Fratel Cosimo — René Laurentin

Hat Fratel Cosimo in Kalabrien
eine Quelle zum Fließen gebracht?

=> MARIA HEUTE 395 INHALT

Hier bin ich also, in der äußersten Spitze des italienischen Stiefels. Mit dem Flugzeug gelandet am 10. November 2002 um 22 30 Uhr auf dem Flughafen von Lamezia, gleich gegenüber von Sizilien und dem zur Zeit aktiven Aetna. Von da weg haben wir den Stiefel durchquert, vom Tyrrhennischen hinüber zum Ionischen Meer. Eine halbe Stunde nach Mitternacht kommen wir in Caulonia an, wo wir wohnen. Trotz der späten Stunde empfängt uns die Tochter des Hoteliers mit großer Liebenswürdigkeit. Am Morgen entdecke ich bei Sonnenaufgang das intensive Azurblau des nahen Meeres.Was will ich luer denn machen, hier im untersten Teil Europas, nahe Nordafrikas? Meine Schweizer Freunde, Marlène und Alfred Reichmuth, haben mich hierher geführt. Ihre erste Reise nach Placanica zu Fratel Cosimo wurde für sie, die beiden Juristen, zu einem Schlüsselereignis, einem Licht, das ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Lebenseinstellung, ihre Freizeitgestaltung verändert hat, hin zum Herrn. Es ist dies das siebente Mal seit 18 Monaten, dass sie dahin zurückkehren. Fratel Cosimo wünschte mich zu sehen. Ich bin in Italien besser bekannt als in Frankreich, auch was die Erscheinungen anbelangt. Meine Freunde haben mich dazu bewogen, hinzukommen.
Am Morgen des 11. November steigen wir erneut in unser rotes Mietauto, fahren vorerst dem Ionischen Meer entlang, stoßen danach über kleinere Straßen in die dahinterliegenden Hügel vor. Bald sehen wir die Festung, welche Placanica dominiert, das Dorf von Fratel Cosimo. Enge, steile, kurvenreiche Sträßchen, die La Salette in Erinnerung rufen (hier indessen auf 300 statt 2700 m ü M). In den letzten Kurven erhebt sich vor unseren Augen der Pilgerort: Arkadenbögen scheinen die Hügelkuppe zu halten, die abgetragen wurde, um den Pilgerplatz zu vergrößern, der zu klein geworden war.
Wir sind angekommen auf dem Scoglio, dem Felsen unmittelbar neben dem Geburtshaus von Fratel Cosimo. Der Erscheinungsort. Die Pilger kommen, um den Scoglio zu küssen, wie man den Felsen der Grotte von Lourdes küsst, nachdem die Jungfrau Marie Bernadette aufgefordert hatte, die Erde zu küssen: eine Geste, die die Weisen der Welt empört hatte, so wie er die Intelligenzia von heute skandalisiert. Wir befinden uns in rund 4 km Fluglinienentfernung von Placanica, aber Fratel Cosimo muss ca. 7 Km über schlecht unterhaltene, kurvenreiche und steile Sträß-chen zurücklegen, um am Sonntag zur Messe zu gehen.
Er ist da; er erwartet uns: eine kleine bescheidene Erscheinung voller einnehmender Herzlichkeit und Transparenz, die die Gegenwart Gottes und der Jungfrau Maria licht und hell durchscheinen lässt. Seine Haare sind leicht ergraut. Er steht im 52.
Lebensjahr. Dieses Alter und seine tiefe, von Demut durch und durch geprägte Bescheidenheit lassen ihn leicht gebückt erscheinen.
Fratel Cosimo wurde am 27. Januar 1950 geboren, aber erst im Mai 1950 in der Kirche von Placanica getauft. Er besuchte dort die für ihn weit entfernte Schule. Hin- und Rückweg dauerten je über eine Stunde. Sein Vater war Kriegsinvalide. Seine Schulzeit beendete er nach der Prima Media mit elf Jahren. Danach hütete er Ziegen und Kühe; ab 14 b er auch die Felder. Er lebte ein zurückgezogenes und arbeitsames Bauernleben, fernab der Motorisierung, fernab von allem, was unter dem Himmel geschieht, ohne besondere mystische Gnade.
Und da, mit 18, geschieht etwas, was sogar wenig christlichen Christen geschehen kann, er wurde besucht. Nach jeder lichtvollen Erscheinung unserer lieben Frau («La Madonna» nennt man sie mit Inbrunst in Italien) hat er sich sofort darangemacht, alles aufzuschreiben. Seine handgeschriebenen Notizen, die er nach jeder Erscheinung dem damaligen Ortspfarrer, dem seither verstorbenen Don Rocco Gregorace, übergeben hatte, waren im Pfarrhaus verlorengegangen. Fratel Cosimo hat aber die Notizen über die ersten Erscheinungen bei sich sorgfältig aufbewahrt und sie mir für die erstmalige Veröffentlichung anvertraut: ein Bericht ohne Kommentar wie derjenige von allen echten, wahrhaftigen Sehern.

Erste Erscheinung

Es war im Mai 1968. Die Christenheit Europas und Amerikas wurde erschüttert durch eine Revolution neuen Stils. Ein Wind der Zügellosigkeit an Träumen, Eros und Barrikaden auf dem Grabhügel der Verbote erschütterte de Gaulle, Frankreich und die Kirche. Die Revolution ließ innert Monaten zahlreiche Seminare und blühende Werke von der Bildfläche verschwinden.
Cosimo Fragomeni war weit weg von all’dem, doch die Jungfrau erscheint ihm «traurig», ohne Tränen, dies im Unterschied zu La Salette. Hier sein bis heute unveröffentlichter Bericht:
Am 11. Mai 1968 kam ich in der Abenddämmerung von den Feldern nach Hause. Als ich am Scoglio (dem 4 bis 5 Meter hohen Felsen, der das Geburtshaus überragt) angekommen war, wurde ich von einem starken großen Licht geblendet. Ich hielt an, hob den Kopf, um zu sehen, was passiert war, sah aber nichts. Kaum wollte ich weitergehen, war es, wie wenn jemand mir sagen würde, ich solle zum Felsen schauen. Da sah ich sie, vor meinen Augen, oben auf dem Scoglio: das anmutige Gesicht einer jungen rund 18-jährigen Frau mit dunklem Teint und langen dunklen kastanienbraunen Haaren, barfuß, mit gefalteten Händen. Ein funkelndes Meer von Lichtstrahlen umgab sie. Hinter ihr war es wie eine leuchtende Sonne mit goldenen Strahlen. Sie trug ein schneeweißes Kleid, einen azurblauen Gürtel und Mantel, einen weißen durchsichtigen, sternenübersäten Schleier auf dem Kopf und am Handgelenk einen leuchtenden Rosenkranz aus Perlen.
In diesem Augenblick habe ich wie einen Fieberschauer in meinem Körper gespürt. Ich wurde von großer Furcht erfasst und wollte weglaufen aus Angst, dass es irgendein Geist sei, obschon sie dem Äußeren nach der Madonna zu gleichen schien.
Die Darstellung ist kristallklar wie diejenige von Bernadette und von gleicher Aufmachung: das Licht geht der Erscheinung voraus und umgibt sie. Eine ehrfurchtsvolle Angst ergreift den jungen Bauern von 18 Jahren, welcher kaum die Schule besucht hat, welcher sich aber mit der intuitiven Intelligenz und Kultur der Menschen, die die Erde kultivieren, sehr treffend auszudrücken vermag. Er beschreibt die Erscheinung mit eher ausgewählten Ausdrücken wie «carnagione, luccicanti, fulgidissima», die sich nicht in meinem kleinen Wörterbuch befinden. Er fährt fort:
Vom Scoglio herab neigte die junge Frau den Kopf, öffnete die Hände und tat mir mit einem Zeichen kund, nicht zu fliehen. Ihre liebliche Stimme ließ folgende Worte ganz, ganz sachte und deutlich vernehmen:
— Hab‘ keine Angst, ich komme aus dem Paradies. Ich bin die Unbefleckte Jungfrau, die Mutter des Gottessohnes. Ich bin gekommen, um Dich zu bitten, hier eine Kapelle zu meiner Ehre zu erbauen. Ich habe diesen Ort außerwählt. Ich will hier meine Wohnstätte errichten und wünsche, dass man aus allen Ländern hierher komme, um zu beten.
Nach diesen Worten faltete sie die Hände, nickte mit dem Kopf, hob die Augen zum Himmel, entfernte sich vom Felsen und entschwand in der Höhe. Plötzlich fühlte ich mich innerlich aufgewühlt, zutiefst verunsichert, voller Zweifel. War es wirklich die Madonna oder nicht? Ich bin noch einen Augenblick beim großen Zaun am Fuße des Scoglio geblieben und dann sofort nach Hause gegangen. Ohne Zögern habe ich Feder und Papier genommen und habe die Worte der jungen Frau, die ich eben gehört hatte, niedergeschrieben, um sie ja nicht zu vergessen.

Zweite Erscheinung

Am Morgen des 12. Mai 1968, kaum aufgestanden, ging ich zum Scoglio. Ich betete ein wenig, sah aber nichts. Am späten Abend drängte mich eine starke innere Regung, zum Scoglio zurückzugehen.
Kaum angekommen bei dem großen Zaun vor dem Felsen erhob ich die Augen und schaute zum Scoglio hinauf. Plötzlich war ich geblendet durch ein gleißendes Licht. Der Scoglio leuchtete wie bei vollem Tageslicht. Vom Himmel ergoss sich ein Bündel von Lichtstrahlen auf den Scoglio herab. Und plötzlich erschien inmitten dieses wundervollen Lichtes die junge Frau. Ich war nicht mehr fähig, mich auf den Beinen zu halten: ich fiel auf die Knie und sagte mit zitternder Stimme:
— Wenn Sie die Madonna sind, helfen Sie mir!
Sie neigte mir den Kopf und sagte:
— Ich werde Dir helfen, aber Trübsal und Leiden werden Dir nicht fehlen. Lass Dich nicht entmutigen, ich werde mit Dir sein und Dich mit meiner Hand stützen. Der Herr will aus Dir ein Instrument Seiner Liebe für das Heil der Seelen machen.
Nach diesen Worten lächelte sie mich an, hob Ihre Augen zum Himmel, nickte mit dem Kopf und entschwand in der Höhe.
An diesem Abend hatte ich keine Angst mehr; eine große Freude und ein tiefer Friede erfüllten mein Herz. Ich kehrte glücklich nach Hause zurück und brachte die Worte der Heiligen Jungfrau sofort zu Papier.

Dritte Erscheinung

Am 13, Mai 1968 ging ich mehrere Male während des Tages beten beim Felsen und, während ich am Fuß des Scoglio ins Gebet versunken war, duftete es ganz intensiv nach Blumen. Am Abend, mehr oder weniger zur gleichen Zeit wie am Vortag, drängte mich eine mysteriöse Kraft zum Felsen. Ich ging hin, kniete nieder und begann das Ave Maria zu beten, die Augen auf die Spitze des Felsens gerichtet. Plötzlich – wie wenn der Himmel sich öffnete – sah ich ein Bündel von Lichtstrahlen herniederkommen auf den Scoglio und inmitten dieses Lichtkegels erschien die Heilige Jungfrau. Ich fragte sie:
— Heilige Jungfrau, sagen Sie mir, was ich für Sie tun soll?
Sie neigte leicht ihren Kopf und sagte zu mir:
— Ich bitte Dich um die Gunst, dieses Tal zu verändern.
Sie spricht mit großer Ehrerbietung mit Fratel Cosimo, wie sie auch mit Bernadette am 18. Februar 1858 sprach, indem sie sie bat, ihr die Gunst zu erweisen, zu kommen… Und sie fährt fort:
— Ich wünsche von Herzen, dass hier ein großes spirituelles Zentrum entsteht, wo die Menschen Frieden und Linderung finden. An diesem Ort will Gott ein Fenster zum Himmel öffnen. Durch meine Vermittlung will Er seine Barmherzigkeit kundtun.
Nach diesen Worten verharrte die Heilige Jungfrau für einen kurzen Augenblick in Schweigen. Darauf lächelte sie mir lieblich zu und entschwand. Ohne Zögern erhob ich mich, ging nach Hause, um aufzuschreiben, was die Heilige Jungfrau mir kundgetan hatte.

Vierte Erscheinung

Am 14. Mai 1968 wie am Vortag begab ich mich mehrmals zum Scoglio, um zu beten, und wiederum spürte ich dieselben Blumendüfte. Am Abend nach der Dämmerung vernahm ich in mir wie einen Ruf, zum Scoglio zurückzukehren. Ich ging hin, kniete nieder und begann zu beten. Vom Himmel her ergoss sich ein Bündel von Lichtstrahlen und inmitten dieser herrlichen Pracht erschien auf dem Felsen die Heilige Jungfrau. Sie machte dabei mit Ihrem Kopf eine leichte Verbeugung und begann mit trauriger Stimme zu sprechen.
— Wenn die Menschen sich bekehren, ihre Sünden
bereuen, beichten, sich Gott nähern und Ihn von ganzen Herzen lieben, wird Gott sich ihnen zuwenden und sie in seinem Haus empfangen.
Während die Madonna diese Worte aussprach, war ihr Gesicht schmerzerfüllt. Sie verharrte einige Minuten in Schweigen. Darauf nahm sie den leuchtenden Rosenkranz von ihrem Arm, streckte mir die Hand entgegen und sagte:
— Hier ist mein Rosenkranz: er sei Dein tägliches Gebet. Schenke ihn meinem unbefleckten Herzen für die Bekehrung der Welt, den Triumph des Gottesreiches, den Frieden der Nationen und das Heil der Menschheit.
Nach diesen Worten faltete sie langsam die Hände und verblieb einen Augenblick wie versunken im Gebet. Darauf neigte sie ihr Haupt zum Gruß, schenkte mir ein Lächeln von wunderschöner Lieblichkeit und entschwand nicht ohne einen köstlichen Duft zu hinterlassen.
Unmittelbar danach bin ich nach Hause gegangen. Ich nahm meine Feder und schrieb auch dieses Mal alles nieder, was die Madonna mir gesagt hatte.

Abbé R. Laurentin
(Fortsetzung folgt)

Videofilm «Fratel Cosimo — der Eremit in den Bergen und das Wunder im Aspromonte», Gino Cadeggianini,
VHS - 45 Min., E 29.– CHF 46.–

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