Von René Laurentin

Fratel Cosimo (3)

An der Quelle des Scoglio (Kalabrien) Konversionen, Heilungen

=> MARIA HEUTE 397 INHALT

Die Erscheinungen der vielgeliebten Madonna in Italien haben immer mehr Besucher angezogen; viele davon haben Konversionen und Heilungen persönlich erlebt oder gesehen. Die Pilgerströme sind aus diesem Anlass und aufgrund vom Hörensagen sukzessive entstanden. Es existiert dafür kein geplanter Organisationsapparat, sondern alles ist von Innen heraus gewachsen; trotzdem erfolgt es ohne jede Anarchie. Fratel Cosimo als guter Landwirt weiss auch, wie man die Gnade Gottes pflegt, kultiviert, wie er sie spontan blühen sieht bei den Besuchern. Er weiss, wie man einfache Anweisungen gibt an die Handwerker und die Architekten, wenn der Pilgerstrom seine Mitarbeit für dessen Empfang notwendig macht. Auch der Bischof pflegt als guter Hirte dieses Blühen, welches merklich gute Früchte hervorbringt. Kardinal Seper, der Vorgänger von Kardinal Ratzinger, ermutigt ihn darin mit den von ihm aufgestellten Kriterien. Eine harmonische Entwicklung, das ist es, was ich hier gesehen habe.

Das Pilgerleben

Jeden Mittwoch- und Samstagnachmittag findet in der Regel ein Gebetstreffen am Erscheinungsort statt. Alle können daran teilnehmen. Unter ihnen befinden sich hundert Personen, die sich im voraus ein bei Signora Rosa Bolognino-Zappavigna telefonisch angemeldet hatten, um eine kurze Begegnung mit Fratel Cosimo zu haben.
An diesen Nachmittagen beten alle Teilnehmer langsam den Rosenkranz und während dieser Zeit empfängt Fratel Cosimo jeden der Angemeldeten in einem separaten Raum zum kurzen Gespräch. Die Begegnung ist lakonisch: kaum eine Minute für jeden, ohne Uhr, aber das stellt kein Problem dar. Der kleine Zuspruch Fratel Cosimos trägt Früchte. In der Regel ist der Besucher stark berührt, erfüllt und wiederbelebt hin zu Gott, hin zum Licht. Für einige bedeutet es die Umkehr oder eine Heilung. Für sehr viele ist es eine Wiederbelebung ihres spirituellen Lebens.
Fratel Cosimo verwechselt seine Intuitionen und sein persönliches Unterscheidungsvermögen nicht mit dem, was er von Gott erhält: Seelenschau oder Lebenshilfe für seine Besucher. Er wusste schon vor meiner Ankunft, dass mein Augenlicht bedroht ist, und hatte für mich mit Inbrunst gebetet. Während meines persönlichen Gesprächs mit ihm, kurz vor der Abreise, am Dienstagabend, dem 12. November, bat ich ihn, weiter für mich zu beten: trotz seines innigen Wunsches hatte er für meinen Fall keine innere Erleuchtung. Mit voller Wahrhaftigkeit hat er Worte der Hoffnung für die Fortsetzung meiner Arbeiten an mich gerichtet. Meinen Freunden, die auch an meinem Problem Anteil nahmen, hat er gesagt:
— Der Herr hat es mich nicht sehen lassen.
Er sieht die Grenzen seiner Eingebungen. Das ist ein gutes Zeichen, denn die Gabe der Unterscheidung ist nicht immer vorhanden, selbst bei Sehern nicht, welche Eingebungen ihres Geistes (oder sogar des Versuchers) mit dem Heiligen Geist verwechseln können.
Nach 17 Uhr folgt jeweils eine Gebetsandacht, die von der Communità, die sich im Verlaufe der Zeit um Fratel Cosimo herum gebildet hat, geleitet wird. Heute zählen sechzig Personen unterschiedlichster Herkunft, im Herzen vereinigt, zur Gemeinschaft im Dienste der Dienerin des Herrn.
Sie organisieren die Dienstleistungen für die Pilger in Übereinstimmung mit Fratel Cosimo. Sie kümmern sich um die Vorlesung des Evangeliums, lesen die letzten Heilungs- und Konversionszeugnisse vor, Gesänge und Gebete lösen sich gegenseitig ab: die Zeit vergeht schnell. In der Zwischenzeit schwillt die Zahl der Betenden immer mehr an. Schliesslich wendet sich Fratel Cosimo an die versammelte Menge und spricht über sie einen Segen aus. Eine tiefe Sammlung erfasst die Menschen. Zum Schluss segnet Fratel Cosimo die Kinder, die zu ihm gebracht werden.

Die Messe und die Fackelprozession

Am ersten Samstag jeden Monats wird die heilige Messe gegen 16.00 Uhr gefeiert. Der Messfeier voraus geht das Rosenkranzgebet; nach der Messfeier wird in feierlicher Prozession das allerheiligste Altarsakrament durch die betende Menge getragen; in Begleitung dazu betet Fratel Cosimo laut Fürbitten für Heilung und Umkehr. Wenn die Nacht anbricht findet die fiaccolata statt, eine Fackelprozession wie in Lourdes, während der der Rosenkranz gebetet wird.
Der Pilgerort wächst: Steine und Gebäulichkeiten, unfertig, in Harmonie mit der Umgebung, ohne feste Pläne, nach Inspiration und Bedarf. Unterdessen ist die Stiftung Fondazione Madonna dello Scoglio entstanden. Der Rechtsanwalt Ferdinando Zappavigna hat sie errichtet und Fratel Cosimo ist ihr Gründer. Der Bischof von Locri hat seine Zustimmung zu der Gründung am 17. April 1999 gegeben, und die Regierung hat sie am 27. Juli 2000 rechtlich anerkannt.

Die Arbeiten

Die Bauarbeiten wurden intensiviert. Der Pilgerplatz wurde bergwärts vergrössert, um den Menschen zu ermöglichen, zur Quelle zu gelangen. Während meiner Reise wurde gerade ein rund zehn Meter tiefes und fast ebenso breites Loch ausgehoben, wurden Eisenstangen rundherum angebracht, um einen grossen Brunnen zu bauen, um das Wasser für die Pilger zu kanalisieren.
Der Platz war ein einziger grosser Bauplatz, dahinter die hohen Arkaden, die schon gebaut sind, eingebettet in die Hügellandschaft. Alles schreitet voran, von Tag zu Tag, in der einzigen Absicht, die Ausstrahlung von Gebet, Konversionen und Heilungen zu vergrössern.
Jedes Mitglied der Communità übt seine Funktion im Rhythmus der Zeit Kalabriens. Ich hatte gewünscht, täglich die Messe feiern zu können. Man hatte es mir ausnahmsweise zugestanden als private Messfeiern mit einigen Mitgliedern der Communità
Fratel Cosimo hatte vorgesehen, die Messe um 18 Uhr in der Kapelle zu feiern, wo sich das Bild der Madonna befindet. Aber der freiwillige Sakristan, der in Placanica wohnt, kam nicht und die Zeit verging. Ich war der einzige, der sich darüber Sorgen machte, denn hier zählt die Zeit nicht. Sie ist wie aufgehoben. Schliesslich kam er, der Sakristan, verspätet wegen seiner Berufsarbeit. Die Zeit in den Hügeln von Placanica ist nicht die Zeit der deutschen, amerikanischen , schweizerischen oder französischen Uhren. Es ist die Zeit des Lebens, der Kommunion und des Gebetes: die Entfaltung und das Blühen einer verinnerlichten Dauer in einer warmherzigen Atmosphäre, einfach, ruhig, unaufdringlich, um Fratel Cosimo herum. Die Gegenwart Gottes und Unserer Lieben Frau inspiriert und strahlt hier, still und ruhig. Das Eindrückliche ist diese menschliche und spirituelle Ordnung, spontan, die nichts gemein hat mit durchrationalisierter Planung.

Wer ist denn Fratel Cosimo?

Man weiss nicht, wie man ihn definieren soll. Seine demütige Bescheidenheit, seine lichte Transparenz lassen jede Definition überflüssig werden, so klar ist seine Einfachheit. Seine innige Verbundenheit mit Christus und Unserer Lieben Frau strahlt aus: sie gibt ihm seine Identifikation. Sein Alter von über fünfzig Jahren hat sein Erscheinungsbild verändert: er wirkt heute abgezehrter als vor einigen Jahren.
Er betet viel: einen Rosenkranz am Morgen, einen andern am Abend und ist permanent versunken in Meditation. Ich verstehe die ständige Präsenz des Gebetes in seinem Innern. Dazu bedarf es keiner Erklärungen.
Anlässlich der ersten Begegnung hat mich seine Wortkargheit verunsichert. Sehr rasch war mein Fragenkatalog erschöpft. Oft sind Seher geschwätzig, unerschöpflich und überschwemmen die Menschen mit Worten. Aber Fratel Cosimo wirkt trotzdem nicht ausweichend oder verschlossen; er ist eher das Gegenteil. Was er ausstrahlt, ist das «ständige Beten». Die Gegenwart Gottes hält Leben und Gebet zusammen, nicht ohne Anstrengungen, um auch vor der Zerstreuung zu schützen, die auf ihn eindringt. Fratel Cosimo gleicht einer friedlichen und ruhigen Quelle, vergleichbar mit derjenigen, die er aufgrund seiner inneren Eingebung auf dem Pilgerplatz gefunden hat. Er strahlt Ruhe und Vertrauen aus und ist scheinbar inaktiv, im Augenblick hingegen, aber sein aufmerksames Gedächtnis nimmt vieles auf. Als Historiker habe ich ihn über Lebensdaten ausgefragt, an welche er sich nicht erinnern konnte. Er hat sie mir nach meiner Rückkehr zukommen lassen. Den Auf- und Ausbau des Pilgerortes hat er mit Intelligenz in die Hand genommen. Er verwirklicht langsam aber stetig den Auftrag, den er bei der zweiten Erscheinung erhalten hatte: Der Herr will aus Dir ein Werkzeug seiner Liebe machen zum Heil der Seelen. Es fehlt ihm nicht an innerer Inbrunst, ganz im Gegenteil, aber dieses innere Feuer erscheint nur dort, wo es sinnvoll oder wichtig ist für die Erfüllung seines Auftrages. Dann kommen starke und warme Worte aus seinem Innern.
Die Jungfrau hat ihm auch gesagt:
— Ich werde Dir beistehen, aber Angriffe und Leiden werden nicht fehlen.

Ohne diese Aussage zu kennen, hatte ich sie erraten. Darum habe ich ihn gefragt, was ich auch bei anderen Sehern wissen will, und dies trotz seiner offensichtlichen Freude, mit Gott zu leben:
— Haben Sie Probleme mit dem Teufel?

Er bejahte es kräftig, ohne indessen davon zu erzählen. Ich fürchtete, aufdringlich zu sein und fragte nicht weiter. Ich wagte es, im Auto des Rechtsanwaltes Zappavigna, der uns zum Bischof führte, darauf zurückzukommen. Die Antworten schossen hervor, rasch, genau und manchmal wortreich.
Kurz, Fratel Cosimo hat viele Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten erfahren:
— seitens der Menschen: Sünder, die Widerstand leisten, aber noch mehr solche, die die Authentizität seiner Begegnung und seines Auftrages in Zweifel ziehen;
— seitens des Teufels: Versuchungen und Misshandlungen, die er seinen gefährlichsten Gegnern zufügt, wie er es seit Jesus Christus von der ersten bis zur letzten Versuchung macht (Lukas): nachdem die ersten misslungen waren, zog sich der Dämon geschlagen zurück, um den günstigen Zeitpunkt abzupassen, der Kairos, wie es das griechische Wort ausdrückt. Es war die Stunde des Passionsleidens: die letzte Prüfung. In der Nachfolge Christi hat Fratel Cosimo innere und physische Versuchungen und Angriffe erduldet, aber auch die Verzweiflung und Verlassenheit (in der Fortsetzung Jesu am Kreuz, als er seine totale Verlassenheit und Dunkelheit ausdrückte, die sich in seinem von Vergebung und Güte überfliessenden menschlichen Geiste breit gemacht hatten). Fratel Cosimo muss auch physische Schläge hinnehmen, vor allem wenn sein Wirken grosse Früchte trägt. Er zahlt gewissermassen die Rechnung dafür, was ihn nicht hindert, sich vollkommen Gott und seinem Wirken hinzugeben. Wenn Gott ihn aufzugeben scheint, gibt er sich Ihm in der Dunkelheit noch stärker hin. Er ist mehr geführt, als er führt, und wenn er führt, ist es Gott, der ihn führt.
Ich habe selten eine solche Selbstentäusserung und eine solche übernatürliche Aufnahmefähigkeit gesehen; nicht passiv; sondern aktiv, wenn es sein muss.
Er kennt auch die Leiden der Passion, vornehmlich donnerstags und freitags, stärker während der Fastenzeit, in der Nachfolge des heiligen Franziskus von Assisi. Er erlebt die schrecklichen körperlichen Leiden Christi. Er fühlt sie im Ablauf der Passion, scheint es, einschließlich der Verlassenheit im Tode. Er erleidet sie in seinem Innern, entsetzlich, aber im Frieden und in der Liebe, ohne sichtbare Stigmata, ohne Blutvergiessen. Der Herr hat ihn gebeten, täglich sein Kreuz zu tragen, indem er ihn ausdrücklich fragte:
— Willst Du mir helfen, das Kreuz zu tragen?
Das lässt mich daran denken, wieviele mir bekannte Opferseelen Gott dieses Leiden freiwillig im Stillen erdulden lässt. Er hatte auch Yvonne Beauvais gebeten, als sie am 5. Juli 1922 am Anfang ihres mystischen Lebens stand, indem er ihr das Kreuz zeigte:
— Willst Du es tragen?
Sie hatte es angenommen. Sie hatte blutende Stigmata; ich habe darüber eine genaue Monographie geschrieben.
Diese vergleichende Annäherung hat mich beeindruckt trotz aller Unterschiede. Das Kreuz ist für Fratel Cosimo weniger ein formeller Auftrag denn das tägliche Lösegeld eines Auftrages und der Gnaden, deren Werkzeug er ist.

Die Früchte

Die Communità von Fratel Cosimo hat bis heute rund 10 Publikationen in italienisch veröffentlicht; es sind spontane Berichte über die Früchte der Erscheinungen und der Pilgertätigkeit, vor allem Bekehrungen und Heilungen.
Ich sagte zu Fratel Cosimo: Ich werde nicht genügend Platz haben, um alles zu erzählen, ca 12’000 schriftliche Zeugnisse, auch von Ärzten, davon rund 8’000 dokumentierte Heilungen und Konversionen.
Meine Verlegenheit erhielt seine sofortige Antwort, kristallklar:
— Zeigen Sie einfach eine Bekehrung und eine Heilung auf. R. Laurentin
(Fortsetzung folgt)

HOCH


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