Gott ist anschaubar geworden:
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Es gehört zu den wohl am meistens erregenden Vorgängen der Kirchengeschichte dass das ursprünglich zweite Gebot. «Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen», (2. Mos 20, 4-6) aus dem Dekalog verschwand. Dies gilt jedenfalls für die katholische und die orthodoxe Kirche wie für Anglikaner und Lutheraner; nur die Kalviner haben jenes Gebot beibehalten bzw. wieder aufgegriffen. In unseren Katechismen wurde das einst dritte zum zweiten Gebot: «Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchten!» (2. Mos 20, 7). Wie sollen wir diese Änderung verstehen? Hat sich die Kirche vielleicht selbstherrlich über Gottes Wort hinweggesetzt? Oder haben Päpste und Bischöfe das «Schlüsselamt» (vgl. Mt 16, 19) hier missbraucht, ungehorsam gegen Jesu Warnung, auch nicht «am kleinsten Gebot zu rütteln» (vgl. Mt 5, 19), geschweige denn an einem der fundamentalen Gebote vom Sinai?
Dass die Kirche der ersten acht Jahrhunderte sich hierüber sehr ernste Gedanken gemacht hat, wissen wir. Es gab ja heftigste Auseinandersetzungen darum bis hin zu Verfolgungen der Bilderverehrer durch die Bilderstürmer und umgekehrt! Entschieden wurde der Streit um die Kultbilder erst auf dem 7. und 8. Ökumenischen Konzil 787 bzw. 869. Allmählich war nämlich der Kirche klar geworden, worum es hier zutiefst geht: «Das unbegrenzte Worte des Vaters ward umgrenzt, indem es Mensch wurde; und es vereinigte das Menschenbild, das gefallen war, wieder mit göttlicher Schönheit und führte es in den ursprünglichen Zustand zurück!» So lautet die konziliare Begründung für das JA der Kirche zur liturgischen Bilderverehrung. Und es heißt weiter: «Wir schreiben vor, die heilige Ikone unseres Herrn Jesus Christus so zu verehren wie die Bücher der heiligen Evangelien. Wenn also jemand die Ikone des Heilandes nicht verehrt, dann soll er auch nicht imstande sein, Sein Angesicht bei der Letzten Ankunft zu schauen!» (Kanon 3 des 8 Konzils 869). In dieser veränderten Haltung der Kirche zum einstigen zweiten Gebot zeigt sich exakt der Schritt vom Alten zum neuen Bunde. Alter Bund besagt: Herr, zeige uns Dein Antlitz, so wird uns geholfen sein!» (vgl. Ps 4, 7; 67, 2 usw.) Denn Gott sprach zwar im Alten Bund zu Seinem Volk, doch konnte Ihm keiner ins Angesicht sehen (vgl. 2. Mos 33, 20). Selbst was dem Erzvater Jakob zuteil wurde, war wohl doch noch kein eigentliches Aug-in-Aug (vgl. 1. Kor. 13, 12)! Neuer Bund hingegen ist nicht mehr allein vom Worte Gottes gekennzeichnet, sondern vor allem von Gottes Menschwerdung in Jesus Christus: «Wer Mich sieht, der sieht den Vater!» (Joh 14, 9). Das Wort ward Fleisch: und Er, der Gott gleich ist, nahm Knechtsgestalt an und wurde ein Mensch (vgl Joh 1, 15 und Phil 2, 6 und 7). Somit ist das Heiligste Antlitz tatsächlich die erste aller Ikonen; in Ihm wurzelt das Recht zu liturgischer Bilderverehrung. Übrigens wird ja auch die uns aufgegebene und verheißene Umgestaltung in Christus erst dann erreicht sein, wenn der Vater in uns Seinen Eingeborenen Sohn wiedererkennt, wenn wir also Ihm, dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern, ähnlich sind (vgl. Röm. 8, 29 mit 2 Kor. 3, 18 und 4, 11)
Eigenartig ist freilich, dass in der katholischen Welt nur wenige Heiligtümer bestehen, in denen das Heiligste Antlitz verehrt wird. Das nördlich Regensburg in schönster Landschaft gelegene Pielenhofen ist allerdings erst seit 1804 an der Naab eines von ihnen. 1237 entstand hier ein Zisterzienserinnenkloster, dem Papst Gregor IX., ein Freund übrigens des hl. Franz von Assisi, einen Schutzbrief ausstellte. Als 1. Äbtissin wird 1240 eine Frau Irmengard genannt. Bis zur Reformation unterstand das Kloster dem Reichsstift Kaisheim; dann kam es unter weltliche Verwaltung und wurde 1559 aufgelöst. Als zisterziensisches Mönchskloster konnte Pielenhofen jedoch 1655 wieder eröffnet werden. Die heutige Kirche stammt vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Aber nur ein knappes Jahrhundert noch durften die Mönche in ihr das Gotteslob singen: 1803 hat man sie im Zuge der «Säkularisation», jenes im Namen von «Vernunft» und «Freiheit» durchgeführten Raubes, vertrieben. Der damalige Staat machte Pielenhofen zum «Aussterbekloster» für Karmelitinnen. Das Gotteshaus wurde Pfarrkirche.
Die herrliche Kirche, deren Gestaltung seit 1717 bei dem Vorarlberger Franz II. Beer lag, ist eine barocke Hallenkirche; ihre schmalen Seitenschiffe haben Erdgeschossdurchgänge. Nur schwach springt über die Außenwand das Querschiff hervor. Den Gesamtraum überspannt ein flaches Kuppelgewölbe. Im Querschiff sind die weitgespannten Emporen unterbrochen; so entsteht der Eindruck größerer Höhe. Die Orgel finden wir im Mittelteil des Westjoches. Von außen beeindruckt diese Kirche durch ihre einfache Gliederung, zu der die gleichmäßigen Dreiecksgiebel an Chor und Querschiff beitragen. Die dreigeschossigen Doppeltürme tragen hohe «Laternen». Am Portalfries lesen wir die Jahreszahl 1719; und über dem Tor erscheint das Doppelwappen des äbtlichen Bauherrn Rogerius I. Röls ( 1713).
Der Innenraum wird optisch völlig vom gewaltigen Hochaltar beherrscht, dessen spätbarocker Aufbau bis unter das Gewölbe reicht. Mit ihren acht Säulen wird die empordrängende Vertikale vom Gesimskranz durchbrochen. Albert Stahl aus Regensburg hat im 19. Jahrhundert das (jetzige) Altarbild der Himmelfahrt Mariens als Ersatz für das verdorbene Bild von Stauder geschaffen. Flankiert wird es von den überlebensgroßen Statuen der Eltern Mariens: Barocker Familiensinn sah gern bei Maria Joachim und Anna. An die Zeit de Karmelitinnen erinnert noch der links vom Hochaltar stehende keine Theresienaltar, neben dem zwei allegorische Darstellungen der Karmel-Reformatorin auffallen. Das spätbarocke Chorgestühl wohl eine Arbeit eines Kaisheimer Mönches ist weitaus schlichter als manche andere. Die Bilder in den Aufsätzen deuten auf den Chordienst der Mönche. An den Schmalseiten des Gestühls finden wir die Mönchsväter Benedikt und Bernhard, je links und rechts unter einem Baldachin. Ganz zisterziensisch verdecken das Chorgestühl links ein Kreuzaltar und rechts ein Weihnachtsaltar. Vor diesem steht ein spätgotischer Taufstein (1. Hälfte des 15. Jahrhunderts).
Jacob Karl ( 1756), ein Künstler aus Konstanz, schuf die Deckengemälde. Sie sind gelockerter und reifer als seine Fresken in Münsterlingen, Weißenau-Ravensburg, Donauwörth und Kloster Wessobrunn. Nach dem Orgelfresko, das Mariens Magnificat andeutet, künden die drei Hängekuppeln vom Mysterium der Dreieinigkeit. Wir sehen Jesu Auferstehung mit Engeln, Wächtern und Salbenträgerinnen; in der Vierung finden wir die Geistsendung als Geburt der Kirche und über dem Chor Gott-Vater mit Abraham, Jakob, David und Engeln. Die Zwickel zeigen beim Osterbild die vier Evangelisten, beim Pfingstbild die vier lateinischen Kirchenväter; beim Bild Gott-Vaters finden wir Moses, Jesaias, Jeremias und Daniel. Den Abschluß bildet über dem Altarraum Maria als das «apokalyptische Weib» mit St. Michael (gemäss Offb 12, 1 ff), jedoch als Immaculata aufgefasst (wohl im Blick auf die Einführung dieses Festes 1708). Höchst charaktervollen Gestalten begegnen wir auf den zwölf großen Apostelbildern; ihr Meister sicherlich Johann Gebhard von Prüfening ließ sie durch Verzicht auf alles unnötige Beiwerk voll zur Geltung kommen. Auch die vielleicht zu gefühlsstarke Pietà am Totenaltar im linken Seitenschiff beeindruckt. Doch die würdevoll-schlichte spätgotische Madonna auf dem Marienaltar im rechten Seitenschiff überzeugt eher.
Das optische Gegengewicht zu den Fresken bilden die reichen Stuckdekorationen, in denen sich das Frührokoko erst anmeldet; sie sind daher noch nicht verspielt. Keinesfalls sollten wir die 24 kleinen Bilder unter den Galerien übersehen: sie machen uns vertraut mit dem Leben des großen Zisterziensers, Kirchenlehrers und Marienverehrers St. Bernhard. Allegorische Bilder sind dazwischengefügt. Ein Gegenstück zu dem Zyklus sind die Bilder aus Geschichte und Leben des Zisterzienserordens über den Galerien.
Pielenhofen gehört zu den seltenen Christuswallfahrten. Was die gläubigen aus nah und fern hier zieht, ist ein berühmtes Ecce-Homo-Bild eines unbekannten Künstlers. Jene 1804 in dieses nunmehrige «Aussterbekloster» verbrachten Karmelitinnen führten aus ihrem Münchner Kloster es waren übrigens noch Karmelitinnen aus Neuburg/Donau dabei dieses Antlitz-Christi-Bild neben anderen Kostbarkeiten mit sich. Weil nun dieses Bild am 22. Dezember 1690 geweint haben soll, wie die Dienerin Gottes Anna Maria Josefa von Jesus OCD ( 1716) bezeugt hat, erfreut es sich weitverbreiteter Verehrung. Es sei vom siebenmaligen Weinen sogar angeschwollen gewesen. Nach einigen Tagen habe Gott ihr, der Anna Maria Josefa, geoffenbart, dass Er aus Mitleid mit den Menschen geweint habe; und sie solle täglich für sieben Gattungen von Menschen beten. Endlich sei ihr gezeigt worden, dass durch dieses Bild viele Sünder bekehrt würden. Wie auch immer man das alles bewerten mag, die Verehrung, die schon bald in München begann, lebt bis heute: Jahr um Jahr kommen viele Wallfahrer einzeln und in Gruppen nach Pielenhofen. Sie alle bewegt, was der Professor und Karmelit Titus Brandsma im KZ Dachau schrieb:
Dein Antlitz, Jesus, seh ich an und sinne;
Da flammt mir neu empor die alte Minne.
In Deinen Zügen hab ich es geschaut
Du liebst mich, Herr, als Freund sogar vertraut!
Ich brauch zum Leiden keinen kühnen Mut,
Nur Liebe! Alles Leiden scheint mir gut;
Denn durch das Leiden bin ich, Herr, Dir gleich!
Und Leiden ist der Weg zu
Deinem Reich!
Wer das nachbeten und nachleben kann, dem gilt sicher die Verheißung des Herrn an Maria Pierina di Micheli ( 1945): «Ich selbst werde Mein Antlitz deinem Herzen einprägen!»
Beten wir darum mit der Kleinen Therese: «Jesus, Du wurdest in Deinem Leiden der Leute Spott und der Mann der Schmerzen. Ich verehre Dein göttliches Angesicht, auf dem die Schönheit und Milde der Gottheit erglänzen, und das jetzt für mich das Antlitz eines Aussätzigen (Jes. 53,4) wurde. Unter diesen entstellten Zügen erkenne ich jedoch Deine unendliche Liebe; und ich brenne vor Verlangen, Dich zu lieben und dazu beizutragen, dass Du von allen Menschen geliebt werdest
Dein Antlitz ist die einzige Schönheit, die mein Herz entzückt. Drücke Dein göttliches Bild in mein Herz, damit ich ganz für Dich lebe!»
Hanswerner Reißner
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