Die Rosenkranzkönigin von Pompei

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In diesem Jahr des Rosenkranzes, das von Papst Johannes Paul II. ausgerufen wurde und im kommenden Oktober zu Ende geht, ist es unsere Aufgabe, den Schwerpunkt auf das Rosenkranzgebet zu legen. Der folgende Artikel und ein weiterer, der in einer der nächsten Ausgaben erscheinen wird, erzählt Ihnen die Geschichte der Rosenkranzkönigin von Pompei und des seligen Bartolo Longo, der ihr Herold war.

Pompei im Jahr 79 (nach Christus)

Das antike Pompei, ein wunderbares Zentrum irdischer Freuden, lag nahe am Meer und nahe am Vesuv. Es besaß viele Schutzwälle, die es vor seinen Feinden beschützten und es für die Angriffe der wilden Horden uneinnehmbar machten. Hier lebten nur die Reichen und Mächtigen, die sich wie Könige von Sklaven bedienen ließen. Ihr ganzes Sinnen war auf Genuss, Zerstreuung, Zuwachs an Hab und Gut und auf politische Intrigen gerichtet.
Jeder rivalisierte mit jedem, wenn es um die Pracht des eigenen Hauses und um die Zahl der Sklaven ging, die beim Bau des Marmorpalastes mitgewirkt hatten. Wenn man von einem Raum in einen anderen ging, schritt man über herrliche Mosaiken. In den Nischen standen Götterstatuen. Es waren monumentale Brunnen und luxuriöse Bäder eingerichtet und für kältere Tage gab es Zentralheizungen. Kurz: es gab alles, was die Erde bot. Diese Genusswelt bemerkte jedoch nicht, dass mitten in diesem Königreich mit all seinem Glanz ein ganz anderes Königreich zu entstehen begann — ein verborgenes, geistliches, beseligendes Königreich — trotz seiner augenscheinlichen Armut.
Am 24. August 79 n. Chr. verschwand die Stadt Pompei vom Erdboden. Ein heißer Sommertag lastete auf dem Land und dem Meer. Eine ungewöhnliche Hitze hatte die Menschen wohl müde und schläfrig gemacht. Es wurde gegessen, es wurde getrunken, es wurde gefeiert, man erfrischte sich im Bad, man liebte, man hasste — es war wie immer. Niemand war wegen des Grollens, das aus der Tiefe aufstieg, beunruhigt. Die Menschen kannten die Kapriolen des Vesuv noch nicht.
Die Mittagshitze hatte viele veranlasst, sich zur Siesta niederzulegen, während die Sklaven ihren Arbeiten nachgingen. Auf einmal brach der Vesuv mit unerhörter Gewalt aus; er spie riesige Aschenwolken aus, die alles verdunkelten. Dann fiel in nicht enden wollenden Stunden ein grauer und schwarzer Aschenregen auf die Stadt und die Umgebung; ein Aschenregen, der alles bedeckte: die Tempel, die Paläste, die Schutzwälle, die Plätze. Ungefähr 20000 Menschen wurden in einem einzigen Augenblick begraben. Auf den Aschenregen folgte eine Sturzflut. Pompei war vom Erdboden getilgt.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Stadt Pompei, die jahrhundertelang vergessen worden war, von Archäologen entdeckt. Angesichts der vielen Gebäude, der Monumente, der Halbreliefs und der herrlichen Mosaiken — allesamt Zeugen höchster Zivilisation — waren sowohl die Archäologen als auch die Künstler zutiefst überrascht.

Bartolo Longo, ein besonders geliebter Sohn der Rosenkranzkönigin

Kindheit und Jugend

Ein Junge das war das Glück, das der Familie des kleinen Bartolo Longo zuteil wurde, der jetzt im Reich Marias, der er sich weihte, einen herausragenden Platz einnimmt.
Sein Vater, mit Vornamen ebenfalls Bartolo, war Arzt. Seine Mutter, Antonia Luparelli, war die Tochter eines Verwaltungsbeamten. Diese ehrbare Familie wohnte in Latiano (Brindisi). Antonia war noch sehr jung, als sie ihr erstes Kind, eine Tochter namens Rosa, gebar. Am 11. Februar 1841 schenkte sie einem Sohn das Leben. Dr. Longo war überglücklich. Sein brennender Wunsch, das Kind unter dem Patronat des heiligen Bartholomäus, der auch sein eigener Schutzpatron war, zu taufen, wurde für selbstverständlich gehalten.

Das Internat

Im Alter von sechs Jahren schickten die bessergestellten Bürger dem damaligen Brauch entsprechend ihre Kinder ins Internat. Der Mutter brach es fast das Herz. Aber der Vater machte ihr verständlich, dass dieser Schritt für die Ausbildung des Jungen unbedingt erforderlich war. Er tröstete sie, indem er auf die Ferien verwies, die ihn wieder nach Hause bringen würden.
Bartolo wurde also nach Francavilla Fontana ins Internat gebracht, das er nicht in allzu schlechter Erinnerung behalten sollte. Er hatte das Empfinden, dass ihm von nun an die Muttergottes mütterlich beistehen würde. Wie groß war seine Liebe zu ihr!
Der schönste Tag im Leben des Schülers Bartolo war unbestritten der Tag seiner Erstkommunion. Strahlenden Blickes erzählte er später seinen Waisenkindern, wie er sich nach dem Empfang des Heilands in einem Paradiesesglück befunden habe. An jenem Tag war er für seine Umgebung sehr erbaulich. Dieser Junge, der immer so lebhaft, so ungestüm war, verharrte eineinhalb Stunden kniend, unbeweglich, im Gebet versunken. Als sein Pfarrer ihn schließlich nach dieser langen Anbetung aufforderte, aufzustehen, um essen zu gehen, schien es ihm, als müsse er sein Paradies um der Erde willen verlassen. «Ich habe keinen Hunger», erwiderte er, der sich gewöhnlich immer freute, wenn es in den Speisesaal ging.

Stürmische Zeiten

Bartolo entschied sich für das Studium der Rechtswissenschaften.
Das weltliche Leben, gegen das ihn das Internat geschützt hatte, lächelte ihm nun von allen Seiten interessant und verlockend zu.
Solange Studium, Muße, Musik und die Freunde seine Zeit in Beschlag nahmen, war er sich des Kampfes nicht bewusst, den sich Himmel und Hölle lieferten, um ihn in ihren Besitz zu bekommen. Die Zeit für das Gebet wurde kürzer und seine Sehnsucht nach Gott erlosch.
Er musste nach Neapel ziehen, denn die dortige berühmte Universität verlieh als einzige das Staatsdiplom. Hätte der junge Mann gewusst, wie sehr sich die Hölle darüber freute, wäre er erschrocken gewesen — wie er später erkannte. Er ahnte jedoch nichts. Zwei Mütter zitterten aber und beteten unablässig für ihr geliebtes Kind, das zugleich mit offenen und verschlossenen Augen dem Unglück in die Arme lief. Sein Schutzengel führte den Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Bartolo hatte furchtbare Versuchungen. Alle intellektuellen Strömungen interessierten ihn und brachten ihn in Versuchung. Er war ganz von der Philosophie Hegels und Renans durchdrungen und verlor dadurch die Unabhängigkeit seines Urteilsvermögens.
Am 12. Dezember 1864 erhielt er im Alter von 23 Jahren den Doktortitel der Rechtswissenschaften. Der junge, in seiner Umgebung sehr angeshene Doktor, hatte einen so umnebelten Geist und war so voller Hass, dass aus menschlicher Sicht eine Wende ausgeschlossen war. Er war zu einem Menschen geworden, aus dem Satan mit all seinen Schlichen und Raffinessen sein Werkzeug machen wollte.

Herz-Jesu-Hochfest 1865

Am frühen Morgen machte sich Bartolo nach Porta Medina auf die Suche nach der Rosenkranz-Kirche, an der P. Radente wirkte. Dieser Dominikaner war ihm von seinem Freund empfohlen worden. Noch hielt Bartolo Longo, der berufen war, ein Apostel des Rosenkranzes zu werden, es für einen Zufall, aber der erste Schritt seiner Bekehrung begann auf der Schwelle einer Rosenkranz-Kirche. Es war ein zögernder, scheuer Schritt, dessen er sich schämte. Eine sonderbare Atmosphäre, die so anders war als die Atmosphäre in den spiritistischen Tempeln, umfing ihn. Langsam ging er nach vorne und suchte den Beichtstuhl von P. Radente auf.
Es war in einer Zeit, wo man Spione und Feinde fürchtete.
Der Sakristan sah den scheuen Pönitenten zum Beichtstuhl kommen und darin verschwinden. Er blieb auf seinem Posten, bereit zum Eingreifen, sollte der Beichtvater ihm das Zeichen dazu geben.
Nach langem Warten sah der Sakristan, dass der Pönitent den Beichtstuhl verließ: sein Gesicht war tränenüberströmt, aber voller Freude. Er hatte einen Menschen vor sich, der gerade einen wundervollen Augenblick erlebt hatte: es war das Wunder seiner Bekehrung; der gute Hirte hatte sein verlorenes Schaf wiedergefunden. Bartolo war durch das Kostbare Blut gereinigt und zu einem neuen Leben in wundervollem Frieden geboren worden. Als sich Bartolo auf die heilige Eucharistie vorbereitete, war auch P. Radente voller Staunen über das Wunder, das er soeben erlebt hatte. Das Heilige Herz Jesu hatte alle Schleusen geöffnet und zwei Gnadenströme flossen in die beiden Herzen, die sich in diesem Heiligtum der Rosenkranzkönigin begegnet waren.

Geistliche Vaterschaft

Die Nachricht von seiner Bekehrung verbreitete sich rasch. Zu jener Zeit beschloss Bartolo, Rechtsanwalt zu werden und die dafür erforderlichen Prüfungen abzulegen. Er bestand sie mit Auszeichnung, setzte seine Fähigkeiten aber ausschließlich für jene Aufgaben ein, die ihm von Gott aufgetragen wurden. Bei seiner Bekehrung war er erst 25 Jahre alt und hatte daher noch das Problem seines Lebensstandes zu lösen. Wie sollte er die tiefe Zuneigung ausdrücken, die er für die Tochter des Bankdirektors von Neapel empfand? Aufrichtige Gefühle zogen ihn zu der grazilen Annina Guarnieri. Der Vater dieses Mädchens musste Dr. Longo für einen idealen Schwiegersohn halten. Er übergab ihm zehntausend Lire — ein Vermögen in jener Zeit — damit er seiner Verlobten den schönsten und würdigsten Schmuck schenken könne. Bartolo schrieb seiner Tante: «Ich habe die Absicht, eine katholische Familie zu gründen, um der Kirche neue Kinder und neue Anbeter Gottes schenken zu können.» Diese Absicht, so edel sie auch war, lag jedoch nicht in den Plänen Gottes, der Bartolo als geistlichen Vater einer Vielzahl von «Kindern» wollte. Eine geistliche Vaterschaft, die das größte Opfer seines Lebens von ihm fordern sollte. Wie? Folgen wir den Ereignissen. Von Bari, wo seine Verlobte lebte, begab sich Bartolo nach Neapel, um dort den Hochzeitsschmuck zu kaufen. Auf dieser Reise begegnete er seinem Freund, Professor Pepe, dem er ganz glücklich von seinem Vorhaben erzählte. Aber anstatt sich mit ihm zu freuen, erwiderte ihm Pepe vorwurfsvoll: «Bartolo, hast du denn schon dein Versprechen vergessen? Erinnerst du dich nicht mehr an dein Gelübde: die Sünden deiner Jugend durch ein religiöses Apostolat zu sühnen?» Dieser Vorwurf traf mitten in Bartolos Herz, das vollständig von einer anderen Liebe ergriffen war.
Kurz danach traf er seinen geistlichen Vater P. Radente. Dieser Ordensmann war noch strenger und heftiger in seinen Vorwürfen, was bei ihm eigentlich ungewöhnlich war: «Du hast also dein Gelübde, auf die Welt zu verzichten, um der Kirche zu dienen, gebrochen?» Es ist sicher gut nachvollziehbar, in welcher Not sich Bartolo bei diesen beiden Begegnungen befand. Wird er tatsächlich auf seine glühende Liebe verzichten? Kann er von Annina dieses Opfer verlangen? Ist ein Priester überhaupt in der Lage, dieses Problem zu verstehen? Das Licht, das zu jenem Zeitpunkt sein Leben erleuchtete, begann bereits gefährlich zu verblassen, als ihm der bittere Vorwurf: «Du hast fest versprochen, auf die irdischen Dinge zu verzichten” die alte Kraft zurückgab. Es war ein unsagbar schmerzlicher und durchdringender Schlag, der so intensiv war, dass Bartolo die Erinnerung daran nie wieder aufkommen lassen wollte. Es ist ganz offensichtlich, dass diese Opfer — seines und das von Annina —, die auf dem Altar ihrer Herzen dargebracht wurden, Bartolo überreiche Gnaden für seine neue Berufung schenkten.
Den entscheidenden guten Rat erhielt er von einem heiligmäßigen Redemptoristen, P. Ribera, der sich bewusst war, wie wichtig dieser Augenblick war.
Von diesem Ordensmann, der nach einer bewährten Spiritualität lebte und dessen Gesicht vor Güte strahlte, empfing er ein stärkendes und tröstendes Wort.
«Um zu gewinnen, muss man frei sein. Wenn du für eine Familie Verantwortung trägst, kannst du dich nicht ganz einsetzen. Der Herr erwartet von dir große Dinge. Es werden Zeiten kommen, da wird er Laien beauftragen, religiöse Werke zu leiten, um den Glauben in den Familien aufrecht zu halten.» Wie dem auch sei, ohne Gebet hätte Bartolo diese Prüfung nicht bestanden. Tausende Menschen bauten später auf seine geistliche Vaterschaft. Das hat ihn eine lichtvolle Stunde der Gnade sicher erahnen lassen.

Bei der Gräfin von Fusco

Eine adelige Frau, die in Bartolo Longos Leben eine sehr wichtige Rolle zu spielen begann, lebte in ihrem Palast, unweit des kleinen Klosters der Volpicelli. Sie war eine enge Freundin und Wohltäterin der «Dienerinnen des Heiligsten Herzens Jesu». Ihr Name ist untrennbar mit dem von Bartolo Longo verbunden. Später wurde sie die Mitbegründerin seiner Werke in Pompei. Es war die Gräfin Marianna de Fusco; sie war verwitwet und Mutter von fünf Kindern. Sie strahlte außerordentliche Güte und Milde aus, die besonders den Armen und Elenden, die in Neapel so zahlreich waren, galt: Kranken, Alten, Kindern, Menschen, die an Leib oder Seele hungerten.
Ihr Palast war nur einige Schritte vom Kloster der Volpicelli entfernt und die dortige Herz-Jesu-Kapelle war zu ihrer geistlichen Wiege geworden. In dieser Kapelle kniete auch Bartolo Longo jeden Abend nieder, um den Rosenkranz zu beten. Seit seiner Bekehrung war er also in einen Kreis adeliger Personen eingeführt worden. Als er aber einmal zwei oder drei Tage abwesend war, war die Gräfin besorgt. Sie schickte eine Dienerin, um sich nach ihm zu erkundigen. Die Besucherin fand einen kranken Mann vor, der von heftigem Fieber befallen war. Er hatte keine Hilfe und war allein. Sofort griff Gräfin Marianna ein. Da es in der Umgebung kein Hotel gab, bot sie dem Kranken an, ihn in ihr Haus nehmen. Das war für Dr. Longo, der sich in einem so elenden Zustand befand, ein Zeichen des Himmels. Die göttliche Vorsehung brachte ihn in das Haus jener Frau, die später seine rechte Hand werden sollte. Als er wieder gesund war, konnte er sich mit an den Familientisch setzen. Der Älteste der fünf Kinder war sechzehn Jahre alt und der Jüngste acht. Auf Bitten der Gräfin war Bartolo bereit, ihr Hauslehrer zu sein.

Die Rosenkranzkönigin

Als er eines Abends sehr niedergeschlagen durch die Gegend ging und nicht wusste, wie er diese armen Unwissenden hier aus ihrer Misere befreien könnte, betrachtete Bartolo die untergehende Sonne, deren letzte Strahlen jeden Stein, jeden Strauch, jede kleine Hütte vergoldeten. Es war eine Betrachtung, aus der nur ein lichtvoller Gedanke hervorgehen konnte: könnte dieses Licht nicht die Gnade sein, die auf die menschlichen Schatten trifft und sie dadurch erstrahlen lässt? Hatte er nicht selber ein solches Wunder erlebt? Von ferne läutete der Angelus, der in dieser Einsamkeit einer Himmelsstimme glich. Ein gebieterischer Anruf stieg aus der Tiefe seines Seins empor: «Maria soll hier bekannt und verehrt werden; dann wird sich dieses Tal der Finsternis in ein Paradies verwandeln! Beginnen wir hier mit dem Rosenkranzgebet.»
Er kniete nieder und betete: «Ja, der Rosenkranz, meine Hilfe, mein Trost, mein Heil! O meine himmlische Mutter, ich verspreche dir, alles einzusetzen, um ihn zu verbreiten. Ich werde diese Gegend nicht eher verlassen, als bis ich ihn hier verbreitet habe!»
Die Rosenkranzkönigin nahm das Versprechen wohlwollend an und Bartolo Longo machte sich voller Ernst ans Werk, um es in die Tat umzusetzen. Er begann, unter den Männern, Frauen und Kindern Rosenkränze und Medaillen zu verteilen. Aber er musste die tiefe Unkenntnis dieser Leute feststellen. Viele kannten das «Gegrüßet seist du, Maria» nicht. Einer Klatschbase schenkte man eher Glauben als dem Sitz der Weisheit und dem Schatz der Güte, der unsere machtvolle Himmelsmutter ist. Durch seine eigene Güte gewann der Apostel Mariens aber nach und nach die Herzen. «Er hat nie Geld angenommen», hieß es. Was er hatte, verschenkte er. Sobald die Kinder ihn kommen sahen, streckten sie ihm ihre kleinen schmutzigen Hände entgegen. Er aber sah in ihren Blicken die Sehnsucht des Jesuskindes. Wenn er einem Kind das «Gegrüßet seist du, Maria» beibrachte, war es für ihn wie ein Lächeln der Muttergottes. Sein Leben in der Einsamkeit unter diesen armseligen Menschen war nicht leicht, aber er war dennoch heiter und gelassen, weil er das Bewusstsein hatte, ganz im Willen Gottes zu sein. Das Rosenkranzgebet stärkte und tröstete ihn sehr. Ohne diese große Gnade hätte er die Mühe und den rauhen Kampf, den er für diese Menschen auf sich genommen hatte, wohl wieder aufgegeben.

Das erste Wunder

Gräfin Marianna De Fusco hatte sich sofort für den Plan des Bischofs begeistert. In ihrem großen Bekanntenkreis warb sie für den Bau einer Kirche zu Ehren der Rosenkranzkönigin. Als Terziarin des heiligen Dominikus begann sie bei den Mitgliedern des Dritten Ordens. Bei ihrem Bittgang kam sie auch zu der sehr begabten Künstlerin Anna-Maria Lucarelli. Sie stand als Dichterin und Musikerin in sehr gutem Ruf und nahm ganz aktiv an der Verwirklichung dieses neuen Werkes teil. Die Artikel, die Bartolo Longo in der Presse veröffentlicht hatte, waren bereits auf großes Interesse und sogar auf Begeisterung gestoßen.
Nach dem Gespräch zwischen Gräfin de Fusco und der Künstlerin zeigte Anna-Maria Lucarelli volles Verstandnis für dieses Projekt. Sie hatte aber eine schwere Aufgabe: zwei ihrer Nichten ersetzte sie die Mutter. Ihre Lieblingsnichte, Clorinda, die damals zwölf Jahre alt war, litt hoffnungslos an epileptischen Anfällen. Die Tante hatte schon alles versucht und sogar Hilfe beim berühmten Professor Antonio Cardarelli gesucht — ohne Ergebnis. Die Anfälle waren so stark, dass das Kind oft nicht einmal mehr seine Tante erkannte. Frau Lucarelli nahm die beiden Hände der Gräfin in die ihren und gab ihr folgendes Versprechen: «Wenn die Rosenkranzkönigin das Mädchen heilt, werde ich an allen Türen Neapels anklopfen, und für die Kirche von Pompei sammeln.» Die Gräfin umarmte sie herzlich. «Sie können mit mir rechnen; ich bete mit Ihnen», versprach sie und fügte hinzu: «Beginnen wir sofort mit einer Novene zur Rosenkranzkönigin!»
Es war der 3. Februar 1876. Voll Vertrauen benachrichtigte die Gräfin ihren Freund, Dr. Longo. Nun waren sie schon zu dritt, um ein Wunder zu erbitten. Die neun Tage vergingen, ohne dass sich bei der Kranken die geringste Veränderung bemerkbar machte. Sie verdoppelten ihren Eifer. Es kann sein, dass das Vertrauen der Tante ein wenig ins Wanken geraten war, aber Bartolo, der am 13. Februar die Statue in Pompei ausstellte, war überzeugt, erhört zu werden. Er kämpfte für das kranke Kind und kniete sich vor die wundertätige Statue. Mit Tränen in den Augen betete er zu seiner himmlischen Mutter, deren wundervolle Macht er an sich selbst erfahren hatte: «Du hast schon dem heiligen Dominikus versprochen, dass jeder, der eine Gnade erbittet, sie durch den Rosenkranz erhält. Ich erinnere dich an dein Versprechen, o meine Mutter, mit dem Rosenkranz in der Hand. Mutter, du hast dir eine Kirche in Pompei gewünscht. Mutter, schenke ein Zeichen, durch das du deinen Wunsch bestätigst. Heile Clorinda!…» Mit diesen oder ähnlichen Worten betete er. Er blieb weiter kniend und dachte weder an Essen noch Trinken. Eine tiefe Gelassenheit bemächtigte sich seines Herzens und versperrte dem Zweifel den Weg. Und bei Frau Lucarelli ereignete sich am 13. Februar etwas. Clorinda strahlte vor Freude und warf sich in die Arme ihrer Tante und rief aus: «Mama, Mama, ich bin geheilt, die Muttergottes hat mich von meiner Krankheit geheilt!»
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Neapel. Sie gelangte sogar noch am selben Tag bis nach Pompei, während Bartolo Longo noch betete. Nun wusste Bartolo, dass dieser Ort aufgrund seiner außerordentlichen Bestimmung ein vom Himmel gesegneter Ort würde. Diese Überzeugung konnte von keinem Zweifel mehr erschüttert werden.
Maria hatte also ihren Wunsch nach einem Heiligtum an diesem Ort bestätigt.
Nach der wunderbaren Heilung Clorindas wurden überall und unablässig Gnadenerweise bekannt. Vom 15. Februar bis zum Josefstag am 19. März, also innerhalb eines Monats, wurden acht wunderbare Heilungen festgehalten.
Diese himmlischen Zeichen waren dem Rechtsanwalt eine machtvolle Hilfe in seinem Kampf gegen all die großen und zahlreichen Schwierigkeiten.
Der große Feind der Himmelskönigin hatte sich aufgemacht, um den Bau der Kirche zu verhindern. Aber der Sieg war wieder einmal auf der Seite jener Frau, die dem Drachen den Kopf zertreten hat.

(Fortsetzung folgt)
André Castella

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch, das in unserem Verlag erschienen ist und den Titel trägt: «Die Rosenkranzkönigin von Pompei und ihr Advokat Bartolo Longo.»

Literatur:
Die Rosenkranzkönigin von Pompei und ihr Advokat Bartolo Longo, 124 Seiten Text und 8 Seiten Bilder, E 6.– CHF 9.–

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