René LejeuneDer hl. Ludwig-Maria Grignion de Montfort
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Herbst 1692: ein neunzehnjähriger Jüngling wandert auf der Straße nach Paris. Er trägt ein schönes neues Gewand und in seiner Tasche spürt er das Gewicht von zehn Goldtalern. Der Weg ist weit; der junge Mann hat im Laufe von zwei nicht enden wollenden Wochen ungefähr dreihundert Kilometer Schritt für Schritt zu bewältigen.
Und siehe da: Ein Armer, der elend aussieht und ihn mit flehendem Blick anschaut, kreuzt seinen Weg. Dem jungen Mann bricht es das Herz. Er leert seine Tasche und gibt dem armen Schlucker seine zehn Goldtaler.
Es war Jesus selbst, dem Ludwig-Maria (Louis-Marie) Grignion de Montfort soeben seinen Schatz gegeben hat. Davon ist er überzeugt. Er beschließt mit großer Entschiedenheit, sich von allem zu entäußern und Christus anzulegen. Ludwig-Maria ist noch recht jung, aber er fliegt schon wie ein Adler in den schwindelerregenden Höhen der Heiligkeit.
Etwas später begegnet er einem zweiten, mit Lumpen bekleideten Habenichts. Ludwig-Maria besitzt nur noch seine grenzenlose Hingabe an Gott und
sein neues Gewand. Daran soll es nicht liegen! Er entledigt sich seines Gewandes und tauscht es gegen die Fetzen des Barfüßers. Dann setzt er seinen Weg leicht wie ein Vogel und mit frohgestimmter Seele fort
Sein Reiseziel ist das Priesterseminar Saint-Sulpice in Paris. Am Ende seiner Reise wird er dort in einem Nebengebäude aufgenommen, wo die Söhne armer Familien untergebracht werden.
Ludwig-Maria ist von einer einzigen Sehnsucht entflammt: er will Priester werden. Er hat Montfort-la-Cane1 verlassen und die Hälfte des Weges in einer Postkutsche zurückgelegt. Die andere Hälfte hat er nach dem Vorbild, das Jesus in seinem öffentlichen Leben gegeben hat, zu Fuß zurückgelegt. Ludwig-Maria ließ seinen Vater, den Advokaten Jean-Baptiste Grignion, seine sanfte, friedvolle Mutter und seine vielen Geschwister zurück. Jeanne Grignion brachte achtzehn Kinder zur Welt, von denen elf überlebten.2 Die Geldbörse der Familie war oft leer. Trotz dieser periodischen Unbill gelobte Ludwig-Maria, ergriffen vom Absoluten, niemals etwas als sein Eigentum zu besitzen. Sein Reichtum würde die evangelische Armut sein! In armseliger Kleidung und auf Bettelei angewiesen, schien es dem jungen Bretonen dennoch, als habe er Flügel. Ist er nicht ganz in den Händen des himmlischen Vaters?
In diese unwahrscheinlich klingenden Episode, die sich auf der Straße nach Paris zugetragen hatte, ist Grignion de Montfort mit «Haut und Haaren» enthalten und zugleich ist auch das ganze Evangelium in höchstem Grade in ihr enthalten. Eine Seele von Feuer und ein Glaube, der Berge versetzt. Diese Art von Heiligen wirft Fragen auf und ruft feindliche Reaktionen bei denen hervor, die sich durch die Routine und die altgewohnten Pfade abschotten. Es dauerte nicht lange, bis Ludwig-Maria es am eigenen Leib verspürte. Und so trat er nun in Saint-Sulpice ein.
Die Priestergemeinschaft von Saint-Sulpice war im Gefolge des Konzils von Trient (1545-1563) entstanden, das die dringende Notwendigkeit einer soliden Priesterausbildung betont hatte. 1641 gründete der Pfarrer von Saint-Sulpice, Jean-Jacques Olier (1608-1657), in der Nähe der Pfarrkirche Saint-Sulpice ein erstes Seminar. Schon bald erhält er von überallher Ansuchen. Die vom Konzil unterstrichene Dringlichkeit hatte sich inzwischen im französischen Katholizismus verwurzelt. Der Prozeß tiefgreifender Reformen geht stets langsam vonstatten.3 Er muß sich zuerst in den Gemütern und in den Herzen herauskristallisieren. In jener Zeit entstanden in Frankreich mehrere äußerst fruchtbare Gründungen, zu denen auch das Oratorium, die Eudianer, die Gut-Hirten, die Kleinen Schwestern der Armen, die Lazaristen, die Vinzentinerinnen gehörten. Diese Konstellation bildete sich im Kielwasser der Spiritualität der «Ecole française». Es ist eine schlichte Spiritualität: Der Gesellschaft so wie sie ist Jesus kundtun so wie Er ist. In Jesus berührt man Gott und sieht Ihn. Er spricht zu uns. Die Menschheitsgeschichte ist nichts anderes als die langsame, schmerzliche, lichtvolle Auferbauung des mystischen Leibes Christi. Und dazu muß Jesus und seine Frohe Botschaft unablässig verkündet, und die Liebe, die Er für jeden Menschen hegt, spürbar gemacht werden. Von abstrakten theologischen Spekulationen ist man weit entfernt. Ludwig-Maria hat sich auf seine Art, d.h. radikal, von dieser Spiritualität prägen lassen. Acht Jahre lang nimmt er die Prägung von Saint-Sulpice in sich auf. Sie läßt sein geistliches Leben zu einer Einheit verschmelzen. «Gott allein», lautet seine Devise. Das impliziert die Loslösung von den Geschöpfen, das Hören auf den Heiligen Geist, der in uns will, was Gott will (vgl. Röm 8, 27). Im Laufe dieser Pariser Jahre sprießt und wächst in seinem Herzen eine Leidenschaft, die ihn buchstäblich verzehrt: die missionarische Glut. Sich von den Geschöpfen zu lösen bedeutet nicht, sich von ihnen abzuwenden und noch weniger, sie nicht zu beachten; es bedeutet vielmehr: sie in Gott zu lieben, wie sie vom Schöpfer geliebt werden und sie so zu lieben wie sie in sich selber sind.
In den ersten vier Jahren wird Ludwig-Maria in Saint-Sulpice auf seinem anspruchsvollen Weg durch einen Seelenführer begleitet, der den Intentionen des Gründers M. Olier treu folgt. Ab 1696 wird er durch M. Leschassier, der seinem Schützling eine moralisierende psychologische Prägung aufnötigen will, mehr verwirrt als geführt. Diese neue Prägung ist Lichtjahre von jenem glutvollen Glauben und jenem Entbranntsein, das in seinem Inneren lebendig ist, entfernt. Obwohl M. Leschassier von der Großherzigkeit des Seminaristen beeindruckt ist, fragt er sich doch, ob er vom «guten Geist» geführt wird.
Dennoch ist der Anteil des Einflusses, den das Seminar Saint-Sulpice auf die spätere montfortanische Spiritualität ausübt, beträchtlich. Unter anderem richtet Ludwig-Maria die marianische Frömmigkeit, die er aus dem bretonischen und familiären Umfeld seiner Heimat «geerbt» hatte, wieder auf Christus aus; er vertieft diese Verehrung durch den Kontakt mit anderen marianischen Autoren, wie z.B. mit P. Poiré, dessen Werk von der Rolle handelt, die Maria im Schoß der Heiligen Dreifaltigkeit einnimmt, oder mit M. Boudon, dem Erzdiakon von Evreux, dessen Schrift «Gott allein oder Die heilige Leibeigenschaft gegenüber der bewundernswerten Mutter Gottes» er meditiert. In aufeinandertolgenden Schichten baut Ludwig-Maria jene starke und volkstümliche Marienverehrung auf, die seine Prägung trägt und die bis hinein in unsere Tage unzählige Menschen erleuchtet.
Die beiden bekanntesten Werke, die der hl. Ludwig-Maria veröffentlichte, sind der Mutter Jesu gewidmet: «Das Geheimnis Mariens» und die «Abhandlung über die echte Verehrung der heiligen Jungfrau Maria».4 Maria wurde auserwählt, die Mutter des Erlösers zu werden und dadurch wurde sie auch zur Mutter aller Erlösten. Maria zu lieben bedeutet notwendigerweise Christus zu lieben. Die Liebe zu Maria hat keine andere Funktion als zu Jesus zu führen, der das Ziel aller Verehrung ist. Die Weihe an Maria ist ihrem Wesen nach eine Weihe an Jesus durch seine heilige Mutter. Maria hat nur ein einziges Trachten: daß ihre Kinder nach und nach Jesus gleichgestaltet werden. Man ist nur in dem Maße wirklich Sohn und Tochter Mariens, als man Jesus ähnlich ist. Mit Beginn des öffentlichen Wirkens ihres Sohnes hat Maria den Weg der Gleichgestaltung mit ihrem Sohn aufgezeigt: «Was er euch sagt, das tut» (Joh 2, 5). Sich Maria zu weihen, bedeutet in ihrer Abhängigkeit zu leben, um sicherer und auf dem kürzesten Weg zu Jesus geführt zu werden; es bedeutet, im alltäglichen Leben alles mit Maria und in ihrem mütterlichen Licht zu tun und zu unternehmen. Die darin geübte Seele verwendet schließlich nur noch das «wir»; sie ist beständig in Begleitung von Maria. Daraus resultiert eine innige Vertrautheit und eine unendliche Seelenruhe. Marias Wesen färbt auf ihre Kinder, die Tag für Tag in ihrer Nähe leben, ab. Und wenn die Mutter sich freut zu sehen, daß ihre Kinder Jesus immer ähnlicher werden, so ist der Herr voll Freude, wenn er bei ihnen entdeckt, daß sie allmählich die Züge seiner heiligen Mutter annehmen.
Auf diese Weise in inniger Vertrautheit mit Maria zu leben, bedeutet behenden Schrittes auf dem königlichen Weg der Heiligkeit voranzuschreiten. Es bedeutet, im eigenen Leben immer intensiver einen Abglanz der alleinigen Heiligkeit Gottes auf andere Menschen auszustrahlen. Diese Heiligkeit ist jedem Menschen in der Nachfolge Jesu, des menschgewordenen Gottes, zugänglich. Maria geleitet ihre Kinder so sicher zu Jesus wie das Flußbett das Wasser zum Ozean führt.
Das also ist die echte Marienverehrung; sie fügt sich auf ganz natürliche Weise in jede Spiritualität, in jeden Lebensstand, in alle Umstände ein. Es konnte gar nicht anders sein, als daß Grignion de Montfort, der Meister dieser Marienfrömmigkeit, eine dauerhafte Ausstrahlung hatte, trotz der Sprache seiner Zeit, die manchmal in heutigen Ohren etwas archaisch und altmodisch klingt.
Am 5. Juni 1700 erreicht Ludwig-Maria sein so glühend verfolgtes Ziel: er wird zum Priester geweiht. Während seiner Studienjahre wuchs in seinem Herzen ein Apostolatsprojekt heran: «Wenn ich die Not der Kirche sehe», schrieb er im Jahr seiner Priesterweihe, «kann ich nur unablässig flehend darum beten, daß eine kleine, arme Gemeinschaft guter Priester gesandt werden möge. Sie sollten unter dem Banner und dem Schutz der seligen Jungfrau Maria von Pfarrei zu Pfarrei gehen, den Armen das Evangelium verkünden und sich der Göttlichen Vorsehung anheimgeben». Das ist die wichtige und dringende Aufgabe, der er sich während der ihm noch verbleibenden sechzehn kurzen Jahre widmet, bevor er gänzlich erschöpft zum Herrn und seiner heiligen Mutter in das himmlische Vaterhaus heimkehrt. Die Not der Kirche? Sie ist die tragende Säule der Gesellschaft und es ertönen unheilvoll krachende Geräusche in ihr. Der Glaube gerät ins Wanken, das Heidentum breitet sich aus, die Moral verfällt sobald sie sich nicht mehr auf den Glauben stützt. Auf der anderen Seite treibt der Jansenismus mit seinen harten und unbarmherzigen Vorschriften zur Entmutigung; viele Bischöfe und Priester sind Anhänger dieser Strömung geworden. Wenngleich sie einige Menschen, die vom Absoluten ergriffen sind, anzieht, so entfremdet sie doch die Massen (vom Glauben) und ruft Feindseligkeiten hervor. Der lebendige Glaube ist auf eine Vielzahl von Formeln und Vorschriften reduziert worden, die von einer Disziplin auferlegt werden, der die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes fehlt.
Ludwig-Maria träumt von der Rückeroberung der Armen. Er versucht, sich in die Missionsbewegung einzureihen, die nach dem Konzil von Trient entstand und die im gesamten 17. Jahrhundert blühte. «Die kleine, arme Gemeinschaft guter Priester», die sich Ludwig-Maria vorstellte, sollte von einem Dekanat zum anderen gehen; sie sollte durch alle Pfarreien ziehen und in jeder einzelnen Pfarrei zwei bis drei Wochen bleiben, um zu predigen, die Glaubenswahrheiten zu lehren, die Herzen und die Seelen zu bewegen und sie zu einer Beichte und einer Änderung ihres Lebens bringen. Genau dies war Vinzenz von Paul so gut gelungen; die Lazaristen und die Eudianer tun dies noch immer. Das war auch in der Auvergne die Methode von J. Olier gewesen, als er noch ein junger Priester war und das Seminar von Saint-Sulpice noch nicht gegründet hatte. Er begeisterte die Menschenscharen so sehr, daß sie einen ganzen Tag geduldig in der langen Schlange vor seinem Beichtstuhl warteten, um bei ihm zu beichten. Ludwig-Maria hatte sich diese Bilder in Paris eingeprägt. Er möchte seinen Teil zur Rückeroberung des Landes beitragen. Er schließt sich einer Gruppe missionarischer Priester in Nantes an. Aber leider wird seine feurige Sprache, der originelle Ton und sein, von einem radikalen Glauben bestimmtes Verhalten von den Mitbrüdern, die eher aus konservativem Holz geschnitzt sind, nicht geschätzt. Er verläßt sie und ist dennoch glücklich über das positive Echo, das seine Worte und seine Lebensweise im Volk ausgelöst haben.
Der Bischof von Poitiers beruft ihn daraufhin als Armenseelsorger in das städtische Hospital. Er ordnet das geistliche Leben in dieser anarchisch gewordenen Umgebung, wo die Kranken vernachlässigt und nicht sorgfältig gepflegt werden. Im großen Saal stellt er ein Kreuz auf, versammelt dort seine «Töchter» und läßt sie das Offizium beten. Das Klima verändert sich. Bedeutende Leute schließen sich ihm an; darunter auch Marie-Louise Trichet, die Tochter des königlichen Prokurators, die sich mit einem Gewand aus grobem, grauem Stoff bekleidet. «Die Töchter der Weisheit» entstehen. Das Wirken von Ludwig-Maria ruft natürlich Gegnerschaft hervor. Er begibt sich in die Salpêtrière in Paris, wendet dieselbe Methode an und wird
nach fünf Monaten entlassen.
Der arme Priester muß in der Pot-de-Fer Straße unter einer Treppe seine Zuflucht suchen und dort sechs Monate wie ein Eremit leben. Auf Druck der Kranken wird er wieder nach Poitiers gerufen, wo man ihn ein Jahr lang duldet
1705 beginnt in seinem Leben jene außergewöhnliche Periode, die ganz der Mission gewidmet ist. Wie die großen prophetischen Vorläufer ruft er die Männer und Frauen, die zu Scharen herbeieilen, auf, sich von sich selbst zu entleeren, um sich mit Gott zu füllen, und um mit Gott durch die «heilige Leibeigenschaft» verbunden zu bleiben. Er fügt die persönliche Note der Weisheit Gottes hinzu, die sich jede aufstrebende Seele aneignen sollte.
Fortsetzung folgt
René Lejeune
Anmerkungen:
1. Diese Ortschaft heißt heute Montfort-sur-Meu.
2. Die Familie schenkte Gott drei Priester und zwei Ordensfrauen.
3. Die Bedeutsamkeit der durch das Il. Vatikanische Konzil in Gang gesetzten Reformen wird erst im 21. Jahrhundert umfassend verstanden werden.
4. Das Manuskript dieses kleinen, kostbaren Buches wurde erst 1842 gefunden. Es hatte einen wunderbaren und dauerhaften Erfolg in der ganzen katholischen Welt.
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