Brief des heiligen Paulus an die Europäer: Wie steht es mit eurem Glauben?von Marcel Farine
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Wie Sie in meinem vorhergehenden Artikel lasen, hätte Paulus, wäre er heute noch am Leben, an die jetzigen Bewohner Europas, besonders an die Mitteleuropäer, einen Brief geschrieben, um sich zunächst seiner Gewohnheit gemäß vorzustellen und sodann den Wunsch zu äußern, sie aufzusuchen, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe.
In seinem Schreiben würde er natürlich die Hauptprobleme zur Sprache bringen, mit denen die Kirche und die Gesellschaft sich nach dem II. Vatikanischen Konzil in dieser Region auseinandersetzen müssen.
Das Problem des Glaubens und mit diesem verknüpft der Sakramentenempfang würde ihm sicher besonders am Herzen liegen. Was hätte er aber zu diesem Thema geschrieben?
Zunächst würde er von neuem erzählen, wie er zum Glauben gefunden hat und warum er überall hingehe, um die frohe Botschaft zu verkünden, die er empfangen hat und für die er später sein Leben hingab: «Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte mich plötzlich gegen Mittag ein blendend helles Licht vom Himmel. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Wer bist du, Herr?, fragte ich und die Stimme sagte Ich bin Jesus von Nazaret, den du verfolgst!» (Apg 22, 6-8). Er würde uns in seinem Brief klar sagen: «In der Guten Nachricht macht Gott seine Gerechtigkeit offenbar» (Röm 1, 17). «Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet und zwar dem Wortlaut entsprechend, in dem ich sie euch übermittelt habe. Anderenfalls wärt ihr vergeblich zum Glauben gekommen!» (1 Kor 15, 2). Der echte Glaube geht nicht aus menschlichen Anstrengungen hervor, sondern ist eine Gabe Gottes (vgl. Röm 9, 16). Dann würde Paulus lange von der Auferstehung Jesu Christi sprechen, der den Tod besiegt hat und uns Hoffnung verschafft, denn Gott stelle allen Glaubenden ebenfalls die Auferstehung in Aussicht.
Der Glaube, den uns der Apostel nach seiner Bekehrung übermittelt hat, geht in Europa wegen der Verweltlichung, dem Materialismus und der Technisierung immer mehr verloren. Priesterweihen werden selten und die Kirchen leeren sich
Der heilige Paulus hätte das in Rom selbst rasch festgestellt, in einem Italien, das die Wiege des Christentums in Europa war, aber bald kinderlos ist. Er würde es auch von überallher erfahren durch seine Jünger in den verschiedenen Ländern, durch die Zeitungen, das Radio und das Fernsehen. Er hätte sich über diesen Glaubensschwund empört.
Angesichts dieser Situation würde er uns in seinem Brief eingehend erklären, worin der wahre Glaube besteht und wie er uns zuteil wird. Er spräche uns wieder von Abraham, der Gott geglaubt und auf ihn gehofft hat, obwohl alles aussichtslos schien, denn obschon er und seine Frau Sara schon betagt waren, schenkte er dem Herrn Glauben, als dieser ihm einen Sohn verhieß. Ganz überzeugt spräche Paulus fortwährend über das Leben und den Tod Jesu, der uns aus der Sünde gerettet und zu Gerechten gemacht hat, sofern wir uns an seine Gebote und an die Kirche halten und an ihn glauben. Er käme auf die Taufe zu sprechen, die uns heiligt und uns stärkt, um den Versuchungen Satans zu widerstehen; und auf die Liebe zu Gott und die Hoffnung, die der Heilige Geist uns fortwährend einflößt.
Ja, die Europäer müssen im Glauben wieder neu unterrichtet werden, denn «sie tauschen den wahren Gott gegen ein Lügengespinst ein, sie haben die Geschöpfe geehrt und angebetet anstatt den Schöpfer gepriesen sei er in Ewigkeit, Amen!» (Röm 1, 25-26). Der heilige Paulus würde das wiederholen, da der Sex Furore macht, aber auch die Esoterik, Magie und Astrologie. Die Gurus, die Seherinnen und Seher, die Psychiater füllen ihre Kassen mit Millionen von Euros. Bei ihnen sucht man die «Frohbotschaft» und mit ihr das Glück , während der echte Glaube im Evangelium und in der Lehre der heiligen Kirche in Reichweite ist. Und auch die Werke Gottes, vom kleinsten Grashalm bis zum Wald, vom Tier bis zum Menschen alle diese Schöpfungswunder enthüllen seine ewige Macht und Vollkommenheit.
Nur noch ungefähr zehn Prozent der Getauften nehmen regelmäßig an der Sonntagsmesse oder am Sonntagsgottesdienst teil. Viele glauben noch vage an ein höchstes Wesen, an eine höhere Macht, die meisten aber wissen nicht mehr, dass Jesus zugleich Gott und Mensch ist; sie zweifeln an seiner Auferstehung oder hörten sogar nie von ihr; statt dessen unterhalten sie sich über falsche Ideen, reden von Reinkarnation oder von Verschwinden im Kosmos, wo die Materie uns geschaffen haben soll
Die Europäische Union weigerte sich, in die Präambel ihrer Charta der Grundrechte einen Hinweis auf das religiöse (christliche) Erbe Europas aufzunehmen. Wie sehr hätten wir es darum nötig, wieder die klaren, unmissverständlichen Worte eines Paulus von Tarsus in seinen verschiedenen Briefen zu lesen! Er könnte dieser Organisation wieder eine Seele geben, denn er fürchtete sich vor nichts: weder vor dem Kerker noch vor dem Martyrium. Wir Christen von heute hingegen zögern oft, Stellung zu nehmen, das Wort zu ergreifen, um für die wesentlichen Werte einzutreten.
Gewiss ist das Gebet vordringlich, aber es ist damit nicht getan: wir müssen auftreten. Auch das würde der Apostel uns sagen: «Seid wachsam! Steht im Glauben fest! Seid mutig und stark! Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein» (1 Kor 16,13). Diesbezüglich wäre es auch gut, auf den Ruf einer großen Visionärin unserer Zeit, der am 12. Oktober 1961 verstorbenen Maria Valtorta, zu horchen, auf ihre Tiefgründigen «Lektionen über den Brief des hl. Paulus an die Römer»1. Auch sie ruft uns zu einem Glauben auf, der nicht nur gegenüber all denen aufsteht, die Gott angreifen, sondern auch für jene eintritt, die überall in der Welt leiden. Hören wir auf sie, wenn sie sagt:
«O elende, elende oberflächliche Menschen, die ihr auch als praktizierende Katholiken der Gottesvorstellung gegenüber so lau seid, dem Christentum, der Kirche gegenüber; diese bilden ja die Idee, die Kraft, die Macht, den Zusammenhalt, den Sieg, die Rettung gegenüber den menschlichen und außermenschlichen Heeren der Diener des Drachens; bedenkt die große Lektion, die euch die Zeitereignisse erteilen. Wenn Trägheit, Sünde oder Zustimmung zu satanischen Lehren den Feinden Gottes und der Geister erlauben, die einzige, heilige, wahre, ewige Idee Gott in dem, der sie predigt und darstellt, anzugreifen, dann wird alles, ich sage alles verwüstet und zerstört, auch das, was ihr nicht möchtet: euer persönliches, egoistisches Wohlergehen;
das familiäre Glück, die Ruhe und oft sogar die Familie selbst. Steht auf, o ihr Christen! Einmal wurde Jesus, der schlief, zugerufen: Wach auf, o Meister, wir gehen zugrunde. Aber jetzt ist es Gott, der euch zuruft: Wacht auf, o ihr Christen; wenn
ihr nicht aufwacht, geht ihr zugrunde. Der Sturm ist über euch».
Nach diesem beängstigenden Aufruf versichert uns Maria Valtorta, dass es die «kleinen Kindlein» sind, die «aus Glauben zu leben» wissen. Sie vertrauen auf den Herrn. Deshalb erkennen sie auch, ohne wissenschaftlich zu wissen, wegen der lebendigen Liebe in ihnen.
Haben wir also ein kindliches Herz, aber strengen wir uns an, unsern Glauben zu verteidigen. In dieser wirren Epoche, die wie die Zeit des heiligen Paulus stark dem Druck und der Lüge der falschen Propheten unterliegt, haben wir einen schwierigen Weg zu gehen. An dessen Ende stehen aber das göttliche Erbarmen, die Hoffnung und das ewige Leben.
Annmerkung:
1) 1999 erschienen im Parvis-Verlag
Literatur: Marcel Farine,
«Das Zeichen des Widerspruchs»
E 13. CHF 20.
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