Von P. Paul-H. Schmidt
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Tagtäglich erreichen uns Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten, aus dem «Heiligen Land» und seiner Hauptstadt Jerusalem, der Stadt, die drei Religionen teuer ist. Gott gab das Land einst den Juden, man nannte es nach der Inbesitznahme das «Gelobte Land». Jesus Christus wurde hier geboren; in Nazareth wurde das «Wort Fleisch», in Bethlehem kam der Gottessohn zur Welt, in Jerusalem vollendete er die Erlösung. Wo einst der jüdische Tempel stand, erhebt sich heute der mohammedanische Felsendom und die El-Aksa-Moschee. Es soll der Ort sein, wo einst Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, von hier aus soll Mohammed seinen Ritt in den Himmel angetreten haben.
Um keine Stadt der Welt hat es vielleicht so viel blutige Auseinandersetzungen gegeben wie um Jerusalem, das ja eigentlich eine «Stadt des Friedens» sein sollte, wie sein Name besagt. Insgesamt wurde die Stadt in ihrer 4000-jährigen Geschichte nicht weniger als 37 mal gewaltsam eingenommen, im 20. Jahrhundert wurde sie zum Zankapfel zweier Völker, von Israelis und Palästinensern. Kein Friede ist in Sicht!
Immer aber gab es an der Entstehungsstätte von drei Weltreligionen auch Anzeichen von großer Heiligkeit, auch heute. Am 13. November 1983 hat Papst Johannes Paul II. Die «Kleine Araberin» Mirjam von Abellin selig gesprochen. Von 1846-1878 hat sie ein ungewöhnlich begnadetes Leben geführt, nur 33 Jahre hat es gedauert. In dieser kurzen Spanne hat Gott durch sie Großes getan, für ihre Heimat Palästina, aber auch für die Weltkirche. Ihre Lebensjahre fallen fast genau mit der Regierungszeit von Papst Pius IX. (seliggesprochen am 3. September 2000) zusammen. In ihren Ekstasen nahmen ihre Gesichtzüge nach Zeugenaussagen nicht selten die Merkmale dieses Papstes an. Sie half dem von treuen Katholiken enthusiastisch umjubelten, aber von den Kirchenfeinden gehassten Papst in Gefahren und Bedrängnissen. Terroristen gab es ja auch schon damals, nicht erst seit dem 11. September 2001. Gott zeigte der Mystikerin in ihrem Kloster in Frankreich, welche Gefahren auf die von ihr «kindlich und unermesslich» verehrte Kirche zukamen. Mirjam warnte 1868 die zuständige Stelle in Rom dreimal: Die dem Vatikan am nächsten stehende Kaserne sei unterminiert. Vergebens. Am 23. Oktober desselben Jahres geschah das Unheil. Die Kaserne Serristori, die den «Borgo vecchio» beherrschte, explodierte und begrub die Musikkapelle des Regimentes unter sich. Das brachte den Kardinal Antonelli zum Nachdenken, und als 1870, während des Ersten Vatikanischen Konzils, wieder von Schwester Mirjam eine Warnung eintraf, und diesmal von drei Pulverminen die Rede war, welche Papst und Konzil bedrohten, nahm man die Sache ernst. Zwei Minen fand man bald, die entschärft wurden. Die dritte aber suchte man vergebens. In aller Eile schickte man Bischof Maria-Ephrem, der Schwester Mirjam gut kannte, nach Frankreich. Ihm beschrieb die Seherin genau die Lage der dritten Pulvermine. Sie sei dort, wo sich der Hl. Vater bei seinen Gängen in den Vatikanischen Gärten auszuruhen pflegte. Die Angaben stimmten. Großes Unheil konnte so verhindert werden, der Terrorismus kam nicht zum Zuge (anders als am 11. September 2001). Heißt es nicht schon im Worte Gottes, dass Frömmigkeit (auch die Mystik als höchste Form der Frömmigkeit) nicht nur für die andere, sondern genauso schon für die diesseitige Welt überaus nützlich ist? (vgl. 1 Tim 4,8)
Mirjam Bouardy, wie die Schwester mit bürgerlichem Namen hieß, kam am 5. Januar 1846 in Abellin, einem unbedeutenden Flecken Galiläas zur Welt. Wie der Ort am Fuße des durch den Propheten Elias berühmten Bergers Karmel liegt, glaubte sich das Mädchen vom Geist des großen Propheten berührt. Sie nannte ihn stets «Vater». 25 km beträgt die Strecke von Abellin nach Nazareth, wo der Sohn Gottes im Augenblick der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel Mensch wurde und ein neues Zeitalter begann.
Die Eltern Mirjams gehörten dem mit Rom unierten griechisch-melchitischen Ritus an. Zwölf Kindern, lauter Knaben, hatte Mutter Bouard schon das Leben geschenkt. Alle waren sie gestorben. Nun wünschte man sich eine Tochter. Deshalb machten Herr und Frau Bouardy eine Wallfahrt nach Bethlehem, legten dort ein Gelübde ab und wurden erhört. An der Geburtsstätte des Heilandes wurde die zukünftige große Heilige vom Himmel erfleht und der Erde versprochen.
Unglück über Unglück traf die spätere Mystikerin von Kindheit an. Beide Eltern starben 1849. Ein reicher Onkel nahm sich des Kindes an. Es kam nach Ägypten. Nicht lange blieb die ungewöhnliche Frömmigkeit des Kindes verborgen. Welch großen Bußeifer entwickelte es nicht zuweilen! Nie blieb die Marienstatue ohne Blumenschmuck, stundenlang verharrte das Kind betend vor dem Bild der hl. Jungfrau. «Die hl. Jungfrau ist meine Mutter, und bei ihr fühle ich mich glücklich», gab sie neugierigen Fragern zu verstehen. Zu Ehren dieser Mutter hielt Mirjam an jedem Samstag, vom 5. Lebensjahr an, ein strenges Fasten.
Mirjam besass die «Herzensschau» und erfreute sich im weitesten Sinne des Wortes der «Gabe der Unterscheidung», die ihr zum Nutzen vieler bis zum Tode verblieb. Sie erklärte einmal einen auf dem Markt gekauften Fisch als vergiftet. Mit solcher Hartnäckigkeit suchte sie die Hausgenossen vom Genuss des Fisches abzuhalten, dass der Onkel schließlich ein Stück von diesem Fisch seinem Hund vorwarf, der an dem Bissen sofort verendete. Ja, nichtes ist eben nützlicher als gediegene, gesunde und auch mystische Frömmigkeit.
Als sie 12 Jahre alt war, wollte der Onkel Mirjam an einen christlichen Jüngling verheiraten. Das widersprach dem Ideal des Mädchens, aber es hatte keine andere Wahl. Am Abend vor der Hochzeit betete es lange vor einem Marienbild. In der folgenden Nacht hörte Mirjam eine Stimme: «Mirjam, ich bin bei dir. Folge meiner Eingebung! Ich will dir helfen!» Ein Entschluss war schnell gefasst. Sie erklärte den Hochzeitsgästen, sie habe sich unwiderruflich Jesus Christus versprochen. Der erzürnte Onkel erklärte sie daraufhin zur letzten Sklavin des Hauses. Ihr Beichtvater reagierte nicht anders, er verweigerte ihr die Kommunion. Mirjam verlässt das Haus. Sie will sich auf die Suche machen nach ihrem einzigen noch verbliebenen jüngeren Bruder Paul. In Palästina muss er irgendwo leben. Unterwegs nimmt sie eine Moslem-Familie auf. Ein neuer Heiratsantrag und das Ansinnen, zum Islam überzutreten! Niemals wird sie Jesus Christus verleugnen. Mirjam verteidigt ihren Glauben. Sie wird mit einem Messer bedroht, man durchschneidet ihr die Kehle. Als Tote wird sie an einem abgelegenen Ort zurückgelassen. Das geschieht am Abend des 7. September 1858.
Als Mirjam wieder zu sich kommt, steht eine unbekannte Ordensfrau vor ihr, die sie etwa vier Wochen lang, ohne ein Wort zu sagen, hingebungsvoll pflegt. Erst beim Abschied lässt sie sich vernehmen: «Du wirst nie deine Familie wiedersehen. Du wirst nach Frankreich gehen, um dort Ordensfrau zu werden. Du wirst ein Kind des hl. Joseph sein, bevor du eine Tochter der hl. Theresia wirst. Im ersten Hause wirst du das Karmelitergewand erhalten, in einem zweiten die Profess ablegen und sterben wirst du in einem dritten Haus in Bethlehem.
Zeitlebens war Mirjam Bouardy fest überzeugt, dass die Muttergottes selber gekommen war, sie gerettet und ihren weiteren Lebensweg vorgezeichnet hatte.
Mirjam bleibt noch sieben Jahre im Hl. Land und verdient sich an verschiedenen Stellen als Dienstmagd ihren Lebensunterhalt. Trotz größter Armut hat sie immer noch Geld übrig für Öl, mit der sie eine Lampe speist, die vor einem Marienbild brennt. Wiederholt wird sie misshandelt, zweimal als Diebin verdächtigt. Ein Jüngling namens «Johannes Georg» lässt sich manchmal ungerufen sehen, der sie schützt und berät, in Palästina und später auch in Indien. Mit seiner Zustimmung legt Mirjam in der Grabeskirche zu Jerusalem das Gelübde ewiger Jungfräulichkeit ab. «Johann Georg» erklärt ihr auch den Sinn ihrer vielfachen Visionen. Wer war dieser Jüngling? Ein Engel, oder der hl. Joseph?
Weiter sucht Mirjam nach ihrem verschollenen Bruder Paul. Vergebens. Schließlich findet sie Aufnahme bei der syrischen Familie Nadschar. Mit dieser zieht sie im Mai 1863 nach Frankreich. In Marseille findet sie nach zwei Jahren den Weg zu den «Josephsschwestern von der Erscheinung» (gegründet 1832 von der hl. Emilie von Vialar). 20 Jahre ist sie alt, eine Analphabetin, die nur ein miserables Französisch spricht.
Im Noviziat bei den Josephsschwestern zu Capelette (bei Marseille) fällt sie auf durch außergewöhnliche Verzückungen und Ekstasen, die bis zu vier Stunden dauern, durch Schweben in der Luft u.a. Am Freitag, dem 29. März 1867, erhält sie zudem die Stigmata. Nein, eine solche Kandidatin passt nicht in einen aktiven Orden, sie gehört in die Abgeschiedenheit einer strengen Klausur. Am 15. Juni 1867 tritt sie in den Karmel von Pau über, wo sie den Namen «Schwester Maria von Jesus dem Gekreuzigten» erhält.
Als die Karmelitinnen von Pau 1870 einen Missionskarmel im indischen Mangalore gründen, ist Schwester Mirjam in der Gründergruppe. Aber am 5. November 1872 ist sie zurück in Pau. Hier ließ sie Gott ihre eigentlische Lebensaufgabe erkennen: Die Gründung eines Karmel in der Geburtsstadt Jesu, in Bethlehem. «Über der Wiege Davids» sollte das Kloster stehen, auf einer Anhöhe am Rande der Stadt. Aber die zuständigen Behörden in Rom lehnen den Bau ab, auch der Patriarch von Jerusalem widersetzt sich den Plänen. Da greift Kardinal Antonetti ein, der mit Schwester Mirjam so gute Erfahrungen gemacht hat, als sie während des Konzils den Vatikan vor einer Katastrophe gerettet hatte. Alle Schwierigkeiten sind wie weggeblasen. Am 20. August 1875 verließ die Gründungsgruppe von sieben Karmelitinnen das Kloster in Pau, am Fest Mariä Namen, am 12. September, treffen sie in der Geburtsstadt Jesu ein. Und nicht nur der Karmel von Bethlehem kam zustande, Schwester Mirjams Ambitionen gingen noch weiter. Auch Nazareth, Jesu Heimat, sollte ein Kloster ihres Ordens erhalten. Der Traum wurde Wirklichkeit, aber erst einige Jahre nach dem Tod der Begnadeten.
Am 26. März 1878 war ihr irdisches Leben vollendet, aber nicht ihre Sendung. Vom Himmel aus wirkt sie weiter für die Kirche Gottes, betet für Frankreich und besonders für das «Heilige Land».
Sie hatte zu Lebzeiten die Niederlage der Franzosen im Kriege 1870-71 erlebt. Sie prophezeite schon 1873 einen «zehnmal schlimmeren Krieg», wo unsagbare «Ströme von Blut fließen» würden. «Lange» würde er dauern, auch viele Priester würde man einziehen, «sie voranschicken in die schlimmste Gefahr». Aber Frankreich werde am Ende «nicht unterliegen, weil es soviel Gutes in den Missionen für Gott getan» hat, «als dass er es verlassen könnte». Das alles erfüllte sich 1914-1918.
Die Andacht zum Hl. Geist ist nach der Überzeugung von Schwester Mirjam nötig für die Erneuerung der Kirche und die Heilung der Welt. Jeder Priester sollte jeden Monat wenigstens eine hl. Messe zu Ehren des hl. Geistes feiern. Die Muttergottes, welche Schwester Mirjam öfters in ihren Visionen sah, und die sie als Mutter und Führerin in ihrem geistlichen Leben betrachtete, wird dabei helfen. Vom Rosenkranz sagte die Begnadete: «Je öfter das Ave Maria, desto fester und größer das Korn.»
Wie im Leben so vieler Mystiker fand der Teufel soviel Heiligkeit unausstehlich. Wo die Gottesliebe am größten ist, kennt der Hass seines Widersachers keine Grenzen. Daher die Angriffe des Teufels gegen die Heilige.
«Ich wünsche, das die ganze Welt heilig werde», betete Schwester Mirjam in der Abgeschiedenheit des Karmel. Erstaunliche Bekehrungen blieben nicht aus, wenn Schwester Mirjam betete und sich für jemanden harte Bußen auferlegte.
Sie hatte ein Lieblingsgebet, das sie andern empfahl, das so recht die Schwerpunkte ihrer Frömmigkeit widergibt. Während der Betrachtung im Maimonat 1869 war es ihr eingegeben worden. Es lautet:
O Heiliger Geist, beseele mich, O Gottes Lieb, verzehre mich, den Weg der Wahrheit führe mich, Maria, Mutter, schau auf mich, mit deinem Jesus segne mich, vor aller Täuschung und Gefahr, vor allem Übel mich bewahr.
Literatur:
«Licht vom Tabor»
Mirjam die kleine Araberin
184 Seiten E 8.90 CHF 16.
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