Die geschlagene Mutter

Die Wallfahrt Neukirchen beim heiligen Blut

=> MARIA HEUTE 394 INHALT

Daß jemand mit seinem Schwert — wer hat heutzutage schon ein solches? — auf eine Statue der Mutter Gottes einschlägt, ist in unserer Zeit und Umwelt höchst unwahrscheinlich. Daß man freilich (nicht nur hierzulande) in andrer Weise immer wieder mal auf die Mutter unsres Herrn «einschlägt», müssen wir seit einigen Jahrzehnten immer neu erleben. Man denke nur an die geradezu satanischen Wandschmierereien in den Jahren der Abtreibungsdebatten! Fast scheut man sich, Derartiges überhaupt niederzuschreiben. Aber es muß sein, damit der «Frontverlauf» klar ist! Wir mußten damals lesen und hören: «Hätte Maria abgetrieben, wär uns viel erspart geblieben!» Gemeiner geht es nimmer!
Von einem eigentlichen Schwertschlag gegen die Allheilige Gottesgebärerin erfahren wir in der Geschichte der Wallfahrt Neukirchen. Das Geschehen — nur Legende? — gehört in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es heißt, ein Hussit habe das (Neukirchner) Gnadenbild, das ca 1420 eine Bauersfrau vor den Hussiten nach Bayern gerettet hatte, entdeckt; und er habe die Marienfigur zunächst im Eifer seines Unglaubens in einen nahen Brunnen geworfen. Diese Figur sei aber wieder an ihren Platz zurückgekehrt (ein häufiger Legenden — Topos!), und zwar dreimal. Nach der dritten «Rückkehr» habe der Hussit dann voller Haß mit seinem Säbel oder Schwert auf die Statue eingeschlagen und ihren Kopf gespaltet, so daß Blut herausfloß! Nun bekam es der Hussit mit der Angst und wollte fliehen; doch sein Pferd sträubte sich! Danach habe der Hussit sich bekehrt, ca 1450. — Auf der Orgelempore ist diese Legende dargestellt. Legende oder Tatsache? Das ist nicht mehr zu klären. Sicher hat sich in der Erzählung auch gegenreformatorische Polemik verfestigt. In der Klosterchronik des P. Theodor Neumayr (vor 1668) kann man darüber nachlesen. —
Die ältesten Nachrichten stammen von 1590. Und da erfahren wir auch von einem Hostienfund auf einem Baumstumpf (schon ca 1400). Dafür baute man zunächst eine Kapelle. Bei deren Erweiterung 1520 wurde der Hochaltar an der Fundstelle errichtet.
Die Entwicklung dieser Wallfahrt beruht vornehmlich auf ihrer geistlichen Anziehungskraft, die — historisch und geographisch bedingt — bis Böhmen reichte. Erfreulich ist, daß die Wallfahrer auch in der Reformationszeit sich nicht beirren ließen und weiterhin hierher kamen! Zwar waren Oberpfalz und böhmisches Grenzland von der Reformation erfaßt; aber Neukirchen blieb treu, sicher nicht nur wegen der wittelsbachischen Herrschaft. Ein Ruhmesblatt für Herzog Maximilian I. (1573-1651; ab 1623 Kurfürst) ist, daß er sich um die Rückführung protestantisch gewordener Gebiete zur alten Kirche eifrig mühte! — Für 1610 wird ein besonderes Wunder gemeldet: Dem kranken Mädchen Barbara wird im Traum eine Heilquelle gewiesen, die sie dann auch findet und an der sie Heilung erfahrt. Bald darauf errichtete man über der Quelle die St.Anna-Kapelle. Die Betreuung der Wallfahrt übernahmen 1656 Jünger des poverello von Assisi. Und wegen der böhmischen Wallfahrer brauchte man auch Mönche, die Tschechisch sprachen.
Die Blütezeit der Neukirchner Wallfahrt liegt zwischen 1650 und 1750 (ungefähr). Davon zeugt besonders ein «Mirakelbuch» von 1671, worin 70 Ortschaften genannt sind, aus denen die Wallfahrer «mit einer Kerzen» kamen; von diesen sind 29 Ortschaften böhmisch. Höhepunkt der Wallfahrtsgeschichte war eindeutig die 300-Jahrfeier 1752: Allein in der Festwoche gab es über 400 Gottesdienste; 70000 Kommunionen wurden ausgeteilt! Auch wurde damals der in Augsburg gefertigte Hochaltar aufgestellt. Nachgelassen hat das Wallfahren hierher dann allmählich gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Und der 2. Weltkrieg führte zum Ausbleiben der böhmischen Pilger. Die alten Verbindungen zu Böhmen belebten sich erst 1990 wieder. Noch immer kommen aber Fußwallfahrten Jahr um Jahr aus etwa einem Dutzend niederbayrischer und oberpfälzischer Gemeinden.
Wenn wir die Wallfahrtskirche betreten, beeindruckt uns wohl am meisten und zuerst der Hochaltar, der 1750 bis 1752 in Augsburg gefertigt wurde. Wir haben hier eine offene Baldachinanlage vor uns, eingefaßt von je drei Holzsäulen, mit zwei Mensen, die eine für die (größere) Wallfahrtskirche, die andere zur Klosterkirche hin, die wie eine Verlängerung der Wallfahrtskirche wirkt. In der Volutenbekrönung sehen wir Trinitätssymbole und solche für die Mutter Gottes. Holzbüsten der Apostelfürsten stehen seitlich vom Tabernakel. Das Gnadenbild jedoch steht über dem Tabernakel. Man datiert es um 1400; es ist ebenfalls hölzern und 78 cm hoch. Wenn Maria hier über dem Allerheiligsten steht (übrigens nicht nur in diesem Heiligtum), dann nicht etwa, weil sie über Christus stünde (oder vom Volk so empfunden würde), sondern weil die Eucharistie Basis, Fundament unseres Christseins ist und weil Maria ihre Bedeutung und Würde von und durch Jesus Christus hat! — Seitlich finden wir Rokokofiguren des hl. Joseph, des Täufers Johannes, sowie Skulpturen der Diözesanpatrone Wolfgang und Emmeram (Regensburg). — Der rechte Seitenaltar ist dem heiligen Kreuz geweiht. Und da begegnet uns eine Seltenheit (im Oberbild), nämlich ein Bild des Dionysius Areopagita (sog. Pseudo-Dionysius), dessen Schrifttum für Theologie und Mystik des Mittelalters von höchster Bedeutung war oder ist! Er spielt aber in der Volksfrömmigkeit keine Rolle. Der andere Seitenaltar ist dem Martyrer des Beichtgeheimnisses Johann Nepomuk geweiht; die Figuren zeigen Wendelin und Leonhard, beliebte Patrone in der bäuerlichen Welt. Im Aufzug kommt dazu St. Stephan.
Die Deckenmalereien entfalten die Glaubensaussagen über Maria, wobei das Hauptbild in der Vierung die Verherrlichung der Himmelskönigin zeigt. — Eindrucksvoll ist die Kanzel aus dem frühen 18. Jahrhundert. Sie zeigt spätbarocke Monumentalität und Würde. Der Schalldeckel mahnt: «Willst du zum Leben eingehen, halte die Gebote!» Der Kanzelkorb ruht auf schmaler Säule. — Die Orgel auf der Westempore ist eine Stiftung der Kurfürstin Anna Maria, der 2. Frau von Maximilian I. Das später erweiterte Gehäuse stammt von 1647.
Wir wollen hier freilich keinen Kirchenführer ersetzen, sondern vielmehr nach der Bedeutung dieser Wallfahrt fragen. Einen Aspekt deuteten wir schon eingangs an: In unserer Zeit «schlägt» man immer wieder von mehr als einer Seite auf die Mutter unseres Herrn und auf die Marienfrömmigkeit ein. Man gibt sich zB «œkumenisch» und bestreitet auch bei uns, also auf katholischer Seite, die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes, einem liberalen Protestantismus zuliebe. Und man vergißt dabei total, daß man mit Derartigem den Graben zur östlichen Schwesterkirche vertieft. Denn die Ostkirchen halten kompromißlos fest an der Immerwährenden Jungfräulichkeit Mariae! Und Luther hielt Leugner der Jungfräulichkeit der Gottesmutter für «grobe Narren»! Die Verbindung von Maria und Eucharistie in Neukirchen — der Hostienfund! — erinnert uns daran, daß es nicht nur eine tiefe Verbindung zwischen eucharistischer und marianischer Frömmigkeit gibt, die wir bewahren müssen, sondem auch daran, daß Maria immer zu Christus fuhrt! Paul VI. hat es klar betont; und kein Geringerer als Ludwig Maria Grignion hat ebenso daran erinnert,daß eine Marienverehrung, die Christus übersehen würde, ein Irrweg ist. Maria und Jesus Christus gehören aufs innigste zusammen (vgl Joh. 2 und 19)! So kann die Neukirchener Wallfahrt just in unserer Zeit eine ganz wichtige Sendung erfüllen. Halten wir uns offen für diese Botschaft!

Hans-Werner Reißner

Internet:
www.neukirchen-online.de

HOCH


Copyright © 1999 - 2009 - Alle Rechte vorbehalten für Text und Fotos
PARVIS-VERLAG - MARIA HEUTE - CH-1648 HAUTEVILLE / SCHWEIZ.
TEL.: 0041 (0)26 915 93 93 // FAX: 0041 (0)26 915 93 99 // E-MAIL buchhandlung@parvis.ch
HOMEPAGE PARVIS // ZEITSCHRIFT MARIA HEUTE