Der Geist der Wahrheitvon Jacques Magnan
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Bei seinem Eintritt in das Leben als Christ, unterwegs in der Nachfolge des Herrn Jesus, lädt Gott den Gläubigen ein, sich leiten zu lassen vom Heiligen Geist, dem Geist der Wahrheit.
WJoh 16, 13: «Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen.»
Wenn Jesus vom Heiligen Geist spricht, benutzt er einen speziellen Ausdruck, der uns besser verstehen lässt, wer Gott ist und was er von uns erwartet.
Der theologische Begriff «Geist der Wahrheit» (gr.: pneuma aletheias) wird vom Herrn verwandt, um unseren Verstand zu erleuchten und ihn auf Gott in seinem Licht auszurichten. Um die Tiefe der Worte des Heilands gut zu erfassen, betrachten wir zunächst das Wort «Wahrheit». Zwei biblische Traditionen ermöglichen es uns, den Gehalt dieses Wortes besser zu erfassen. Auf hebräisch bezeichnet das Wort «Ämet» (von âmn, von dem sich auch das Amen der Liturgie ableitet) eine Stabilität und Solidität, auf die man sich verlassen und sein Leben stützen kann1. Letztlich hängt der Begriff der Wahrheit mit der göttlichen Treue zusammen, die gewiss ist und auf die der Mensch zählen kann:
Dtn 7, 9: «Daran sollst du erkennen: Jahwe dein Gott, ist der Gott; er ist der wahre2 Gott: noch nach tausend Generationen achtet er auf den Bund und erweist denen seine Huld, die ihn lieben und auf seine Gebote achten.»
Ps 89, 2: «Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen, bis zum fernsten Geschlecht laut deine Wahrheit3 verkünden. Denn ich bekenne: Deine Huld besteht für immer und ewig; deine Wahrheit steht fest im Himmel.»
Nach der hellenistischen Tradition bedeutet das griechische Wort «Aletheia» die Offenbarung einer zeitlosen Wirklichkeit. Im Neuen Testament gewinnt diese Wahrheit Gestalt in Jesus Christus, der die Wahrheit selber ist4.
Joh 14, 6: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.» Diese überwältigende Macht besitzt er in Fülle. Er ist das ewige Wort voller Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1, 14) und er sagt uns:
Joh 18, 37: «Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.»
Joh 8, 31: «Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.»
Diese befreiende Wahrheit ist der Heiland Jesus selber. Derjenige, der an ihn glaubt und in ihm bleibt, der lebt im Licht, in seinem Heiligen Geist. «Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.» (Joh 3, 21).
So hat nach der Tradition der ganzen Bibel die Wahrheit ihren Ursprung in Gott. Er selber ist es, der die Wahrheit ist, dem wir alles zu verdanken haben und dem wir angehören. Der Gläubige, der sein Vertrauen auf Gott setzt und in seiner Liebe lebt, bleibt mit ihm verbunden und schreitet mit Zuversicht im Licht und in der Treue voran. Das Unterpfand eines wahrhaften und beständigen Glaubens ist das anhaltende Gebet, das aus einem Herzen voller Liebe aufsteigt. Um in der Wahrheit zu bleiben ist es notwendig, viel zu beten und in Gott verwurzelt zu sein.
Jesus Christus lehrt uns, dass die Wahrheit den Menschen frei macht (vgl. Joh 18, 37). Wer in Gott lebt, wird frei von der Versklavung durch die Sünde. Als gläubige Christen haben wir den segensreichen Entschluss gefasst, dem Herrn zu folgen und mit Glauben auf ihn zu hören. In der Wahrheit des Geistes, den er uns gibt, finden wir wahrhaft unsere Freiheit, unser Wohl und unsere Freude Dadurch, dass wir den Geist der Wahrheit kennen, sehen wir auch deutlich den Unterschied zwischen dem Licht und der Finsternis, zwischen dem Guten und dem Bösen. Deshalb warnt und ermahnt uns die Heilige Schrift, uns definitiv von allem zu trennen, was dem Geist Gottes widerstrebt. Nach griechischem und semitischem Verständnis ist das Gegenteil der Wahrheit jeweils die Lüge, der Irrtum, bzw. der Bruch zwischen Mensch und Gott. Es gibt einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Wahrheit und der Lüge, deren Vater der Satan ist (Joh 8, 44). An dieser Stelle müssen wir besonders aufpassen! Der Christ muss jede Art der Lüge völlig aus seinem Leben verbannen. Außerdem kann der gläubige Mensch, der in das geistliche Leben eintritt, nicht mehr lügen. Es ist ihm unerträglich, gegen seine Natur. Lügen heißt gegen die Wahrheit sündigen. Der Mensch, der willentlich lügt, um anderen zu schaden und dies kann eine Vielzahl von Formen annehmen sündigt gegen den Geist der Wahrheit. Der Herr Jesus spricht ja von der Sünde gegen den Heiligen Geist, die darin besteht, willentlich zu lügen, im Gegensatz zur Wahrheit, zur Liebe und zu allem Guten. Handelt er derart, so begibt sich der Lügner unter den Einfluss des bösen Geistes und zieht sich ein furchtbares endzeitliches Gericht zu (vgl. Mt 12, 31-32). Derjenige, der lügt, macht sich zum Sklaven der Sünde und des bösen Geistes. Er kettet sich an das Böse, ist nicht mehr in Frieden und kann sich allein nicht mehr befreien. Das einzige Heilmittel, um aus dem teuflischen Prozess der wiederholten Lügen herauszukommen, ist die Reue, das Bekenntnis, die Beichte, die Buße und, sofern dies möglich ist, die Wiedergutmachung. Dies alles bildet eine Einheit. Es ist besser, sich tief vor den Menschen und vor Gott zu demütigen, als unter das Gericht des Herrn zu fallen, das in diesem Bereich besonders hart ausfallen wird. Gott allein kann die Ansteckung der Lüge aufhalten und die großen Wunden dieser Seuche heilen. In seiner dem Heil der Seelen immer dargebotenen Barmherzigkeit löscht Gott das lodernde Feuer des Hasses durch das Lebenselixir seines Heiligen Geistes. Hieran erkennen wir den wahren Jünger Jesu: er ist unfähig, zu lügen, denn er bleibt im Geist der Wahrheit, im Licht und im Frieden.
In der Nachfolge Jesu, im Heiligen Geist, auf dem Weg zum ewigen Vater sind wir zu neuen Geschöpfen geworden. Wir haben Christus angezogen (vgl. Röm 13, 14; Gal 3, 27; Kol 3, 1-4) und im Himmel wird Gott uns einen verherrlichten Leib schenken, der in Licht und Schönheit erstrahlt! Ja! Es gibt eine höchste Wirklichkeit, die Gott ist. Von oben kommt der Heilige Geist auf uns, offenbart sich und erleuchtet unseren Weg. Er geht in uns ein, damit wir zu Tempeln Gottes werden, in denen seine belebende Gegenwart wohnt. Unter dem Wirken des Geistes der Wahrheit wird der Christ fähig, Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen und die schmerzhaften Probleme zu lösen, die durch das Böse und die Lüge verursacht wurden. Durch seinen Geist erleuchtet Gott unser Leben, doch kein Mensch besitzt die Wahrheit aller Dinge. Unser Unterscheidungsvermögen bleibt aufgrund unserer Schwachheit und unserer Sünde begrenzt. Von vielen Dingen wissen wir nichts, aber im liebenden Glauben werden wir viel tiefer in die Wahrheit geführt als die, welche das Licht zurückweisen. Diese Wirklichkeit, die, wie wir gesehen haben, durch die Schrift bestätigt wird, soll uns jedoch zu einer größeren Demut anleiten. Unsere Sicht der Dinge ist bruchstückhaft. Selbst das Universum, das wir betrachten, lässt uns nicht, die Wahrheit in ihrer ganzen Wirklichkeit erkennen. Die Sterne, die wir sehen, das Himmelszelt, das unsere Augen betrachten, ist eine andere Wirklichkeit, als das Geschehen auf der Erde. Wir können das Universum nicht so erkennen, wie es ist. Auch die Materie selber ist in mancher Hinsicht unfassbar und undurchschaubar. So hat jedes Ding seine ursprüngliche und letztendliche Wirklichkeit in Gott, der die einzige unveränderliche und ewige Wirklichkeit ist. Die Wahrheit liegt zuerst in Ihm, von dem alle Wahrheit ausgeht. Um wahrhaftig zu sein, muss der Mensch alle Wahrheit aus Gott schöpfen, welcher der Ursprung alles Guten ist und das letzte Ziel alles menschlichen Strebens. Indem wir uns willig vom Heiligen Geist leiten lassen, werden wir nach und nach in die ganze Wahrheit geführt. Diejenige, deren unvergleichlicher Treuer Zeuge Jesus ist.
2 Kor 1, 20-22: «Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen. Gott aber, der uns und euch in der Treue zu Christus festigt und der uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat.»
Oh Herr, Du unser Fels, auf den wir uns stützen können, sende auf uns alle Deinen Geist der Wahrheit, damit er uns immerdar unser Leben und den Weg, der zu Dir führt, erleuchte. Komm, Heiliger Geist, auf die ganze Kirche und mache uns zu Aposteln des Lichtes.
Gebenedeite Jungfrau, Mutter des Wortes der Wahrheit, geh an unserer Seite und gieße über uns, deine Kinder, die notwendigen Gnaden aus, um in der Liebe zu bleiben, getreu dem Willen des Herrn.
Amen.
Jacques Magnan
Annmerkung:
1) Die Wahrheit ist das, was sicher ist, unvergänglich, vertrauenswürdig, heilig, gottgemäß, wahr und gerecht. Vgl. Ex 18, 21; Gen 24, 48; Jer 14, 13; Dtn 7, 9; 2 Sam 7, 28; Ps 31,6; 81, 16 f.; 89, 2; 132, 11; usw.
Wahrheit/Weisheit: Spr 23, 23; Koh 12, 10; Sir 4, 28.
2) Andere Übersetzungsmöglichkeit für das hebräische Wort Ämet: «der treue Gott»; Anm. d. Übers.
3) Andere Übersetzungsmöglichkeit: «deine Treue» (ebenso in Vers 3); Anm. d. Übers.
4) Jesus ist die personifizierte Wahrheit. Sein unvergängliches Wort ist das Wort Gottes. Die Pädagogik des Evangeliums nach Johannes ist sehr aufschlussreich. Vgl. 1, 9. 14.17; 3, 21; 4, 23; 5, 19-36 f.; 8, 19. 26. 28. 40. 44. 45 f.; 12, 50; 14, 6. 17; 15, 26; 16, 7. 13; 18, 37 usw.
Der Herr schenkt den Geist (gr.: pneuma; hebr.: Ruach), wörtlich «Atem».
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