Verstaubt, vergessen, auferstanden.Die Mutter Gottes von Werl/Westfalenvon Hanswerner Reissner
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Zu den ältesten marianischen Gnadenbildern Deutschlands gehört unstreitig die wunderschöne Marienstatue von Werl. Das kostbare und weithin geliebte und hochverehrte Gnadenbild ist eine vollplastische thronende Maria. Diese Figur vertritt, was viel zu wenig beachtet wird, den Typos der SEDES SAPIENTIAE (Thron der Weisheit). Denn die uns frontal begegnende Gottesmutter wirkt hier wie eine lebendige Kathedra Jesu Christi! Freilich setzt das voraus, daß wir die Göttliche Weisheit (in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur) auf Jesus Christus beziehen, also in ihm inkarniert betrachten, was in der Religionsphilosophie keineswegs unumstritten ist.
Will man der Legende vertrauen, dann haben wir es hier mit einer Figur zu tun, die ein Ritter oder Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land mitgebracht hat, um sie seiner Tochter, die in Ahlen in einem Kloster lebte, zu schenken. Und die gab die Statue an ihren Bruder namens Berthold weiter, der als Praemonstratenser im Kloster Scheda lebte. Ein Traum hatte sie dazu veranlaßt. Und dieser Berthold hat dann wohl ca 1200 der Mutter des Herrn eine Kapelle erbaut, und zwar auf dem Haßleiberg bei Fröndenberg. Hier stellte er die Statue zur öffentlichen Verehrung auf. Zudem gründete Erzbischof Heinrich I. von Köln hier ein Zisterzienserinnenkloster (1230). Danach verlieren sich die Spuren für längere Zeit. Interessant ist, daß die Marienfigur stilistisch viel eher nach Norden als nach Palästina weist. Und etwa ein Jahrhundert später wird für die 1370 geweihte Kirche «Maria zur Wiese» in Soest eine wundertätige Statue der Gottesmutter erwähnt, die ca 1170 in Südschweden entstanden sein könnte. Da aber nun im 12. Jahrhundert die Insel Gotland als zur Hanse gehörig mit Soest regen Handel betrieb, ist es keineswegs unmöglich, daß Soest diese Figur von dort erwarb und diese somit nach Soest in die «Wiesenkirche» kam. Allerdings sind byzantinische Vorbilder oder entsprechende Einflüsse für dieses Gnadenbild nicht zu bestreiten; das Rheinland und Westfalen bieten dafür Beispiele (z.B. Buschhoven). Die neuere Forschung rechnet damit, daß dieses Gnadenbild Vorläufer für eine ganze künstlerische Schule war oder ist! Für 1351 ist die Statue auf jeden Fall für Soest bezeugt! Sie wurde bei regelmäßigen Prozessionen mitgeführt, bis 1531 die Protestantisierung der Stadt Soest dem ein Ende bereitete. Denn nunmehr waren Wallfahrten und Marienverehrung als «Götzendienst» verboten und verpönt. Somit verschwand diese schöne Figur für 130 Jahre auf einem Dachboden, wo sie vergessen wurde und verstaubte. Die wunderbare Wende geschah 1661. Denn da gelangte das Gnadenbild als Sühne der Bevölkerung von Soest für einen im Arnsberger Wald geschehenen Jagdfrevel nach Werl. Die Stadt war zu jener Zeit kurkölnisch (Herzogtum Westfalen); und Erzbischof Maximilian Heinrich war Landesherr. Er nahm am 1. November 1661 das Gnadenbild auf seinem Schloß in Werl in Empfang und gab es tags darauf den seit Ende des Dreißigjährigen Krieges hier ansässigen Kapuzinern. Schon acht Jahre später konnte Generalvikar Johann Heinrich von Hildesheim eine neue Wallfahrtskirche unter dem Titel «Mariae Heimsuchung» konsekrieren. Daß die Mutter Gottes in Soest bis zur unseligen Glaubensspaltung hohe Verehrung genoß, bezeugt u.a. ein Ablaßbrief vom April 1418.
Der Siebenjährige Krieg brachte es mit sich, daß die erste Hundertjahrfeier zwei Jahre zu spät stattfand, nämlich 1763, am Ende dieses Krieges. Daß man 1774 dem Gnadenbild ein Reliquiar mit einem Partikel des heiligen Kreuzes einfügte, war von größerer Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheinen mag: Marienfrömmigkeit ist ohne Bezug zu Jesus Christus nichts! Etwas, was gerade der hl Ludwig Maria Grignion betonte! Wie überall im einstigen Reiche wurde auch hier das Kloster der Kapuziner in der Säkularisation aufgehoben. Aber die neue preußische Verfassung (Werl gehörte seit 1816 zu Preußen) bekannte sich zur Religionsfreiheit! Folglich konnten am Fest des hl. Franziskus 1849 seine Jünger, diesmal Franziskaner, an die Gnadenstätte der Mutter Gottes zurückkehren.
An der Zweihundertjahrfeier nahm der Bekennerbischof Konrad Martin von Paderborn teil.
Rund 100000 Wallfahrer waren anwesend! Der Zustrom an Wallfahrern nahm beständig zu, so daß von 1904 bis 1906 das Heiligtum als große Basilika neu gebaut wurde. Mit rund 250000 Gläubigen, die jährlich hierher kommen, gehört Werl inzwischen zu den ganz großen Marienheiligtümern Deutschlands; und es ist der größte Wallfahrtsort von Westfalen. Papst Pius X. ließ 1911 das Werler Gnadenbild durch Kardinal Fischer von Köln krönen. Und eine weitere «Erhöhung» wurde Werl dadurch zuteil, daß Pius XII. die Wallfahrtskirche zur Basilica minor erhob. Folglich trägt seither dieses Gotteshaus über dem Portal das Wappen des jeweils regierenden Papstes.
Erwähnt sei noch, daß «orientalischer Einfluß sich im ganzen Aufbau der Marienfigur geltend macht. Die Körperhaltung von Mutter und Kind sind Symbole für das Heilige und Erhabene, während die Gebärde der Hände und Sitzen auf dem Thron höchste Königswürde versinnbildlichen. Das frei über die Schulter fallende Haar ist ein Zeichen für die königliche Herkunft Mariens und für ihre Jungfräulichkeit. Mittelalterlichem germanischem Rechtsbrauch ist das Symbol der unbeschuhten Füße beim Jesuskind entnommen und deutet auf restlose Hingabe.» (Waltram Schürmann) Das Gnadenbild befindet sich heute in einem gläsernen Schrein auf einem schlicht gehaltenen bräunlichen Sockel nahe den Altarstufen etwas links von der Altarmensa.
Noch ein Wort zur Frage nach der Sedes Sapientiae. Das Werler Gnadenbild gehört ja in etwa diesem Typos an. Nun ist es ein vieldiskutiertes Problem der Religionsphilosophie, zumal der russischen, wer denn nun eigentlich die Göttliche Weisheit sei, die wir ja aus dem Alten Testament kennen (sollten). Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Kirchenväter sahen sie zumeist in Jesus Christus inkarniert. Aber in der Mystik gab es seit je gewichtige Stimmen, die in Maria die (ja eben doch weibliche) Weisheit inkarniert sehen wollten! Wer in bestimmten Marienstatuen aber den Thronsitz der Weisheit sieht, empfindet natürlich Jesus Christus als die Weisheit Gottes. Ob Paulus freilich (in 1.Kor. 1,30) die Sapientia-Sophia des Alten Testamentes im Blick hat, ist jedoch fraglich.
Aber unter welchem Titel auch immer die Wallfahrer in Werl die Mutter Gottes grüßen und verehren, bei ihr finden sie alle die Göttliche Weisheit! Und uns allen gilt das Wort der Weisheit-Sophia, das die Kirche Maria(!) in den Mund legt: «Selig, die auf mich hören; selig, die meine Wege gehen!»
Hanswerner Reissner
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