst untrennbar miteinander verbunden.» Und P. Tadeusz Styczen, ein Schüler von Karol und sein Nachfolger an der Universität von Lublin erklärt: «Wenn mein Lehrer Karol Wojtyla über den Kern seiner Anthropologie sprach, sagte er: &Mac226;Man muss dem Menschen jenen Menschen offenbaren, der im Menschen ist, und ihm helfen, sich für die Wahrheit über seine Größe zu entscheiden. Aber das endgültige Wort der Wahrheit über den Menschen kommt allein vom Gottmenschen Jesus Christus.‘» Das verkündet er am 22. Oktober 1978 bei seiner Inthronisierung: «Allein Christus weiß, was im Menschen ist!»
Diese leidenschaftliche Liebe zum Menschen, der nach dem Bild Gottes und zu Seiner Glückseligkeit und der seinen geschaffen ist, tritt in der tiefen Achtung vor allen seinen Komponenten und Vorrechten zutage. So erklärt sich sein unerbittlicher Kampf für die christlichen und natürlichen Werte, die großen ethischen Prinzipien der Gesellschaft wie Ehe und Familie, die absolute Achtung des Kindes vom Augenblick seiner Empfängnis an (mit der Enzyklika Evangelium vitae) und der Jugendlichen sowie die Achtung vor dem Leben im allgemeinen und vor den Leidenden. Er selbst hat in der Nähe der Hölle von Auschwitz gelebt, war mehrmals in Gefahr, sein Leben zu verlieren, hat so früh seine Familie verloren, hat seinen verwitweten Vater beten sehen – er weiß besser als viele andere, welchen Wert das Leben, die Familie, die ehelichen Zelle haben.
Seine Liebe zu den Jugendlichen ist legendär geworden. Die Weltjugendtage bezeugen den tiefen Einklang, der zwischen ihnen besteht. Wer wird jene Worte der Liebe vergessen: «Ihr seid die Hoffnung der Kirche, meine Hoffnung! Ihr seid die Wächter, die auf den Morgen warten! Ihr seid die Freude und die Krone des Papstes!» Dieser «alte Mann» – wie er sich manchmal humorvoll und demütig nennt – weiß, dass es kein Alter gibt, sondern nur Horizonte, die sich zur Unendlichkeit ausstrecken, wenn das Herz rein ist und leidenschaftlich liebt.

Der Vater der Menschheit

Im Dienst der Kinder Gottes stehen schließt eine allumfassende Fürsorge ein. Das ist der Sinn des Wortes «katholisch». Um mit Terenz zu sprechen: «Nichts, was menschlich ist, ist dem Papst fremd». Vom Menschen sprechen heißt allen Menschen dienen, vor allem jenen, die am meisten darauf angewiesen sind. Das beginnt mit den geistigen Dingen, denn «der Mensch lebt nicht vom Brot allein».

Der Papst der Kultur

Johannes Paul II. ist ein Wissensquelll, und so wird begreiflich, dass er der Kultur jenen Ehrenplatz zuweist, der ihr zusteht in einer Welt, die reich ist an vielfältiger, jahrtausendealter Erfahrung mit Zivilisationen. Dafür schuf er einen eigenen Rat, der von den Kardinälen Garrone und Paul Poupard geleitet wurde. Letzterer war im Juni 1980 an der UNESCO, als der Heilige Vater mit seinem klaren Blick eine beeindruckende Parallele zwischen dem Menschen und der Kultur herstellte. Er sagte insbesondere: «Der Mensch kann nicht auf Kultur verzichten, denn sie ist ein unersetzbares Element für die Entfaltung jeder Zivilisation… Der Mensch steht mit seiner ganzen Unteilbarkeit im Mittelpunkt der Kultur. Er ist stets die erste und grundlegende Erscheinung von Kultur, die die einmalige Synthese des Geistes und des Leibes ist…» In Erinnerung an sein so oft unter Fremdherrschaft gestandenes Heimatland versichert er mit demselben Mut, dass keine Ideologie jemals mehr über die Weisheit gestellt werden darf. Vielleicht war das Attentat vom 13. Mai desselben Jahres eine Folge davon… In vielen Reden beschreibt er die Kultur als ein Element, das der Erhebung des Geistes dient. Ausgehend vom sozialen Zusammenhalt und von der Stabilität der Zivilisation müssen die bestehenden Machtstrukturen die Kultur fördern und ihr dienen durch ein tatsächliches Recht auf Erziehung und Unterricht in den Familien und in entsprechenden Institutionen.
Die öffentliche Meinung ist jedoch vor allem sensibilisiert worden durch seinen Kampf für die Freiheit und die Menschenwürde, der drei wesentlichen Richtlinien folgt.
Johannes Paul II. – Verfechter der Menschenrechte
Gott hat ihn aus der sogenannten «Kirche des Schweigens» geholt, und es ist ihm gelungen, sie vom europäischen Ghetto des Kommunismus zu befreien und zur westlichen «Lunge», die an ihre Grenzen gelangt war, jene zweite, östliche «Lunge» hinzuzufügen. Das war seinen Vorgängern nicht gelungen.
Unermüdlich verteidigt er die Benachteiligten unseres Planeten, die vom Geld, der häßlichen Kehrseite der Macht erdrosselt werden. Rechtlich tritt er für sie ein in internationalen Ansprachen und Texten, wie jener berühmte von Ouagadougou, der eine Art Charta für die Emanzipation der Dritten Welt ist. Und konkret begibt er sich in alle Gebiete, von den brasilianischen Favelas bis zu den afrikanischen Slums, um der hungernden Bevölkerung dort Worte des Trostes und der Hoffnung zu schenken. Er verteilt unter ihnen in dem ihm möglichen Maß die Gaben, die in Rom gespendet werden. (In Verbindung mit dem Rat Cor Unum, der lange von Kardinal Roger Etchegaray geleitet wurde.) Das ist die «Nächstenliebe des Papstes», die Gründungen, einen hingebungsvollen Dienst und Berufungen der Nächstenliebe weckt. Lange fand er in Mutter Teresa – die er am 19. Oktober dieses Jahres seliggesprochen hat – eine mitleidsvolle Frau, die ihm ebenbürtig war.
Bei ihr in Kalkutta war er zutiefst mit der Krankheit und dem menschlichen Elend in Berührung gekommen, als er die Sterbenden in Nirmal Hriday Ashram besuchte, «einem der beeindruckendsten Orte der Erde» (Oss. Romano) Von ihnen sagte er: «Auf dem Gesicht der Armen sehe ich das Angesicht Christi leuchten.» Und über Mutter Teresa: «In ihrem Lächeln, ihren Taten, ihren Worten ist Jesus von neuem über die Straßen dieser Welt gegangen.»
Und schließlich muss man der so schwer verwundeten Menschheit des 20. Jahrhunderts durch den Geist, durch Institutionen und durch den Willen zum Frieden dienen. Bewundernswerte Texte wie Centesimus Annus, Tertio Millennio Adveniente oder Novo Millennio Ineunte behandeln diese Fragen sowie die Zukunft der Erde, die nur auf gegenseitigem Verständnis und auf Ablehnung apokalyptischer Waffen aufgebaut werden kann.
Die päpstliche Diplomatie – die effizienteste der Welt – hat keine Mühe gescheut, um immer neue Konflikte zu lösen oder sie zu verhindern. Johannes Paul II. nahm die berühmten Aufrufe von Johannes XXIII. (Pacem in terris) und von Paul VI. wieder auf und ging zwei Mal zur UNO, um dort selbst auszurufen: «Nie mehr Krieg!» und die Grundlagen für einen wahren Frieden zu legen, der das Vorbedingung zu einer «Zivilisation der Liebe» ist. Um den Dialog mit den Staaten zu pflegen hat er die Zahl der Nuntiaturen von 85 auf 176 erhöht! Insbesondere hat er die Nuntiatur in den USA, in Israel und in Russland geschaffen. Seine Reisen haben nicht nur geistige, sondern auch politische Ziele. (Der Papst ist zugleich auch Staatschef!)
Was Europa anlangt, so hat er ganz undramatisch das Gespenst des Marxismus abwenden können, die Mauer der Schande niedergerissen und die Völlker einander näher gebracht. Er besteht darauf, dass die europäische Union, die sich ständig ausdehnt, sich in ihrer Konstitution klar und deutlich zu ihrem christlichen Erbe bekennt – das ihr Stolz und ihre Größe ist. Denn allein mit diesem Erbe kann sie eine Zukunft tiefen Friedens planen, weil sie auf den erhabensten Werten aufbaut.

Die Wege des Glaubens und der Liebe

Im Vergleich zur außerordentlichen Aktivität des Papstes ist dieser Überblick zwangsläufig sehr knapp. Doch zum Schluss soll noch einmal die Frage gestellt werden, wo die Quelle und das Geheimnis dieses unermüdlichen Schaffens zu suchen ist.
Das Wesentlichste ist sicher sein unaufhörliches, tiefes Gebet, in dessen Mittelpunkt die Eucharistie steht, sowie das Brevier und die Frömmigkeitsübungen, die ihm teuer sind, wie z. B. der Kreuzweg und der Rosenkranz. Viele Zeugen berichten, dass er «ein Denkmal des Gebetes» (A. Frossard) ist, das die ganze Kirche, die Menschheit und jede Person einschließt. Denn von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr übt er die «Geographie des Gebetes», die den ganzen Erdball erreicht, insbesondere die Länder des Leidens und jene, deren Türen ihm verschlossen geblieben sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass Johannes Paul II. genauso ein meditatives wie ein aktives Naturell besitzt. Dieser bemerkenswerten Ausgeglichenheit verdankt es die Welt, dass sie nicht in noch schlimmeren Übeln untergegangen ist als denen, die er durch sein Gebet und seine Prüfungen zurückhält.
Denn das zweite Wesentliche ist sein unerhörtes Leiden, das er mit höchster Demut und Würde so weit wie möglich verbirgt, das man jedoch durch die Offenbarung des dritten Geheimnisses von Fatima erahnen kann. Er ist der neue Christus, der «gebeugt von Kummer und mit wankendem Schritt» das schwere Kreuz des heutigen Golgotha trägt. In seinem Totus Tuus nimmt er es an, denn Gott kennt seine grenzenlose Großherzigkeit. Das schwerste Kreuz steht in Zusammenhang mit seinem Auftrag: Die Ablehnung Gottes, vor allem in den alten christlichen Ländern, die wie Heiden geworden sind; die allgemeine Missachtung der Zehn Gebote und der Ethik, für die er schon immer gekämpft hat. Im Herzen dieser beiden Anforderungen, die eine einzige sind, leidet er um der absoluten Achtung des Lebens und der menschlichen Person willen – die der Mittelpunkt seiner christozentrischen Philosophie ist.
Der dritte Punkt ist das sogenannte «Geheimnis des Königs» – sein persönlichster, verborgenster Bereich, den man aus Rücksichtnahme und Achtung vor ihm nur von außen betrachten kann. Es geht um seine Liebe, mehr noch vielleicht um seine unbeschreibliche Liebe, die er Jener entgegenbringt, die er seit seiner Kindheit und dem Tod seiner Mutter liebt: die Mutter Gottes, die Mutter der Waisen, aller Menschen, der Kirche, der Priester und der Päpste, wie es alle mittelalterlichen Fresken zeigen, die heilige Jungfrau Maria, zu der er so oft betet, sei es in der Kirche der Darstellung Jesu in Wadowice oder in Santa Maria Maggiore oder in den verehrten Heiligtümern seiner Heimat: Kalwaria – Zebrzydowska, Czestochowa… und in all jenen, die er auf der Erde durch seine Wallfahrten geehrt hat und bei denen Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz in Fatima an erster Stelle steht. Dieses Heiligtum hat er offiziell am meisten besucht, weil er – Johannes Paul II. – der Papst von Fatima» ist, der mitten in seinem Schmerz und in seinem fleischlichen Herzen den programmierten Atheismus tragen sollte, der auf der Welt so viel Übel angerichtet hat. Er sollte an der Spitze der geistigen und körperlichen Märtyrer unserer Zeit der Tränen und des Blutes stehen. Deshalb hat er an jenem 13. Mai 1981 begonnen, das seine auf dem Petersplatz zu vergießen. Er hat seine vollkommene Hingabe an ihr Unbeflecktes Herz zutiefst gelebt. Um diesem wahren Sohn ihre Dankbarkeit und die Macht der allgemeinen Weihe zu zeigen, um die sie die Kirche gebeten hatte und die die Niederlage Satans und ihren Sieg als Mutter aller sichert, hat Maria ihn verschont und ihm ein langes Leben gewährt, das zur Ehre Gottes und zu unserer Freude noch andauert.
Heiliger Vater, vergeben Sie der Welt ihr Murren und ihren Aufruhr! Danke für die vollkommene Hingabe Ihrer Person und Ihres Lebens! Wir versichern Ihnen unseren tiefen Dank und unser treues Gebet für Sie und alle Ihre Anliegen. Möge die Madonna von Jasna Gora – deren beide Narben auf der Wange vielleicht nicht Ihr Monogramm, so doch Ihr Leiden in Erinnerung rufen und damit die unerschöpfliche Fruchtbarkeit Ihres Dienstes als Nachfolger Petri – möge diese Madonna Sie beschützen und Sie in der anderen Welt mit dem Lorbeerkranz der Heiligkeit krönen.
Ad multos annos, Heiliger Vater!
Bernard BALAYN

Anmerkungen:
1) Im April 2004 wird sein Pontifikat zum drittlängsten jener 265 Pontifikate, die es seit dem hl. Petrus gegeben hat.
2) Um mehr zu wissen, lesen Sie: «Johannes Paul II. – der Große. Prophet des dritten Jahrtausends». (Die deutsche Ausgabe erscheint Ende 2003 und wird sicher ein sehr wertvolles Weihnachtsgeschenk sein.)

HOCH


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