Mirella Pizzioli

Wallfahrtskirche Mariaort

Pfarrei Eilsbrunn/Oberpfalz
Bistum Regensburg — Landkreis Regensburg
Patrozinium: Mariä Himmelfahrt (15. August)

=> MARIA HEUTE 390 INHALT

Nahe bei dem Zusammenfluß der Naab und der Donau, in der Nähe der Stadt Regensburg, liegt, umgeben von Laubbäumen, die Wallfahrtskirche Mariaort.
Über die Entstehung der Wallfahrt berichtet eine Legende. Als der byzantinische Kaiser Leo IV., der Chasare (775-780), ein Bilderstürmer, der sämtliche religiösen Darstellungen vernichten ließ, herrschte, wurde auch ein Marienbild, welches später als Gnadenbild in der Wallfahrtskirche verehrt worden sein soll, in das Schwarze Meer geworfen. Die Statue versank aber nicht, wie viele Legenden ähnlicher Art erzählen, sondern schwamm, auf einem Wacholderstrauch stehend, über das Schwarze Meer und die Donau hinauf. Bei der Einmündung der Naab in die Donau blieb das Bild Mariens am Ufer hängen. Die Bewohner der Ortschaft sahen die Statue und beschlossen, dem Muttergottesbild eine kleine Kirche zu erbauen. Doch wurde über Nacht das Baumaterial auf wundersame Weise an das jenseitige Ufer der Naab, wo heute die Wallfahrtskirche steht, angeschwemmt. Die Bevölkerung führte sofort den Bau der Wallfahrtskirche durch. Doch auch der Wacholderstrauch, auf dem die Marienstatue stand, wurde als etwas Wunderbares angesehen. Man erbaute an der Ostseite der Kapelle eine kleine Kanzel und pflanzte den Wacholderstrauch in sie hinein. Viele Besucher der Wallfahrtskirche gehen zu der Kanzel mit dem Strauch. Schon mancher brach sich als Andenken einen Zweig dieses immergrünen Strauches ab, wie zum Beispiel 1654 Mitglieder der spanischen Gesandtschaft in Regensburg. Der damalige Kaiser Ferdinand III. betete hier und stiftete eine silberne Ampel.
Wenden wir uns von der Legende zur Geschichte der Wallfahrtskirche. Die Ortschaft Ort erscheint schon in alten Urkunden. Im Jahr 1020 übergab der Edle Walthar dem Kloster St. Emmeram in Regensburg 10 Tagwerk Grund. Im Zinsbuch aus dem Jahre 1031 sind die Güter und Zinsen verzeichnet, die das Kloster um Ort besaß, und es ist ein Mönch als Vikar genannt. Erstmals wird 1192 eine Kirche zu Ort erwähnt. Damals geriet der Priester dieser Kirche Poppo mit dem Pfarrer von Eilsbrunn Bernoldus der Sepultur wegen in Streit. Bischof Wolfker von Passau entschied den Streit, daß die Kirche der Pfarrei Eilsbrunn untergeordnet sei.
Im 13. und 14. Jahrhundert erwähnen die Urkunden vor allem den Weinbau um die Ortschaft Ort. Zahlreiche Gläubige verschrieben der Kirche als Zins mehrere Eimer Weins, davon erhielt jeweils der Priester der Kirche zu Ort ein Drittel und den Rest der Pfarrer von Eilsbrunn. 1408 wird ein Probst Conradt, der auch als Richter amtete, zu Ort erwähnt. Die Pröpste von Ort wohnten wahrscheinlich im sogenannten Tempelgut, das auf einer Votivtafel (hinter dem Hochaltar) von 1698 abgebildet ist. 1433 stiftete der Geschäftsmann Ulrich Schuller eine ewige Messe zu Mariaort, die alle Pfingsttage in der Wallfahrtskirche zu zelebrieren sei; 1470, 1475, 1497 wurden wiederum ewige Messen gestiftet. Am 21. März 1457 verlieh Herzog Albrecht dem Kirchenprobst als Lehensträger einen Weingarten bei Kneiting. Trotz dieser Stiftungen und zahlreicher Lehen mußte am 2. Dezember 1498 der Benefiziat von Ort wegen Unzulänglichkeit seines Unterhalts seinen Sitz bei der Kirche aufgeben. Nun wurde die Seelsorge von der Pfarrei Eilsbrunn übernommen, wie auch aus Jahrtagsstiftungen der nächsten Jahre hervorgeht, die sämtliche dem Pfarrer von Eilsbrunn über das Gotteshaus Mariaort verschrieben worden sind.
In Mariaort befand sich eine Mahlstätte. Unter anderem wurde hier in den Jahren 1366, 1482 und 1512 Gericht gehalten. Am 12. Mai 1510 verliehen mehrere Kardinäle der Kirche zu Ort einen Ablaß. Dieser wurde vom Pfalzgrafen und Administrator des Hochstiftes Regensburg am 16. Juli 1520 bestätigt.
Im Jahre 1517 wurde auf Betreiben des Abtes Ambros von St. Emmeram eine Bruderschaft für alle christgläubigen Seelen gegründet. Danach sollten im Quatember für alle lebenden und verstorbenen Christen dieser Bruderschaft eine gesungene Vigil und zwei Ämter, eines de Beata und das andere pro defunctis, gehalten werden. Ferner sollte der Priester von Mariaort jeden Sonntag bei der hl. Messe der Bruderschaftsmitglieder gedenken. Am 7. Dezember 1517 wurde die Bruderschaft vom Bischof von Regensburg bestätigt. Eine erneute Anerkennung erfolgte 1644 durch Bischof Albert IV. von Regensburg. Schlimm waren die Folgen des Dreißigjährigen Krieges für die Ortschaft Ort und für die Wallfahrtskirche Mariaort. Diese wurde geplündert. Wahrscheinlich wurde auch der Opferstock, der heute beim Hochaltar steht und die Jahreszahl 1632 trägt, ausgeraubt, da in Mariaort um 1860 Münzen ausgegraben wurden, die die Jahreszahlen 1628 und 1629 trugen und die damals von dem Dieb vergraben worden sein könnten. Damals ließen der Kaiser und Kurfürst Maximilian I. 1641 in der Nähe der Wallfahrtskirche eine Brücke über die Naab schlagen, damit die Soldaten übersetzen konnten, ohne von den Regensburgern gesehen zu werden. Am Pfingsttag des Jahres 1699 setzte Weihbischof Albrecht Ernst Graf von Wartenberg auf dem damaligen Hochaltar zu unserer lieben Frau, der wohl neu erstanden war, Reliquien ein (unter anderem Kreuzpartikel). Für die Beliebtheit der Kirche zeugt die Tatsache, daß in den zwölf Jahren 1727/1738 8456 hl. Messen zelebriert worden waren. Aus dem Jahr 1743 hat sich ein Flugblatt mit der Legende über das Gnadenbild erhalten.
Da die Wallfahrtskirche zu klein geworden war und den Zustrom der Wallfahrer nicht mehr fassen konnte, ließ der würdige und caritativ eifrig wirkende Pfarrer Benedikt Hopp aus Eilsbrunn den heutigen Teil der Wallfahrtskirche zum größten Teil aus eigenen Mitteln, 1774/1776 ausführen.
Im Auftrage des bischöflichen Ordinariats Regensburg weihte am 10. August 1774 Pfarrer Hopp die noch ohne Deckengemälde und nur im Rohbau befindliche Kirche. Das Gnadenbild wurde von der kleinen gotischen Kirche, die jetzt als Sakristei dient, in die neue, angebaute Wallfahrtskirche überführt. Nach einer baulichen Veränderung 1776 wurde laut Inschrift-Stein die Kirche am 12. Oktober 1777 vom Regensburger Weihbischof Adam Ernst Joseph konsekriert.
1910 wurde die Kirche restauriert (Konservator Döttl, München). Die Deckengemälde wurden ausgebessert und die Seitenaltäre neu gefaßt. Der Hochaltar erhielt Wandleuchter, welche dem Stil der Kirche angepaßt sind. Zur Lüftung wurden zu den drei Lüftungsfenstern weitere drei eingesetzt. Die Ausbesserung der Deckengemälde führte Prof. Joseph Aitheimer, Regensburg, durch; den Rahmen um die Gnadenfigur lieferte Gürtlermeister Max Leser, Stadtamhof; die Malerarbeiten übernahm Friedrich Gegenmeier, Steinweg. Durch Witterungseinflüsse gerieten die Außenwände der Kirche bald wieder in einen schlechten Zustand. 1918 erfolgt die Außenrenovierung. Das Dach war bereits früher umgedeckt worden.
Im letzten Weltkrieg (1939/45) wurde die Wallfahrtskirche Mariaort mit der nahen Kalvarienbergkirche am 17. April 1945 durch den großen Fliegerangriff auf die Eisenbahnbrücke bei Mariaort stark beschädigt. Innenrenovierung wurde 1952 durch die Firma Hummel und Kirchenmaler Vogel, Regensburg, durchgeführt. Unter der meisterlichen Hand von Stukkator Schuderer und von Kirchenmaler Vogel, beide Regensburg, wurde die Kirche vorzüglich wiederhergestellt.
In der Nacht vom 7.-8. Februar 1983 stürzte ein ca. 3 qm großes Gewölbestück vom Hauptschiff auf das Kirchengestühl herunter. Unverzüglich wurde unter Leitung des Landesamtes für Denkmalpflege in Verbindung mit dem Bischöflichen Ordinariat eine Renovierungsaktion eingeleitet.

Führung

Von der ursprünglichen Kirche wurde um 1774 das Langhaus abgerissen, so daß außer dem spätgotischen Untergeschoß des Turmes nur mehr der Chor mit dreiseitigem Schluß steht, der heute als Sakristei dient. Er dürfte um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden sein. Erhalten sind noch die Kreuzrippengewölbe mit einem schönen Schlußstein «Maria mit Jesuskind auf den Wellen» gegen 1500. Die Ablaßverleihung 1510 hängt wohl mit der Kirche und deren Ausstattung zusammen. Aus dem Jahre 1515 stammt laut Inschrift («1515 Christoph Eiffel», Wappen mit Mühlrad) der achteckige Taufstein. Hier befindet sich auch eine Nachbildung des Wallfahrtsbildes: eine stehende Muttergottes (Holz, 1,28 m hoch); das Jesuskind hält eine Kröte, Maria eine Wasserrose in der Hand. Die Pieta (Maria kniend, den Leichnam Christi haltend) stammt aus der Zeit um 1500 (Höhe 0,90 m). Der Zugang zum alten Chor erfolgt durch eine rechteckige Türe, die mit Rosetten reliefiert ist.
Bravourös und mit perspektivischer Gewandtheit malte Schiffer (um 1774) das Langhausgemälde: die Himmelfahrt von Maria, die erwartet wird von Christus, Gott-Vater und dem Geist. Die gemalte Umrahmung zeigt frühklassizistische Ornament-Motive. In den Kappengewölben Bilder mit Wallfahrtsereignissen: auf der Epistelseite (rechts) die Aufstellung des Gnadenbildes, die Heilung eines Besessenen, Pilger in der Wallfahrtskirche, und auf der Evangelienseite (links) leidende, hilfesuchende Pilger vor dem Gnadenbild, die Brücke von Mariaort mit einer Mühle und nochmals Pilger. Unterhalb die Heiligen Petrus, Paulus, Wolfgang, Dionysius, Emmeram und ein hl. Abt.
Der jetzige Hochaltar, ein stattliches Werk des Frühklassizismus mit vier marmorierten Säulen, zwischen denen die Gestalten der Apostelfürsten Petrus und Paulus stehen, entstand im Jahre 1770. Über dem Tabernakel steht an Stelle eines Altarbildes das vielverehrte Gnadenbild: eine schwere Steinfigur, frühestens aus der Zeit nach 1360 mit charakteristischen gotischen Gewandfalten und einem Schleiertuch über dem Haupt. Auf dem rechten Arm trägt die Gottesmutter das sitzende Jesuskind, das mit beiden Händen einen Frosch oder eine Kröte hält. (Die Kronen sind eine barocke Zutat. Gesamthöhe 1,28 m.) Die aufrechte Haltung und der gerade Blick Mariens verleihen der Gestalt Würde.
Das Äußere. Die Kirche steht parallel zum Flußufer inmitten der Büsche und Bäume am Ufer. Langhaus und Chor werden wie im Inneren durch eine Lisenengliederung mit gedoppelten Pilastern belebt. Der Chor ist im Dach ein wenig abgehoben. Malerisch vereinen sich der kurze Turm mit Haube, die alte Kapelle und die Schule. Im Turm hingen 2 Glocken mit den Inschriften: «wem ich rueft erredt vor Gefahren o Maria thue bewahren — aus dem fever floss ich Johann Schelchshorn in Regensburg goss mich. As 1703.» «Johann Erhard Kissner zu Stadt am Hoff goss mich anno 1787.» Da die alte Glocke Risse hatte, mußte sie eingeschmolzen werden. Heute besteht das Geläute aus vier Glocken mit den Tönen g a h d. Diese Glocken haben folgende Inschriften: Herz Jesu, erbarme dich unser (556 kg); hl. Josef erflehe uns einen gnädigen Tod (365 kg); hl. Veronika ruft auf zum Heilandsdienst (300 kg); Gegrüßet seist du Maria, du bist voll der Gnaden (158 kg). Der Guß wurde durch die Firmen Hamm und Hofweber durchgeführt. Die Glockenweihe erfolgte im Jahre 1958 durch Oberpfarrer a. D. Wein und Pfarrer Zehrer.
Bedeutung. Die Wallfahrtskirche Mariaort zählt ihrer Größe nach zu den kleinen Wallfahrtskirchen der Oberpfalz, doch liegt sie malerisch am Naabufer und nimmt durch ihre einheitliche Architektur und Ausstattung in der letzten Phase des Spätbarock im Übergang zum Frühklassizismus eine bemerkenswerte Stellung ein.

Gustl Motyka

HOCH


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