Jesus lehrt uns brüderliche Liebe
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Bevor Jesus mit seinen Jüngern das Paschafest feiert, erinnert er sie daran, daß die Nächstenliebe die Kraft ihrer Vereinigung und das Siegel ihrer Einheit sein soll: «Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben» (Joh 13, 34). Das ist also der Wille des Herrn: jeder Mensch soll seinen Nächsten lieben, den Gott als sein Geschöpf und sein Kind liebt. Im Laufe der Jahrhunderte wird er nicht müde, es den großen Heiligen und Mystikern seiner Kirche immer wieder zu sagen.
Was das Wesen der brüderlichen Liebe betrifft, so verlangt Jesus von der hl. Veronika Giuliani «eine treue, reine, glühende und ausdauernde Liebe, eine Liebe, die sich in den Werken der Liebe übt, die sie für alle ihre Mitschwestern tut». Jesus sagt ihr auch: «Dein Leben sei ein andauernder Akt der Nächstenliebe» (Tagebuch 12. August 1696).
Marie Brotel wird durch Jesus geoffenbart, daß die Nächstenliebe vorrangig ist, um zum Himmel zu gelangen, und er sagt ihr, wie wichtig es ist, seinen Nächsten aufrichtig zu lieben, um immer mit Ihm Jesus vereint zu sein. Unsere ewige Glückseligkeit hängt von dieser Vereinigung ab. Das bestätigt er ihr: «Meine Tochter, ich soll in allen Christen leben; es soll in ihnen nur mich geben; wie soll ich im Himmel Seelen aufnehmen, die auf der Erde ein geteiltes Herz haben? Entweder steht ihnen ein langes und furchtbares Fegefeuer bevor, oder aber sie sind für immer von mir getrennt, wenn ihre eigene Trennung durch eine Verfehlung in der Nächstenliebe tödlich ist.» (Anhang 1, Nr. 5)
Was die Modalitäten der brüderlichen Liebe betrifft, so entdecken wir zuerst, daß Gott zu lieben bedeutet, alle zu lieben, die Gott liebt. Das vertraute Jesus der hl. Katharina von Siena an: «Sobald die Seele mich liebt, liebt sie auch ihren Nächsten, sonst wäre ihre Liebe nicht echt, denn die Gottesliebe und die Nächstenliebe sind eins. Je mehr mich eine Seele liebt, umso mehr liebt sie ihre Nächsten, denn die Liebe, die sie für jene empfindet, geht aus meiner Liebe hervor.» (Dialoge, Kap. 7).
Die zweite Weise, seinen Nächsten zu lieben, besteht darin, Christus in den Ärmsten zu lieben. Die Nächstenliebe zeigt sich in Aufmerksamkeit und beständiger Feinfühligkeit gegenüber den anderen. Jesus hat es uns gesagt: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25, 40). Der hl. Johannes von Gott hat dies in seinem Leben, das er in beständiger Nächstenliebe führte, erfahren. Als er eines Tages einem armen Mann begegnete, der halbtot war, trug er ihn auf seinen Schultern ins Hospital. Dort legte er ihn auf ein Bett und wusch ihm die Füße, wie er es bei allen tat. Aber, o Wunder, als sich der Heilige neigt, um ihm die Füße zu küssen, bemerkt er an einem der Füße eine leuchtende, strahlende Wunde, durch die er den gekreuzigten Erlöser erkennt. Als er die Augen erhebt, hört er, daß der Herr zu ihm sagt: «Johannes, was die Armen in meinem Namen empfangen, hat man mir getan; ich strecke die Hand für das Almosen aus, das man ihnen gibt; ich bin mit ihren Gewändern bekleidet; mir wäschst du die Füße jedesmal, wenn du diesen Dienst einem Armen oder einem Kranken erweist.» (8. März, Bollandisten)
Der Herr behandelt uns so, wie wir die Anderen behandeln. Die hl. Veronika Giuliani fühlte sich gestört, weil ihre Mitschwestern sie nicht in Ruhe ließen; sie versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen, um vor dem Allerheiligsten zu beten. Dort vernahm sie eine Stimme, die ihr sagte: «Du willst deine Mitschwestern nicht hören, so will ich dich ebenfalls nicht hören» (Tagebuch 15. Oktober 1700). Die innere Dürre, über die sich fromme Menschen beklagen, ist sehr oft eine Strafe für ihren Mangel an Nächstenliebe.
Die Verfehlungen gegen die Nächstenliebe mißfallen dem Herrn. Schwester Jeanne Benigna Gojoz spürte, als sie einmal weniger liebenswürdige Worte als gewöhnlich sagte, nach der Kommunion eine kochende Flüssigkeit in ihrem Mund. Jesus sagte ihr: «Ich darf in dir nichts unvollkommen lassen, ohne es zu korrigieren und zu bestrafen, so wie ich auch nicht das Geringste, das du an Gutem tust, unbelohnt lasse» (Leben, 1. Teil, Kap. 9).
Die Armen verachten heißt, Christus selbst zu verachten. Der Herr sagte der ehrwürdigen Margareta vom heiligen Sakrament: «Die meisten Menschen sind so grausam zu mir, daß sie sich über mich in der Person meiner Armen lustig machen; sie verachten es nicht nur, mit mir zu sprechen, sie vermeiden es sogar, mich anzuschauen. Diese Verachtung und diese Undankbarkeit richtet sich gegen meine Person.» (Leben, Buch 5, Kap. 6).
Jesus fordert uns auf, nicht über die anderen zu richten, um nicht selber gerichtet zu werden. Der hl. Katharina von Siena empfiehlt er, nicht zu richten: «Du würdest glauben, gut zu urteilen, aber du würdest schlecht urteilen, wenn du dich nur auf das beziehst, was du siehst und oft würde dich der Teufel viele Wahrheiten sehen lassen, um dich zur Lüge zu führen. Das würde dir widerfahren, wenn du dich zum Richter über die Gedanken und Absichten der vernunftbegabten Geschöpfe machen würdest, denn wie ich dir schon gesagt habe, darf ich allein darüber richten
» (Buch 3, Kap 16).
Die Wohltaten der brüderlichen Liebe sind zahlreich. Einige seien angeführt:
Sie zieht göttlichen Segen auf diejenigen herab, die sie praktizieren. «Der Herr», sagte Schwester Jeanne Benigna Gojoz, «hat mich erkennen lassen, daß die Schwestern durch dieses Mittel so viel himmlischen Segen und vor allem diese wundervolle Ausbreitung unseres Institutes in so kurzer Zeit erwirkt haben» (Leben, 1. Teil, Kap. 11).
Sie ist in ihren Urteilen nachsichtig, denn sie lebt in der Barmherzigkeit Gottes. Zu Franziska von Bona sagte der Herr: «Man soll seinen Nächsten nicht diffamieren; ich will keinen Menschen verlieren; meine Barmherzigkeit ist groß» (Buch 2, Kap. 8).
Wenn wir in unseren Urteilen über die anderen Nächstenliebe üben, so schenkt sie uns einen heiligen Tod und ein mildes Gericht durch den Herrn. Jesus sagte am Fest der hl. Magdalena zu Franziska von Bona: «Meine Tochter, schließt die Augen vor den Schwächen des Nächsten, entschuldigt seine Fehler, habt Mitgefühl für seine Schwächen; schaut in allen Dingen auf euch selber und ich verspreche euch, daß ich euch vor meinem Vater entschuldigen werde, wie ich meine liebende heilige Magdalena entschuldigt habe» (Buch 3, Kap. 2).
In der Nächstenliebe die Gaben Gottes beim anderen zu lieben, heißt, göttliche Gnaden auf sich selber herabzuziehen. Zur hl. Mechthild sagte der Herr: «Alle, die meine Gaben bei den anderen lieben, werden dasselbe Verdienst und denselben Ruhm empfangen wie jene, denen ich meine Gaben aufgenötigt habe» (Teil 5, Kap. 23).
Im Evangelium erinnert uns Jesus daran, daß jeder Akt der Nächstenliebe im Himmel vergolten und der Ruhm unserer hochherzigen Seele in seinem Reich sein wird: «Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist Amen, ich sage euch: Er wird gewiß nicht um seinen Lohn kommen.» (Mt 10, 42). Er ruft seinen Mystikern und Heiligen also weiterhin die Richtigkeit seiner evangelischen Worte in Erinnerung, um uns anzuregen, immer mehr zu lieben, damit wir unsere Krone der Gerechtigkeit und Herrlichkeit im Himmel empfangen.
Die Nächstenliebe, die Gott von uns erwartet, ist vielgestaltig. Sie kann leiblich oder materiell sein, weil unser Körper dessen bedarf, aber sie kann auch geistig sein: zum Heil unserer Seele. Diese Nächstenliebe, sei sie nun körperlicher oder geistiger Art, schenkt uns selber viele Wohltaten, wenn sie hochherzig und ohne Berechnung praktiziert wird:
Gott verheißt uns für unsere irdische Liebe die Herrlichkeit im Himmel. Die hl. Katharina von Siena gab einem Armen ein Silberkreuz und hatte in der darauffolgenden Nacht eine Vision. Jesus sagte ihr: «Meine Tochter, erkennst du dieses Kreuz?» «Ich erkenne es sehr gut», antwortete Katharina, «aber als es noch mir gehörte, war es nicht so schön.» Der Herr erwiderte: «Gestern hat dein Herz es mir mit Liebe geschenkt und diese Liebe wird jetzt von den Edelsteinen dargestellt. Ich verspreche dir, daß ich es dir am Tag des Gerichts in Gegenwart der Engel und Menschen so zurückgeben werde, wie du es jetzt siehst, damit es dein Ruhm wird, und in jenem feierlichen Augenblick, in dem ich das Erbarmen und die Gerechtigkeit meines Vaters kundtun werde, werde ich nicht schweigen und das, was du für mich getan hast, werde ich nicht übergehen.» (Biographie, 2. Teil, Kap. 3).
Die brüderliche Liebe zieht göttliche Gnaden auf uns herab. Der hl. Eustachius gab, als er noch Heide war und mit Vornamen Placidus hieß, große Almosen und praktizierte alle Tugenden. Als er eines Tages mit mehreren Gefährten auf der Jagd war und einen Hirsch verfolgte, sah er zwischen dem Geweih des Tieres die Gestalt des heiligen Kreuzes; es war strahlender als das Sonnenlicht und auf ihm war das Bildnis von Jesus Christus. Der Hirsch rief Placidus an und sagte: «O Placidus! Warum verfolgst du mich? Für dich bin ich in dieser Tiergestalt erschienen. Ich bin Jesus Christus, den du ehrst, ohne es zu wissen. Die Almosen, die du den Bedürftigen gibst, sind bis zu mir emporgestiegen.» (Bollandisten, 20. September).
Die Nächstenliebe überhäuft uns mit allen Segnungen Gottes. Jesus sagte zu Schwester Franziska von der Gottesmutter: «Kümmert euch um meine Armen und ich werde mich um eure Gemeinschaft kümmern» (Kap 25).
Die Nächstenliebe tilgt eine Vielzahl von Sünden. Zur hl. Gertrud, die Nächstenliebe geübt hatte, sich aber wegen einiger Nachlässigkeiten schuldig fühlte, sagte der Herr: «Die Nächstenliebe deckt die Fehler nicht nur zu, sondern sie verzehrt sie in sich selber wie eine gleißende Sonne; sie vernichtet alle Nachlässigkeiten sowie die läßlichen Sünden und sie überschüttet die Seele mit Verdiensten» (Buch 3, Kap. 61).
Die Nächstenliebe ruft uns auf, Entbehrungen auf uns zu nehmen, um von ganzem Herzen zu geben. Das gefällt Gott am meisten. Der Herr sagt es wiederholt zu Schwester Franzika von der Muttergottes: er forderte von ihr und von einigen Mitschwestern die Mahlzeit, um sie seinen Armen zu geben. Er sagte zu ihr: «Geht nicht zu diesen und jenen, die mir nicht von ganzem Herzen gegeben haben, denn ihre Almosen will ich nicht». In der Tat: diejenigen, die der Herr namentlich angeführt hatte, hatten diese Frömmigkeitsübung beanstandet. (Biographie, Kap. 12).
Die zweite, von Gott geliebte Art der Nächstenliebe ist das geistliche Almosen: jenes Almosen, das darin besteht, für Betrübte zu beten, Leidende zu trösten und die Fehler der Menschen aus Liebe zu Christus zu ertragen, der für uns bei seinem Vater eingetreten ist, der gekommen ist, um uns zu trösten und der in seiner Passion alles um unseres Heiles willen ertragen hat.
Es ist auch Nächstenliebe, für die Sünder zu beten.
Agnes von Langeac, der man untersagt hatte, Almosen zu geben, tröstete der Herr mit folgenden Worten: «Ich begnüge mich mit deinem guten Willen, den du für den äußeren Dienst an meinen Armen hast. Diene ihnen innerlich, indem du viel für sie betest; das wird ihnen nützen. Bete auch für die armen Sünder, die so zahlreich sind und für die Seelen im Fegefeuer, vor allem für jene, die sich deinen Gebeten anempfohlen haben.» (2. Teil, Kap. 8).
Die Nächstenliebe fordert uns auch auf, die Betrübten zu trösten, indem wir Christus nachahmen. Zur hl. Mechthild sagte er: «So wie ich alle erhöre, die mich anrufen, so zeige auch du dich wohlwollend und nachgiebig zu allen. Wirke an der Befreiung der Gefangenen, das heißt: bringe allen, die in Betrübnis oder in der Versuchung sind, Hilfe und Trost.» (2. Teil, Kap. 39)
Die Nächstenliebe ruft uns auf, den anderen zu ertragen, ihn zu akzeptieren wie er ist und nach dem Vorbild Christi, der seine Verfolger geliebt hat, sogar unsere Feinde zu lieben. Zur hl. Gertrud sagte er: Ich sehne mich danach, daß mir meine besten Freunde in diesem Verhalten folgen, indem sie zu meiner Ehre und zu ihrem eigenen Heil ihren Feinden eine größere Zuneigung erweisen als ihren Wohltätern, denn daraus ziehen sie unvergleichlich mehr Nutzen
Aus Liebe für das Heil der Menschen liebe ich das Kreuz, denn durch das Kreuz habe ich die Erlösung des Menschengeschlechts erwirkt, die ich mit allen Kräften ersehnte.» (Buch 4, Kap 3).
Der Herr bedient sich unserer Feinde, die wir lieben sollen; er bedient sich ihrer, um uns in der Liebe wachsen zu lassen und uns zu heiligen. Zur hl. Gertrud sagte er: «Ich möchte, daß meine Erwählten den Menschen, die ihnen Prüfungen bereiten, niemals einen Vorwurf machen, sondern daß sie meine väterliche Zuneigung betrachten, die niemals auch nur den leisesten Luftzug gegen sie zulassen würde, wenn es nicht zu ihrem ewigen Heil wäre, das sie als Lohn empfangen sollen» (Buch 3, Kap. 30).
Die echte Nächstenliebe erwidert Ungerechtigkeit nach dem Vorbild Jesu mit Milde und Demut. Dem seligen Heinrich Seuse, der zu allen Menschen so sanftmütig und liebenswürdig gewesen war, und der sich bei Christus über die Nachstellungen beklagte, deren Ziel er war, sagte der Herr: «Wisse, daß Gott sich nicht mit einem guten und empfindsamen Herzen wie dem deinen begnügt; er will von dir noch mehr. Er will, daß du, wenn man dich in Worten und Taten schlecht behandelt, alles geduldig erträgst; er will, daß du dir selber ganz stirbst, daß du dich an keinem Tag niederlegst, bevor du nicht zu deinen Widersachern gegangen bist und den Zorn ihres Herzens durch demütige und milde Worte und Taten besänftigt hast so weit es dir möglich ist. Durch diese milde Demut nimmst du ihnen ihre Waffen und du vergiltst ihnen ihre ohnmächtige Bosheit.»
So ist die brüderliche Liebe, wie Gott sie liebt, jene, die alles gibt: einerseits ihr Geld und ihre materiellen Güter, um den Ärmsten zu helfen, daß sie das Notwendige haben, was ihrer Würde als Kinder Gottes entspricht und andererseits ihre Zeit, ihre Intelligenz, ihr Herz, um zuzuhören, zu unterweisen und den Menschen in seiner sittlichen und geistigen Verwirrung zu helfen, wieder zu einem Wesen zu werden, das durch die Liebe Christi, der jeden Menschen durch sein Wort unterweisen und durch seine Gnade heiligen will, befreit ist. Die brüderliche Liebe ist auch die Liebe, die der hl. Paulus so beschreibt: «sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand» (1Kor 13, 7); es ist die Liebe, «die ihr Leben hingibt für ihre Freunde» (vgl. Joh 15, 13). Die Nächstenliebe gibt alles und schenkt sich hin nach dem Beispiel Christi, der jeden Menschen aufruft, sich selber zu sterben, um in Ihm ewig zu leben: «Wer sein Leben aber um meinetwillen verliert, wird es bewahren bis ins ewige Leben» (vgl. Joh 12, 25).
François Marie
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