Der Heilige Geist und seine sieben Gaben
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«Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes» (vgl. 1Kor 6, 19) «Eigentlich suchen wir in allem nur Eines: die Spur dieses göttlichen Geistes, dieses himmlischen Feuers, ohne die diese Welt für uns nur Finsternis wäre.» (Charles de Montalenbert)
Im Alten Testament ist Gottes Geist «ruach» bedeutet «Atem» der Lebensodem; er beseelt die Propheten so sehr, daß sie im Namen Gottes sprechen. Er beseelt jeden Menschen, der Gottes Werke tut, die seine eigene Prägung tragen. In dem großartigen Jesajatext, Kapitel 11, zeichnet sich bereits Gottes Gegenwart im Menschen ab. Joel (3, 1-5) bezieht diese Gegenwart auf das gesamte Volk. Der Apostel Petrus bezieht sich auf diesen Text, um das Pfingstgeschehen zu erklären (Apg 2, 17-21).
Durch Jesus hat sich der Heilige Geist vollständig offenbart. Johannes der Täufer kündigte an, daß der Messias mit «Geist und mit Feuer» (vgl. Mt 3, 11) taufen werde, während er selber nur mit Wasser taufe. Bei der Taufe Jesu kam der Heilige Geist sichtbar auf Christus herab, während die Stimme des Vaters hörbar wurde (Mt 3, 16). Das ist die erste «Theophanie» Erscheinung des dreifaltigen Gottes im Evangelium.
Wenngleich der Heilige Geist erst im Neuen Testament deutlich erscheint, wird seine Aufgabe bereits im Alten Testament überreich beschrieben. Bereits auf der ersten Seite, ja schon im zweiten Vers: «Gottes Geist schwebte über dem Wasser» (Gen 1, 2). Der Geist, der Atem Gottes ist Zeichen für das Leben und Symbol für die Seele.
Im zweiten Schöpfungsbericht formte Gott den Menschen aus Erde und hauchte ihm den Lebensodem ein: «Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen» (Gen 2, 7). Der göttliche Atem ist die Seele, das Abbild Gottes (Gen 1, 27). Im Alten Bund gibt es keine Lehre über den Heiligen Geist; er wird vielmehr sichtbar durch das, was er ist Lebensatem und durch das, was er tut: er beseelt die Schöpfung und in besonderer Weise den Menschen.
Nachdem Jesus verherrlicht ist, wirkt der Heilige Geist voll Kraft: «Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.» (Joh 7, 37-39).
Um die Kraft und die Weisheit des Heiligen Geistes zu empfangen, müssen die Apostel und Jünger die Auferstehung und Himmelfahrt abwarten. Bevor Jesus zu seinem Vater heimkehrte, richtete er ein letztes Wort an seine Jünger: «Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.» (Apg 1,8f).
Neun Tage später, am Pfingsttag1, waren die Jünger in einem Saal versammelt; der Heilige Geist brach mit einem Brausen über sie herein wie ein heftiger Sturm und Zungen wie von Feuer kamen auf jeden herab: «Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden» (Apg 2, 4).
Welch wundervolle Kraft des Heiligen Geistes, dessen Kommen sich im Zeichen von Sturm und Feuer zeigt! Und die «fremden Sprachen», in denen die Apostel sprechen, sind ein Vorausbild der universellen Dimension, die die Sendung der künftigen Jünger haben wird bis ans Ende der Welt
Der Heilige Geist ist Band, Quelle lebendigen Wassers, Energie und Spender aller Gaben. Als Band strahlt er die Liebe im Inneren der Dreifaltigkeit aus. Er ist das Band der Kirche und der Vielzahl der Gemeinschaften, aus denen sie besteht; er bildet daraus die Einheit in großer ethnischer und kultureller Verschiedenartigkeit, aber auch in den Ausdrucksformen von unterschiedlichem religiösen Empfindungsvermögen.
Er wirkt so, daß die Jünger «ein Herz und eine Seele» sind (Apg 2, 46).
Der Heilige Geist ist Quelle lebendigen Wassers. Vor allem aber Quelle des Glaubens in uns. Er ist es, der den Menschen offenbart, wer Jesus ist, denn keiner kann sagen: «Jesus ist der Herr, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet» (1Kor 12, 3). Damit ein Christ seinen Glauben öffentlich bekennen kann, braucht er den inneren Beistand des Heiligen Geistes, der das Herz berührt und es Gott zuwendet; Er «muß es jedem leicht machen, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben» (vgl. Dei Verbum 5). In der Tat: Jesus ist die Wahrheit. Und «Gott hat den Geist seines Sohnes in unser Herz gesandt, den Geist, der ruft: Abba, Vater» (Gal 4, 6). Daher muß die Katechese über das «neue Leben» (Röm 6, 4) vor allem eine Katechese über den Heiligen Geist sein, den inneren Lehrer eines Lebens in der Nachfolge Christi, den liebenden Gast und Freund, der dieses Leben beseelt, lenkt, berichtigt und stärkt2.
Jesus hat das Bild vom lebendigen Wasser, das ein Bild für den Heiligen Geist ist, stark betont: «Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.» (Joh 7, 37f).
Der Heilige Geist ist Energie. Seit Anbeginn der Schöpfung ist er als Energie, als Lebenskraft am Werk, wie es im Schöpfungsbericht der Genesis (Kapitel 1) bezeugt wird. Der Vater schickt durch sein Wort den Heiligen Geist, um der Welt eine neue Dynamik zu geben.
Zu Pfingsten zeigt er seine schöpferische Dynamik durch den Wind und das Feuer. Seit damals gibt er den Institutionen der durch Christus eingesetzten Kirche Sein Leben ein und unterhält dieses Leben. Er belebt die Hierarchie: den Nachfolger Petri, die Bischöfe und die Priester, denn die Hierarchie soll in besonderer Weise durch ihren Geist und ihr Wirken die Energie und die Dynamik des Heiligen Geistes zum Ausdruck bringen. Der Heilige Geist belebt aber auch die Laien. Seit dem II. Vatikanischen Konzil haben sie einen bedeutenderen Stellenwert in der Kirche erhalten und sie wurden ermutigt, ihren Anteil an der Ausbreitung und dem Wachstum der Kirche beizusteuern. Johannes Paul II. hat ihre Aufgabe beträchtlich erweitert, besonders durch seinen Apostolischen Brief «Christi fideles laici» (Die gläubigen Laien) vom 30. Dezember 1988. Dieser Text sollte die Lieblingslektüre jedes Laien sein, der sich der Bedeutung seiner Aufgabe in der Kirche als «neue Schöpfung» (Gal 6, 15), von der Sünde gereinigt und durch die Gnade belebt, bewußt ist.
Schließlich ist der Heilige Geist auch der Spender der Gaben. Er ist uns als die herausragende Gabe Gottes geschenkt worden (vgl. Apg 2, 38 und 10,45). Und diese erstrangige Gabe zeigt sich durch mehrere besondere Gaben. Der hl. Paulus hat sich bemüht, diesen Gaben in seinem berühmten 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes eine Rangfolge zu geben. Er hat sich von der Liste der Gaben inspirieren lassen, die im Buch Jesaja vorkommen (11, 1-2). Dabei bekräftigt er den Vorrang der Liebe vor allen anderen Gaben.
Was sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes? Die Gaben der Weisheit, der Einsicht, des Rates, der Stärke, der Wissenschaft, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht. Die sieben Gaben bilden einen übernatürlichen Organismus, durch den uns der Heilige Geist von innen her bewegt und uns seiner eigenen Wirkweise, die Feuer und Lebenshauch, Feuer der Liebe und göttlicher Hauch ist, gleichgestaltet. Die sieben Gaben schöpfen daraus ihre Substanz und ihren tiefen Sinn.
Die Gabe der Weisheit. Für Israel ist die Weisheit ein Erbteil Gottes. Und Gott schenkt sie dem, der ihrer würdig ist (siehe Spr 2, 6 und Tob 11, 5). Sie umfaßt Klugheit, untadelige Sitten, Selbstbeherrschung, Menschen- und Lebenskenntnis. Das alles bedeutet das hebräische Wort «hokmah» - Weisheit ein Wort, das es in allen Völkern gibt. Alles in allem ist es die Stimme des Gewissens im Herzen des Menschen.
In Jesus wohnt Gottes Weisheit; in ihm sind alle Schätze der Weisheit verborgen. Ihn nachzuahmen heißt, Fortschritte auf dem Weg der Weisheit zu machen, der kein Weg dieser Welt ist, wie es uns das Kreuz überdeutlich zeigt: in den Augen der Welt ist das Kreuz «Skandalum und Torheit». Die göttliche Weisheit wird in uns durch den Heiligen Geist genährt, sie ermöglicht uns, daß wir in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes leben.
Die Gabe der Einsicht. Es handelt sich nicht um eine rein intellektuelle, spekulative Einsicht oder Intelligenz. Ein Mensch, der in dieser Sichtweise sehr intelligent ist, muß nicht unbedingt die Gabe der Einsicht haben, die vom Heiligen Geist kommt. Das Wort kommt vom lateinischen «intellego», was soviel bedeutet wie: unterscheiden, entwirren, erkennen. Es handelt sich hierbei um die Gabe der Unterscheidung, die einen Menschen beseelt und ihm in allen Situationen seines Lebens anzeigt, wie die göttliche Weisheit durchscheinen kann.
Die Gaben des Rates und der Stärke bilden ein eng verbundenes Paar. In den unterschiedlichen Lebenslagen gibt der Heilige Geist einen Rat, eine Äußerung zu dem, was getan werden sollte und wie man sich verhalten soll, um Gott wohlgefällig zu sein. Zugleich schenkt er die Stärke, seinem Rat zu folgen, denn er achtet die Freiheit jedes Einzelnen; man kann sich nur in Freiheit für die Liebe entscheiden, die alle Gaben übersteigt. Auf diese Weise kann der Jünger, der sich in allem dem Willen Gottes gleichförmig macht, anderen Personen gegenüber diese Gabe des Rates ausüben. Und sein Beispiel schenkt demjenigen, dem der Rat zuteil wird, die Stärke, ihm zu folgen.
Die Gabe der Wissenschaft ermöglicht es, immer tiefer zu entdecken und zu ergründen, wer Gott ist. Dem Atheisten fehlt diese Gabe vollständig, weil er bereits die Vorstellung von Gott verwirft. Wer an die Existenz Gottes glaubt, ohne ihn so zu kennen, wie Christus ihn uns offenbart hat, besitzt die Gabe der Wissenschaft im Keim. Nur wer an Christus glaubt und diesen Glauben durch seine ganze Lebensweise ausdrückt, besitzt die Gabe der Wissenschaft in aller Fülle.
Die Gabe der Wissenschaft ist mit der Gabe der Gottesfurcht verbunden. Diese Furcht hat nichts mit Angst zu tun; sie ist vielmehr jene Tugend, die den Menschen gewährt wird, die sich der unendlichen Größe und Allmacht Gottes bewußt sind. Dieses Bewußtsein regt sowohl zu Achtung, Bewunderung und Vertrauen an, was genau das Gegenteil von Angst ist. «Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit» (Ijob 28, 28). Diese Furcht entfernt allen Hochmut aus dem Herzen des Gläubigen.
Das sind die sechs Gaben des Heiligen Geistes, die bei Jesaja erwähnt sind. Die christliche Tradition hat die Gabe der Gottesfurcht in zwei Gaben aufgeteilt, um dadurch die Zahl sieben zu erreichen, die Symbol der Fülle ist. Aus diesem Grund fügte sie die Gabe der Frömmigkeit hinzu, die ganz natürlich aus der Gabe der Gottesfurcht hervorgeht. Die erste Verwendung dieser Liste der sieben Gaben findet sich bei Ambrosius von Mailand (Ende des 4. Jahrhunderts) und in einem Ritual von Papst Siricius aus dem Jahr 385.
Von dort aus ging diese Liste der sieben Gaben des Heiligen Geistes ohne Unterbrechung in die Liturgie der Firmung über.
Die Mutter des Gottessohnes besitzt eine einzigartige Teilhabe an der Vaterschaft des himmlischen Vaters sowohl in Hinblick auf ihren Sohn als auch in Hinblick auf die Menschen. Sie ist die Ikone und die Transparenz des Heiligen Geistes. Sie spiegelt und verkörpert den gleichsam mütterlichen Aspekt der Aufgabe des Heiligen Geistes im Mysterium der Menschwerdung und im Mysterium des Pfingstgeschehens. Auf hebräisch ist der Name des Geistes ruach übrigens feminin. Maria verkörpert die Werte des Lebens und der Innerlichkeit, die den Heiligen Geist auszeichnen: Liebe, Selbsthingabe, Intuition, Innerlichkeit, Kommunikation; alle diese Werte werden besonders von Frauen verkörpert.
Kurzum: Maria besitzt die sieben Gaben des Heiligen Geistes in aller Vollkommenheit. Ihr Leben ist das vollendete Beispiel dafür.
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Und du, liebe Leserin, lieber Leser, bist du dir der wunderbaren geistlichen Realität bewußt: dein Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes? Bist du dir wirklich bewußt, daß Gottes Geist in deiner Seele wohnt und daß er sich glühend danach sehnt, dir seine sieben Gaben in aller Fülle zu schenken? Das ist kein Bild, sondern eine vitale Realität. Passiert es dir manchmal, daß du «vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude» bist (vgl. Lk 10, 21)?
Du wurdest «im Heiligen Geist und im Feuer getauft» (Mt 3, 11). Trägst du dieses Feuer in die Welt, in deine Umgebung? Vor allem aber: bist du dir seiner Gegenwart in dir bewußt und betest du, sprichst du im Gebet zu diesem «süßen Freund» deiner Seele?
Wenn das nicht der Fall ist oder wenn du dir tiefer bewußt werden willst, Wohnstätte des Heiligen Geistes zu sein, richte mehrmals täglich folgendes Gebet an ihn:
«Komm, Heiliger Geist,
süßer Freund meiner Seele, reinige mein Herz und entzünde in mir das Feuer deiner göttlichen Liebe.
So werde ich zur Erneuerung der Welt beitragen. Amen.»
Dadurch wird deine Einsicht in das Evangelium
erleuchtet, deine Seele wird entzündet und von allen Verunreinigungen geläutert. Dein Herz wird von der göttlichen Liebe, deren geheimnisvolles Herzstück der Heilige Geist ist, erwärmt.
René Lejeune
Anmerkung:
1 Das jüdische Pfingstfest wird 50 Tage nach dem Paschafest gefeiert; es ist ein Gedächtnis an den Bundesschluß zwischen Jahwe und seinem Volk Israel auf dem Berg Sinai.
2 Siehe «Katechismus der Katholischen Kirche» (§1697)
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