Das Evangelium vom barmherzigen Samariteran die Menschen guten Willens geoffenbart an Jean-Marc
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Der hl. Johannes von Gott begegnete um das Jahr 1510 eines Tages einem halbtoten Mann auf einem Platz in Granada (Spanien). Er hob ihn vorsichtig auf und trug ihn auf seinen Schultern ins Hospital. Dort legte er ihn auf ein Bett und wusch ihm die Füße wie er es auch bei allen anderen tat. Aber, o Wunder, als sich der Heilige neigt, um diesem Armen die Füße zu küssen, bemerkt er an einem der beiden Füße eine leuchtende, strahlende Wunde, an der er den gekreuzigten Erlöser erkennt. Als er die Augen erhebt, vernimmt er aus seinem göttlichen Mund die Worte: «Johannes, was den Armen in meinem Namen Gutes getan wird, wird mir getan. Ich bin es, der die Hand nach dem Almosen ausstreckt, das man ihnen gibt; ich bin es, der mit ihrem Gewand bekleidet ist; ich bin es, dem du jedesmal die Füße wäschst, wenn du einem Armen oder Kranken diesen Dienst erweist.» Nach diesen Worten verschwand Christus und ließ die Seele seines Dieners Johannes von Gott mit äußerster Bewunderung erfüllt zurück.
Der hl. Johannes von Gott, wie auch Kamillus Lellis oder Mutter Teresa, war ein großer Apostel der Nächstenliebe. Er enthüllt uns durch sein Leben das Wesen der Liebe, die Gott besonders wohlgefällig ist. Gott zu lieben bedeutet nämlich, den Menschen zu lieben. Es bedeutet, im eigenen Herzen das Gesetz der Liebe zu erkennen, das Gott dort eingeschrieben hat und das wir entfalten und in die Tat umsetzen sollen, um uns zu heiligen. Was heißt leben, wenn es nicht lieben bedeutet und was heißt lieben, wenn es nicht Selbstverzicht bedeutet, um zu schenken und sich selbst zu schenken und dadurch in der Freude des Gebens das wahre Glück zu entdecken.
Jesus ist gekommen, um uns das Beispiel zu geben. Er macht sich zum Diener des Menschen, als er ihm am Gründonnerstag die Füße wäscht. Damit fordert er jeden, der unter den Menschen der Größte sein will, auf, dasselbe zu tun.
Den Gesetzeslehrer, der ihn fragt: «Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?», verweist Christus auf das Lesen des Gesetzes und auf das, was im Gebot steht: «Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Gemüte».
Gott von ganzem Herzen zu lieben heißt, ihm bei allem, was die Welt ihm entgegensetzt, den Vorzug zu geben: den Vorzug vor Reichtum, Ehre und Macht, denn Gott steht über allen Geschöpfen und über der ganzen Schöpfung. Er verdient, daß unser ganzes Sein ihm zugewandt ist; er verdient, daß wir uns danach sehnen, unser Herz mit dem Seinen zu vereinen, denn er ist unser Gott und das Ziel unserer Liebe.
Gott von ganzer Seele zu lieben heißt, bereit zu sein, unser Leben für ihn hinzugeben, eher Prüfungen zu akzeptieren, auf alle ungesunden Vergnügungen zu verzichten, als seine Gnade zu verlieren und in Sünde zu leben.
Gott mit ganzer Kraft zu lieben heißt, allen Willen aufbringen, um den Feinden Gottes zu widerstehen; es bedeutet, allen Mut aufbringen, um Zeugnis für ihn abzulegen, damit das Böse zurückweicht und seine Gerechtigkeit, seine Wahrheit, seine Liebe und seine Barmherzigkeit mitten in der Welt triumphieren kann.
Gott mit ganzem Geist zu lieben heißt, alle Gedanken und die Intelligenz in den Dienst der Wahrheit und der göttlichen Weisheit zu stellen und unablässig bemüht zu sein, wahr und gerecht zu denken und in der Wahrheit treu zu bleiben.
Den Nächsten wie sich selbst zu lieben bedeutet, zunächst zu lernen, sich selbst zu respektieren, um fähig zu sein, auch andere zu respektieren und zu lieben, denn wie kann man jemanden lieben, wenn man sich nicht selbst als Geschöpf Gottes lieben und respektieren kann?
Gott zu lieben, ohne den Nächsten zu lieben, der ein Geschöpf Gottes und durch Annahme ein Kind Gottes ist, wäre Unsinn, denn man kann nicht ein Kind Gottes sein, ohne jene zu lieben, die er uns als Brüder und Schwestern schenkt. Gott als Vater zu lieben heißt, den Nächsten als Bruder zu lieben und in seiner Andersartigkeit den Reichtum und die unermeßliche Vielgestaltigkeit der Gaben Gottes anzuerkennen. Gott ruft uns auf, unsere Brüder und Schwestern mit aller Kraft zu lieben.
Muß man seinen Nächsten kennen, um ihn zu lieben? Es stimmt, wir haben Menschen vor uns, die sich durch ihre Ideen und ihre Überzeugung, durch ihre sozialen Voraussetzungen und durch ihren Charakter, durch ihre Erziehung, ihre Kultur und ihre Religion von uns unterscheiden, aber trotz allem sind sie uns durch Christus, der für jeden von ihnen gestorben und auferstanden ist, nahe. Durch seine Erlösung hat er sie zu Kindern des himmlischen Vaters gemacht. Daher ist jeder Mann und jede Frau Sohn und Tochter Gottes durch Annahme, denn in ihren Herzen und in ihren Körpern fließt das Blut der Heilsgnade und der unendlichen Liebe Gottes. Wir alle sind Brüder und Schwestern, weil wir denselben Vater haben, der uns liebt und uns aufruft, uns in ihm und durch ihn zu lieben.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt uns Jesus, was es heißt, Nächster zu sein. Dieser geschundene und ausgeraubte Mann, der auf dem Weg nach Jericho von Räubern überfallen wurde, ist ein Unbekannter, ein Fremder, ein unglückseliger Mensch, den ein böses Schicksal getroffen hat. Zwei Männer gehen vorüber; sie kennen sich im Gesetz gut aus, sie wissen, was man für eine Witwe, einen Armen und ein Waisenkind zu tun hat, denn das Gesetz schreibt vor, sie zu unterstützen. Aber an diesem armseligen Menschen gehen sie gleichgültig vorbei. Der Priester, der vorbeigeht, hilft ihm nicht, denn er will sich nicht beschmutzen, indem er einen Unreinen berührt. Selber unrein geworden könnte er nämlich nicht länger das Opfer im Tempel darbringen. Der Levit, der dem Priester bei seinem Dienst hilft, handelt ebenso, um den Reimheitsvorschäften zu entsprechen; er fürchtet sich vor Unreinheit, die auf ihn übergeht, wenn er einem Fremden, der nicht der jüdischen Religion angehört, hilft.
Da kommt schließlich ein Samariter vorbei, ein Mann, der keinem Ritus verbunden ist, der nicht Sklave von Gesetzen ist, die der Liebe ihre Freiheit nehmen. Als er den Überfallenen sieht, hat er Mitleid mit seinem Elend; er leidet mit ihm und handelt wie ein Bruder. Er verbindet seine Wunden mit Öl; stärkt ihn mit Wein und mit Worten ermutigt er ihn und eindert das Leid dieses unglücklichen Mannes. Der barmherzige Samariter fragt nicht nach der Identität dieses Verletzten. Er macht es wie Viktor Hugo, der schrieb: «Ich frage dich weder nach deinem Namen, noch woher du kommst oder wohin zu gehst; du leidest, du bist mein Bruder, daher gehörst du zu mir».
Die Nächstenliebe des Samariters erschöpft sich nicht darin, den Verletzten am Wegesrand zu trösten und zu verbinden. Er tut noch mehr: er führt ihn in eine Herberge, das heißt, an einen sicheren und komfortablen Ort, wo er sich nach dieser schlimmen Erfahrung ausruhen und wieder zu Kräften kommen kann. Das heißt auch, daß man, wenn der menschlichen Not nicht mit den ersten Mitteln geholfen ist, ausdauernd sein muß und die den vom Leben Verletzten ermutigen soll, damit sie ihre körperlichen oder seelischen Wunden heilen lassen durch die stärke unserer Liebe und unserer Geduld, die im Laufe der Zeit den Verwundeten heilt und ihn zu einem neuen Menschen macht.
Der barmherzige Samariter muß wieder aufbrechen und bittet den Wirt, sich bis zu seiner Rückkehr um diesen Mann zu kümmern. Er läßt sich vertreten. So handelt die wahre Nächstenliebe. Sie wirkt weiter durch Mittelspersonen und was sie selber nicht tun kann, läßt sie durch andere zum Heil des Menschen tun. Sie haben sicher schon verstanden, daß der barmherzige Samariter Christus selber ist, der über dem Gesetz steht und der keine Verunreinigung fürchtet, wenn er den von der Sünde verletzten oder kranken Menschen pflegt; er pflegt ihn durch seine Gnade und er nimmt sich ein ganzes Leben lang Zeit, um ihn von der Wurzel her von seinem Übel zu heilen und aus ihm einen Heiligen zu machen. Christus wird in Herrlichkeit wiederkommen und von jedem von uns, die wir solche Wirte sein sollen, Rechenschaft fordern über das Heil der Menschen, die uns anvertraut waren. Brüder und Schwestern, verlieren wir keine Zeit, handeln wir wie Christus. Seien wir keine Sklaven der Gesetze, denn unsere Welt macht ständig neue Gesetze, um sich zu schützen, oder zu befreien: ein Gesetz für die Ehescheidung, ein Gesetz gegen moralische oder sexuelle Belastigungen, ein Gesetz zum Schutz der Kinder, ein ökologisches Gesetz für die Umwelt, usw... Der Philosoph Gustave Thibon schrieb: «Dort, wo es nur noch Gesetze gibt, gibt es keine Liebe mehr, wo jedoch wahre Liebe herrscht, sind Gesetze nicht mehr notwendig».
Wenn der Mensch wieder jene Freude zurückgefunden hat, die darin besteht, zu lieben und sich hochherzig hinzugeben, um seinem Nächsten Leben zu schenken, dann wird das Gesetz überflüssig, denn die Liebe ist größer als das Gesetz. Die Liebe betrachtet den Menschen mit den Augen Christi, sie respektiert ihn in seiner ganzen Würde als Geschöpf und Kind Gottes und dadurch ermöglicht sie ihm, in der Weisheit und im Frieden der Liebe zu leben.
Sein Leben lang ein barmherziger Samariter zu sein bedeutet, fähig zu sein, in den Brüdern und Schwestern den leidenden Christus zu umarmen und großherzig genug zu sein, um an jeden Kranken oder Ungeliebten die Liebe und das Erbarmen Gottes weiterzugeben, das von meinem Herzen für ihn ausgeht.
Christus ist bei seinem Vater verherrlicht, aber es beglückt ihm, wenn er in uns und durch uns handeln kann, sobald wir ihm unser Leben übergeben, damit auf der Erde wieder ein barmherziger Samariter ist. Er braucht demütig unser Herz, um die Ärmsten zu lieben; er braucht unsere Arme, um sie an sein Herz zu drücken; er braucht unsere Beine, um an ihrer Trauer teilzuhaben; er braucht unseren Mund, um ihnen seine Liebe zu bezeugen; er braucht unser Lächeln, um ihnen seine Freude und seine Hoffnung mitzuteilen und ihnen durch seine Güte und väterliche Liebe die Lebensfreude und das Wissen, durch uns Christen von Gott geliebt zu sein, wieder zurückzuschenken.
Das ist das Lebensprogramm, das uns dieses Evangelium vom barmherzigen Samariter aufzeigt. Es mit der Gnade des Herrn täglich zu erfüllen, wird unsere Freude und unsere Seligkeit sein, denn jeder von uns kann sich die Frage stellen: «Gibt es auf der Erde etwas Größeres, das mich Christus gleichgestaltet, als wenn ich lerne, mich hinzugeben, um meine Brüder und Schwestern uneigennützig zu lieben und zu sterben, um die Menschen für immer am Gottes Herrlichkeit seilnehmen zu lassen?»
François Zannini, Prierter
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