Jesus, Martha und Maria

Jesus und die Frauen im Evangelium (2)

=> MARIA HEUTE 391 INHALT

Wenn wir Jesus auf seinen Wegen folgen, sind wir besonders glücklich und getröstet, wenn wir neben seinen zahlreichen Feinden, die sich hinter jeder Frage und Antwort verstecken, auch Menschen antreffen, die ihm ihr Herz und ihre Türen weit öffnen.
Jesus ist in das Haus seines Freundes Lazarus eingeladen. Es liegt in Bethanien, nicht weit entfernt von Jerusalem. In dem Haus wohnen Martha und Maria mit ihrem Bruder Lazarus. Als Martha erfuhr, daß Jesus auf seinem Weg durch Judäa auch nach Bethanien kommen werde, lud sie ihn gemeinsam mit seinen Jüngern zum Essen ein. Es scheint, daß Jesus nicht zum ersten Mal in dieser Familie ist.
Martha, die Hausfrau, empfängt ihn wie einen alten Freund. Der traditionellen orientalischen Gastfreundschaft entsprechend stürzt sie sich sofort in die verschiedensten Arbeiten, um ihren Gästen eine gute Mahlzeit zu bereiten. Ihre Schwester Maria setzt sich jedoch still zu Jesu Füßen, um ihm zuzuhören.
Beide Haltungen der Schwestern sind des Lobes würdig: beide kümmern sich um Christus. Die eine will ihm viel durch ihre Hände geben, die andere versucht, viel von seinem Gespräch aufzunehmen. Die Herzen beider Frauen sind mit Jesus beschäftigt, denn ihre beiden Haltungen sind erfüllt von Glaube und Liebe. Es sind Haltungen einer heiligen Freiheit, es ist die Freiheit der Kinder Gottes.
Aber welch unerwartete Überraschung! Plötzlich hält Martha mit der Arbeit inne. Sie ist mit dem Kochen und den Vorbereitungen für die vielen Gäste überlastet und als sie ihre Schwester noch immer in aller Ruhe zu Füßen des Meisters sitzen sieht, kann sie ihre Nerven nicht mehr beherrschen. Sie wendet sich an Jesus und beklagt sich mit recht harten Worten. Ihre Klage richtet sich vor allem gegen ihre Schwester, aber implizit gilt sie auch Jesus, der ihre Erschöpfung nicht zu bemerken scheint. Sie schreit (das ist das Wort, das im Evangelium verwendet wird) «Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!» (Lk 10,40).
Auf den ersten Blick scheint Martha mit ihrer Klage Recht zu haben. Der verehrte Gast ist Gast der ganzen Familie, daher sollten sich auch alle Hausbewohner die Arbeiten, die mit der Gastfreundschaft verbunden sind, teilen. Es ist nicht gerecht, daß Maria Jesus für sich in Beschlag nimmt und ihrer Schwester die Sorge für die Vorbereitungen des Essens ganz allein überläßt. Jesus antwortet: «Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendigi. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.» (Lk 10,41f)
In diesem zweifachen Aufruf, den Jesus an Martha richtet, ist eine Mahnung und eine Warnung enthalten. Jesus hat der Bitte Marthas nicht entsprochen. Es scheint sogar, als habe er sie verurteilen wollen, indem er das Verhalten ihrer Schwester verteidigt und rechtfertigt, wenn er sagt, daß ihre Entscheidung, bei ihm zu bleiben und ihm zuzuhören, den Beschäftigungen Marthas vorzuziehen sei.
War diese Antwort, die Jesus vor den anderen Gästen gab, für Martha, die als Hausherrin auch die Gastgeberin war, nicht hart? Und hat sich Jesus einfach über diesen zufälligen und besonderen Einzelfall gestellt, oder hat er Maria später gesagt, sie möge ihrer Schwester bei der vielen Arbeit helfen? Jedenfalls haben die beiden Schwester verstanden, daß ihre Beschäftigungen, so unterschiedlich sie auch sein mochten, Ausdruck ihrer Liebe zu Jesus waren.
Martha und Maria stellen in der Kirchengeschichte die beiden Hauptwege des Heils dar. Alles aktive Tun, das in einem echten Geist der Hingabe und des Dienstes am Herrn getan wird, nützt dem mystischen Leib Jesu und ist ein Weg zum Himmelreich.
Es könnte den Eindruck hinterlassen, als würde Martha das Verhalten ihrer Schwester Maria ignorieren oder sogar missbilligen. In der Tat, unter unseren Zeitgenossen gibt es viele — Geschäftsleute, Verwaltungsangestellte, aber auch einfache Gläubige — die diese Ansicht teilen; sie sind überzeugt, daß diejenigen, die sich der Anbetung Gottes und dem Gebet, der Stille und der Meditation, einer schlichten und verborgenen Arbeit hingeben, und deren Tage wie eine brennende Kerze auf dem Altar des Herrn ohne Lärm vergehen, daß alle diese Menschen Parasiten und Egoisten sind, die für die Gesellschaft keinen Nutzen haben.
Auch Maria hätte die Arbeit ihrer Schwester Martha ignorieren oder geringschätzen können, wenn sie in ihr nur den Lärm und das Getöse gesehen hätte, das auf Kosten des Geistes ging…
Dieser Streit zwischen Martha und Maria ist nicht neu. Er ist das Sichtbarwerden oder der Ausdruck des ewigen Streites zwischen Kopf und Hand, zwischen dem Schwert und der Feder, dem Wort und der Stille, der Geschäftigkeit und dem Gebet. Vor den Menschen ist derjenige groß, der in seinem Leben beide Tätigkeiten, die aktive und die kontemplative, vereinen kann. Niemandem ist das so gelungen wie der Jungfrau Maria, der Mutter Jesu. Wie Martha hat sie sich ganz in den irdischen Dienst ihres Sohnes gestellt und als Maria hat sie ihre ganze Liebe für Jesus eingesetzt. Sie allein war für Jesus Martha und Maria.
Diese beiden Schwestern stellen in ihren miteinander verbundenen Tätigkeiten den echten Weg zum Himmel dar. Das Ideal liegt also in der Verbindung und Verkettung der kontemplativen mit der aktiven Tätigkeit. So wird jede Aktivität, auch die schlichteste und einsamste, wenn sie durch das Gebet, das die Seele jedes Apostolates ist, genährt wird, zur realistischsten Methode, um das «eine Notwendige», das ewige Leben, zu erlangen.
Unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs waren Bildhauer auf die Kuppel des Mailander Doms gestiegen, um die durch Bombardierungen beschädigten Figuren zu restaurieren. Touristen stiegen auf die Plattform, um das Panorama zu genießen und die herrlichen Figuren zu bewundern, mit denen der Dom verziert war. Ein Tourist blieb vor einem Bildhauer stehen, der damit beschäftigt war, ein winziges Detail an einer der Statuen zu restaurieren. Nach einigen Minuten der schweigenden Beobachtung sagte der Tourist zum Künstler: «Lieber Freund, denken Sie daran, daß Sie in großer Höhe arbeiten; von der Erde aus kann niemand diese winzigen Details Ihrer Restaurationen sehen!» Ohne ihn anzublicken erwiderte der Bildhauer prompt: «Aber Gott sieht vom Himmel aus alles!»

Msgr. Georges Habib Hafouri
Syrisch-katholischer
Erzbischof (Damaskus)

Anmerkung:
1) Jesus wechselt von der Ebene des Essens zur spirituellen Ebene, zum «einzig Notwendigen».

HOCH


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