«Die Sonne der Gerechtigkeit» (Micha 3,20)

Von Jacques Magnan

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Wenn wir unseren Blick und unseren Geist zum Licht von oben erheben, werden wir fähig, um uns herum die Liebe, die Freude und den Frieden Gottes erstrahlen zu lassen. Gott ruft uns auf, uns durch seinen Heiligen Geist, die lebendige und persönliche Emanation seiner unvergänglichen Herrlichkeit, erleuchten zu lassen.

Die Sonne

Die Sonne, jenes Gestirn, das uns erleuchtet, ist ein Bild für das allumfassende göttliche Wohlwollen, das auf alle Menschen herabstrahlt (vgl. Mt 5, 45). Sie ist von Gott erschaffen (vgl. Gen 1, 16) und ermöglicht Wachstum (vgl. Dtn 33, 13); sie erhellt und wärmt (vgl. Ps 19, 5-7). Sie ist für das Leben und seine Entfaltung unentbehrlich. Alles Sein, alles, was im Universum, das wir betrachten können, lebt, ist von diesem und von den anderen Sternen abhängig, die Gott erschaffen hat. Er hat in seiner unendlichen Weisheit alles getan, damit überreiches Leben gedeiht und Ihn verherrlicht. Die Sonne kann jedoch auch verbrennen. Ihre Hitze kann unangenehm werden, sie kann glühen (vgl. Jes 49, 10; Mt 13, 6; Jak 1, 11; Offb 7, 16). Daher ist der Ausgleich, den uns das Wasser schenkt, erforderlich. Analog dazu soll uns alles Geschaffene zu den himmlischen Dingen erheben.
Damit uns die Wohltaten der Sonne zuteil werden, müssen wir klug sein. Sich stundenlang egoistisch in sengender Hitze braten zu lassen, bedeutet eine Gefahr für die Gesundheit. Das wäre so, als wolle ein Mensch unter Mißachtung der anderen ganz allein von den Gnaden des Herrn profitieren…
Die Sonne soll nicht Gegenstand eines Kultes werden (vgl. Ez 8, 16f). Es gab eine Zeit, in der unter dem Einfluß der Assyrer die Israeliten Sonne, Mond und Sterne als Götzen verehrten (vgl. 2Kön 21, 3-5; 23, 4-5). Diese Praktiken, sowie manche andere Praktiken unserer Zeit, ziehen für die Menschen, die Gott wegen vergänglicher Geschöpfe verlassen, große Übel nach sich. Das gilt auch für die treuen Gläubigen, die Opfer des Bösen und der Verirrungen der anderen sind. Wir sollen nur Gott anbeten (Dtn 5, 6f). Danken wir ihm für seine Schöpfung, zu der auch die Sonne gehört. Ihm, dem Herrn des Universums, schulden wir alles. Stellen wir uns voll Vertrauen unter seinen Schutz.

Die Sonne der Gerechtigkeit

In der Bibel wird die Sonne häufig als Analogie verwendet, um die Herrlichkeit Gottes und der Heiligen auszudrücken (Jes 60, 19f): «Bei Tag wird nicht mehr die Sonne dein Licht sein, und um die Nacht zu erhellen, scheint dir nicht mehr der Mond, sondern der Herr ist dein ewiges Licht, dein Gott dein strahlender Glanz…»
Im Neuen Testament wird das noch deutlicher. Bei der Verklärung wurde das Antlitz Jesu «leuchtend wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht» (vgl. Mt 17, 2). In einem Licht heller als die Sonne zeigt sich der Herr auf dem Weg nach Damaskus dem Paulus (vgl. Apg 26, 13). Und als der Menschensohn dem Apostel Johannes erscheint, um ihm die Geheime Offenbarung zu enthüllen, «leuchtete sein Gesicht wie die machtvoll strahlende Sonne» (Offb 1, 16; vgl. 10, 1).
Jesus, der als das «aufstrahlende Licht aus der Höhe» bezeichnet wird (Lk 1, 78), ist unser Licht. Das Licht der Welt (Joh 8, 12). Und auch seine Apostel und Jünger sind berufen, Licht der Welt zu sein (Mt 5, 14). Wir sollen auf der Erde der Abglanz von Gottes Herrlichkeit sein, der Spiegel seiner unendlichen, liebevollen Barmherzigkeit, seiner Zärtlichkeit, die auf alle Menschen herabstrahlt und sie mit Kraft und Geduld nach dem Vorbild der Propheten zur Umkehr ermahnt. Deshalb sagt der Apostel Petrus (2Petr 1, 19): «Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden, und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen».
Ja, Jesus ist unser Licht. Möge es in allen Herzen aufgehen! Im Buch der Geheimen Offenbarung finden wir einen scheinbar harmlosen Ausdruck, der aber großen prophetischen und theologischen Widerhall hatte. Es ist der Ausdruck «aufgehende Sonne» (anatoles heliou, griech.), der oft mit «Osten» übersetzt wird. Geht man vom griechischen Text aus, ist es jedoch angemessener, mit «aufgehende Sonne» zu übersetzen.
Offb 7, 2: «Dann sah ich vom Osten her einen anderen [Engel] emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes». So verstanden kommt der Engel nicht nur von einem geographischen Ort, sondern von Gott selbst. Zu der räumlichen Bedeutung kommt noch eine spirituelle hinzu, die diverse Aspekte der beschriebenen Wirklichkeit hervorhebt.
Offb 16, 12: «Der sechste Engel goß seine Schale über den großen Strom, den Euphrat. Da trocknete sein Wasser aus, so daß den Königen des Ostens der Weg offenstand.»
Die «Könige des Ostens» bezeichnen hier alle Könige, die auf der Seite des Herrn stehen — im Gegensatz zu den «Königen der ganzen Erde», von denen im Vers 14 desselben Kapitels die Rede ist. In diesem Sinn heißt es auch im Buch Ezechiel:
Ez 43, 2ff: «Da sah ich wie die Herrlichkeit des Gottes Israels aus dem Osten herankam. Ihr Rauschen war wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen, und die Erde leuchtete auf von seiner Herrlichkeit.»
So erleuchtet die Herrlichkeit Gottes, die aus dem Osten kommt, alle Menschen. Gott hat seine Diener auf der ganzen Erde und seine Gerechtigkeit scheint überall. Niemand kann sich ihr entziehen.
Mal 3, 19f: «Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu, und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere. Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen bleiben. Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen…»
In diesem Abschnitt stoßen wir wieder auf einen besonderen Ausdruck: «ihr, die ihr meinen Namen fürchtet». Er bezeichnet hier besonders die Demütigen, die Gläubigen, die das Gute tun, im Gegensatz zu den «Überheblichen und Frevlern», die Gott verachten, das Böse tun, und die am Tag des Herrn, der bald kommt, von der Erde verschwinden werden. Diejenigen aber, die Gott lieben und ihm gehören, werden voll Freude und Jubel sein…

Die Verdunklung der Sonne

Als Zeichen der Endzeit ist die Verdunklung der Sonne ein kosmisches Ereignis, das zugleich eine spirituelle Bedeutung hat. Die Verdunklung des «materiellen» Lichts wird von einer Verdunklung der Gewissen begleitet, die das Licht der Wahrheit nicht mehr sehen, ja noch schlimmer: die die Finsternis vorziehen (vgl. Joh 1, 5.10; 3, 19). Einige Schriftzitate:
Jes 13, 9-11: «Seht, der Tag des Herrn kommt, voll Grausamkeit, Grimm und glühendem Zorn; dann macht er die Erde zur Wüste, und die Sünder vertilgt er. Die Sterne und Sternbilder am Himmel lassen ihr Licht nicht mehr leuchten. Die Sonne ist dunkel, schon wenn sie aufgeht, der Mond läßt sein Licht nicht mehr scheinen. Dann bestrafe ich den Erdkreis für seine Verbrechen und die Bösen für ihre Vergehen. Dem Hochmut der Stolzen mache ich ein Ende und werfe die hochmütigen Tyrannen zu Boden.»
Joel 2, 10: «Die Erde zittert vor ihnen, der Himmel erbebt; Sonne und Mond verfinstern sich, die Sterne halten ihr Licht zurück» (vgl. 3, 15).1 Mt 24, 29: «Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden» (vgl. Lk 21, 25).
Dieser Abschnitt des Evangeliums schildert die kosmischen Phänomene, die der glorreichen Wiederkehr des Herrn vorangehen. Es wird für die ganze Erde eine Zeit großer Drangsale sein. Und wie beim Tod Jesu am Kreuz auf der ganzen Erde Finsternis herrschte (vgl. Mt 27, 45), so wird es auch sein, wenn diese schmerzlichen Tage kommen. Der Heiligen Schrift zufolge wird es viele Tage großer Finsternis2 geben. Die «physische» Finsternis wird wie eine sichtbare Bestätigung der geistlichen Finsternis sein. Diese göttlichen Vergleiche haben eine tiefe, pädagogische Bedeutung. Die Verfinsterung des Himmels zeigt uns auch das Fallen der Engel an, die auf die Erde geworfen wurden (vgl. Offb 12, 12). Andererseits zeigt diese Verfinsterung den Verlust des Lichtes und der Wahrheit, die von der Kirche gelehrt wird. In unserer Zeit ist der Glaubensabfall am Werk. Überall geht viel Licht verloren. Wir sind Zeugen eines wirklichen Verfalls, eines spirituellen Zusammenbruchs, eines Glaubensverlustes, der nicht nur die katholische Kirche betrifft, sondern noch mehr unsere christlichen Brüder und Schwestern… Trotz zahlloser guter Früchte greift die Gottlosigkeit jeden Tag weiter um sich. Die spirituellen Verluste sind immens, aber alles wird auf wunderbare Weise wieder neu aufkeimen.
Es ist für uns alle offensichtlich, daß das Elend auf dieser Welt immer weiter um sich greift. Die Welt lebt nicht im Frieden, weil sie Gott mit absurder Halsstarrigkeit ablehnt. Nehmen wir uns in Acht! Durch das viele, passive Anschauen der zunehmenden Unglücke, die der Menschheit, die immer tiefer im Chaos versinkt, widerfahren, laufen viele Menschen Gefahr, den Glauben zu verlieren. Denn niemand ist fähig, diese zahlreichen Übel zu ertragen, ohne innerlich davon betroffen, ja sogar ganz niedergedrückt zu werden. Natürlich sollen wir Erleichterung und Hilfe bringen, aber wenn wir die Dinge nur von unten sehen, sie endlos kommentieren, tun wir schließlich nichts mehr und schauen auch nicht mehr nach oben, von wo unser Heil kommt. Daher wollen wir unseren Blick zur Sonne der Gerechtigkeit erheben, damit sie der Menschheit hilft, dieser tödlichen Sackgasse zu entkommen. Möge der Herr uns die Kraft schenken, in seiner Liebe und in seinem Licht zu bleiben. Bitten wir ihn, daß er uns mit seinem Heiligen Geist umkleidet.

Der Schmuck der Heiligen

Der Schmuck der Heiligen ist Licht. Die himmlischen Wesen, die Engel des Himmels und die Auserwählten strahlen wie die Sonne im Reich ihres Vaters3. Diese ewige Herrlichkeit, derer sich die Heiligen erfreuen, haben die gefallenen Engel und die Menschen, die verlorengehen, leider nicht mehr. Sie haben Gottes Licht geflohen und die undurchdringliche Finsternis, ja den ewigen Abgrund gewählt. Wir leben in einer Zeit des großen Kampfes (Eph 6, 12f) «denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt.» (Lesen Sie dazu auch im Epheserbrief weiter, sowie bei Mt 24, 13 und Lk 21, 36.)
Öffnen wir uns daher als Kinder des Lichts der Sonne der Herrlichkeit und lassen wir Ihn in uns wohnen. Intensivieren wir unser Gebet, besonders den täglichen Rosenkranz. Beten wir um die Bekehrung aller, die Gott nicht lieben und ihn verachten. Möge Gott die Türen der verhärteten Herzen bezwingen, damit diese Herzen sein Licht annehmen und es zu ihrem ewigen Heil bewahren. Bleiben wir dem Glauben der katholischen Kirche treu und bieten wir jenen, die ihn verachten oder bekämpfen, keine Angriffsfläche. Haben wir keine Furcht! Fasten wir an den vorgeschriebenen Tagen (Mittwoch und Freitag). Seien wir nicht nur Hörer und Verkünder des Wortes der Wahrheit, sondern seien wir auch frohe Christen, die dieses Wort in die Tat umsetzen.
Um dem Herrn zu folgen, müssen wir Selbstverzicht üben.
Als Kinder des Lichts schauen wir auf Maria, unsere Mutter. Stellen wir uns unter ihren Schutz, ahmen wir ihre Tugenden, ihre Demut, ihren Glauben nach… Hören wir in dieser besonderen Zeit der Geschichte aufmerksam auf sie. Maria ist die mit der Sonne bekleidete Frau (vgl. Offb 12, 1; Hld 6, 10). Sie strahlt von der Herrlichkeit Gottes, der Sonne der Gerechtigkeit, unserem ewigen Glanz.

Jacques Magnan

Annmerkung:
1) Verdunklung der Sonne, usw… vgl. Ez 32, 7-8; Amos 8, 9; Hab 3, 10.
2) Vgl. Apg 2, 20; Offb 6, 12; 8, 12; 9, 2; 16, 8; 19, 17
3) Die Gerechten strahlen wie die Sonne (vgl. Rich 5, 31; Dtn 12, 3; Mt 13, 43; 17, 2; 1Kor 15, 41)

HOCH


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