Die Wallfahrt zur Mutter vom Guten Rat in Wörth/IsarVon Hanswerner Reissner
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«Mutter Du vom Guten Rat! Da wir keinen Weg mehr finden, zeig Du uns den rechten Pfad!» Dieses Gebet wird seit 1944 von Tausenden immer wieder in dem bis dahin nur wenig bekannten Ort an der Isar mit Namen Wörth gesprochen. Und es hat ganz offensichtlich auch immer wieder Erhörung gefunden. Denn die Pfarrkirche hier, deren älteste Teile bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen, dient noch immer als vielbesuchte Wallfahrtskirche. Jeden Sonntag nach dem Monatsdreizehnten findet hier eine Marienfeier statt. In der östlichen Apsis, die als Gnadenkapelle dient, wird ein Gnadenbild der Mutter vom guten Rat aufbewahrt und verehrt, das eine ganz eigene, seltsame Geschichte hat. Die östliche Apsis stammt übrigens erst aus dem 17. Jahrhundert, in dessen letztem Drittel die Kirche umgebaut und erweitert wurde. Der Gnadenaltar ist im Stil der Renaissance gehalten; und das Gnadenbild wird von den Figuren der heiligen Florian und Sebastian flankiert. Das Altarblatt des Hochaltares zeigt das Martyrium des Pfarrpatrons Laurentius, der bekanntlich als römscher Diakon für das Evangelium starb. Von den Seitenaltären ist der linke der Immaculata geweiht, der rechte Johannes Nepomuk als dem zweiten Pfarrpatron. Und die «seltsame Geschichte»?
Ein früherer Seelsorger des Ortes war im August 1944 per Rad unterwegs und suchte für seine Kirche wertvolle Schnitzwerke wie Heiligenfiguren und Kruzifixe und besonders ein Bild der Mutter Gottes. Eigenartige Fügungen brachten ihn zu einem alten Bauern, in dessen Haus er «irgendetwas Altes» dieser Art vermutete. «Na ja», sagte der, «ein altes Marienbild ist noch droben.» Und da fand der Pfarrer «halbverdeckt durch einen alten Trauerkranz» eine Kopie der «Mutter vom Guten Rat» deren Hauptheiligtum sich 45 km von Rom entfernt in Genazzano befindet. Das dortige Gnadenbild entstand 1427; und die dortige Wallfahrt besteht seit 1467. Das Wörther Bild so nennen wir jetzt schon den Fund befand sich in einem trostlosen Zustand, für den der Trauerkranz fast symbolisch war: es war voller Schrammen, löcher und Risse! Man mußte fürchten, daß damit auch der tüchtigste Maler oder Restaurator kaum noch etwas anfangen könne. Fast schon wollte der Priester resignieren, da empfand er innerlich so etwas wie eine Bitte der Mutter Gottes: «Nimm mich doch mit! Und wenn ich auch noch so arm bin, so bin ich doch die Mutter vom Guten Rat!» Und jetzt wußte der Priester, daß er dies alte Bild aus der Barockzeit mit in seine Kirche nehmen sollte. Freilich wollte der Bauer es nun doch nicht hergeben, auch nicht gegen Geld. Aber dann kam es bei ihm ganz plötzlich zu einer Sinnesänderung (vielleicht durch die Mutter Jesu selbst?): «Lassen sie das Bild holen! Ich gebe es Ihnen für Ihre Kirche.» Das Bild wurde sodann mit viel Geschick renoviert. Und der Maler bemerkte nahezu prophetisch: «Es wird viele anziehen!» Ein Wort das Erzbischof Michael Buchberger später aufgriff, indem er erklärte: «Von der Mutter vom Guten Rat in Wörth geht großer Segen aus!» Die vielen Gebetserhörungen, über die die Zeitschrift «Maria vom Guten Rat» 1972 ausführlich berichtet hat, bezeugen die Anziehungskraft des Wörther Gnadenbildes.
Noch einmal zu Genazzano. Die Verehrung der Mutter Gottes unter dem Titel «Mutter vom Guten Rat» reicht gut 600 Jahre zurück. Denn, wie erwähnt, 1427 entstand das dortige Gnadenbild; und die Wallfahrt dorthin besteht seit 1467. Nüchterne Zahlen genügen freilich dem gläubigen Volk allzu oft nicht. Für ein wundertätiges Marienbild erwartet man eine mehr oder weniger wunderbare Geschichte.
Der Himmel selber schenkt dann solch ein Gnadenbild! Da nun unser Glaube tatsächlich aus dem Osten zu uns kam ex oriente lux mußte auch dieses Bild aus dem Osten gekommen sein. Es soll sich einst in Skutari (Albanien) befunden haben. Und vornehme Albaner haben es sodann, damit es nicht den Türken in die Hände fiel, nach Italien übers Meer gebracht. Diese Albaner seien tagsüber dem Bild in Gestalt einer lichten Wolke und nachts in Form einer Feuersäult gefolgt und so trockenen Fußes über das Adriatische Meer gekommen Übrigens hat diese Legende, über die mancher vielleicht lächeln mag, ihren künstlerischen Niederschlag auf diesem Gnadenbild gefunden! Denn rechts erkennen wir auf dem Bild, auch auf der Kopie von Wörth, eine Feuersäule und links eine Wolkensäule. Und diese zwei Symbole sind ja bekannt aus dem Wüstenzug des Volkes Israel!
Und da sagte nun Bischof Graber bei seiner Festpredigt zum Wörther Marientag am 14. Oktober 1973: «Auch wir Christen ziehen durch die Wüste dem gelobten (=verheißenen) Land der Ewigkeit entgegen. Maria vom Guten Rat schwebt uns (dabei) als (lichte) Wolke und als Feuersäule voran.»
Die Mutter vom Guten Rat in Wörth ist also eine Nachbildung des «Urbildes» von Gennazano. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts erfuhr das Gnadenbild von Gennazano offensichtlich die weiteste Verbreitung: Der Augustiner-Chorherr Andreas Bacchi ließ allein 1753 an die 97000 Kopien herstellen und suchte sie auf seinen Reisen zumal durch Deutschland in möglichst viele Ortschaften und Gotteshäuser zu bringen! Interessant ist auch, daß 1767 der Musikdirektor der Abtei Prüfening bei Regensburg sein letztes Werk, eine Messe, der «Maria de Buon Consiglio» weihte
Der einst bekannte, heute leider weithin schon vergessene katholische Dichter Reinhold Schneider schrieb drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, daß unserer Welt ein Marienbild gegeben werde, das die Probleme unserer Zeit in wunderbarer Weise ansprechen und Hilfe dafür bieten werde! Das mag für manches Mutter-Gottes-Bild gelten. Sicher gilt es nicht zuletzt für die Mutter vom Guten Rat in Wörth an der Isar. Kein Geringerer als der Mariologe Josef Dillersberger schrieb: «Ich finde dieses Bild geradezu wunderbar, man könnte sagen: numinos, dh von einer Schönheit und Aussagekraft, die nicht von dieser Welt ist. Beten wir in diesem Sinne (etwas erweitert) das Wörther Gebet:
Mutter Du vom Guten Rat!
Da wir keine Wege wissen,
laß uns Deine Hand nicht missen, zeige uns den Rechten Pfad!
Hanswerner Reissner
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